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Leseprobe 1
29. Sonntag im Jahreskreis
Die Ermächtigung wahrnehmen
Lesejahr B
Beitrag zur Lesung

Einführung

Das Evangelium des heutigen Tages macht einen sehr klaren Unterschied zwischen der christlichen Gemeinde und der Welt. Außerhalb der Gemeinde herrscht das Prinzip der Unterdrückung und wer Macht hat, missbraucht sie zum eigenen Vorteil. In der christlichen Gemeinschaft sollte es genau umgekehrt sein. Es soll gelten: Lieber dienen als herrschen! Denn wenn alle einander zu Dienern werden, dann herrscht niemand mehr, sondern es gibt ein ständiges Geben und Nehmen, ein Austausch der Gaben. Das wäre eine wahrhafte Ermächtigung, empowerment im besten Sinn des Wortes.

Predigt

Zum Text: Hebr 4,14–16 (2. Lesung)

Immer wenn ich bei meiner Nichte zu Besuch bin, schauen wir uns wunderbare Zeichentrickfilme an. Und immer staune ich. Es geht immer um Erlösung. Und immer gibt es den Kampf zwischen den Guten und den Bösen. Manchmal sind es junge Heldinnen, manchmal Helden – aber immer ist ihre Aufgabe nichts geringeres, als die gesamte Welt zu retten. Die Heldin rettet die Welt und alle Bewohnerinnen und Bewohner aus ihren Zwängen und Fesseln, aus aller Art von Gewalt und Unterdrückung. Die Vision ist immer gleich: Alle können frei leben, haben Nahrung, sichere Wohnorte und Zeit, liebevolle Beziehungen zu gestalten.

Das ist anscheinend die tiefste Hoffnung. Den zerstörerischen und lebensfeindlichen Mächten zu entkommen. Mit Hilfe der guten, mit Hilfe der göttlichen Kraft.

Die Heldinnen und Helden leiden, manchmal scheinen sie tot, manchmal kommen sie wieder zum Leben. Aber nie geschieht die Erlösung ohne Leiden der Heldinnen und Helden.

Der letzte Film dieser Reihe, den wir gemeinsam am Vorabend ihrer Erstkommunion ansahen, heißt: Raya und der letzte Drache. Auf dem Weg zur Erlösung spielt hier ein Edelstein eine große Rolle, dessen einzelne Teile wieder zusammengesetzt werden müssen. Als das gelingt, explodiert die Welt in einen Farbenrausch und die Kraft ist freigesetzt, die Welt wieder in einen harmonischen und lebensfreundlichen Zustand zu verwandeln. Ich war von den Zeichnungen und der Erzählung beeindruckt und sagte zu ihr: So ähnlich ist das auch mit dem Leib Christi, den du morgen empfangen darfst. Sie blickte mich etwas verwirrt an. Wie? Ja, wenn du morgen die Hostie isst, denk mal an diese Bilder. Das ist auch unser Glaube, dass wir in Frieden und Harmonie und Liebe leben können. Wie Kinder eben so sind, sagte sie: O.k. Und dann standen wir auf.

Der Hebräerbrief lebt auch von dieser so urmenschlichen Vision von Erlösung. Christus ist der Erlöser, derjenige, der alles zusammenführt. Der die Himmel und die Erde in sich verbindet. Der alle Himmel durchschritten hat. Der alle Hölle durchschritten hat. Der von Gott kommt und solidarisch mit uns Menschen geworden ist. Solidarisch bis in die schlimmsten Ereignisse. Er wurde verraten, gefoltert, ermordet. Christus ist der Held, der uns retten kann, weil er alle Geheimnisse kennt. Diejenigen voll Freude und diejenigen voll Schmerz. Nichts ist ihm fremd und an ihm wird alles offenbar.

Die Aufgabe der Menschen ist, am Bekenntnis festzuhalten. Der Hebräerbrief meint mit diesem Festhalten nicht nur das formelhafte Wiederholen von Glaubenssätzen, sondern ganz sicher auch das daraus abgeleitete Verhalten. Wie es auch das Evangelium (Mk 10,35–45) zum Ausdruck brachte: Macht nicht missbrauchen, sondern einander zur Verfügung stehen, einander als Sklaven wechselweise begegnen. Das bedeutet eben genau nicht, den andern als Sklaven zu missbrauchen, sondern sich ihm ebenso anzunähern. Ohne Befehl, ohne Hierarchie, ohne Zwang. Sondern frei, auf Augenhöhe, im Austausch der jeweiligen Gaben.

Der Aufruf in Hebr 4,14: »Haltet am Bekenntnis fest!« meint genau das: Christus ist unser Vorbild. Wie er bzw. im Blick auf ihn können wir jedes Leid aushalten, aber immer wird an unserem Leiden die Ungerechtigkeit sichtbar werden.

Die Aufgabe des Hohenpriesters ist es, den Zugang zu Gott selbst zu ermöglichen. Er ist eine Vermittlungsgestalt. Er bittet für uns, er leidet für uns, er opfert für uns.

Nun ist in der Konzeption des Hebräerbriefes in Christus jeder weitere irdische Hohepriester überflüssig geworden. Es gibt nur einen Hohepriester. Wie kein menschlicher Hohepriester ist er mit der göttlichen Welt, dem Himmel, vertraut. Es braucht keine weiteren vermittelnden Gestalten. Wir können selbst, wie es in Hebr 4,16 heißt: zum Thron der Gnade hinzutreten.

Ich habe dazu in einem Kommentar (EKK, Erich Grässer) den beeindruckenden Satz gelesen: Es gilt, die mit der Ermächtigung gegebene Chance auch wahrzunehmen. Es gilt die Ermächtigung wahrzunehmen, das ist unsere Chance.

In der Sprache des Hebräerbriefes heißt das, ohne Angst heranzutreten. Sich vor den Thron der Gnade zu stellen. Keine Angst zu haben. Von diesem Thron – und natürlich von Gott, der dort thront, – geht Erbarmen aus, Gnade und Erbarmen.

Es geht nicht um Gericht, um Verurteilung, um Sühne, um Recht haben, um klein machen, demütigen, berechnen. Sondern um Gnade und Erbarmen: Es geht darum, sich geliebt zu wissen, angesehen zu sein, aufrecht zu stehen, sich beschenken zu lassen

So machen es auch die Heldinnen in den Filmen meiner Nichte. Erscheint die gute göttliche Kraft, reagieren sie voll Ehrfurcht. Aber sie fliehen nie. Sie treten heran. Sie verbeugen sich. Sie schauen auf. Sie lassen sich berühren. Sie wachsen. Sie empfangen Kraft.

Meine Nichte trug an ihrem Fest eine Schale mit Weintrauben zum Altar. Sie schritt aufrecht – wie Raya im Film. Sie wandelte, sie vollzog eine heilige Handlung. Sie fühlte, dass sie Teil war in einem heiligen Ritual und dass es um nichts weniger ging als die Rettung der Welt. Und sie trug ihren Teil dazu bei.

Das hat mich beeindruckt. Und darum geht es: Die Chance der Ermächtigung wahrzunehmen. Jetzt. Für alle Zeit.

Fürbitten

Du unser Gott, wir stehen vor dir.

- Wir denken an alle, die gebeugt sind. Wir richten uns auf und bitten um Kraft.
- Wir denken an alle, die in Fesseln sind. Wir atmen tief ein und werden weit.
- Wir denken an alle, die einsam sind. Wir breiten sanft die Arme für sie aus.
- Wir denken an alle, die in Schmerzen sind. Wir legen unsere Hände an unsere Seite.

So stehen wir vor dir und empfangen Gnade und Erbarmen.
Amen.

Katrin Brockmöller

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