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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
13. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr B
Vom Töchterchen des Jaïrus zur Tochter Gottes

Beitrag zum Evangelium

Einführung
Im heutigen Evangelium sind die Geschichten von zwei Frauen wundersam ineinander verwoben. Der Evangelist Markus hat sie geschildert, weil er vermitteln wollte, wie in den Wundern Jesu die Macht Gottes sichtbar wurde. Diese Wunder hatten zurzeit Jesu etwas Aufregendes, aber sie fordern uns auch heute noch heraus, weil sie von einer geheimnisvollen Kraft erzählen, die in der Begegnung mit Jesus zu spüren war und von der wir uns vielleicht wünschten, sie doch auch heute zu spüren. Wie hat Jesus das »gemacht«? Wie haben das seine Zeitgenossen erlebt? Die Evangelien erzählen uns etwas davon. Aber sie sind eben keine Trickkiste für Zauberer und kein Handbuch für Ärzte. Vielmehr vermitteln sie uns in verschiedenen Episoden, was nach dem Verständnis Jesu zum »heil werden« gehört, was »heil sein« bedeuten kann. Diejenigen, die diese Erzählungen gesammelt und weitergegeben haben, waren davon überzeugt, dass das Lesen und Hören dieser Berichte die Menschen öffnen konnte. Öffnen dafür, selbst solche Erfahrungen von Heilung zu machen, wenn sie verstünden, worauf es ankommt. Wie ist das für uns heute? Können diese Berichte auch für uns verständlich werden? Lassen Sie uns das heute einmal versuchen.

Kyrie-Ruf
Herr Jesus Christus, du lädst uns ein, deine Schwestern und Brüder zu sein.
Herr, erbarme dich.
Herr Jesus Christus, du zeigst uns die Liebe des Vaters.
Christus, erbarme dich.
Herr Jesus Christus, du heilst die Kranken.
Herr, erbarme dich.

Tagesgebet
Gott, unser Vater,
in der Taufe hast du uns als deine Kinder angenommen.
Lass uns das nicht vergessen, damit wir uns nicht von Blendern vereinnahmen lassen. Hilf uns stattdessen, deiner Liebe zu uns verbunden zu bleiben.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 621 »Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr«
Antwortgesang mit Halleluja-Ruf
GL 527/3 »Meine Seele preise den Herrn« oder
EH 249 »Im Jubel ernten, die mit Tränen säen« und
GL 530/2 »Halleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 617 »Nahe wollt der Herr uns sein«
Gesang zur Kommunion
GL 289 »Herr, deine Güt‘ ist unbegrenzt«
Dankhymnus/Schlusslied
EH 279,1–2 »Geborgen in dir, Gott« oder
Segenslied
EH 59,2.4.6–7 »Der Herr wird dich mit seiner Güte segnen«

Vorüberlegungen

Zum Text: Mk 5,21–43 (Evangelium)

Menschen, die wirklich an ihren Erkrankungen und körperlichen Einschränkungen leiden, erleben schmerzlich, dass Heilungswunder in der Regel in ihrem Leben ausbleiben, zumindest wenn damit das oberflächlich wahrnehmbare plötzliche Verschwinden von körperlichen Symptomen gemeint wird. Die Versuchung in der Deutung dieser Erzählung liegt meines Erachtens darin, diesen möglichen Schmerz im erfahrenen Ausbleiben des Wunders zu bagatellisieren und die Zuhörer darum zu bitten, doch nicht so oberflächlich zu denken, als ob es hier um eine wortwörtliche physisch erfahrene Heilung ginge. Die Herausforderung liegt in der Unterstützung der Zuhörer, das Erzählte ernst zu nehmen und ihnen ein Verständnis des Erzählten anzubieten, das ihnen etwas über die geistliche Dimension von Heilwerden erschließt.

Das Markusevangelium beschreibt Jesus als Arzt in einem umfassenderen Sinn. Die junge Tochter des Jaïrus und die blutflüssige Frau werden gesund, weil ihnen in der Begegnung mit Jesus die Zusage von Gott her entgegenkommt: Du bist wer! Du bist geliebt, so wie du bist – vor allen Reinheitsgesetzen und jenseits aller Benimmregeln im Haus eines Synagogenvorstehers. Wenn das offizielle Heiligtum, der Jerusalemer Tempel, auch für die blutflüssige Frau tabu ist, so begegnet ihr in Jesus eben doch der Heilige, der über den Cherubim thront und dessen Saum die Erde berührt. In Jesus, lässt Er, der Ewige sich anfassen. Weil die Frau das glaubte, wurde aus dieser Begegnung eine Wende in ihrem Leiden. Die schwerste äußere Konsequenz, die dieses Leiden am Blutfluss hatte, war in diesem Augenblick überwunden. Die Verbindung zu Gott war wiederhergestellt. Bei der Tochter des Synagogenvorstehers scheint der Vater dieser Verbindung zu Gott im Wege gestanden zu haben. Wie soll ein Kind lernen, dass es noch eine andere, größere, frei machende Liebe gibt, wenn der Vater es vor lauter Fürsorge als »sein Töchterchen« an sich bindet? Von dieser Fürsorge distanziert sich Jesus. Er spricht sie an, wie man eine Zwölfjährige ansprechen kann: »Steh auf«! Er traut ihr das Selbstverständliche zu: Auf eigenen Füßen zu stehen.

Predigt

Um eine biblische Erzählung wirken zu lassen empfahl, Ignatius von Loyola seinen Zeitgenossen in seinen geistlichen Übungen, sich die Handlung möglichst anschaulich vorzustellen. So, meinte er, kann die der Erzählung innewohnende Kraft leichter wieder lebendig werden. Folgen wir dem Rat des Ignatius einmal und nähern uns so dem heutigen Abschnitt aus dem Markusevangelium.

»Komm bitte schnell mit mir, mein Töchterchen droht zu sterben!«

In den Tagen, von denen das Evangelium hier berichtet, ist Jesus viel unterwegs. Er fährt, begleitet von seinen Jüngern, mehrmals mit einem Boot über den See Gennesaret. Wo er auch landet, laufen die Leute zusammen und nehmen ihn in Anspruch. So ist es auch in diesem Fall. Kaum dass er aus dem Boot ausgestiegen ist, schart sich eine Traube Menschen um ihn. Es ist, als hätten sie schon darauf gewartet.
Einer ist in dieser Menschentraube, den kennen sie hier am Ort alle: einer der Vorsteher der Synagoge – Jaïrus. Er ist schwer besorgt um seine zwölfjährige Tochter. Sie ist, wenn man seinen Worten glauben soll, schwer erkrankt. Man möchte ihm jedenfalls glauben, dass sie sein ein und alles ist. Jaïrus lässt sich ihretwillen sogar vor Jesus auf den Boden fallen – ein Synagogenvorsteher vor einem Wanderprediger. Es werden in dieser Traube wahrscheinlich einige Menschen stehen, die ebenfalls gerne Jesu Aufmerksamkeit hätten. Aber wie sich dieser Jaïrus für seine Tochter einsetzt – das fällt auf.
Nebenbei betrachtet: Wer in dieser Menschentraube selbst eine Ahnung davon hat, wie das ist, wenn man immer »das Kind von« ist, das Kind von angesehenen Eltern in einer herausgehobenen Position, der kann sich vorstellen, dass elterliche Besorgtheit im Übermaß auch ihre Schattenseiten hat; gerade dann, wenn die Kinder vermehrt das Bedürfnis spüren, eigene Entdeckungen zu machen und in die Pubertät kommen. Dann wehrt sich etwas dagegen, wenn man überall hört: »Du bist doch das Töchterchen vom …« – und wenn man dazu dann keine Luft zum Atmen bekommt, was dann?
So etwas denkt sich also vielleicht der oder die eine oder andere in der Menschentraube um Jesus und tuschelt es ihrem Nachbarn zu. »Aber bitte, das bleibt unter uns, sagen sie es nicht weiter«. Was für den Augenblick wichtig ist: Jesus macht sich mit dem Synagogenvorsteher Jaïrus auf, um nach dem Töchterchen zu schauen. Jaïrus hat es eilig. Die Menschentraube formt sich um und bildet eine Gasse um die kleine Gruppe von Jesus, seinen Jüngern und dem Synagogenvorsteher, damit sie schneller vorankommen.
Für einen Moment vermischt sich die Szenerie vielleicht mit Bildern aus unserer Zeit. Bilder von einem Notfalleinsatz: Blaulicht und Martinshorn – der erwartete Notarzt ist eingetroffen und wird schnell zum Unfallopfer gelotst – weg da, wir haben es eilig – jede Sekunde zählt.

Die blutflüssige Frau – in den Augen Jesu eine Tochter Gottes

Jaïrus dürfte sicher dankbar sein, wenn sie schnell vorankommen. Je schneller sie bei seinem Haus ankommen, desto höher die Chance, dass sein Töchterchen noch lebt. So denken vielleicht auch seine Gemeindemitglieder, die mit ihm fühlen und die Jünger. Und sie sind gedanklich schon ganz bei dem Mädchen.
Da bleibt Jesus auf einmal stehen. Während die meisten Menschen um ihn herum einen gelegentlichen Körperkontakt im Gedränge gar nicht besonders beachten, ist sich Jesus auf einmal einer Berührung bewusst, die nicht beiläufig war. Da ist eine Kraft von ihm ausgegangen. Dieses Berührtwerden betraf nicht nur sein Obergewand, sondern ihn als Person. Das hat er gemerkt. So präsent ist er, so wach für den Augenblick. Dafür lohnt es sich, innezuhalten. Er lässt sich von der Eile nicht mitreißen. Jede Sekunde ist kostbar, auch für ihn. Aber das bedeutet für ihn etwas anderes: Für Jesus bedeutet es, im Augenblick präsent zu bleiben.
In der Reaktion seiner Jünger spiegelt sich ihre Ungeduld. »Blick um dich, wie die Leute dich umdrängen, und da fragst du, wer dich festgehalten hat!« Für die meisten in dem Gedränge mag das eine beliebige Berührung gewesen sein. Für einen Menschen in seiner Nähe war es das in diesem Augenblick nicht. Dessen ist sich Jesus sicher. Jesus bleibt bei seinem Interesse für diese eine Person. Er bleibt stehen und wartet.
Es mögen im Empfinden des Synagogenvorstehers und der Jünger Jesu lange Sekunden sein, bis endlich diese Frau vor Jesus hinzutreten wagt. Vielleicht sieht sie im Blick Jesu die Einladung dazu. Jedenfalls traut sie sich jetzt. Sie erzählt ihm, dass sie bis gerade eben zwölf Jahre lang an Blutfluss litt. Kein Arzt habe ihr helfen können. Die ganzen zwölf Jahre über habe sie vor den anderen als unrein gegolten und kaum am öffentlichen Leben teilnehmen können. Sie habe aber jetzt geglaubt, heil werden zu können, wenn sie nur den Saum seines Gewandes berühren würde. Deshalb habe sie diesen Augenblick genutzt, als er an ihr vorüber gekommen war. Und da habe sie gespürt, wie der Blutfluss mit einem Mal anhielt und sie geheilt war.
Bildlich gesprochen rann ihr mit dem Blut das Leben nur so davon. Wer war sie als Unreine schon in den Augen der anderen, wer war sie in den Augen Gottes? Sie verarmte mehr und mehr, während sie die Ärzte für ihre hilflosen Behandlungsversuche bezahlen musste. Und ihre Hoffnung war doch nicht ganz am Ende. Jesus wirkt von dieser Begegnung tief – eben nicht nur oberflächlich – berührt und erkannt. Er verabschiedet sie und segnet sie mit den Worten: »Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.«
Wie sie das wohl aufgenommen hat: Mit »Tochter« hat er sie angesprochen, Er, dessen Saum zu berühren ihr gereicht hat. Sie, die sich über Jahre dem Tempel fern halten musste. Sie nannte er Tochter – eine Tochter Gottes. Hat jemand in der Menschentraube beobachtet, wie aufgerichtet sie nach dieser Begegnung wirkte?

Vom »Töchterchen« zur Tochter, zur Frau

Und das »Töchterchen«? Ist es vergessen? Was ist das für ein kontrastvolles Zeiterleben, das sich hier verdichtet: Da sehen sich Jaïrus und die Jünger mit Jesus zu einem Notfall ins Haus des Synagogenvorstehers eilen, um das »Töchterchen« zu retten. Jesus bleibt stattdessen offen für den Moment, der für eine andere Frau zur heilenden Berührung wird, durch die sie sich als Tochter Gottes verstehen lernt. Apropos »lernen«: Ist es so abwegig, sich vorzustellen, dass Jesus durch diese Begegnung mit der blutflüssigen Frau erst bewusst wurde, woran dieses »Töchterchen« litt?
Mittlerweile eilt einer aus dem Haus des Synagogenvorstehers der Gruppe um Jesus und Jaïrus entgegen. Er brauche Jesus nicht mehr zu drängen. Das Mädchen sei schon verstorben. Jesus nimmt auch das wahr, noch während er mit der Frau spricht. Er ermutigt den wahrscheinlich bestürzten Jairus zu vertrauen und … nicht um seine Tochter zu fürchten. Den Rest der Menschenmenge will er jetzt nicht mehr dabei haben. Was ihn jetzt im Haus des Jaïrus erwartet, ist nichts für Schaulustige.
Dort richten sich die Angehörigen schon aufs Trauern ein. Auf den Hinweis Jesu, das Mädchen würde nur schlafen und sei nicht tot, lachen sie ihn aus. Für sie ist die Sache gelaufen, die Chance auf Heilung Vergangenheit, die sie betrauern. Jesus ficht das nicht an. Er nimmt nur zur Kenntnis, dass er von ihnen derzeit nichts erwarten kann, dass er sie nicht erreichen kann. Aber es geht um die Tochter des Jaïrus, nicht um die anderen. Nur Petrus, Jakobus und Johannes nimmt er mit in das Zimmer des Mädchens – dieselben, die er ein andermal auf den Berg Tabor mitnimmt – und die Eltern des Mädchens. Anstatt dem Wunsch des Vaters zu entsprechen und dem »Töchterchen« die Hände aufzulegen, fasst er sie an der Hand – eben nicht unbedingt »typisch väterlich«, eher brüderlich – und sagt zu ihr: »Steh auf!« Und, so heißt es, sofort stand sie auf. Damit hatte im Haus niemand gerechnet. Sie erschrecken: Was war das für eine »rätselhafte« Krankheit und was war das für ein Mann, dem es gelang, dieses Mädchen aufstehen zu lassen, aus dem schon alle Lebendigkeit gewichen schien?
Vielleicht war es ja so, dass Jaïrus und seine Familie das »Töchterchen« erst verabschieden mussten, damit die Tochter leben konnte. Vielleicht fehlte dieser jungen Frau noch die Erlaubnis oder der Raum, sich als eigenständige Person wahrzunehmen. Vielleicht musste sie erst die Erlaubnis und den Raum erhalten, sich als jemand zu erfahren, die die Aufmerksamkeit der anderen – ihre Würde – nicht ihrem Vater Jaïrus, dem Synagogenvorsteher verdankt, sondern einem anderen Vater, nämlich dem »Ich bin«, dem Vater Jesu, der sie sein lässt, wer sie ist: Eine junge Frau, eine Tochter, mit einem eigenen Namen.
Das lässt aufatmen, aufstehen, umhergehen und letztlich wieder Appetit am Leben haben.

Fürbitten
Gott, in unserer Sorge und in unserer Zuversicht wenden wir uns an dich:

- Für die Menschen, die als Eltern oder Erziehende die Verantwortung für Kinder übernommen haben, bitten wir dich: Schenke ihnen Vertrauen und einen liebevollen Blick für ihre eigenen Stärken und Schwächen.
- Für die Kinder bitten wir dich: dass sie sich in deiner Liebe geborgen fühlen und es wagen können, sich selbst und ihre Mitwelt zu entdecken.
- Für alle Menschen, die an einer Krankheit oder einer Behinderung leiden, bitten wir dich: Lass sie in unserer Gesellschaft in vielfältiger und Mut machender Weise erleben, dass sie mit dazugehören.
- Für unsere Gemeinde bitten wir dich: Lass uns im Geist der Gotteskindschaft miteinander wachsen.
- Für alle unsere Lieben, die verstorben sind, bitten wir dich: Lass sie deine Liebe schauen von Angesicht zu Angesicht.

Von dir wurde uns erzählt, dass du keines von deinen Versprechen zurücknimmst. So vertrauen wir auf dich, dass du uns hörst. Amen.

Michael Begerow-Fischer

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