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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
22. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr B
Reine Hände und ein reines Herz – die etwas andere Waschanleitung Jesu

Beitrag zum Evangelium

Einführung
Dazugehören, nicht ausgeschlossen sein, das ist uns Menschen wichtig. Und dafür muss man etwas tun. Das Verhalten, die Meinung, die Kleidung, alles muss stimmen, dass wir bei den Mitmenschen angenommen werden und dazugehören. Und bei Gott? Da dürfen wir gelassen sein: Bei ihm gehören wir längst dazu. Und er hilft uns, dass das so bleibt. So rufen wir voll Vertrauen zu ihm:

Kyrie-Ruf

Herr Jesus Christus, du schenkst uns die heilsame Begegnung mit dir. Wir können und müssen sie uns nicht verdienen.
Du bist die Tür, die allen offen steht.
Herr, erbarme dich.
Du bist der Hirte, der keinen übersieht.
Christus, erbarme dich.
Du bist der Weg, der zum Leben führt.
Herr, erbarme dich.

Tagesgebet
Großer Gott,
du hast uns heute eingeladen; du bist in unserer Mitte, wenn wir uns als dein Volk versammeln. Du hast Platz für alle, die nach dir suchen.
Erfülle unser Herz mit der Liebe zu dir und den Menschen, dass wir eine Gemeinschaft leben, in der dein Geist lebendig ist und erfahrbar wird für alle, die auf der Suche sind nach dir.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 640 »Gott ruft sein Volk zusammen«
EH 285 »Eingeladen zum Fest des Glaubens«
Antwortgesang mit Halleluja-Ruf
GL 614 »Wohl denen, die da wandeln« und GL 530/4 »Halleluja« mit Vers aus dem Lektionar
EH 73 »Liebe ist nicht nur ein Wort« und EH 27 »Halleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 620,1–2 »Das Weizenkorn muss sterben«
EH 289 »Wenn ich alle Sprachen dieser Welt sprechen könnte«
Gesang zur Kommunion
GL 620,3–4 »Wer dies Geheimnis feiert«
EH 176 »Wer kann den Hunger nach Frieden stillen«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 637,1–3 »Lasst uns loben, freudig loben«
EH 268,1–2.5 »Dass du mich einstimmen lässt«

Vorüberlegungen

Zum Text: Mk 7,1–8.14–15.21–23 (Evangelium)

Bei der Streitfrage dieses Evangeliums geht es um die »Reinheit«. Dieser Begriff ist nicht nur als Wort sehr missverständlich bis unverständlich, weil es kaum noch jemand benutzt. Auch die Sache selbst ist erklärungsbedürftig. Die levitischen Reinheitsvorschriften, um die es im Evangelium geht, waren bereits der Gemeinde des Evangelisten Markus fremd (man hört den distanzierten, leicht spöttischen Ton leicht heraus). Mehr noch gilt das für uns. Gnadentheologisch ist die Frage der »Reinheit vor Gott« zunächst bei der Taufe einzuordnen, bei der sie jedem Christen bedingungslos und dauerhaft von Gott geschenkt wird. Und doch ist die Aussage dieser Perikope, dass es auch eine Unreinheit vor Gott gibt – nur eben nicht durch äußerliche Rituale oder Speisevorschriften, sondern durch das, was im Herzen geschieht. Es gibt also auch als Getaufter die Möglichkeit, sich die Begegnung mit Gott unmöglich zu machen. (zur Bedeutung der Reinheit vgl. z. B. J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus. EKK II/1, S. 279–286; oder einschlägige Artikel im LThK oder theologischen Wörterbüchern).
Die Predigt stellt sich dieser komplexen Materie, um den Preis, dass sie einen recht lehrhaften Charakter bekommt. Dies lohnt sich, weil damit der Gemeinde ein theologischer Fachterminus erschlossen wird, der häufiger in den Evangelien auftaucht. Der Begriff der Reinheit wird zunächst von der Alltagssprache abgegrenzt und mit der menschlichen Erfahrung des »Dazugehörens« erschlossen. Von der Taufe wird hergeleitet, dass »Reinheit« zuerst und vor allem ein Geschenk Gottes ist, dass aber der Mensch dieses Geschenk gefährden kann, wenn er sich der Liebe verschließt. Beziehungsweise umgekehrt: dass es nicht mehr braucht als die Grundhaltung der Liebe, um bei Gott gewiss »dazuzugehören«.

Predigt

Jesus, ein Schmutzfink? Achtung: Fachchinesisch!

Was hat Jesus nur gegen das Händewaschen? Haben wir nicht alle als Kinder gelernt: »Nach dem Klo und vor dem Essen: Hände waschen nicht vergessen!« Das ist doch ganz einfach hygienisch und damit sinnvoll! Haben die Pharisäer im Evangelium nicht Recht, wenn sie kritisieren, dass die Jünger das einfach unterlassen?
Ja: Wenn es nur um Hygiene ginge. Aber in Wahrheit geht es um etwas ganz anderes. Es geht um Reinheit, und dieses Wort hat gar nichts mit Sauberkeit zu tun. Reinheit ist einer dieser religiösen Fachbegriffe, die Jesus und den Seinen damals geläufig waren, die aber in unserer Zeit im Alltag nicht mehr gebräuchlich sind.
Nun denken Sie vielleicht: »O je, wieder mal Theologen-Fachchinesisch? Angestaubte Kirchensprache… Lasst mich damit in Ruhe.« Und doch scheint die Sache, um die es geht, Jesus sehr wichtig zu sein: »Hört mir alle zu und begreift, was ich euch sage!«, so hören wir ihn. Es lohnt sich daher, uns mit diesem Begriff ein wenig Mühe zu geben.

Was Reinheit meint: Bei Gott dazugehören

Um zu verstehen, was »Reinheit« meint, hilft es, uns eine Situation vor Augen zu halten, die viele von uns kennen: Da ist ein Kreis von Menschen, zu dem möchte ich gehören. Sei es ein Freundeskreis, eine Clique, eine Gruppe in Verein oder Kirchengemeinde, ein Kreis von Arbeitskollegen, die sich offenbar besonders gut verstehen. Wie komme ich in diesen Kreis, wie kann ich dazugehören? Jugendliche können ein Lied davon singen, was es alles dazu braucht: die richtige Kleidung, die richtigen Modelabels, das richtige Handy, die richtige coole Sprache… Und auch Erwachsene wissen um die Mühe, die es kosten kann, vom Fremden zum Freund zu werden, irgendwann dazuzugehören.
Und wie ist das bei Gott? Welches Verhalten, welche Taten, welche Kleidung braucht es, um bei ihm dazuzugehören? Um ihm nahe kommen zu können, um vor Gott »in Ordnung« zu sein? Genau darum geht es, wenn in der Bibel von »Reinheit« die Rede ist: Rein ist, wer bei Gott dazugehört, wer zu Gott passt.

Reinheit im jüdischen Glauben

Und das ist alles andere als selbstverständlich. Wer wollte schon behaupten, dass er mit seinen ganzen Fehlern und Schwächen zu Gott passt? Schon die Menschen zu biblischer Zeit, im Volk Israel waren überzeugt: Der Mensch, wie er ist, ist viel zu fehlerhaft, zu wenig gott-gleich, als dass er es in unmittelbarer Nähe mit Gott aushalten könnte. Und Gott mit ihm. Das heißt: Er ist »unrein«, er hat Fehler, die ihn vor Gott anstößig machen. Deshalb muss er von solchen Anstößigkeiten befreit werden. Dafür entwickelte das Volk Israel im Lauf seiner Geschichte bestimmte Verfahren und Rituale. Mit ihnen wird der Mensch rein gemacht, also in einen Zustand versetzt, mit dem er Gott begegnen kann.
Um diese Reinheitsrituale geht es im heutigen Evangelium. Sie sind im biblischen Buch Levitikus festgelegt. Sie galten ursprünglich nur für die Priester im jüdischen Volk, denn die waren es, die stellvertretend für alle Israeliten vor Gott traten. Sie mussten deshalb rein sein. So befolgten sie viele Regeln und Rituale, wie etwa Speisevorschriften, ein gottesfürchtiges und anständiges Verhalten, den Kontakt mit Andersgläubigen meiden und vieles mehr. Ebenso ist vorgeschrieben, was zu tun ist, wenn einer bei all diesen Regelungen etwas falsch gemacht hat: Die so entstandene Unreinheit muss durch ein Ritual mit Wasser abgewaschen werden. Religiöse Erneuerungsbewegungen zur Zeit Jesu, wie die Pharisäer, machten aus diesem Priesterritual eine allgemeine Vorschrift für alle Gläubigen. Und so kritisierten sie die ungewaschenen Hände der Jünger. Das konnten ja wohl keine ernsthaften Gläubigen sein!

Christen erhalten die Reinheit in der Taufe geschenkt

So war das also. Aber was hat das mit unserem Glauben heute zu tun? Tatsächlich dürfen wir Christen glauben, dass wir uns die Reinheit nicht verdienen oder durch Rituale erwerben müssen noch können. Gott schenkt uns die Nähe zu ihm. Er möchte uns nahe sein, und zwar so, wie wir sind. Weil er uns liebt, so, wie wir sind. Dieses Geschenk Gottes wird uns in der Taufe zugesprochen. Das weiße Kleid erinnert als Zeichen daran. Es bedeutet: Nichts ist an dir, was nicht zu Gott passen könnte! Er ist dir nahe und du darfst ihm nahe sein, wenn du nur willst. Du bist vor Gott ganz rein. Du gehörst dazu. Einmal getauft, entzieht dir Gott dieses Geschenk nicht mehr!
Ist die Reinheit also doch ein Begriff für die kirchliche Mottenkiste? Wenn sich die Frage für uns als Getaufte gar nicht mehr stellt, wie wir Gott nahe kommen können? Nein, so einfach ist es nun auch wieder nicht. Da macht uns zum einen unsere Erfahrung einen Strich durch die Rechnung: Wer würde nicht manchmal daran zweifeln, ob er für Gott wirklich »gut genug« ist? Und: Wie viele Christen zeigen Verhaltensweisen, die ganz gewiss nicht zu Gott passen! Da brauchen wir nicht allein an die großen Verbrechen denken, die im Lauf unserer Geschichte schon von Christen im Namen Gottes und der Kirche begangen wurden. Nein: Die Taufe ist keine Garantie dafür, dass ein Mensch unverbrüchlich in Gottes Nähe bleibt, gleich was geschieht. Jesus selbst schafft ja den Gedanken der Reinheit nicht ab. Er kritisiert zwar wie viele Propheten vor ihm ein falsches, äußerliches Verständnis von Reinheit. Als ob Bosheit wirklich mit Wasser abzuwaschen wäre! Aber vor allem macht Jesus deutlich, worauf es ankommt, damit ein Mensch vor Gott rein ist und bleibt. Es kommt nicht auf Rituale an, sondern darauf, was sich im Herzen dieses Menschen abspielt. Und da ist es durchaus möglich, dass ein Mensch Dinge im Herzen trägt, mit denen er bei Gott nicht ankommen kann. Jesus nennt ja ein paar konkrete Beispiele. Auch ein getaufter Christ kann die Reinheit verlieren.

Um rein zu bleiben, brauchst es eines: Liebe im Herzen

Wie passt das nun zur bleibenden Zusage bei der Taufe? Das Evangelium erinnert uns daran, dass auch zur Beziehung zwischen Gott und Mensch zwei gehören. Die Taufzusage bleibt bestehen, weil Gott treu ist und seine Zuwendung niemals zurückzieht. Deshalb gehört die Taufe zu den Sakramenten, die nicht wiederholt werden. Gottes Ja zu einem Menschen gilt ein für alle mal. Aber wir Menschen behalten unsere Freiheit. Wir können die Beziehung zu Gott, seine Nähe wollen oder auch nicht. Es liegt an uns, ob wir die Liebe Gottes durch unsere Liebe erwidern oder nicht. Wir können auch Hass und Bosheit in unser Herz hereinlassen, die Beispiele Jesu sind Haltungen, in denen sich das zeigt. Und wenn wir uns ihnen hingeben, dann sind wir von Gott getrennt, mit dem alten religiösen Begriff gesagt: Dann sind wir unrein. Nicht, weil Gott uns die Reinheit nimmt, sondern weil wir selbst sie zurückweisen. Hass und Bosheit sind der Weg, uns von Gott zuverlässig fern zu halten.
Aber das heißt umgekehrt auch: Um rein zu sein, um mit Gott verbunden zu bleiben, braucht es keine Rituale, keine Opfer, keine Wiedergutmachungsaktionen. Es braucht nur die Liebe, die Liebe zu Gott und zum Nächsten. So sagt es Jesus an anderer Stelle: Gott lieben und den Nächsten lieben, das genügt. Damit sind alle Gesetze und Vorschriften schon erfüllt. Mehr braucht es nicht. Aber eben auch nicht weniger! Der Kirchenvater Augustinus hat in einen einzigen kurzen Satz gefasst, worum es geht: »Liebe – und dann tu, was du willst!«

Fürbitten
Herr Jesus Christus, du willst die Welt mit deiner Liebe prägen und so dein Reich mitten unter uns aufrichten. Doch da ist viel Lieblosigkeit in unserer Welt, in unserer Kirche und in unseren Herzen. Deshalb bitten wir dich:

- Für alle Menschen, deren Leben von Hass, Gewalt und Unfrieden bestimmt ist.
(V/A: Dein Reich komme.)
- Für unsere Kirche, wo sie hartherzig Gebote über Menschen stellt.
- Für die Paare und Familien, in denen Streit oder Gewalt den Alltag bestimmen.
- Für alle Einsamen, die aus Enttäuschung und Verbitterung nicht mehr lieben können.
- Für uns alle, wo wir mit unserer Liebe an Grenzen kommen.
- Herr Jesus Christus, du hast uns die Liebe zu Gott und zum Nächsten aufgetragen als die Erfüllung des ganzen Gesetzes. Mit diesem Auftrag lässt du uns nicht allein. Du machst uns stark mit deiner Liebe.

Dafür danken wir dir und preisen dich, heute und alle Zeit, bis in Ewigkeit. Amen.

Stefan Möhler

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