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Leseprobe 2
Weihnachten – In der Heiligen Nacht
Verletzlichkeit wagen
Lesejahr A – B – C
Beitrag I zum Evangelium

Einführung


Jetzt ist vieles geschafft, vieles erledigt, vieles vorbereitet – manches ist aber auch nicht fertig geworden, nicht meinen Vorstellungen entsprechend erledigt und trotzdem reicht es nun, wie es ist. Denn wir feiern heute Abend das Leben – gerade mit seiner verletzlichen und kleinen Seite. Gerade dieser Teil bekommt einen Platz und eine Berechtigung. Daher sind wir eingeladen, innezuhalten, zur Ruhe zu finden und da zu sein.

Öffnen wir unser Herz für das große Geheimnis im Kleinen, um das Leben zu finden, um im Leben Gott zu finden und dabei zum Staunen zu kommen über den großartigen, unfassbaren Gott.

Kyrie-Ruf
GL 158 »Tau aus Himmelshöhn«

Tagesgebet
Gott,
menschlich geworden in Jesus, damit auch wir menschlich werden.
Gib dich zu erkennen – in Gedanken, die weiterhelfen, in Worten, die befreien, in Taten, die verbinden. Lass dich finden.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 237 »Vom Himmel hoch«
Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium
GL 240 »Hört, es singt und klingt mit Schalle« und GL 244 »Halleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 236 »Es kommt ein Schiff geladen«
Gesang zur Kommunion
GL 256 »Ich steh an deiner Krippe«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 241 »Nun freut euch, ihr Christen«
GL 762 (Diözesanteil Freiburg und Rottenburg-Stuttgart) »Singen wir mit Fröhlichkeit«

Vorüberlegungen

Zum Text: Lk 2,1–14 (Evangelium)

Die Verletzlichkeit einer ganzen Menschheit trotz einer hochentwickelten und hochtechnisierten Gesellschaft wurde uns in diesem Jahr auf unvergleichliche Weise vor Augen geführt. Dennoch scheint diese Erfahrung Menschen nicht unmittelbar für einen alternativen Umgang mit Verletzlichkeit geöffnet zu haben. Der Verdacht besteht, dass alles dafür getan wird, sich dieser nicht stellen zu müssen.

Das Evangelium der Heiligen Nacht erzählt die Geschichte von der Menschwerdung Gottes als eine Geschichte, in der Gott sich selbst der Verletzlichkeit aussetzt. Dieses Wagnis der Vulnerabilität erzählt der Evangelist Lukas in drei Szenen. Es beginnt mit einer universalen Inszenierung, in der das alltägliche Ereignis einer Geburt weltgeschichtlich in die Zeit des Kaiser Augustus eingeordnet wird. Diese große und universale Einordnung wird in der ersten Szene kontrastiert mit einem jungen Paar, das sich aufmacht nach Betlehem und sich dabei Verletzlichkeit und Unwegsamkeit aussetzt. In der zweiten Szene wird die Geburt des Kindes relativ kurz beschrieben. Gott bückt sich in der Geburt Jesu und solidarisiert sich dabei mit den Armen. In dieses Wagnis der Hingabe finden sich Engelschöre wieder, die in der dritten Szene gleichsam antizipierend die Auferstehung im Lichtglanz, dem Frieden und dem Wohlgefallen verkünden.

Die Erzählung der Heiligen Nacht durchzieht eine Dialektik von universalem himmlischem Glanz einerseits und der Geburt in der Krippe als Zeichen höchster Verletzlichkeit andererseits.

Predigt

Sie fehlen – besonders an zwei Orten: Lehrerinnen und Lehrer und Pflegekräfte. Mit großer Aufmerksamkeit wurde in den letzten Monaten wahrgenommen, dass vor allem auch jüngere Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen und Pflegekräfte in Krankenhäusern und Heimen fehlen. Am einen Ort wird die Grundlage für menschliches Miteinander und eine eigene Persönlichkeit gelegt und am anderen werden Menschen mit Verwundung oder Einschränkungen betreut und begleitet. Lehrerinnen und Lehrer wie Pflegekräfte arbeiten an Orten, wo man unmittelbar mit Menschen arbeitet. Dort kann man weder sich selbst noch diesen Menschen ausweichen. Denn man begegnet sensiblen und pubertären Schülern oder verletzten und kranken Menschen.

Angst vor Verletzlichkeit an gesellschaftlichen Brennpunkten


Wer sich diesen Orten aussetzt und sich ihnen öffnet, wird selbst verletzlich. Es sind unkalkulierbare, riskante und nicht kontrollierbare Orte. Sie können Angst machen, da sie Adjektive umfassen, die in einer unsicheren Zeit wenig Halt und klare Antworten geben können.

Genau diese Angst vor Verletzlichkeit beobachte ich geballt an gesellschaftlichen Brennpunkten. Wenn es um die eigene Ehre, um Rache, um Vergeltung, vielleicht um die eigenen Rechte geht, dann spielen Solidarität und Durchhaltewille keine Rolle mehr. Wenn es auf der politischen Ebene bei Sanktionen oder auch Hilfefonds nur um Macht- und Drohgehabe geht, verliert der Mensch an sich an Bedeutung. Oder wenn der Mut in der Kirche zu Reformen und Neuanfang fehlt, dann wird man den Verdacht nicht los, dass Widerstände auch von Angst vor Verletzlichkeit und Vorläufigkeit geprägt sind.

Nicht-Verwundung kostet


Menschen und Staaten tun alles dafür, nicht verwundbar zu werden. Subtil geht es ständig darum, Verletzlichkeit und Schwäche zu vermeiden, weil sie scheinbar dadurch ihren eigenen Wert und damit Aufmerksamkeit oder Macht verlieren würden. Dazu kommt, dass nicht erst die tatsächliche Wunde, sondern schon die Verwundbarkeit an sich eine unerhörte Macht ausübt. Die gesamte Versicherungs- und Finanzbranche lebt von der Angst vor Verwundbarkeit. Um dieser möglichen Verwundbarkeit aber aus dem Weg zu gehen, werden riesige Ressourcen eingesetzt. Zeit und Geld kommen in großem Maße zum Einsatz. Fremde Bodenschätze anderer Länder werden ausgebeutet. Auch modernste Technologien dienen einer raffinierten Waffentechnik und die Arbeitskraft von Menschen unter lebensgefährlichen Bedingungen halten dafür her, dass unser Leben scheinbar sicher und unverwundbar ist. Das Bemühen um Nicht-Verwundung erzeugt unsägliche Opfer. Nicht-Verwundung kostet.

Und doch bleibt der Mensch jederzeit verwundbar. Durch einen kleinen Unfall, durch eine Unaufmerksamkeit kann unser Leben zu Ende sein. Krankheit, der Verlust eines Menschen oder ein Virus legen Leben komplett lahm und zeigen uns beim Blick in den Spiegel die Zerbrechlichkeit und Vulnerabilität menschlichen Lebens, einer Gesellschaft oder sogar der globalen Welt. Sowohl individuell als auch sozial, als menschlicher Körper wie als Staatskörper ist der Mensch jederzeit verwundbar. Selbst die größte und raffinierteste Sicherheit kann dies nicht verhindern.

Gott bückt sich und wird selbst verletzlich

»Es geschah aber, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.« Mit diesen wenigen Worten führt uns die Weihnachtsgeschichte in die Verwundbarkeit des Menschen und vor allem in die Verwundbarkeit Jesu. Es ist verwunderlich, dass Jesus als Messias und Sohn Gottes nicht im prunkvollen Palast geboren wird, wie es eigentlich Heroen und machtvollen Kaisern entsprach. Jesus wird in die Armseligkeit eines Stalles hineingeboren. Seine Familie verlässt die sichere Heimat und den sicheren Wohnort. Was zunächst noch abenteuerlich ausgerichtet sein mag, stößt unmittelbar an seine Grenzen. Es gibt für die Familie keinen Platz. Sie sind unerwünscht, was sich sogar derart zuspitzt, dass sie das Land nach Ägypten verlassen müssen. Dadurch wird Jesus gleichsam ein Kind mit Migrationshintergrund, das in seinem unsicheren und diversen Heimatbezug in besonderer Weise verletzlich wird.

Jesus zeigt eine Alternative im Umgang mit Verletzlichkeit

Indem sich das Kind in der Krippe von Anfang an auf Ungewissheit, Unsicherheit und Verletzlichkeit einlässt, weist es auf eine Alternative im Umgang mit Verletzlichkeit. Mit dieser Art und Weise, wie die Menschwerdung Jesu beginnt, antwortet Gott auf die Wunden der Welt nicht, indem er sich unverwundbar macht, sondern indem er das Wagnis eingeht, verwundbar zu werden. Bereits die Menschwerdung in Jesus ist ein Akt der Selbsthingabe Gottes, in der sich Gott selbst schutzbedürftig und absolut solidarisch mit den Kleinsten zeigt. Um überhaupt ins Menschsein kommen zu können, braucht es den Geburtsschmerz Marias, den Besuch der Hirten, die Gaben der Sterndeuter und den Beistand Josefs. Alle Beteiligten wagen sich selbst in der Hingabe für den anderen und werden dabei verletzlich.

Humanes Leben passiert in der Hingabe

Es ist unbestreitbar, dass wir uns vor Verletzung schützen und alles daransetzen müssen, Menschen in ihrer Verletzung nicht allein zu lassen und nach Möglichkeit sie zu heilen. Aber dies allein reicht nicht für ein humanes Leben. Jede Geburt erfordert Menschen, die sich in Liebe verletzlich machen. Jede Form der Liebe ist dahingehend selbstlos. Mütter und Väter, die Kinder ins Leben begleiten und versorgen, Menschen, die sich um andere kümmern, die gefährdet sind, die sich aktiv für Gerechtigkeit einsetzen oder die schmerzliche Tatsachen zur Sprache bringen, stellen einen Geburtsprozess dar, der nur aus Liebe passieren kann und immer auch verletzlich macht. Erst dieses Aus-sich-Heraustreten als Form der Hingabe macht das Leben lebenswert. Dahinter steckt die Bereitschaft zu geben, ohne mit einer Rendite zu rechnen.

Im Wagnis der Verletzlichkeit geschieht Weihnachten


In der Hingabe steckt Lebenskraft, vielleicht Gotteskraft, die Verletzlichkeit nicht in Kauf nimmt, aber im Ermöglichen von Leben ihr nicht ausweichen kann. Weihnachten setzt somit auf die andere Lebensmacht, auf das Wagnis der Verletzlichkeit. Die Erzählung von Weihnachten ermutigt, sich nicht der Angst vor Verwundung hinzugeben. Vielmehr ist sie die Einladung, den eigenen Platz zu verlassen, auf andere zuzugehen, nicht mehr zu berechnen, sondern auf das Leben und das Wagnis der Hingabe zu vertrauen.

Wage im Vertrauen die Verletzlichkeit. Denn in der Krippe beginnt neues Leben – ein Neuanfang.

Fürbitten
Gott, du machst dich aus Liebe zu uns selbst verletzlich. Im Vertrauen auf dein Kommen rufen wir zu dir:

– Dass wir den Mut haben, gegen Ungerechtigkeit und Menschenverachtung aufzustehen und uns dabei auch verletzlich zu machen.
(GL 181 »Lasset zum Herrn uns beten«)
– Dass wir erste Schritte wagen, wo Freundschaften oder Beziehungen kalt geworden sind.
– Dass wir die Kraft und das Vertrauen haben, auch in Krisenzeiten mit Gott zu rechnen.
– Dass wir unser Leben ändern, einen Aufbruch wagen, wo unsere Vorstellungen eng geworden sind.

Gott, du zeigst dich im Kleinen und im Verletzlichen. Sei du uns Kraft und Zuversicht.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

Bernd Hillebrand

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