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Leseprobe 3
Fronleichnam
Ein Fest und ein lohnender Streit
Lesejahr A
Beitrag zum Evangelium

Vorbemerkung

Viele Gemeinden können die traditionellen Ausdrucksformen des Festes nicht mehr einlösen. Städtische Lebens- und Verkehrsverhältnisse und die Bevölkerungsstruktur machen Prozessionen und Stationsaltäre fragwürdig, größere pastorale Einheiten bringen den Verzicht auf die Festgestaltung in den Einzelgemeinden; vielfach wurde dieser Wandel schon vollzogen. Aber auch größere (ländliche) Ortsgemeinden stehen vor den Auswirkungen von Ferienordnungen und geänderten Urlaubsgewohnheiten: auch aktive Gemeindemitglieder nutzen in manchen Bundesländern die Pfingstferien zu Brückentagen und Urlaub. Die nachfolgenden Anregungen zur Eucharistiefeier können diese notwendigen Differenzierungen vor Ort und Vielfalt nicht umfänglich einlösen und beschränken sich auf die Grundvollzüge, wollen aber damit auch den Blick auf den Sinn des Festes selber lenken: die Lebensweise aus dem »Brot des Lebens«.

Einführung

Die Frage nach der richtigen Lebensweise bewegt in neuer Weise die Gemüter: Welche Änderungen der Lebensweise verlangt der Klimawandel in der Gesellschaft und bei mir selbst? Darüber hinaus stellen die globale Gleichzeitigkeit von Fettleibigkeit und Unterernährung, die Einübung eines gesunden Gebrauchs von Smartphone und digitalen Medien insgesamt, die Ungleichzeitigkeit von Bürostuhl und Rückenschmerzen einerseits und Wellness und Fitnesskult anderseits die Frage: Wie will ich leben? Die Bibeltexte zu Fronleichnam teilen diese Unruhe, ja verstärken sie bis zum Streit: Wie kann Jesus zum Lebensmittel werden, wie kann der Glaube unsere Lebensweise hilfreich prägen?

Am Beginn der Eucharistiefeier steht ein Kennzeichen christlicher Lebensweise: Vergebung erfahren und zu heilend-versöhnender Lebensweise befähigt und gesandt zu sein.

Kyrie-Ruf
Der Glaube in mir: welke Blumen.
Herr, erbarme dich unser.
Die Hoffnung in mir: lahme Flügel.
Christus, erbarme dich unser.
Die Liebe in mir: erloschenes Feuer.
Herr, erbarme dich unser.
oder mit Kyrie-Ruf GL 156 oder 157

Tagesgebet

Messbuch – Fronleichnam oder Tagesgebete zur Auswahl Nr. 3 oder Nr. 20

Predigt

Zum Text: Joh 6,51–58 (Evangelium)

Der Streit um das Eingemachte

Streit gehört zum Fest Fronleichnam, ja Streit! Die Juden stritten und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Der Streit geht also tiefer: nicht nur, ob und welcher Art es eine Prozession geben soll, ob und wie man Stationsaltäre gestaltet, welche ehrenamtlichen Kräfte in diesen Tagen überhaupt da sind … Es geht um den innersten Kern: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Wie kann der Glaube an die Gegenwart Jesu Christi unsere Lebensweise »leibhaftig« prägen?

Es gab sie damals schon, die Talkrunden, Diskussionsveranstaltungen, Leserbriefe und Zeitungskommentare, die Streitgespräche über die Kirche – und manchmal berühren sie den Kern: das notwendige Streitgespräch zwischen Kirche und Welt, Glaube und Lebenskultur. Haben wir eine Streitkultur, wenn es um das Zentrum geht, um das Eingemachte: Was ist eine christliche Lebensweise?

Unser Festtagsevangelium hat seine zugeteilten Verse; ich nehme noch ein paar folgende dazu. Die Jünger haben sich zwar nicht lauthals sofort in das Streitgespräch eingemischt, aber es ist dann doch auch unter ihnen leidenschaftlich entbrannt, wenn es heißt: Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich – wer kann es anhören? Ja, diese Situation ist ein Wendepunkt in der Stimmung: vom Frühling der Sympathie für die Jesusbewegung hin zu einer zunehmenden Unterscheidung und Scheidung: Wie stehe ich zu diesem Jesus?

Bis in die Mitte der Glaubensgemeinschaft geht der Streit und darf er gehen, wenn es um das Zentrum geht: Wie kann ich von und mit diesem Gott leben, den Jesus verkörpert? Wie kann Gott in der Welt sein – und doch nicht von dieser Welt, wie kann er Mysterium, Geheimnis bleiben, ohne sich in Riten und Formeln aus dem Leben zu entfernen?

Gehen wir also in die Mitte des Streitgesprächs, wie sie die nachösterlichen Gemeinden in der Überlieferung für ihren Gottesdienst und ihre Lebensweise bewahrt haben: Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Es gibt keine größere Nähe und kein stärkeres Miteinander als dieses »inne-sein«. Doch will ich überhaupt diese Nähe: du in mir und ich in dir?

Wie nahe darf mir Jesus auf den Leib rücken?

Ich empfinde mit den Klagen vieler zuweilen die Lebensferne des Glaubens. Aber ich verhalte mich – in einer Parabel gesprochen – wie jener moderne Tourist auf einer Wüstensafari: Er hält den Brunnen in der Ferne für eine Fata Morgana – und gibt sich auf. Ein Beduine findet ihn ohnmächtig und schüttelt den Kopf: Ist eben ein moderner Tourist, er hätte nur noch eine kleine Strecke zum Brunnen gehabt. Wir fordern statt philosophisch vermittelter Glaubenslehre zugängliche Glaubenserfahrung ein. Aber wenn sie uns zugänglich ist, dargereicht wird, leibhaftige Gegenwart und Speise wird, versagt sich der Zeitgenosse dieser Nähe.

Wie sieht das näher aus, diese Lebensweise: ich in dir und du in mir? Da fällt mir, für den Evangelisten Johannes typisch, das Wörtchen »bleiben« auf: bleiben, dranbleiben, ja buchstäblich am Ball bleiben. Als Fußball-Zuschauender beeindruckt mich immer wieder, wie der sprintende Ballführende sich vom Verfolger, auf gleicher Höhe bedrängt, dennoch nicht abdrängen lässt. Christusgemeinschaft ist kein unbewegliches Verharren, sondern eine dynamische Geschichte, ein Dranbleiben, immer wieder neu in verschiedensten Situationen, Tagen und Lebensphasen. Streitgespräche können sich bis in tödliche Unbeweglichkeit verrennen. Sie können aber auch solche Unbeweglichkeit aufbrechen, neuen Lebenssinn entdecken und zu neuer Wertschätzung führen, ja Lebensweise verändern und prägen.

Ein zunächst, wenn man typisieren will, eher introvertiert erscheinendes Beispiel, aber mit Ausstrahlung: Im zeitlichen Umkreis des Gedenkens an die Befreiung aus dem Konzentrationslager Ausschwitz vor 75 Jahren gab es etliche Dokumentationen dieses unsäglichen Geschehens mit den Fragen: Wie konnte es geschehen, wie wäre es zu verhindern gewesen, wer wollte es verhindern (mit dem Verweis auf bekannte Widerständler wie Graf von Stauffenberg …)? Er wollte es verhindern: Franz Jägerstätter. Ein aktueller Film zeigt sein verborgenes Leben: der österreichische Landwirt, mit Sense auf dem Feld, mit Kindern spielend, mit den anderen Bauern beim Bier, mit seiner Frau schmusend im Gras. Als die Österreicher mit 99 Prozent für den Anschluss an Deutschland abstimmen, ist Jägerstätter in seinem Dorf St. Radegund der einzige, der mit »nein« stimmt. Dem Dorfpfarrer erklärt er, dass Nazis unschuldige Menschen töten und andere Länder überfallen und dass sich solches Handeln nicht mit dem Glauben vereinbaren lasse. Dem Bürgermeister gegenüber begründet er seine Verweigerung: Ich kann nicht gleichzeitig Katholik und Nationalsozialist sein. Er verweigert den Treueid auf Hitler. Die Konsequenzen entwickeln sich nach den bekannten Mustern. Mit 30.000 sogenannten Wehrkraftzersetzern wird er als Verräter zum Tod verurteilt und hingerichtet. Jägerstätter war kein Fanatiker, er trägt den Glauben nicht demonstrativ zu Markte, sondern er bleibt, bleibt dran »du in mir und ich in dir«; auch seine Frau bleibt dran, ihm in Liebe treu auch in der existentiellen Gefahr für Ehe und Familie. Was diese Biografie uns in ganz anderer Zeit und Welt zeigt: Eine Lebensweise, durch die Christusgemeinschaft geprägt, ist nicht einfach da, sondern braucht Zeit, braucht Wachstum und Reife, wie jetzt in diesen Sommerwochen oder – ein paar Schritte zurück – braucht Aussaat, Saatgut und Säende. Das Brot vom Himmel, von dem Jesus spricht, ist eben nicht nur ein schönes Symbol, sondern die Substanz seines Lebens, seiner Lebensweise, sein Name Immanuel: Gott mit uns.

Richtungsanzeigen zum Streit um die christliche Lebensweise

Und nun das mehr extrovertierte Beispiel, das es aber »in sich« hat: An der Bernauer Straße in Berlin-Mitte, dort, wo die Mauer stand, ist neben der Versöhnungskapelle ein kleines Stück Feld geblieben; statt Todesstreifen ein kleines Roggenfeld. An dem Ort, der einmal für Trennung, Angst, Gewalt, Tod stand, wird Roggen geerntet – das Brot, das daraus wird, reicht wenigstens für die Gottesdienste in der Kapelle.

Schauen wir also unsere Lebensfelder an: Wo ich Erfolg sehe, ernten kann, verändern Dankbarkeit und damit Solidarität meine Lebensweise. Und auffallend: In Jesu Streitgespräch, was sonst so oft bei uns geschieht, finden sich keine moralisierenden Worte: Du musst, ihr sollt, wir müssten, vielmehr sind es ansagende, zusagende Worte: Jeder, der mich isst, wird durch mich leben: Das ist das Brot vom Himmel. Also, wo nagt der Zweifel, wo bremst Misstrauen das Wachstum in mitmenschlichen Beziehungen? Jesus setzt Wirklichkeit und damit Vertrauen. Das alte Wort Gottvertrauen ist nicht bieder und naiv, sondern bestärkt Selbstvertrauen und Vertrauen in unser Leben. Und wenn da, wie einst dort, unfruchtbare, brache oder lebensverneinende Streifen sind, ist entscheidend, was stattdessen in die Erde soll, welches Saatgut. Jesus versteht sich, sein Leben als solches: Ich gebe es hin für das Leben der Welt. Wie soll das bei mir gehen und aussehen? Jesus sieht es den Gesichtern seiner Jünger beim Abendmahl an. Er verlässt den Tisch und kniet nieder, um ihnen die Füße zu waschen. Das Allerheiligste, wie wir traditionell Jesu Gegenwart in der Eucharistie ansagen, wird fassbar im Pflegedienst. Ich stimme nicht ohne weiteres in das Klagelied ein über Hass, Hetze, Gewalttätigkeit – aber es kommt schon auf das Saatgut an, welches da gesät wird.

Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben, wie sollte ich von ihm leben? Eine Streitfrage, aber kein Streit um Kaisers Bart, sondern ein lohnender Streit.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 146,1–2 »Du rufst uns, Herr, an deinen Tisch« oder
GL 148 »Komm her, freu dich mit uns«
Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium
GL 493 »Preise, Zunge, das Geheimnis« und GL 174/1 »Alleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 186 »Was uns die Erde Gutes spendet«
Gesang zur Kommunion
GL 497,1–2 »Gottheit tief verborgen«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 484 »Dank sei dir, Vater«

Fürbitten
Gott, in deinem Sohn finden wir die Kraft, aus der wir leben, und Orientierung, woran wir unsere Lebensweise ausrichten können.
Darum bitten wir dich:

- Lass uns leben aus deiner Kraft, wenn es zwischen Jung und Alt, in der Familie, in politischen Entscheidungen Streit gibt um die rechte Lebensweise. Gott des Lebens:
(Wir bitten dich, erhöre uns.)
- Lass die christlichen Kirchen leben aus deiner Kraft, damit sie sich dem Auftrag zur Einheit stellen und Wege dazu finden können. Gott des Lebens:
- Lass uns leben aus deiner Kraft, wenn wir zwischen verschiedenen Meinungen erkennen und uns entscheiden müssen, was der Liebe entspricht. Gott des Lebens:
- Lass uns leben aus deiner Kraft in Krankheit, auf dem Weg des Sterbens und in der Trauer. Gott des Lebens:

Guter Gott, wenn wir leben aus deiner Kraft in Wort und Sakrament, gewinnen wir Zuversicht und Hoffnung. Bleibe bei uns und in uns und führe uns durch die Tage zur Vollendung des Lebens.
Amen.

Robert Widmann

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