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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 2
Weihnachten – Am Tag
Der tatkräftige Sinn des Wortes
Lesejahr A – B – C
Beitrag zum Evangelium

Einführung

Alle Jahre wieder singen wir von der »stillen Nacht«, aber Stille ist in unserer Welt selten geworden. Unser Alltag ist von einem Grundrauschen begleitet, in dem Worte allgegenwärtig sind und zugleich meist nicht viel bedeuten. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens helfen uns die vielen Worte oft wenig. Wo aber Sinn und Ziel verlorengehen, da schwindet auch die Kraft zum Leben, die sich in konkreten Taten auswirkt. Es braucht Stille und eine neue Ausrichtung auf die Mitte, aus der heraus wir leben. Rückbesinnung tut uns not – darauf, woher wir kommen und wohin wir gehen. Lassen wir für einen Moment die vielen Worte und öffnen uns für das eine Wort, das von Gott kommt und von dem wir leben.

Kyrie-Ruf

Wort Gottes, wir hören dich und ahnen etwas vom Sinn unseres Lebens.
Herr, erbarme dich.

Wort Gottes, wir beherzigen dich und spüren eine neue Kraft zum Handeln.
Christus, erbarme dich.

Wort Gottes, wir erfahren dich und leben dich in guten Taten.
Herr, erbarme dich.

Tagesgebet

Gott,
dein Wort ist uns Licht in dunkler Zeit, es leuchtet uns auf unserem Weg. Es schenkt uns Kraft und Mut, unser Leben im Vertrauen auf dich zu gestalten.

Lass uns still werden in deiner Gegenwart. Mach uns hellhörig auf das, was du uns sagst. Mach uns aufmerksam für das, was du an uns wirkst.
Lass uns stets Kraft schöpfen aus deinem Wort durch Jesus Christus.

Liedvorschläge

Gesang zur Eröffnung
GL 251,1–4 »Jauchzet, ihr Himmel«

Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium
GL 243,1–3 »Es ist ein Ros entsprungen« und GL 244 »Halleluja«

Gesang zur Gabenbereitung
GL 247,1–4 »Lobt Gott, ihr Christen alle gleich«

Gesang zur Kommunion
GL 239,1–6 »Zu Betlehem geboren«

Dankhymnus/Schlusslied
GL 238,1–3 »O du fröhliche«

Vorüberlegungen

Zum Text: Joh 1,1–18 (Evangelium)

Der Prolog des Johannesevangeliums spannt den Bogen zurück bis zur Schöpfung, wie sie auf den ersten Seiten der Bibel besungen und erzählt wird: »Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde« (Gen 1,1). Es ist das wirkmächtige Wort Gottes, durch das er im Chaos Ordnung schafft und die Welt als Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen entstehen lässt. Immer wieder heißt es in Gen 1,1–2,3: »Gott sprach« – »und so geschah es.« Gottes Wort ist performative Rede: Es bewirkt zugleich, was es besagt. Wort und Tat sind bei Gott nicht zwei verschiedene Dinge, sondern sie fallen in eins. Darin zeigt sich seine schöpferische Macht: Gott hat die Kraft zu tun, was er will; er kann seinem Willen Geltung verschaffen. Dabei folgt er nicht einer fremden Logik, die ihm von außen aufgezwungen wäre. Gott ist selbst das Prinzip, nach dem sich seine Worte und Taten richten. Er ist selbst der Sinn, der seiner Schöpfung zugrunde liegt. Alle diese Aspekte – Wort, Sinn, Kraft und Tat – kann man im »Logos« ausgedrückt finden, der im Johannesevangelium den Anfang macht und der geschaffenen Welt im menschlichen Antlitz Jesu begegnet. Johann Wolfgang von Goethe lässt seinen »Faust« in der berühmten Szene im Studierzimmer über die verschiedenen Aspekte des »Logos« nachdenken. Von dieser Denkbewegung lässt sich die Predigt leiten, um den Johannesprolog von seinem zentralen Begriff her zu erschließen.

Predigt

Wort

Das Geheimnis von Weihnachten ist unergründlich. Es ist so hoch, dass es die Höhenflüge unseres menschlichen Geistes bei Weitem übersteigt. Es ist so tief, dass es das tiefste menschliche Gefühl nicht auszuloten vermag. Es ist so weit, dass die ganze Welt es nicht fassen kann. Es umfasst die Höhe der göttlichen Glückseligkeit ebenso wie die Tiefe des menschlichen Elends und die Weite der ganzen Schöpfung. Und doch spricht es der Evangelist Johannes bestechend einfach und klar aus: »Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.« Freilich ist dieses Wort nicht einfach gedruckter Buchstabe oder ein flüchtiger Laut. Es ist das ewige Wort Gottes, das von jeher alles umfasst und in sich schließt. Es ist das unaussprechliche und unfassbare Wort, in dem alles beschlossen liegt: Himmel und Erde, Höhe und Tiefe, Gott und Mensch. Wir können uns diesem Wort nur tastend nähern. Wir hören es immer schon in unseren Herzen und können es doch nie ganz verstehen. Was bedeutet dieses Wort für unser Leben? Was ändert sich dadurch, dass es Fleisch wird und menschliche Gestalt annimmt?

Sinn

Darüber haben Christen aller Zeiten nachgedacht, und auch ein genialer Kopf wie Johann Wolfgang von Goethe konnte es nur ahnungsvoll umkreisen. Seine berühmteste Bühnenfigur Doktor Faust unternimmt mehrere Anläufe, es richtig zu übersetzen:

»Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich im Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der S i n n .«1

Wir Menschen haben nicht selten Mühe, einen Sinn in unserem Leben oder auch nur in einzelnen Ereignissen dieses Lebens zu entdecken. Welchen Sinn hat unser Arbeiten und Schaffen, die vielfältigen Anstrengungen, denen wir uns unterziehen? Die Jungen müssen sich dieser Frage stellen, wenn sie selbstständig werden und ihr Leben in die Hand nehmen wollen. Was ist mir wichtig in meinem Leben, und wofür lohnt es sich, selbst Entbehrungen auf sich zu nehmen? Aber nicht selten werden auch die Älteren noch einmal mit der Sinnfrage konfrontiert: wenn ich im Beruf eine gute Position erreicht habe, wenn das Haus gebaut und die Kinder vielleicht schon aus dem Haus sind, schließlich, wenn ich nicht mehr so kann wie früher. Welchen Sinn hat mein Leben dann noch, und welchen Sinn hatte der ganze bisherige Weg? Der Sinn eines Lebens ist nichts Zusätzliches, das zum normalen Leben hinzukommt oder nicht. Der Sinn steckt im Leben selbst drin, und es kommt darauf an, dass wir ihn mehr und mehr entdecken, oder besser gesagt: dass er uns nach und nach aufgeht. Denn nicht wir geben unserem Leben einen Sinn. Lange bevor wir wurden, hat ein anderer den Sinn in unser Leben hineingelegt. Er ist das Licht, das unser Leben soweit erleuchtet, dass wir die nächsten Schritte tun können. Er ist das schöpferische Wort, das Gott am Anfang zu uns spricht, wie es im Evangelium heißt: »In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.« Doch wir ahnen oft nichts von diesem Licht. Es ist selbst unsichtbar und bringt doch die Farben des Lebens erst zum Leuchten. Damit uns aber die Augen aufgehen, ist das Wort des Anfangs Fleisch geworden, sichtbar und spürbar: »Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.«

Kraft

Aber damit noch nicht genug. Das ewige Wort bedeutet noch mehr, und Goethes Faust geht weiter:

»Geschrieben steht: Im Anfang war der S i n n .
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der S i n n , der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die K r a f t !«2

Wer im Leben keinen Sinn mehr sieht, dem ist auch alle Kraft genommen. Der Sinn meines Lebens erschließt sich mir nicht als graue Theorie, gut ausgedacht und wohl erwogen. Noch bevor ich denken kann, spüre ich die Lebenskraft, die meinem Leben den nötigen Schub verleiht. Jeder Mensch hat seine Eltern, seine Vorfahren, von denen er abstammt. Deren Lebenskraft trägt er in sich, die guten wie die schlechten Anlagen. Und er kann sich selber kräftigen für die Herausforderungen des Lebens, kann seine Fähigkeiten ausbauen, üben und trainieren. Aber am Anfang steht eine Kraft, die alles Menschliche übersteigt, die Kraft, die einen Menschen nicht nur zum Kind seiner Eltern, sondern zum Kind Gottes werden lässt. Ist er erst geboren, so kommt alles darauf an, dass er auf diese Kraft vertraut. Wir Menschen misstrauen nicht selten der Lebenskraft, die in uns steckt, weil wir nicht vorhersehen können, wohin sie uns treiben wird. Wir ziehen es oft vor, mit halber Kraft zu fahren, aus lauter Angst, wir könnten anecken oder uns verrennen. Aber es gibt keinen anderen Weg zu echter Lebendigkeit und Lebensfreude, als uns dieser Kraft anzuvertrauen, oder wie der Evangelist Johannes sagt: »Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.« Hier rühren wir an die erste Quelle unserer menschlichen Lebenskraft und Würde. Die unfassbare Kraft Gottes wird ein Mensch aus Fleisch und Blut, damit wir diese übermenschliche Kraft in uns aufnehmen und Kinder Gottes werden können.

Tat

Doch die Kraft zum Leben, ist sie erst einmal entfesselt, treibt uns weiter, und so geht es auch Goethes Faust:

»Es sollte stehn: Im Anfang war die K r a f t !
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!«3

Bei uns Menschen gehen Wort und Tat oft weit auseinander. Wenn wir von jemandem sagen können, dass seine Worte und Taten übereinstimmen, ist das ein hohes Lob. Bei Gott ist es anders, und hier kommen wir
zum Kern der Sache, zum Kern auch von Weihnachten: Bei Gott sind Wort und Tat ein und dasselbe. Gottes Wort ist wirkmächtig; indem er es ausspricht, bewirkt es bereits, was er will. Deshalb heißt es: »Alles ist
durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts von dem, was geworden ist.« Wenn wir das große Schöpfungslied der Bibel lesen, dann sehen wir, wie Gott alles durch sein Wort schafft. Immer wieder
heißt es da: »Gott sprach – und sogleich geschah es.« Und wenn uns heute an Weihnachten wieder von diesem Wort gesungen wird, dann heißt das nicht weniger, als dass die ganze Welt, vor allem aber der Mensch neu geschaffen wird. Weihnachten ist nichts anderes als eine neue Schöpfung. Der Mensch, der bei der ersten Schöpfung geschaffen worden war, fiel der Sünde und dem Tod anheim. Der zweite Mensch ist davon frei, denn jetzt hat das göttliche Wort selbst menschlichen Leib angenommen und dadurch alles Menschliche zur Würde des Göttlichen erhöht. »Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.« Das ist die neue Schöpfung, und an jedem Weihnachten will Gott auch uns neu schaffen als Menschen, die im Glanz seiner Herrlichkeit leben. So legt es uns das Evangelium in den Mund: »Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.« Und das Gebet des heutigen Tages sagt es noch mit anderen Worten: »Allmächtiger Gott, du hast den Menschen wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt. Lass uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes, der unsere Menschennatur angenommen hat.«4

Fürbitten

Gott, durch dein Wort erschaffst du die Welt und erhältst sie in deinem Frieden. Wir aber sehen die Schöpfung in Gefahr und den Frieden bedroht und gebrochen. Darum kommen wir zu dir in den vielfältigen Nöten unserer Zeit:

- Wir beten für die Menschen, denen der Krieg ihr ganzes Leben zerstört und ihre Lebensgrundlage genommen hat.
(Herr, bring unserer Zeit deinen Frieden!)
- Wir beten für die Menschen, die von schwerer Krankheit gezeichnet sind und unter den Auswirkungen der Pandemie zu leiden haben.
- Wir beten für die Menschen, die sich ihr bescheidenes Leben nicht mehr leisten können, weil ihr Einkommen von der Inflation aufgefressen wird.
- Wir beten für die Menschen, die in Staat und Gesellschaft Verantwortung tragen und Lösungen in schwierigen Fragen finden und umsetzen müssen.
- Wir beten für die Menschen, die durch Krieg und Krankheit, Armut und Hunger umgekommen sind, und für ihre Angehörigen.

Gott, wir sehnen uns nach dem Frieden, den wir an Weihnachten feiern. Lass ihn trotz aller Widrigkeiten an vielen Orten Wirklichkeit werden und stärke alle Bemühungen um einen gerechten Frieden. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.


Anmerkungen
1 Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Eine Tragödie, in: Ders., Werke. Hamburger Ausgabe, Bd. 3, München 161996, S. 44, V. 1224–1229.
2 Goethe, Faust, V. 1229–1233.
3 Goethe, Faust, V. 1233–1237.
4 Messbuch. Die Feier der heiligen Messe, hrsg. im Auftrag der Bischofskonferenzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie der Bischöfe von Luxemburg, Bozen-Brixen und Lüttich, Freiburg i. Br. u. a. 21988, S. 40.

Wilfried Eisele

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