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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 3
Zehnter Sonntag im Jahreskreis
Adam, steh zu dir selbst!
Lesejahr B
Beitrag zur Lesung

Einführung

»Entschuldigung« sagen wir schnell, wenn uns eine Unachtsamkeit unterlaufen ist – und meist wird das auch mit einem verständnisvollen Lächeln quittiert. Genau genommen ist es aber gar nicht so einfach mit der Entschuldigung. »Ich entschuldige mich«: sich selber ent-schuldigen geht eigentlich gar nicht. Ich kann nur um Ent-Schuldigung bitten! Und warum ist das oft so schwer? Warum sucht man meist die Schuld schneller bei anderen als bei sich? Was hilft, ehrlich zu seiner Schuld zu stehen? Wir sprechen jetzt das Schuldbekenntnis. Und selbst wenn mir keine »große Schuld« bewusst ist – ich will »die Brüder und Schwestern bitten, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn«.

Predigt

Zum Text: Gen 3,9–15 (1. Lesung)

Wo bist du?


»Wo bist du?« Das ist die erste Frage, die Gott in der Bibel an den Menschen richtet. »Adam, Mensch, wo bist du?« In den jüdischen Geschichten der Chassidim wird erzählt, dass der große Rabbi Schneur Salman bei der Lesung dieser Stelle ausgerufen habe: »Was, Gott wusste nicht, wo sich Adam befand? Nein, so darf man diese Frage nicht stellen. Gott wusste es – Adam aber nicht!« – Mensch, wo bist du? Gott fragt nicht, weil er eine Informationslücke hat. Sein Fragen will den Menschen zu sich selber führen. So auch an anderer Stelle: »Kain, wo ist dein Bruder?« Oder wenn Jesus fragt: »Was willst du, dass ich dir tun soll?«

Verstecken und Verdrängen

Es hat sich längst herumgesprochen, dass in der Sündenfallgeschichte des Buches Genesis keine Geschichte aus grauer Vorzeit erzählt wird. Hier wird vom Menschen überhaupt gesprochen: von dem, was ist und immer neu geschieht. Es geht um das alte und immer neue Problem der Schuld und der Bewältigung von Schuld.

Adam, »der Mensch«, versteckt sich. Er will zu sich und zu seinem Verhalten nicht stehen. Es gibt so viele Weisen, sich vor sich selbst und vor Gott zu verstecken, abgewandt von Gott zu leben. Da ist die Angst, sich eine Blöße zu geben; die Unwahrhaftigkeit, in der man sich über seine wahre Lebenssituation hinwegtäuscht und eine Fassade aufbaut, hinter der man sich verstecken kann. »Adam, wo bist du?«

Und dann die Mechanismen der Verdrängung. Wie wir aus dem Buch Genesis entnehmen, sind sie menschheitsalt. Einer schiebt die Schuld dem anderen zu: der Mann der Frau, die Frau der Schlange … »Hölle – das sind die anderen!«, sagt der französische Existentialist und Atheist Sartre. Er trifft damit auch den Hang im Menschen, sich selbst für durchaus anständig zu halten (man ist doch eigentlich »ein guter Kerl«) und die Verantwortlichkeit bei anderen zu suchen.

Wir reagieren moralisch sehr sensibel auf alle möglichen Skandale: auf Missbrauch, auf Herzklappenschmiergeld und Steuerhinterziehung, auf Müllschieberei oder Amigo-Reisen. Da funktioniert unser Unrechtsbewusstsein: »Die Hölle – das sind die anderen!« Uns selber billigen wir sehr differenzierte Entschuldigungsgründe zu …

Keine Blöße zeigen!

Warum ist es so schwer, zu sich zu stehen – auch zu seiner Schuld, zu dem, was nicht in Ordnung war oder ist? Weil ›Schwäche zeigen‹ uns wie ein Verdammungsurteil vorkommt. Weil Adam, der Mensch, aus eigener Machtvollkommenheit leben will – und sich dabei gnadenlos übernimmt. Denn dann muss man sich ja ständig beweisen und beweisen lassen, wie gut und perfekt man doch ist. Es bedeutet eine radikale Umkehr unseres Herzens, unser Leben als unverdientes Geschenk gratis aus Gottes Hand anzunehmen. Dann erst sind wir »so frei«, uns selber loszulassen und aus der Dankbarkeit zu leben.

Wenn das Ja der Liebe, das Gott zu Adam, zu jeder und jedem von uns gesprochen hat und spricht, mehr und mehr zu unserem Lebensfundament wird, dann können wir zu uns stehen auch in unserer Begrenztheit und Schuld. Dann können wir Verantwortung übernehmen, weil Gott uns diese Verantwortung zutraut – und wir können Versagen eingestehen, ohne deshalb unten durch zu sein, weil wir es vor Gott nicht sind.

Die Würde, Verantwortung zu tragen

Es gehört zur Würde des Menschen, Verantwortung tragen zu können. Das heißt auch: für seine Schuld einzustehen und umkehren zu dürfen. »Adam, wo bist du?« Warum läufst du vor mir und vor dir selbst weg? Du kannst zur Wahrheit deines Lebens stehen, weil ich zu dir stehe. »Die Wahrheit wird euch frei machen«, sagt Jesus im Johannesevangelium (Joh 8,32).

Verheißung statt Verurteilung

Die Sündenfallgeschichte der Bibel endet nicht in einer Verurteilung, sondern in einem Machtwort Gottes gegen die »Schlange« und in einer Verheißung: »Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs« – sagt Gott zu der Schlange. »Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.« Das heißt doch: Du, Mensch, wirst in den Kampf mit dem Bösen gestellt bleiben. Aber mit Gott, deinem Schöpfer, im Bund wirst du die Kraft finden, das Böse niederzuhalten. Und im Evangelium heißt es: Es gibt nichts, was dem Menschen nicht vergeben werden könnte – es sei denn, er lästere gegen den Geist der Vergebung selbst (Mt 12,31f ).

»Adam, wo bist du?«

Herr, hier bin ich vor dir.
Dein Ja trägt mich. Deine Liebe lässt mich atmen.
Weil du zu mir stehst, kann ich zu mir selber stehen.
Deine Wahrheit macht mich frei.

Fürbitten
Guter Gott, in deinem Licht schauen wir das Licht. In deiner Kraft können wir uns der Wahrheit unseres Lebens stellen und das Böse überwinden.

- Wir bitten für die Kirche an Haupt und Gliedern: um die Kraft, Fragen und Kritik aufzunehmen und im Guten aufeinander zu hören.
(GL 229 »Herr, erhebe dich, hilf uns und mach uns frei«)
- Wir bitten für alle, die Verantwortung tragen für andere Menschen: um Einsicht in die eigenen Grenzen und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen.
- Wir bitten für Menschen, die schuldig geworden sind und sich verrannt haben: um die Chance der Umkehr und des neuen Anfangs.
- Wir bitten für alle, denen Unrecht geschehen ist: um Gerechtigkeit und um die Freiheit, zu vergeben.
- Wir bitten für Menschen, die aus einem Streit nicht herausfinden: um die Gnade, den ersten Schritt zum Frieden zu tun.

Jesus Christus zeigt uns den Weg zur Versöhnung. Durch ihn preisen wir dich im Heiligen Geist jetzt und allezeit. Amen.

Thomas Keller

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