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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 3
Weihnachten – Am Tag
Am Anfang war Beziehung
Lesejahr A – B – C
Beitrag I zum Evangelium

Einführung


Ein jüdischer Rabbi fragt: »Kann man den Augenblick bestimmen, wo die Nacht zu Ende ist und der Tag anbricht?« Der erste Schüler sagt: »Ist’s, wenn man in der Ferne einen Feigenbaum von einer Palme unterscheiden kann?« »Nein«, sagt der Weise, »das ist’s nicht.« Da fragt der zweite: »Ist’s dann, wenn man ein Schaf von einer Ziege unterscheiden kann?« »Nein«, sagt der Weise »das ist es nicht.« »Aber wann ist dann dieser Augenblick gekommen?« fragte der dritte Schüler. »Nun«, antwortete der Weise »wenn du in das Gesicht eines Menschen schaust und darin den Bruder oder die Schwester entdeckst. Dann ist die Nacht zu Ende, dann bricht der Tag an.«

In seinem menschgewordenen Sohn schaut Gott uns an, auf dass es bei uns Tag werde. Das wollen wir feiern und Gott selbst möge uns dafür bereiten:

Kyrie-Ruf
GL 159 »Licht, das uns erschien«

Tagesgebet
Gütiger Gott, aus Liebe hast du die Welt erschaffen und aus Liebe zu deiner Schöpfung ist dein Sohn Mensch geworden. Dein Ja zu uns lässt uns leben und schenkt uns Hoffnung. Dafür danken wir dir.
Wenn wir nun deine Botschaft der Liebe vernehmen und das Mahl des Lebens feiern, dann möge dein Geist unsere Herzen öffnen, damit wir erfüllt werden von der Herrlichkeit deines Sohnes, der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 251 »Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket ihr Engel in Chören«
Antwortgesang mit Ruf vor d em Evangelium
GL 253 »In dulci jubilo« und GL 244 »Halleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 240 »Hört, es singt und klingt mit Schalle«
Gesang zur Kommunion
Orgelspiel oder
GL 256 »Ich steh an deiner Krippe hier«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 395 »Den Herren will ich loben«

Vorüberlegungen


Zum Text: Joh 1,1–18 (Evangelium)

Der Johannesprolog hat es in sich. Nicht nur weil er altbekannt ist, was genaues Hinhören mitunter erschwert, sondern auch deshalb, weil sich hier die ganze christliche Botschaft in wenigen Zeilen zusammengefasst wiederfindet. Ihre Tiefe auszuloten bedeutet vor allem, dem griechischen λόγος-Begriff nachzuspüren, mit dem schöpfungstheologische, soteriologische und eschatologische Kerngedanken zum Ausdruck gebracht werden. Die Predigt nimmt sich dieses theologischen Anliegens an, indem vor allem auf die ersten Worte des Prologs eingegangen und dabei eine Abgrenzung des Schöpfungsglaubens zur Naturwissenschaft vorgenommen wird.

Die Schöpfungsaussage kommt ohne jede zeitliche Angabe aus. Schon Augustinus bemerkte, dass Gott die Welt nicht in tempore geschaffen habe, sondern cum tempore. Die Zeit ist mit der Welt geschaffen, sodass die Frage nach dem der Wirklichkeit vorausgehenden Anfang obsolet wird. Auf die Frage: »Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde erschuf ?«, antwortet Augustinus darum zunächst scherzhaft: »Er hat Höllen hergerichtet für Leute, die so hohe Geheimnisse ergrübeln wollen«, und er fügt später hinzu, dass »vor Himmel und Erde Zeit überhaupt nicht war, was soll dann die Frage, was Du ›damals‹ tatest? Es gab kein ›Damals‹, wo es Zeit nicht gab.«

Predigt


»Am Anfang war das Wort«, so beginnt das Evangelium des Johannes und die Worte sind uns wohl vertraut. »Am Anfang war …« – gibt es da nicht noch eine andere Aussage der Schrift, die genau so beginnt? Natürlich, die ersten beiden Wörter unserer Bibel sind gleichlautend: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.«

Von der Wirkmacht des Wortes

Gott schafft am Anfang und das Wort war am Anfang. Was nun? Kann es denn unterschiedliche Anfänge geben? Wohl kaum! Gottes Schaffen und die Menschwerdung des Wortes müssen folglich aufs engste miteinander zusammenhängen. Dieser Jesus von Nazaret, so will uns Johannes gleich zu Beginn seines Evangeliums deutlich machen, ist kein anderer als der, der von Ewigkeit her bei Gott Vater ist und durch den alle Welt geworden ist. Mehr noch: Durch ihn wird auch alles vollendet werden.

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde« und er schafft, indem er spricht: »Es werde.« Gott schafft durch sein Wort. Erleben wir nicht immer wieder, dass Worte etwas Neues schaffen können, dass sie die Kraft haben, Wirklichkeit zu verändern? Worte können nicht zurückgenommen werden, weil, sind sie erst einmal ausgesprochen, nichts mehr so ist wie zuvor. Worte können eine ganze Welt zum Einsturz bringen oder neue Perspektiven eröffnen. In der Pandemie war das hautnah zu erfahren. War das Wort »positiv« oder »negativ« nach einem Corona-Test ausgesprochen, war die Situation schlagartig eine andere: Entweder stellte sich Erleichterung ein oder aber eine schlimme Befürchtung. Worte haben Wirkung, sie können uns mitten ins Herz treffen, uns anrühren und mit Freude erfüllen oder uns verärgern und zutiefst verletzen. Wirkmächtig ist auch Gottes Wort. Es kehrt nicht leer zu Gott zurück, heißt es bei Jesaja, »bis es alles vollbracht hat, was ich will, und Gelingen hat in dem, wozu ich es sende.« Wenn schon unsere Worte die Kraft haben, Wirklichkeit zu verändern, wie viel mehr hat dann Gottes Wort die Macht, Wirklichkeit zu stiften? Der Evangelist Johannes hat keinen Zweifel: »Alle Dinge sind durch [Gottes Wort] gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.«

Was war am »Anfang«?

Aber stimmt das wirklich? Lehrt uns die Naturwissenschaft nicht etwas völlig anderes? Heißt es da nicht, am Anfang war der Urknall? Was war nun am Anfang – Wort oder Urknall? Durch wen oder was ist alles geworden?

Eine Spannung oder gar ein Gegensatz tut sich nur auf, wenn wir die Worte der Heiligen Schrift falsch verstehen. Verwenden wir das Wort Anfang nicht auch in unterschiedlichen Bedeutungen? Beispielsweise steht am Anfang eines Hausbaus der Erdaushub. Wenn wir aber davon sprechen, dass am Anfang eine reiche Erbschaft stand, bringen wir zum Ausdruck, dass dies dem ganzen Vorhaben zugrunde liegt und es ohne diesen Nachlass kein Haus geben würde. Das Haus verdankt sich, so lange es steht, einem großzügigen Erbe.

So ist es auch, wenn die Bibel vom Anfang spricht. Auch hier handelt es sich um keine Zeitaussage, sondern um eine Bezugnahme, die für unseren Glauben zentral ist. Am »Anfang war Beziehung« paraphrasiert der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber zu Recht. Es geht um das, was allem anfänglich, als andauernd, als Voraussetzung, als Grund und Bedingung zugrunde liegt. Dass Welt ist, dass wir sind, dass es überhaupt etwas gibt, das verdankt sich Gottes Wort. Er sagt Ja zu uns, zu dir und mir, zu deiner und meiner Welt. Und dieses Ja spricht er zu uns nicht nur an einem anfänglichen Augenblick, sondern fortwährend. Gott steht in einer andauernden Beziehung zu uns. In der Schöpfung drückt sich Gott selbst aus, in ihr spricht er uns an. Er schenkt uns sein Wort durch den Nächsten, der mich herausfordert, durch die Natur, die mich einbindet, durch meinen Geist, der mich nachdenklich werden lässt.

Gott spricht – fortwährend

»Am Anfang war das Wort« – anfangs, anfänglich, ursprünglich, fortwährend und unaufhörlich spricht Gott. Diesen sakramentalen Charakter der Schöpfung hob Nikolaus von Kues hervor, indem er einst sagte: »Es ist […] die ›eine große Stimme‹, die sich ›jahrhundertelang ununterbrochen gesteigert hatte‹ und ›am Ende einer langen Reihe von Modulationen‹ ›endlich Menschengestalt angenommen hat‹«. Gott ist demnach eine »Hintergrundstimme«, die unsere Wirklichkeit trägt und durchdringt, auf mein Leben einwirkt, auf unsere Geistregungen und Kultur Einfluss nimmt und sich durch unser Menschenwort zu Wort meldet, bis es selbst Mensch wird in Jesus Christus. Wenn das stimmt, dann müssten wir versuchen, im Gewöhnlichen das Wunderbare zu entdecken Gottes Anruf an uns inmitten seiner Schöpfung herauszuhören. Nicht von ungefähr ist der Kerngedanke christlicher Mystik die Allgegenwart Gottes. Besonders Ignatius von Loyola wusste Gott in allen Dingen anwesend. Darum bemühte er sich auch in seiner mystischen Grundausrichtung, Gott in allen Dingen zu suchen.

Gott steht uns nicht als der ganz andere gegenüber, er ist inmitten dieser Welt und mitten in mir. Auf ihn stoßen wir, wenn wir den Dingen und unserem Leben auf den Grund gehen. Dann erkennen wir, dass es uns gibt, dass wir uns nicht uns selbst verdanken, sondern dem Schöpfergott. Er sagt Ja zu uns und spricht uns an in seinem Wort. Darum können wir unser Leben auch nur leben, indem wir Antwort geben auf das, was uns herausfordert, auf das, was uns widerspricht, und auf das, was uns anspornt und Hoffnung verleiht. Der Apostel Paulus brachte das schlicht so ins Wort: »In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.«

Gottes Ja steht über allem Leben


Am Anfang aller Zeit war der Urknall. Doch das, was ihm und all dem, was ist, zugrunde liegt, ist Gottes schöpferisches Wort. Es ist ein positives Wort, ein Wort, das schafft und das Geschaffene bejaht. Was es mit diesem Wort genau auf sich hat, erkennen wir, wenn wir auf Jesus blicken, dessen Geburt wir heute feiern. Als Mensch unter Menschen ist er auch mit mir eins geworden und er flüstert mir ins Ohr: Du bist gewollt und geliebt, wirst getragen und geführt. Gottes Wort hält, was es verspricht. Weil Gott treu ist, kann sich sein Ja nicht in ein Nein verwandelt. Sein Ja schafft Leben, das über allem erhaben ist und dem selbst die Finsternis nichts anhaben kann. »In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.«

Das ist kein billiger Trost, schon gar keine hohle Vertröstung, es ist die einzige Deutung, die unserem Leben Sinn verleiht und Kraft zum Leben schenkt. Denn was Johannes an den Anfang seines Evangeliums stellt, ist die eine große Zusage: Was Gott durch sein Wort geschaffen hat, wird durch sein Wort auch vollendet werden, komme, was da wolle. Sein Ja zu uns und unserer Welt ist unverbrüchlich. Es bleibt ein Ja, auch angesichts des Neins von uns Menschen, selbst in der tiefsten Nacht des Todes. Wie Gottes Ja den Gekreuzigten auferweckte, so steht es auch über unserem Leben geschrieben, auf dass vollendet werde, was am Anfang von Gott selbst ins Leben gerufen wurde.

Fürbitten
In Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort Gottes, sagt Gott Ja zu uns und unserer Welt. Möge er durch sein Ja heilen, was verwundet, unversöhnt und unvollendet ist:

– Für jene Völker dieser Erde, die sich bekriegen, sich gegenseitig mit Gewalt übersäen und die keinen Weg zum Frieden finden, lasset zum Herrn uns rufen: Herr, erbarme dich.
(Herr, erbarme dich.)
– Für die zerstrittene Christenheit, die sich schwertut auf dem Weg zur Einheit, um den Dienst der Versöhnung glaubhaft ausüben zu können, lasset zum Herrn uns rufen: Herr, erbarme dich.
– Für all jene, die in diesen Tagen unter ihrer Einsamkeit leiden, für jene, die im Streit miteinander liegen und für die, die sich nach Achtung und Anerkennung sehnen, lasset zum Herrn uns rufen: Herr, erbarme dich.
– Für die Suchenden und Fragenden, für die Verzweifelten und Verzagten und für alle, denen die Hoffnung abhandengekommen ist, lasset zum Herrn uns rufen: Herr, erbarme dich.
– Für unsere Verstorbenen, die uns in unseren Gedanken nahe sind, und für alle, an die sich niemand erinnert, lasset zum Herrn uns rufen: Herr, erbarme dich.

Herr, unser Gott, in deinem Sohn Jesus Christus ist deine Liebe Mensch geworden. In deiner Liebe erneuerst du deine Schöpfung und erhörst du unsere Bitten. Darauf vertrauen wir und dafürdanken wir dir, heute und in Ewigkeit. Amen.

Christoph Böttigheimer

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