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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
Siebter Sonntag im Jahreskreis
Grenzenlose Liebe
Lesejahr C

Beitrag zum Evangelium

Einführung


Als Christen folgen wir dem Ruf Christi. Wir versammeln uns als seine Gemeinde und stellen uns unter den Anspruch seines Wortes. Jesu Wort kann fordernd sein. Es will uns nicht in dem bestätigen, was wir immer schon dachten, sondern es will uns provozieren. »Provozieren« heißt »herausrufen«: herausrufen aus unserer Trägheit, das Gute, das wir erkannt haben, auch mit Herz und Hand zu tun; herausrufen aus der Resignation, die unser Leben prägt, wenn wir es immer wieder versucht und doch nur halb geschafft haben. Was wir nicht vermögen, muss Gott an uns tun: uns wirklich bekehren zu echter Liebe, die keinen Menschen ausnimmt.

Kyrie-Ruf

Herr Jesus Christus, du bist der Gesandte unseres Vaters im Himmel und verkörperst seine Liebe zu uns.
Herr, erbarme dich.
Du rufst uns auf den Weg deiner Liebe, die vor keinem Menschen Halt macht.
Christus, erbarme dich.
Du wirst uns einst im Geist der Liebe vollenden, die stärker ist als der Tod.
Herr, erbarme dich.

Tagesgebet

Gott,
deine Allmacht besteht in deiner Liebe. Deine Liebe erträgt unsere Lieblosigkeit.
Sie lässt uns deine Fürsorge erfahren. Sie gibt uns niemals auf.
Deine Liebe hält allem stand.
Wir bitten dich: Erfülle uns mit deiner Liebe, damit wir die Menschen
lieben, wie du sie liebst.
Das gewähre uns durch Jesus Christus.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 148,1–3 »Komm her, freu dich mit uns, tritt ein«
Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium
GL 423,1–3 »Wer unterm Schutz des Höchsten wohnt« und
GL 174/3 »Halleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 442,1–3 »Wo die Güte und die Liebe wohnt«
Gesang zur Kommunion
GL 215,1–3 »Gott sei gelobet und gebenedeiet«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 452,1–4 »Der Herr wird dich mit seiner Güte segnen«

Vorüberlegungen


Zum Text: Lk 6,27–38 (Evangelium)

Das Gebot der Feindesliebe (Lk 6,27–36) ist das Herzstück der lukanischen Feldrede (Lk 6,20–49). Drei Aspekte des Abschnitts werden in der Predigt herausgearbeitet.

1. Jesus formuliert keine Sonderethik der Jünger und Jüngerinnen Jesu, sondern ein Gebot, das für alle Menschen gleichermaßen gilt. Während er die vorausgehenden Seligpreisungen mit Blick auf die Jünger ausgesprochen hat (Lk 6,20), wendet er sich jetzt an alle, die ihn umringen und ihm zuhören (Lk 6,27). Das entspricht der inneren Dynamik der Feindesliebe, welche die Grenzen zwischen Freund und Feind aufhebt. Nicht mehr die Gruppenzugehörigkeit entscheidet darüber, wem man mit Liebe begegnet, sondern die grundlegende Tatsache, dass alle Menschen Gottes Kinder sind.

2. Darin unterscheidet sich die Feindesliebe wesentlich von der Nächstenliebe, die ursprünglich den Nächsten im Sinne der Verwandten oder Angehörigen derselben Sippe oder desselben Stammes gegolten hat. Sie unterscheidet sich auch von der geschwisterlichen Liebe innerhalb der christlichen Gemeinde. Die Feindesliebe ist universal, und sie wird nur dort verwirklicht, wo sie keinen Menschen ausnimmt. In diesem Sinne ist auch unteilbar: Man kann nicht den einen Menschen lieben und zugleich den anderen hassen.

3. Auf den ersten Blick verwundert es, dass die Feindesliebe, die es in dieser Formulierung nur in der jesuanischen Tradition gibt, bei Lukas mit der zu allen Zeiten und in allen Kulturen anzutreffenden Goldenen Regel gleichgesetzt wird (Lk 6,31). Während die Goldene Regel auf Gegenseitigkeit beruht, wird diese vom Gebot der Feindesliebe gerade aufgehoben. Der Gegensatz ist aber nur scheinbar, weil auch die Goldene Regel sich nicht am tatsächlichen Verhalten des anderen orientiert, sondern an dem, was man mit Fug und Recht von ihm erwarten darf. – Damit die Forderung der Feindesliebe nicht als hoffnungslose Überforderung, sondern als kreative Herausforderung gehört wird, ist es wichtig, am Ende auf ihr uneinholbares Potential hinzuweisen, das in Bewegung setzen und nicht mutlos machen will.

Predigt

Grenzen überwinden

Was unterscheidet das Christentum von allen anderen Religionen und Weltanschauungen? Spontan würden viele sagen: die Feindesliebe! Nirgendwo sonst in den verschiedenen Zeiten und Kulturen ist das Gebot, seine Mitmenschen zu lieben, derart auf die Spitze getrieben worden wie von Jesus im Evangelium. Das stimmt, wenn man es auf den Wortlaut bezieht: Kein anderer hat die Liebe zu den Feinden so ausdrücklich und kompromisslos gefordert wie Jesus. Aber es wäre verkehrt, wenn man daraus ein Alleinstellungsmerkmal des Christentums machen wollte. Denn dann würden wir Grenzen errichten, die Jesus mit dem Gebot der Feindesliebe gerade niederreißen wollte. Wer seinen Feind liebt, der behandelt ihn wie einen Freund. Er unterscheidet nicht mehr zwischen Freund und Feind, sondern sieht im einen wie im anderen den Menschen, dem er Liebe schuldet. Er ahmt Gott nach, der seine Barmherzigkeit gerade auch den Undankbaren und Bösen erweist, weil alle Menschen ohne Unterschied Gottes Söhne und Töchter sind. Wer sich aber als Christ mit der Feindesliebe brüstet, der täuscht sich nicht nur darüber hinweg, dass er hinter diesem hohen Ideal immer zurückbleiben wird. Er legt auch den Feind auf dessen Feindschaft fest, weil er ihn braucht, um mit seiner angeblichen Liebe zu ihm groß herauszukommen. Der soldatische Grundsatz »viel Feind’ – viel Ehr’« heißt für ihn »viel Feind’ – viel Liebe«! Damit ist aber die Absicht Jesu in ihr Gegenteil verkehrt. Denn es kommt Jesus nicht darauf an, dass sich seine Jünger mit ihrer Feindesliebe besser fühlen als die anderen Menschen, sondern dass sie damit aufhören, die Menschheit in Freund und Feind aufzuteilen. Die Feindesliebe hat ihr Ziel erreicht, wenn man sie gar nicht mehr braucht, weil es keine Feinde mehr gibt. Mit dieser Aufgabe werden wir ein Leben lang nicht fertig.

Nichts erwarten


Warum fällt es uns so schwer, die Feindschaft zu überwinden und alle Menschen gleich – wenn auch nicht im gleichen Maße – zu lieben? Häufig ist Feindschaft ein Ausdruck von Angst und die Angst ein Zeichen der Unsicherheit: Ich kann nicht abschätzen, ob der andere mir wohlgesonnen ist oder ob er Böses gegen mich im Schilde führt. Ich nehme seine Überlegenheit als Bedrohung wahr, weil er seine Fähigkeiten jederzeit auch gegen mich wenden könnte. Oder noch schlimmer: Ich habe schlechte Erfahrung mit dem anderen gemacht, die alles Vertrauen zerstört haben.Wer seine Feinde lieben will, der muss in erster Linie sich selbst überwinden, ohne zu wissen, ob er damit auch die Feindschaft überwinden kann. Er muss alles geben, ohne jede Aussicht darauf, irgendetwas zurückzubekommen. Jede andere Art der Liebe beruht auf Gegenseitigkeit. Wer einem anderen seine Liebe zeigt, aber nie ein Zeichen der Liebe zurückbekommt, der wird früher oder später davon ablassen. Nur wer nicht ganz bei Trost ist, beißt sich in verzweifelter Liebe an einem Menschen fest, der seine Liebe nicht erwidert. Das ist die Liebe, die uns selbstverständlich ist in der Familie und unter Freunden, in der Hilfe für den Nächsten und im Einsatz für Menschen in Not. Aber diese Liebe hat einen Haken: Sie lässt Raum für Hass und Feindschaft gegen all diejenigen, die nicht zu uns gehören und die wir aus unserem Freundeskreis ausschließen. Um nur ein krasses Beispiel zu nennen: Die Menschenschlächter in den KZs der Nazis waren zu Hause mitunter liebevolle Familienväter. Das geht nur, wenn man strikt zwischen Freund und Feind unterscheidet. Wer das Gebot der Feindesliebe ernstnimmt, kann so nicht leben und handeln. Denn er weiß, dass er die Liebe jedem Menschen schuldet, im Extremfall sogar dem, der ihm als Feind gegenübertritt oder den er sich selbst zum Feind gemacht hat.

Auf Vergeltung verzichten

Damit scheint die Feindesliebe weit über das hinauszugehen, was die sogenannte Goldene Regel vorgibt. Wir kennen sie meist nur in der negativen Formulierung: »Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu!« Im Evangelium ist sie positiv gewendet: »Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen!« Nur scheinbar beruht aber die Goldene Regel auf der Gegenseitigkeit, die durch die Feindesliebe ausgeschlossen wird. Denn die Goldene Regel macht nicht das tatsächliche Verhalten des anderen mir gegenüber zum Maßstab, sondern meine eigene Erwartung an ihn. Nicht was der andere wirklich tut, ist ausschlaggebend für mein eigenes Handeln, sondern was ich mir wünsche, dass er mir tun soll. Wenn der andere mich zum Beispiel beleidigt oder schlägt, wünsche ich mir ziemlich sicher, dass er genau das nicht tun soll. Das heißt dann aber, dass ich seine Beleidigung nicht mit meiner Beleidigung erwidern und seine Schläge nicht mit meinen Schlägen vergelten darf.
Nichts anderes besagt das Gebot der Feindesliebe: Es verbietet mir, dem anderen mit gleicher Münze zurückzuzahlen, was er mir angetan hat. Das erscheint zunächst als totale Überforderung. Bei näherem Zusehen ist es aber nichts anderes als die Umsetzung der Goldenen Regel, die jedem von uns einleuchtet: Das Böse, das ich selbst nicht erleiden möchte, darf ich auch anderen nicht zufügen; oder positiv formuliert: Das Gute, das ich von anderen erwarte, muss ich ihnen selbst auch zukommen lassen. Das Gebot der Feindesliebe macht nur deutlich, dass diese Regel unter allen Umständen gilt, auch da, wo wir heimlich immer schon unsere Abstriche machen.

Sich herausfordern lassen


Bleibt am Schluss die entscheidende Frage: Ist eine solche Regel, ist das Gebot der Feindesliebe nicht schlicht und ergreifend weltfremd? Wenn man in unsere Welt hineinschaut, kann man das gar nicht leugnen. Man sieht es im Großen, wo Staaten und Völker, Religionen und Kulturen einander feindselig gegenüberstehen. Man sieht es aber auch im Kleinen, wo wir uns kaum überwinden können, einen Streit auf sich beruhen zu lassen, selbst wenn es um Nichtigkeiten geht. Wozu dann aber die Gebote und Regeln, wenn sie sich im Alltag als unpraktikabel erweisen? Mit dem Gebot der Feindesliebe hat Jesus seinen Jüngern ein sehr hohes Ziel gesteckt. Natürlich ist ihm bewusst gewesen, dass sie dieses Ziel nur selten erreichen werden. Aber er fordert uns bis heute heraus, es wenigstens hie und da zu versuchen. Um unsere Trägheit zu überwinden, braucht es diesen kräftigen Anstoß. Er soll uns nicht mutlos machen, sondern im Gegenteil dazu ermuntern, auf dem Weg in eine Welt, die mehr von der Liebe geprägt ist, beherzt auszuschreiten.

Fürbitten

Gott, unser Vater, du erweist deine Barmherzigkeit allen Menschen. Wir bitten dich für die Menschen, die in Not und Elend leben:

- Für die Ehepaare und Familien, die heillos zerstritten sind: um Wege aus ihren Sackgassen, in die sie verschuldet oder unverschuldet geraten sind.
(Herr, erbarme dich.)
- Für die Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz, die es schwer miteinander haben: um Wege des respektvollen Umgangs bei allen Meinungsverschiedenheiten.
- Für die Meinungsmacher in unserer Gesellschaft, die Hass statt Liebe säen: um Wege der Umkehr und der Einsicht in die Würde eines jeden Menschen.
- Für die Menschen, die Opfer von Hass und Gewalt geworden sind: um Wege der Heilung und des Lebens in dieser und in der künftigen Welt.

Gott, du bist die Liebe, aus der wir leben. Lass uns deine Liebe immerdar spüren und weitergeben an unsere Brüder und Schwestern. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Amen.


Wilfried Eisele

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