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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 3
Karfreitag
Grund und Abgrund menschlichen Lebens
Lesejahr A – B – C
Beitrag zum Evangelium

Einführung


Wenn wir Jesu Leiden betrachten, schauen wir in einen menschlichen Abgrund: Dem Friedfertigen und Wehrlosen schlagen Hass und Grausamkeit der Menschen mit voller Wucht entgegen. Der Mensch wird dem Menschen zum Wolf, der keinerlei Beißhemmungen mehr hat, sondern im wilden Blutrausch das Werk der Vernichtung verrichtet. Zugleich erscheint uns im Antlitz Jesu das wahre Bild eines Menschen, der übel zugerichtet und doch nicht zum Unmenschen geworden ist. Der stille Widerstand dieses Menschen verteidigt die Würde all derer, die unter die Räder der Geschichte kommen. In jedem von uns verläuft die Grenze zwischen Mensch und Unmensch: Es ist die Scheidelinie zwischen Liebe und Hass.

Tagesgebet
Gott,
du hast uns Menschen gut erschaffen und doch neigen wir oft dem Bösen zu.
Gib uns rechte Erkenntnis, einen starken Willen und liebende Zuneigung zu allen Menschen, damit wir deinem Sohn im Leben und im Tod nachfolgen und so zur Auferstehung von den Toten gelangen. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Liedvorschläge

Antwortgesang nach der 1. Lesung
GL 289,1–3 »O Haupt voll Blut und Wunden«
Gesänge zur Passion
GL 283,1–4 »Aus der Tiefe rufe ich zu dir« (nach Joh 18,28)
GL 291,1–6 »Holz auf Jesu Schulter« (nach Joh 19,16a)
GL 295,1–6 »O Traurigkeit, o Herzeleid« (nach Joh 19,42)
Gesang zur Kreuzverehrung
GL 294,1–10 »O du hochheilig Kreuze«
Gesang zur Kommunion
GL 299,1–6 »Der König siegt, sein Banner glänzt«
Dankhymnus
GL 297,1–4 »Wir danken dir, Herr Jesus Christ, dass du für uns gestorben bist«

Vorüberlegungen

Zum Text: Joh 18,1 – 19,42 (Evangelium)

In der Johannespassion agiert Jesus mit übermenschlicher Souveränität. Von der Gefangennahme im Garten, bei der das Polizeikommando vor seiner göttlichen Erscheinung zu Boden stürzt, bis zum letzten Wort: »Es ist vollbracht!«, mit dem der Gesandte des Vaters den erfolgreichen Abschluss seiner Mission verkündet, ist es Jesus, der das Heft des Handelns in der Hand hält. Dieser hohen Christologie steht auf der anderen Seite ein Jesus gegenüber, der in der Ecce-homo-Szene zum Bild des geschundenen und entwürdigten Menschen schlechthin wird. Die Predigt thematisiert die Abgründe des menschlichen Lebens und Zusammenlebens, die in der Passionserzählung zutage treten, wo Menschen einander als Täter und Opfer gegenüberstehen. Es ist das ungeschönte Bild des Menschen, vor dem man beim Lesen und Hören der Leidensgeschichte zugleich erschrickt und in Staunen versetzt wird. Dieser Mensch ist zu allem fähig: zu tödlichem Hass ebenso wie zu lebensfroher Liebe. Aus diesem ambivalenten Verhältnis zu sich selbst und seinesgleichen kann er sich nicht selbst befreien. Es ist Gott selbst, der für das Leben des Menschen mit seinem eigenen Leben eintritt. Am Ende kann nur die Liebe selbst den Hass an der Wurzel heilen.

Predigt


Unmenschliche Bosheit


»Wir wollen lieber fallen in die Hand des Herrn als in die Hände von Menschen: wie seine Größe, so ist sein Erbarmen, und wie sein Name, so sind seine Werke!« (Sir 2,18)1 Diese Worte des alttestamentlichen Weisheitslehrers Jesus Sirach sind wie auf das Geschehen des Karfreitags gemünzt. Wir stehen am Abgrund menschlicher Möglichkeiten und blicken entsetzt in die hässliche Fratze von Wut, Hass, Grausamkeit und Gewalt. Was haben Menschen einander nicht schon alles angetan! Am Ende einer ganzen Reihe von Glaubenszeugen fasst der Hebräerbrief ihr Schicksal wie folgt zusammen: Etliche »wurden gefoltert, da sie den Loskauf nicht annahmen, um eine bessere Auferstehung zu erlangen. Andere haben Spott und Schläge erduldet, ja sogar Ketten und Kerker. Gesteinigt wurden sie, verbrannt, zersägt, mit dem Schwert umgebracht; sie zogen in Schafspelzen und Ziegenfellen umher, notleidend, bedrängt, misshandelt. Sie, deren die Welt nicht wert war, irrten umher in Wüsten und Gebirgen, in den Höhlen und Schluchten des Landes« (Hebr 11,35b–38). Es gehört zu den absurdesten Erfahrungen menschlicher Existenz, dass gerade die Gerechten und die Heiligen den erbitterten Widerstand ihrer Mitmenschen erfahren und nicht selten ihre Güte und Menschenfreundlichkeit mit dem Leben bezahlen. Mehr als Macht und Stärke fordern uns Demut und Bescheidenheit heraus, mit denen ein Mensch dem anderen aufrichtig dient. Es reizt uns zu erfahren, wie viel ihm seine Gerechtigkeit wert ist, ob er wirklich bereit ist, lieber Unrecht zu erleiden als selbst Unrecht zu tun. Das ist der menschliche und weltliche Hintergrund der Passionsgeschichte, die wir hörten: Den Großen dieser Welt steht Jesus gegenüber, dessen Königtum nicht von dieser Welt ist, den welt lichen Caesaren das Gegenteil eines welt lichen Herrschers. Da schlägt die Macht in rohe Gewalt um und tobt sich aus an dem Gerechten. Schmerzlich erfährt er, was es heißt: »Wir wollen lieber fallen in die Hand des Herrn als in die Hände von Menschen.«

Übermenschliche Herrschaft

Der Statthalter Pilatus repräsentiert in Judäa die Weltmacht Rom, deren Herrscher sich in zunehmendem Maße als Götter verehren ließen. Den damaligen Kaiser ehrt eine Inschrift aus der Stadt Myra als »den Kaiser Tiberius, erhabenen Gott, erhabener Götter Sohn, Herrn der Erde und des Meeres, den Wohltäter und Retter der gesamten Welt«2. Hier wird einem Menschen die Allmacht Gottes zugeschrieben. Der Kult um die römischen Kaiser hatte die Aufgabe, die unterschiedlichen Völkerschaften des römischen Reiches in der gemeinsamen Verehrung des einen Herrschers zusammenzuschweißen. Hier wird Macht demonstriert und, wo es notwendig erscheint, auch mit allen Mitteln ausgeübt. Wie Jesus, so starben im römischen Reich Abertausende grausam am Kreuz. Gegen ihre wirklichen oder vermeintlichen Feinde ging die Staatsmacht mit aller Brutalität vor und merzte sie aus. Das ist die bleibende Gefährdung aller weltlichen Macht: Sie vergisst sehr leicht ihren eigentlichen Zweck, dem Wohl der Menschen zu dienen, und kümmert sich nur noch um den eigenen Machterhalt. Wo aber das Wohl der anderen aus dem Blick gerät, da ist der Weg nicht mehr weit zu Menschenverachtung und Brutalität. So führte der Weg nach oben bis zur Vergöttlichung für die römischen Kaiser nicht selten über viele Leichen.

Wahrer Mensch

Das genaue Gegenteil davon ist das Königtum Jesu, wie es uns die Passionserzählung schildert. Es ist nicht von dieser Welt, denn es führt Jesus nicht nach oben, sondern ganz nach unten: »Er war Gott gleich«, heißt es im Philipperbrief, »hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich« (Phil 2,6–7). Das Johannesevangelium drückt dieselbe Wahrheit so aus: Jesus ist das ewige Wort des Vaters und selbst Gott, aber »das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt« (Joh 1,14). Damit ist Jesus einer von uns geworden mit allem, was dazugehört; und dazu gehört, dass es kein menschliches Leben gibt ohne Leid und Tod. Bis zu dieser letzten Konsequenz ist Jesus Mensch, was sich an der Szene mit der Lanzenstich zeigt: »Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.« Blut und Wasser sind Zeichen dafür, dass Jesus auch in seinem Sterben ganz Mensch war. »Denn auch das ist nach antiker Vorstellung festgelegt: In den Adern von Göttern fließt kein Blut (vgl. etwa Homer in der ›Ilias‹ 5,339–342). Oder: Götter haben nur eine Art Leib (quasi corpus) und eine Art Blut (quasi sanguis), wie Cicero es notierte. Das Johannesevangelium hält eindeutig fest: Jesus ist als Mensch mit Leib und Blut am Kreuz gestorben.«3 Eine weitere Szene kann das verdeutlichen: »Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu das Untergewand. Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben.« »Hier wird eindeutig festgelegt, welcher Art die Kleider sind, welche die Soldaten unter sich aufteilen: einerseits die Obergewänder, andererseits das Untergewand. Keine Frage: Für die Augen der Hörer des Johannesevangeliums wird Jesus nackt gekreuzigt.«4 Das Wort ist Fleisch geworden, und dieser Mensch aus Fleisch und Blut steht uns am Kreuz vor Augen, behaftet mit allem Elend eines Menschen.

Menschliche Zuneigung

Was Jesus von allen weltlichen Herrschern unterscheidet, das ist die Richtung, die er einschlägt. Während sie doch nur Menschen sind, aber auf Kosten der anderen nach oben drängen und sich wie Götter fühlen, ist Jesus wahrhaft Gott, aber es drängt ihn, von seiner Höhe herabzusteigen und unser menschliches Schicksal mit uns zu teilen. Sie, die klein sind, blasen sich auf; er, der groß ist, beugt sich nieder zu uns. Deshalb ist es wahr, was der alte Weisheitslehrer sagt: »Wir wollen lieber fallen in die Hand des Herrn als in die Hände von Menschen.« Denn wenn der Mensch den Menschen in der Hand hat, wird daraus selten etwas Gutes; hier kann einer nur groß sein auf Kosten des anderen. Wenn aber Gott uns in seine Hand nimmt, dann sind wir im wahrsten Sinne des Wortes aufgehoben, emporgehoben aus unserer Niedrigkeit, aufgerichtet aus unserer Niedergeschlagenheit. Denn »wie seine Größe, so ist sein Erbarmen, und wie sein Name, so sind seine Werke!«

Fürbitten
Gott, wir gedenken des Leidens deines Sohnes und tragen dir die Leiden unserer Zeit vor. Komm mit deinem Erbarmen allen entgegen, für die wir heute zu dir beten:

– Für die Opfer von Hass und Gewalt, deren Leben durch dieGrausamkeit anderer Menschen zerstört worden ist: um Hoffnung und Hilfe zu einem Neuanfang.
– Für die Menschen, die durch schreckliche Ereignisse in ihrem Leben für lange Zeit traumatisiert worden sind: um gute Begleitung und einen Weg, mit ihren schlimmen Erlebnissen fertig zu werden.
– Für die Menschen, die andere einschüchtern und bedrängen, seelisch und körperlich misshandeln: um Anstöße zur Reue und Umkehr, damit sie ablassen von ihrer Bosheit.
– Für die Menschen, die aufgrund von Gewalttaten ihr Leben verloren haben, und für ihre Angehörigen: dass die Hoffnung auf Auferstehung und das Wiedersehen in einer besseren Welt heute schon neuen Lebensmut wachsen lässt.

Gott, du bist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade. Lass uns nicht verzweifeln, wenn unser Leben von bösen Mächten bedrängt wird. Gib uns Kraft und Mut durch Christus, unseren Herrn. Amen.


1 Übersetzung: Münsterschwarzacher Cantica, Münsterschwarzach 2004, 41–42. Die Einheitsübersetzung gibt den griechischen Text wieder. Dort fehlt der Zusatz »und wie sein Name, so sind seine Werke«, der sich in der syrischen Überlieferung findet.
2 Zitiert nach: Hans-Josef Klauck, Die religiöse Umwelt des Urchristentums II. Herrscherund Kaiserkult, Philosophie, Gnosis, Stuttgart u. a. 1996, 54.
3 Martin Ebner, Der Anti-König: nackt und erhöht. Neutestamentliche Deutungen der Kreuzigung Jesu (2), Christ in der Gegenwart 59 (2007) 109–110, hier 110.
4 Ebd.

Wilfried Eisele

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