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Leseprobe 3
Weihnachten – Am Tag
»Nah ist/Und schwer zu fassen der Gott« (Hölderlin)
Lesejahr A – B – C
Beitrag zur Lesung

Einführung


Leben ist lebenslanges Lernen. Und unsere Feiertage sind Lerntage. Feiernd, unseren Alltag unterbrechend, wollen sie uns an das erinnern, was unserem Leben Sinn, Kraft und Zuversicht geben kann und was in den vergangenen Wochen immer wieder hinter und in unseren Fragen steckte:Was ist unser Leben, wenn es so gefährdet ist? Was ist das Geheimnis unseres Lebens? Feiernd erinnern wir uns heute: Dich wahren Gott ich finde in meinem Fleisch und Blut.

Predigt


Zum Text: Jes 52,7–10 (1. Lesung)

»Wie werden wir dieses Jahr Weihnachten feiern?«


Diese Frage haben sich viele schon vor Wochen gestellt – skeptisch,ängstlich, besorgt, zweifelnd im Blick auf die Festgestaltung in Familie und Kirchengemeinde, bei Betriebs- und Vereinsfeiern. Jetzt sind wir mitten drin. Seit einigen Tagen und erst recht seit gestern wissen und erleben wir es, jede und jeder von uns auf seine und ihre Weise.

Wenn wir jetzt zusammen sind gerade wegen all dem, was wir in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt haben, oder trotz all dem oder, weil es selbstverständlich dazugehört, dass wir nicht nur am Heiligen Abend, sondern auch am Weihnachtstag Gottesdienst feiern, dann hat außer dem »Wie feiern wir« auch die Frage »Was feiern wir eigentlich«, in diesem Jahr eine besondere Bedeutung und ein besonderes Gewicht. Denn auch für den glaubenden Menschen beinhaltet sie die Herausforderung, die Friedrich Hölderlin, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, so ausdrückte: »Nah ist/Und schwer zu fassen der Gott.« Und viele haben ergänzt: Von der Nähe habe ich nichts gespürt, er ist mir fraglich geworden, er ist schwer zu glauben, wenn er das alles zulassen kann. Oder ist er doch ein strafender Gott?

Unsere Feiertage sind wie Lerntage, die uns immer wieder zu den Grundthemen unseres Glaubens und unseres Lebens führen. Sie nehmen uns mit auf den Weg und manchmal auch auf den Umweg der Erinnerung an das Offenbarwerden und an das Geheimnis Gottes, von dem wir heute sagen, dass er Mensch geworden ist.

Dieser Erinnerungsweg führt uns heute in die Zeit des Propheten Jesaja im 6. Jahrhundert vor Christus

Das Volk Israel lebt in Krisenzeiten. Vertrieben aus der Heimat, gefangen im Exil, seiner Identität beraubt, weil der Tempel zerstört ist und damit die Gewissheit, dass Gott seinem auserwählten Volk die Treue hält. Es ist Krisenzeit, Werte sind in Frage gestellt, Sicherheiten sind zerstört, Verbindungen und Beziehungen sind zerbrochen, die Zukunft erscheint ungewisser und fraglicher denn je. Da bedarf es einer starken Überzeugung und eines starken Vertrauens, die erinnernd bekennen:

Im Anfang war das Wort und dieses Wort ist schaffendes und Leben hervorbringendes Wort. Es ist das Wort des schöpferischen Gottes, der Welt und Mensch ins Leben freisetzt, der vor aller Zeit war und der bleibend gegenwärtig ist. Er ist der Gott, von dem gesagt ist, dass er das Schreien und Klagen seines Volkes hört und erhört. Der seine Leiden sieht und sich nicht von den Seinen abwendet. Er ist der »Gott-mit-uns«, wie er sich selbst vorstellte. Er befreit und führt heraus aus Gefangenschaft und Unterdrückung. Er tröstet und erlöst. So der Prophet in seiner heutigen Festtagsansprache, die wir in der 1. Lesung gehört haben. Gottes Gegenwart ist bleibende Gegenwart. Und sie ist der Grund, Hoffnung zu schöpfen, vertrauend in die Zukunft zu blicken und in Dank und Jubel einzustimmen. Er lässt seine Schöpfung und darin die Menschen nicht los. Sie sind und werden nicht gott-los, auch wenn sie immer wieder hin- und hergerissen sind zwischen Glaube und Unglaube, zwischen bekennendem Lobpreis und zweifelndem Sichabwenden.

Mit den Menschen zur Zeit des Jesaja können wir zu Weihnachten aber fragen:

Wie und wo ist dieses Wort, diese Rede von Gott heute zu hören, damit sie geglaubt werden kann? Eine im Judentum beheimatete Legende erzählt das so:

Israel, schon Jahre im Exil, schreit und stöhnt zu Gott und bittet ihn um Befreiung. Und Gott hört das Schreien der Menschen und will sich seinem Volk verständlich machen. Aber es gibt ein Problem. Denn nach so langer Zeit fern von der Heimat und vom Tempel hat das Volk die göttliche Sprache, das Hebräisch, verlernt und versteht Gott nicht mehr. Was ist zu tun? Israel als Ganzes in einen Hebräisch-Kurs schicken, so wie seit 1948 im heutigen Staat Israel Einwanderer Ivrit lernen müssen? Ein recht aufwendiges Unternehmen, vor allem im Exil, wenn die Siegermacht eine Eigen-Sprache der Besiegten unterdrücken will oder gar verbietet (wie etwa die türkische Regierung die kurdische Sprache). Gott hat in dieser Legende eine bessere Idee: Er lernt Ägyptisch, das also, was die Menschen verstehen, was ihre Sprache geworden ist. In ihrer Sprache will er sie ansprechen. Auf diese Weise will er sich zur Sprache und zu Gehör bringen. Menschlich mit den Menschen sprechen. Vielfältig und auf vielerlei Weise, wie der Hebräer-Brief in der 2. Lesung uns heute sagte.1

Auch heute …

am Weihnachtstag dieses so turbulenten Jahres, wo Vieles nicht mehr ist, wie es war, wo Vieles geschah, was wir noch nicht erlebt und erlitten hatten, persönlich, familiär, beruflich, politisch, kulturell, gesellschaftlich und auch in unserer Kirche, bei uns, in unserem Land und weltweit?

Wie und in welcher Sprache spricht Gott heute zu uns? Der erhoffte und bezweifelte, der nahe und der ferne Gott, der bestürmte und der vergessene, der angerufene und der verspottete, der missbrauchte und der wiedergefundene Gott? Wo ist er und was ist seine Absicht mit uns Menschen in unseren Tagen?

»Dich wahren Gott ich finde in meinem Fleisch und Blut …« singt unser altes Weihnachtslied und erinnert uns damit an das, was wir heute feiern und was uns Wegweisung und Orientierung sein kann in unserem Suchen und Fragen nach Licht und Hoffnung in allem Dunkel unserer Tage.

Wir finden Gott und hören und sehen ihn in dem, was menschliches Leben ist und ausmacht: in einem Kind und in den Kindern dieser Welt; wir finden ihn bei den Müttern und Vätern, die sich heute um Heimat und Aufnahme für sich und ihre Kinder sorgen und auf der Flucht sind; wir hören und sehen Gott dort, wo Jesus, Gottes menschgewordenes Wort, an dessen Geburtstag wir heute erinnern, alle Aufmerksamkeit hingelenkt hat, indem er öffentlich bekannt machte: Selig, die Frieden stiften, selig, die Hungernde sättigen, die Gefangene besuchen und befreien, die Traurige trösten und Kranke heilen und pflegen. Die »Muttersprache« Gottes, so sagt es das heutige Erinnerungsfest, ist nicht die Sprache der Gewalt und des Hasses, nicht die Sprache der Ausbeutung und der Unterdrückung. Sie ist und bleibt die Sprache der Liebe und der Versöhnung, der Gerechtigkeit und der Rettung. Es ist die Sprache der Solidarität all derer und mit all denen, die erschüttert wurden und erschüttert sind in den Grundfesten ihres Lebens und Glaubens. Es ist die Sprache der Menschen, die als systemrelevant gelobt und anerkannt wurden, aber auch die Sprache all derer, die ungenannt und in aller Stille, treu und verlässlich gesehen haben und sehen, was lebens-notwendig ist ganz in der Nähe, menschlich, von Mensch zu Mensch. Es ist die Sprache des Zusammenhaltens trotz aller Distanz. Gott ist die Liebe, bekennen wir, und deshalb spricht Gott heute überall dort, wo Menschen, ausgesprochen oder unausgesprochen, das Leben aus liebender Sorge und Fürsorge mit anderen teilen, besonders mit denen, deren Leben bedroht und gefährdet ist.

Nah ist/Und schwer zu fassen der Gott

Wir dürfen die Worte Hölderlins aufgrund vieler erlebter Zeichen und unzähliger Erfahrungen dieser Tage ergänzen: Auch wenn er nie ganz zu fassen ist, er spricht sich aus und uns an in menschlichen Gesichtern und Geschichten, im menschlichen Lachen und Weinen, im menschlichen Klagen und Hoffen. Er spricht zu uns durch unsere konkrete und alltägliche Welt. Auch mit ihren Wunden und Brüchen und mit dem heilsamen und segensreichen Wirken vieler Menschen spricht er uns und unsere Welt an.

»Alle Enden der Welt«, so der Prophet Jesaja damals, »werden das Heil unseres Gottes sehen« – weltweit und ganz nah. Weil er Mensch geworden, Fleisch geworden, im Menschen geboren ist und deshalb gehört und gefunden werden kann. Er zeigt sich, wie damals in der Krippe, überall, wo menschliches Leben uns anschaut und anfragt. Gott hat sich eindeutig und für immer, bis heute und für morgen und für unsere Zukunft, in unsere Welt eingesagt und eingeschrieben, er hat sich in Jesus eingefleischt in die, denen seine ganze Heilssorge gilt. Er spricht menschlich durch die, die in seiner Spur beherzigen: Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben haben. Gott ist Liebe und wo heute Liebe ist, geübt und geschenkt wird von Mensch zu Mensch, da ist und bleibt Gott. Weil er Mensch geworden ist.

Fürbitten
»Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes.« Im Vertrauen auf diese Verheißung des Propheten Jesaja kommen wir in den Anliegen und Nöten dieses Weihnachtstages zu Gott:

- Wir tragen zu dir, Gott, unsere Ohnmacht angesichts der weltweiten Pandemie von Corona und bitten um Licht und Hoffnung für alle, deren Leben verwundet wurde.
(GL 55/1 »Jubelt, ihr Lande, dem Herrn«)
- Wir legen vor dich, Gott, den unermüdlichen Einsatz der Pflegenden und aller, die sich zu den Kranken beugen, und bitten um Kraft und Zuversicht in ihrem täglichen Einsatz.
- Wir kommen zu dir, Gott, mit den Sorgen und Nöten der Eltern und aller, die sich um das Wohl von Kindern und Jugendlichen sorgen, und bitten um Mut und Hoffnung in allem, was die Nähe zu den ihnen Anvertrauten von ihnen fordert.
- Wir vertrauen dir, Gott, die Menschen an, die in den Krisengebieten unserer Welt den Notleidenden Heimat und Geborgenheit schenken, und bitten um Solidarität und Hilfsbereitschaft in unserer Gemeinde.
- Wir stehen vor dir, Gott, mit unseren persönlichen Fragen und Anliegen und bitten für alle, die einen besonderen Platz in unseren Herzen haben und um die wir uns sorgen.

Dir, Gott des Himmels und Erde, der war und ist und sein wird,sei Lob und Dank gesungen in allen Sprachen und an allen Orten unserer Welt, heute und alle Tage und bis in Ewigkeit. Amen.



1 Gefunden in: Wilhelm Bruners, Gottes hauchdünnes Schweigen. Auf seine Stimme hören, Würzburg 2019.

Wolfgang Tripp

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