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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
Sechster Sonntag der Osterzeit
Die »Polis« Gottes
Lesejahr C
Beitrag zur Lesung

Einführung


Was bringt die Zukunft? Oder persönlich gefragt: Was bewegt mich, wenn ich an die Zukunft denke? Skepsis, Sorge oder Zuversicht? Es ist ja seltsam: Befragt man Menschen in unserem Land, wie es ihnen geht,äußern sich die meisten eher zufrieden; werden sie auf die Zukunft angesprochen, überwiegen oft die dunklen Töne. In Zeiten, da die Lebensbedingungen– verglichen mit heute – viel härter und schwerer waren, war die Zuversicht im Blick auf die Zukunft eher stärker; der Bau der großen Kathedralen oder die Geschichte der Wissenschaft, der Kunst und Musik zeugen davon. Was motiviert uns als Christen, sowohl im Blick auf unsere Gegenwart wie auf die Zukunft, zuversichtlich zu sein?

Predigt

Zum Text: Offb 21,10–14.22f (2. Lesung)

Zukunftsszenarien

»Die Zukunft steht in den Sternen« – das sagt man heute kaum mehr. Und erst recht ist es still geworden um die Zukunftsvisionen einer Fortschrittsbegeisterung. Für viele sieht die Zukunft eher düster aus. »Es wird hoffentlich nicht so schlimm, wie es ist«, sagt Karl Valentin hintersinnig. Man ist schon froh, wenn die Zukunft nicht so schlimm wird, wie man befürchten muss – wenn man an die ökologischen Fragen denkt, die Klimaveränderung, an die Schere zwischen arm und reich, an die weltweiten Krisenherde …
Scheinbar unbeeindruckt von solchen Gedanken stellt uns die Kirche die große Zukunftsperspektive des Glaubens vor Augen: die Botschaft vom Reich Gottes, das nahe ist, oder das Bild vom neuen Himmel und der neuen Erde, von der heiligen Stadt, dem neuen Jerusalem, die von Gott her auf uns zukommt. Sind das bloße Luftschlösser, zur Vertröstung der geplagten Menschheit erfunden – oder Ahnungen einer wahren und größeren Wirklichkeit?

Was auf uns zu-kommt, lässt hoffen

Der biblische Glaube jedenfalls ist fest überzeugt, dass Gott die Welt nicht dem Untergang überlassen wird, sondern eine große Zukunft mit ihr vorhat. Und diese Überzeugung hat sich ja auch in unsere Sprache tief eingegraben: in das Wort »Zu-Kunft«: Was sein wird, ist also nicht bloß die Folge von dem, was heute ist, sondern »Es kommt etwas auf uns zu«. Zukunft ist nicht einfach das, was wir heute programmieren, Zu-Kunft lässt hoffen, sagt der Glaube.

Das Bild der »Stadt«


Die letzte Schrift des Neuen Testaments beschreibt diese Zu-Kunft Gottes im Bild der neuen Stadt. Ob wir dieses Bild noch verstehen können heute in einer Zeit, da wir auch die Schattenseiten unserer Städte erleben: Verkehrslärm, Staus, Smog, Müllberge, Kriminalität …?
Aber auch zu biblischer Zeit hatte die Stadt viele Gesichter, und nicht nur strahlende. Die Weltstadt Korinth zeigt sich in den Paulusbriefen als Sammelbecken aller Laster. Und Rom, das große Zentrum der Macht, ist ja »die große Hure Babylon« (Offb 14,8 etc.), die sich jedem verkauft, der mit Geld und Intrigen um sie buhlt. Von Rom aus wird ja auch die erste große Verfolgungswelle inszeniert …

Zwischen Dekadenz und Lebendigkeit


Und doch hat die Stadt eben auch das andere Gesicht: sprühendes Leben, Austausch und Treffpunkt der Menschen, Begegnung und Kultur. Nicht zufällig zieht es heute so viele Menschen ins Herz der Städte. Auf jeden Fall kann der Himmel, das Reich Gottes nichts Langweiliges sein, wenn die Bibel dafür das Bild der »neuen Stadt« benützt. Vor allem kann das Reich Gottes nicht etwas abseits und jenseits der Menschenwelt sein. Es sucht die Öffentlichkeit dieser Welt.

Vom Seelentrost zur Weltverantwortung

»Polis« heißt »Stadt« im griechischen Neuen Testament. »Politik« ist die Sorge um das öffentliche Wohl, die gerechte Gestaltung des Zusammenlebens in der Stadt. Sie ist also kein schmutziges Geschäft, sondern liegt in der Linie des Reiches Gottes. Es ist die große Irrlehre vieler neureligiöser Bewegungen und Sekten, die den Menschen privaten Seelentrost und einen jenseitigen Himmel versprechen, dass sie die konkrete Welt und die politische Verantwortung für sie ausblenden.
Jesus hat das Reich Gottes nicht nur gepredigt, sondern durch seine konkrete Zuwendung zu den Kleinen, den Abgehängten, den um ihr Recht Gebrachten und Bedrängten auch angebahnt. Und Papst Franziskus hat durch seine Besuche auf Lampedusa oder auf Lesbos, durch sein Augenmerk auf die »Ränder«, gezeigt, wo die Kirche politisch in dieser Welt steht – eine Kirche, der es nicht nur um das Seelenheil, sondern auch um die »Polis«, um die politische Gerechtigkeit auf dieser Erde geht.

Die Rolle der Kirche


»Einen Tempel sah ich nicht in dieser Stadt«, heißt es in der Zukunftsvision der Offenbarung. Nicht der Tempel, nicht die Kirche ist also das letzte Ziel. Sie werden am Ende eingehen und aufgehen in der endgültigen »Stadt Gottes«. Wir sind als Kirche nicht zu unserer Selbsterhaltung da. Wenn wir als Christen heute mehr und mehr in eine Minderheitssituation kommen, ist das auch eine Chance, unsere eigentliche Sendung neu zu erfassen: Nicht sich verschämt in einen Winkel zurückzuziehen, sondern »Salz der Erde« zu sein.
»Der Herr selbst ist der Tempel der Stadt – er und das Lamm.« Damit endet die Zukunftsvision. Ein Lamm auf dem Herrscherthron! Einen krasseren Gegensatz kann es kaum geben! Die neue Stadt, die neue »Polis Gottes«, die »neue Politik« wird die sein, in der nicht die stärksten Ellenbogen, sondern Hingabe und Liebe regieren nach dem Bild des Opfer-«Lammes« Christus.

Gottes »Politik«: Das Lamm auf dem Thron!

Spätestens hier wird offensichtlich, wie wenig diese Vision noch Wirklichkeit ist in unserer Welt, auch in der Kirche. Diese »Polis«, diese Politik kann letztlich nur »von Gott her aus dem Himmel herab« inszeniert werden. Aber Gott braucht für seine »neue Stadt« Bauleute, die jetzt und heute schon nach seinem Bauplan arbeiten, ein Stück »neue Welt« schon hier möglich machen. Unser »Vorarbeiter« ist Christus!

Fürbitten
Wir sind Bürger dieser Stadt und gehen zugleich auf die künftige zu. Wir stehen zwischen dem, was ist, und dem, was werden soll. In den Nöten und Fragen unserer Zeit und Welt rufen wir:

– Den Armen gilt das Evangelium zuerst. Bestärke die Kirche, für Gerechtigkeit einzutreten und vor den Mächtigen nicht in die Knie zu gehen.
(Herr, erbarme dich.)
- Wir legen dir unsere Partner in N.N. ans Herz. Hilf ihnen, aus den Erfahrungen ihrer Geschichte und ihres Glaubens Wege in eine gute Zukunft zu finden.
- Unsere Welt wird leer und kalt, wo Kinder, Alte und Kranke im Weg sind und Schwache übergangen werden. Schütze die Ehrfurcht vor dem Leben und die Bereitschaft, sich für andere zu öffnen.
- Unter uns leben Menschen, die entwurzelt sind: Heimatlose, Asylsuchende, Menschen auf der Straße, aber auch seelischBelastete und Einsame. Brich Vorurteile und Angst auf – auch in unseren Herzen.
- Unsere endgültige Heimat ist nicht hier. Schenke unseren Verstorbenen Anteil an deiner Herrlichkeit und stärke unsere Zuversicht, dass sich auch unser Leben vollenden wird in dir.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Thomas Keller

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