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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
15. Sonntag im Jahreskreis
Prophet sein. Heute
Lesejahr B
Beitrag zur Lesung

Einführung

Als Christen leben wir nicht losgelöst oder herausgehoben von allem, sondern mitten in der Welt mit all ihren Schönheiten, Herausforderungen und Problemen. Wir sind beauftragt und gesandt, an unserem Ort und mit unseren Möglichkeiten die gute Botschaft zu verkündigen und heilsam zu wirken. Davon sprechen die biblischen Texte des heutigen Tages. Sie möchten uns Mut machen, mit unserem eigenem Leben Zeugnis zu geben von der Hoffnung, die uns trägt. Lassen wir uns für diesen Einsatz immer wieder im eigenen Herzen bestärken und unseren Blick ausrichten. Und begrüßen wir Jesus Christus in unserer Mitte mit den Worten des Kyrie.

Predigt

Zum Text: Am 7,12–15 (1. Lesung)

Wenn die Propheten einbrächen … »Wenn die Propheten einbrächen durch Türen der Nacht …« – mit diesen Worten beginnt die jüdische Schriftstellerin Nelly Sachs ein eindrucksvolles Gedicht über Propheten und stellt darin immer wieder die alles entscheidende Frage: »Würdest du hören?« Propheten, das sind von der grundsätzlichen Bedeutung her besonders hervorgehobene Personen, die sich von einem Gott berufen sehen, göttliche Botschaften unter den Menschen zu verkünden. Wir kennen Propheten vor allem aus dem Alten Testament – große Namen wie Jesaja und Jeremia, aber eben auch der Prophet Amos, um den es in der heutigen Lesung geht. Amos ist der älteste Prophet, von dem im Alten Testament ein eigenes Buch erhalten blieb. Amos, ursprünglich ein einfacher Viehzüchter, war von Gott dazu berufen worden, als Prophet zu reden. »Der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!« – so wurde es in der Lesung beschrieben.

Amos lebte und wirkte im 8. Jahrhundert vor Christus, einer Blütezeit in Israel, in der der Handel florierte und großer Wohlstand herrschte, von dem allerdings nur eine kleine, privilegierte Gruppe profitierte. Die Schere zwischen der reichen, machtvollen Schicht und der armen Landbevölkerung ging immer weiter auseinander. Wir kennen das Phänomen. Amos legt seinen Finger in die Wunde, prangert mit scharfen Worten die Ungerechtigkeit und Verschwendungssucht an und stößt deshalb auf massiven Widerstand. Der kurze Textausschnitt der heutigen Lesung beschreibt den Versuch der herrschenden Elite – hier in Gestalt des Oberpriesters Amazja –, den unangenehmen Mahner loszuwerden. »Geh, Seher, flüchte in das Land Juda! Iss dort dein Brot und tritt dort als Prophet auf! In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden: denn das hier ist ein Heiligtum des Königs und ein Reichstempel.« Eine ziemlich dreiste, aber gebräuchliche Methode. Derjenige, der kritisiert, die Mächtigen hinterfragt und Unangenehmes redet, wird kaltgestellt. Das war zu Zeiten des Amos so. Auch zurzeit Jesu. Und heute.

Unangenehme Wahrheiten

»Wenn die Propheten einbrächen – würden wir sie hören?« fragt Nelly Sachs. Wenn Journalisten kritische Fragen stellen, wenn Politiker unangenehme Wahrheiten verkünden, wenn Kirchenvertreter Missstände anprangern, wenn Lehrer problematische Entwicklungen benennen, wenn ein guter Freund mich zur Seite nimmt und ehrlich konfrontiert … – würden und möchten wir sie wirklich hören? Oder folgen wir nicht oft unserem natürlichen Abwehrreflex, unseren vorgefertigten Meinungen, unserer langjährig eingespielten Sicht der Dinge? Propheten haben es schwer, wirklich durchzudringen ins Herz der Menschen. Weil Kritik und Hinterfragtwerden in der Regel nicht angenehm sind. Weil wir uns ungern aufrütteln lassen aus unseren Gewohnheiten, die ja auch eine positive Art von Sicherheit beinhalten. Und weil es urmenschlich ist, sich zu schützen vor dem, was uns im Innersten betreffen und auch eine Krise auslösen kann. Oder eine Verhaltensänderung provoziert. Das wünscht sich erst einmal keiner. Und doch gäbe es keine Entwicklung und keine Veränderung, wenn Menschen nicht bereit wären, immer wieder zu hören, sich selbst zu hinterfragen und wenn nötig auch eine Richtungsänderung vorzunehmen. Umkehr nennt das übrigens die Bibel.

Propheten heute


»Wenn die Propheten einbrächen …« Wer aber sind die Propheten in einer Zeit, in der wir durch die vielfältigen Medien und das Internet von jeglichen Meinungen überflutet werden und in der sich das Wissen der Welt und der digitale Datenbestand nach Aussage namhafter Wissenschaftler alle zwei Jahre verdoppelt? Wer oder was gibt uns da überhaupt noch Orientierung? Welche Meinung zählt? Was ist Wahrheit, wenn nach Beliebigkeit Lügen aufgetischt und missliebige Meinungen als ›Fake News‹ gebrandmarkt werden? Es braucht einen inneren Kompass, nach dem wir uns ausrichten. Die Bereitschaft, gut hinzuhören, und Klugheit, manche Spreu vom Weizen zu trennen. Der heilige Ignatius von Loyola spricht da von der »Unterscheidung der Geister« und gibt seinen Schülern konkrete Regeln an die Hand, mit der sie Gedanken und Entwicklungen einordnen können. Das ist die eine Seite, die in uns selbst.

Dann braucht es aber auch Menschen, die vertrauenswürdig sind und verantwortungsbewusst handeln. Die sich einsetzen und Veränderungen mitgestalten. Keine Miesmacher und Anhänger von Verschwörungstheorien, sondern Menschen mit einem weiten Herzen und einem wachen Verstand, die den Glauben an eine gute Zukunft der Welt nicht aufgegeben haben und zur Hoffnung und Zukunft mahnen. Propheten also in einem ganz positiven Sinne. Bekannte Gesichter, aber auch gleichermaßen die vielen, die im Verborgenen arbeiten und doch nicht weniger wertvoll. Da sind zum Beispiel unzählige mutige Journalisten, die in Ländern, in denen Pressefreiheit nur auf dem Papier steht, ihre Stimme erheben und dafür ihre Freiheit riskieren, bisweilen sogar ihr Leben opfern. Da sind die unglaublich starken und klugen Jugendlichen aus der Marjory Stoneman Douglas Highschool in Parkland, die aus der traumatischen Erfahrung eines grausamen Schulmassakers eine machtvolle Bewegung gegen Waffengewalt ins Leben gerufen haben. Da ist auch ein Papst Franziskus, der nicht müde wird, Ungerechtigkeiten in der Welt anzuprangern und die Christen, aber letztlich alle Menschen, an ihren Auftrag zu erinnern, sich einzusetzen für eine bessere Welt.

Zeugen der Hoffnung

»Gebt Zeugnis von der Hoffnung, die euch erfüllt« (1 Petr 3,15) lesen wir in der Bibel als prophetischen Aufruf für uns selbst: Halte in deinem Herzen an der Hoffnung und dem Glauben an die Zukunft fest. Gib Zeugnis von der österlichen Botschaft, dass das Leben stärker ist als der Tod. Geh aufmerksam und wach durchs Leben. Lass dich nicht einfangen von einer pessimistischen Weltuntergangsstimmung, sondern mach das Gute groß, das Hoffnungsvolle stark, das Menschliche lebendig. Es ist immer wieder auch eine Frage des persönlichen Einübens und einander Erinnerns: Das Leben ist lebenswert. Die Welt hat eine Zukunft. Mit jedem Kind, das neu geboren wird. Mit jeder Knospe, die aufblüht. Mit jedem Sonnenstrahl, der uns morgens in einen neuen Tag lockt. Lassen wir uns erwärmen und erhellen, auch in unserem eigenen Denken, Handeln und Hoffen! Und handeln wir auch selbst als Propheten. Hier und heute! Am jeweils gegebenen Ort! »Wenn die Propheten einbrächen durch Türen der Nacht … Ohr der Menschheit, würdest du hören …«

Fürbitten
»Propheten sind wir alle, auch du und ich …« – so heißt es in einem Lied von Peter Janssens. Um Prophet sein zu können, braucht es immer wieder viel Kraft und Mut. Deshalb bitten wir:

- Um Schutz für die Journalisten, die ihre Freiheit und ihr Leben riskieren im Dienst an der Wahrheit und der freien Meinungsäußerung.
- Um Beharrlichkeit für die Jugendlichen, die mit ihren Idealen und kreativen Möglichkeiten an einer positiven Gestaltung der Zukunft mitarbeiten.
- Um Gehör für verantwortliche Kirchen- und Staatsvertreter, die sich im Sinne der Menschen um ausgewogene Sichtweisen und Entscheidungen bemühen.
- Um Kraft für die vielen kleinen und großen Propheten des Alltags, die sich in Familie, Beruf und Nachbarschaft für ein gutes Miteinander einsetzen.
- Um Trost für diejenigen, die leiden am Verlust persönlicher Vorbilder und wichtiger Lebensbegleiter. Guter Gott, wir sind nicht alleine unterwegs und erfahren vielfältige

Bestärkung. Schenke du deinen Beistand und alles, was wir für ein gutes und gelingendes Leben brauchen, heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Annegret Hiekisch

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