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»Dienst am Wort«
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Einführung
Liebe Leserinnen und Leser,

in diesen Tagen des Krieges gegen die Ukraine ist häufig von unterschiedlichen Narrativen die Rede, mit denen dieser Krieg begründet und gerechtfertigt oder abgelehnt und verurteilt wird. Beim russischen Präsidenten werden als Narrative ausfindig gemacht – die ehemals glänzende, ruhmreiche Sowjetunion unterschiedlicher Völker, die der dekadente Westen durch Betrug zerrissen hat und ständig bedroht. Bei uns in Westeuropa – das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die auf dem Weg sind zu einem freien, geeinten und demokratischen Europa, das durch die autokratische Politik des russischen Präsidenten in einen Krieg verwickelt wurde.

Es ist offensichtlich richtig, dass Narrative sinnstiftende Erzählungen sind, die Werte und Emotionen transportieren und die Wahrnehmung beeinflussen. Es wird gesagt, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung das Narrativ des Präsidenten teilt. Und in Westeuropa hat das vorherrschende Narrativ seit Beginn des Krieges eine immense Zustimmung gefunden und einen – bisher kaum gekannten – Prozess der Solidarität und Einigung erwirkt. Narrative sind also äußerst wirksam, aber sie sind nicht davor gefeit, ideologisch missbraucht zu werden. Wenn der Krieg nicht mehr Krieg genannt werden darf, wenn Verträge gebrochen werden und Verhandlungen an Lügen scheitern, dann ist der Missbrauch offensichtlich und sind Gespräche kaum mehr möglich. Wie mächtig Narrative sind, kann man derzeit auch bei Impfgegnern und Impfbefürwortern ablesen, ganz zu schweigen vom vorherigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der ebenso genial wie verheerend sich Narrative zurechtgelegt oder zu eigengemacht hat.

Wir Predigerinnen und Prediger haben ständig mit Erzählungen zu tun, auch mit großen Erzählungen, die unsere Kultur nicht nur inspiriert, sondern auch hervorgebracht und gestaltet haben. Ob die großen Erzählungen der Bibel heute noch wirksame Narrative sind, ob sie ihre sinnstiftende und einigende Wirkung in unserer Gesellschaft eingebüßt haben, kann ich nicht beurteilen. Manchmal scheint es mir so, manchmal meine ich auch wahrzunehmen, dass sie immer noch wirksam sind: die Weihnachtserzählung mit dem göttlichen Kind und der Verheißung des Friedens. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter, ohne die unser Sozialsystem kaum denkbar ist. Die Erzählung vom barmherzigen Vater und verlorenen Sohn, die den Umgang mit Schuld prägt. Und die Erzählungen von der Auferstehung Jesu, in denen wir Gläubige Mitte und Angelpunkt unseres Glaubens sehen? Das Narrativ, dass der Tod nicht das alles bestimmende und nivellierende Verhängnis ist, weil der Gott des Lebens stärker ist? Das Narrativ, dass die Gewalttäter nicht die Sieger sind, sondern die Friedfertigen, die nicht mehr in den Kategorien von Siegern und Besiegten denken und fühlen? Vielleicht gehören die Ostererzählungen zu den Narrativen unseres Glaubens, die ihre sinnstiftende Kraft am meisten eingebüßt haben. Ich glaube, dass wir mithelfen können und mithelfen sollten, die Ostererzählungen, eingebettet in die fünfzig Tage lange Osterfeier, zu beleben. Narrative kann man nicht behaupten, man kann sie nur erzählen. Wir müssen, glaube ich, das österliche Narrativ öfter, intensiver erzählen und hinzufügen, was dieses Narrativ in uns selbst und in unserer Umgebung und Gesellschaft schon bewirkt hat.

Eine gute Zeit und inspirierende Gedanken wünschen Ihnen Verlag und Herausgeber!

Es grüßt Sie
Anton Seeberger

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