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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 3
Siebter Sonntag im Jahreskreis
Geschenkt
Lesejahr A
Beitrag zum Evangelium

Einführung

»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!« Diesen wichtigen Satz werden wir nachher in der Lesung hören. Und wir merken, beides ist gleich wichtig: Die Liebe zu anderen Menschen und die Liebe zu uns selbst.
Daher dürfen wir uns fragen: Wie steht es gerade mit unserer Liebe?
Wann in der vergangenen Woche ist uns die Liebe zu unseren Mitmenschen geglückt und wann nicht? Und wie ist es uns gelungen, uns selbst zu lieben?
Halten wir inne, und bringen wir unser Leben vor Gott.

Kyrie-Ruf
Du bist die Liebe, darum bitten wir:
Herr, erbarme dich.
Du bist die Großmut, darum bitten wir:
Christus, erbarme dich.
Du bist die Geduld, darum bitten wir:
Herr, erbarme dich.

Tagesgebet
Gott
weit ist dein Herz und groß deine Liebe. Oft ist sie größer, als wir es fassen können.
Stifte uns an, so zu lieben wie du. Hilf unserer Kleinmütigkeit auf. Mach unsere Enge weit.
Das rufen wir dir zu in der Hoffnung, dass du uns hörst, heute und morgen bis in Ewigkeit.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 409,1.3–4 »Singt dem Herrn ein neues Lied«
Antwortgesang und Ruf vor dem Evangelium
GL 657/1 »Vor dir ist auch die Finsternis nicht finster« mit 657/3
(Psalm 103) und GL 176/1 »Halleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 210 »Das Weizenkorn muss sterben«
Gesang zur Kommunion
GL 442 »Wo die Güte und die Liebe wohnt«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 409 »Singt dem Herrn ein neues Lied« oder
GL 861 (Diözesanteil Freiburg und Rottenburg-Stuttgart)
»Wo Menschen sich vergessen«

Vorüberlegungen

Zum Text: Mt 5,38–48 (Evangelium)

Die Bergpredigt ist unglaublich anspruchsvoll. Das Gebot der Feindesliebe gehört zu den schwierigsten Aufträgen, die Jesus uns ans Herz legt. Wir neigen dazu, sie als Utopie innerlich wegzulegen. Eine Predigt darüber, die nicht nur moralisch auftrumpfen will, ist sehr schwer.

Ich versuche in meiner Predigt einen Spagat. Zum einen erzähle ich von Mahatma Gandhi. Er ist ein Friedensstifter, der durch den Aufruf zum gewaltlosen Widerstand Unglaubliches erreicht hat. Die Geschichte der Menschheit zeigt immer wieder eindrucksvolle Beispiele, dass die Feindesliebe Großes bewirken kann. Die Anknüpfung an ein Erlebnis der Jugendzeit Gandhis soll deutlich machen, dass auch sein Handeln darin begonnen hat, selbst Vergebung geschenkt zu bekommen.

Der andere Pol in meiner Predigt ist der Bezug zur Erfahrung der Hörerinnen und Hörer der Predigt, wie befreiend es sein kann, einem anderen seine Fehler zu erlassen. Das Wort »geschenkt« ist dazu der Schlüsselbegriff. Er hilft zu verstehen, worum es geht. Feindesliebe meint nicht passives, ohnmächtiges Erleiden, sondern das aktive Schenken und Erlassen der Vergeltung. Diese Unterscheidung ist mir sehr wichtig.

Die Predigt soll dazu anstiften, die eigenen Spielräume auszuloten, um der Vergebung und Liebe eine Chance zu geben und sie als befreiende Kräfte zu erfahren. Dabei bleibt es wichtig, nicht an den eigenen Grenzen zu verzweifeln, sondern zu spüren, dass gerade wir selbst aus Gottes Vergebung und Liebe leben dürfen.

Predigt

Geschenkt

»Geschenkt«, so sagen wir, wenn wir einem anderen Menschen einen Fehler erlassen. »Geschenkt«. Ich verzeihe dir, heißt das. Ich sehe darüber hinweg, es ist gut.

»Geschenkt«. Kommen Ihnen Situationen Ihres Alltags in den Sinn, in denen so ein »geschenkt« gut täte? Da gibt es vermutlich vieles, was uns nervt und aufregt. Der Partner, die Partnerin und die immer gleichen Dinge, um die man sich streitet. Die pubertierende Tochter, die sich an keine Regel hält. Der Kollege im Betrieb, der schon wieder zu spät kommt. Die Nachbarin, die schon wieder so laut Musik hört.

Es ist wichtig, dass wir solche Probleme nicht unter den Teppich kehren. Aber manchmal mag es trotzdem gut tun, wenn wir sie anders beantworten. »Geschenkt«, können wir dann sagen und damit der Situation die Macht nehmen.

Mahatma Gandhi

»Geschenkt«. Das kann – wir ahnen es – auch noch viel weiter gehen. Mahatma Gandhi berichtet einmal folgende Geschichte aus seiner Jugend: »Ich war 15 Jahre alt (…). Weil ich Schulden hatte, stahl ich meinem Vater ein goldenes Armband (…). Aber ich konnte die Last meiner Schuld nicht ertragen. Als ich vor ihm stand, brachte ich vor Scham den Mund nicht auf. Ich schrieb also mein Bekenntnis nieder. (…) Mein Vater las den Zettel, schloss die Augen und dann – zerriss er ihn. ›Es ist gut‹, sagte er noch. Und dann nahm er mich in die Arme.«

Geschenkt. Was für ein Erlebnis für einen jungen Menschen! Da gibt es eine Schuld, die ist übergroß und die ist auch nicht wieder gut zu machen. Und dann sagt der Vater ganz schlicht: Geschenkt – es ist gut. Und nimmt den schuldig gewordenen Sohn in die Arme.

Vielleicht ist es die Erfahrung dieser großherzigen Vergebung, die Mahatma Gandhi später reif gemacht hat für seinen politischen Weg. Es ist der Weg des gewaltlosen Widerstands und der Feindesliebe. Gandhi, der ja gar kein Christ gewesen ist, hat die Botschaft der Bergpredigt in bewundernswerter Weise vorgelebt. Und er kann uns vielleicht helfen, die Gedanken Jesu aus dem heutigen Evangelium ein wenig besser zu verstehen.

Feindesliebe

Auf den ersten Blick widerspricht das Gebot der Feindesliebe unserer innersten Intuition. Wenn einer mich schlägt, dann wehre ich mich. Wenn einer mich beklaut, dann schütze ich mein Eigentum. Wenn einer mir feindlich gesinnt ist, dann bekämpfe ich ihn. So handelt jedes Tier. Und so handelt auch der Mensch, damit ihm der andere nicht noch mehr Schaden zufügen kann.

Und dann kommt Jesus und stellt so eine ganz andere Lebenslogik auf. Zu ihr gehört es, dass wir die Feinde lieben. Zu ihr gehört es, dass wir den Räubern noch mehr schenken, als sie sowieso schon wegraffen können. Zu ihr gehört es, dass wir uns schutzlos denen ausliefern, die uns Böses wollen. Es klingt verrückt, und das ist es auch. Gandhi, der diese Lebensweise praktiziert hat, sagte einmal dazu: »Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du.«


Die Liebe gewinnt

Unvorstellbar: Mit dieser Lebensweise gewinnen. Jesus hat es uns vorgemacht. Er hat gezeigt, dass die Liebe am Ende gewinnt. Dass sie Chancen eröffnet, die wir uns gar nicht ausrechnen können.

Mir ist bei der Feindesliebe sehr wichtig, dass sie niemals eine Selbstverleugnung sein darf. Es geht nicht darum, sich schlagen zu lassen, verletzt und gedemütigt zu werden und es passiv hinzunehmen, weil man nichts dagegen tun kann. Verletzung braucht eine Antwort, sonst werden wir verbittert.

Die große Einladung der Bergpredigt, die große Einladung Jesu heißt, dass wir unsere Antwort, zu der wir berechtigt sind, verschenken. Es ist die große Geste des Nichtzurückschlagens. »Ich schenke dir den Schlag, auf den du jetzt wartest«, heißt diese Geste. »Ich schenke dir die Entgegnung, zu der ich ein Recht hätte. Ich schenke sie dir, weil ich glaube, dass dieses Geschenk dich verändert.«

Um es gleich dazu zu sagen: Diese innere Freiheit ist enorm anspruchsvoll. Was braucht es doch für eine innere Stärke, was braucht es doch für eine innere Größe, dass man das sagen kann: »Du hast mich verletzt, aber ich schenke dir die Erwiderung. Du bist mir feindlich gesinnt, aber ich bin es dir gegenüber nicht.« Es ist unglaublich schwer. Dies gilt für die ganz persönlichen Auseinandersetzungen, die wir tagtäglich austragen. Um wie viel mehr aber gilt es für die Kämpfe, die auf der politischen Bühne dieser Welt ausgetragen werden. Und trotzdem: Wo Menschen imstande sind, so zu leben, da geschehen wie bei Gandhi eindrucksvolle Zeugnisse, was Liebe vermag.

Geschenkt

Und wir selbst? Neben den großen Friedensstiftern der Menschheit kommen wir uns meist sehr klein vor. Ich glaube daher, uns bleibt nichts, als immer neu unsere Spielräume auszuloten. Wann ist unser Herz weit und frei zu schenken, zu vergeben, zu lieben gegen jede Vernunft? Und wo kommen wir an unsere Grenzen und müssen uns eingestehen, dass wir hinter unserem Anspruch weit zurückbleiben?

Wo das der Fall ist, da leben auch wir von der Vergebung. Sie geht all unserem Handeln voraus. Noch bevor wir lieben, kommt uns Gott liebend entgegen, er, der all unsere Grenzen annimmt, der unser Unvermögen birgt und der nie müde wird, uns auf den Kopf hin zuzusprechen: »Geschenkt!«

Fürbitten
Gott, du bist die Liebe und die Versöhnung. Wir tragen unsere Bitten vor dich:

- Wir bitten dich für die Völker, die von Krieg und Hass gezeichnet sind: Zeige du den Weg zur Vergebung und zum Frieden.
- Wir bitten dich für alle Familien, in denen Streit und Unversöhnlichkeit das Leben schwer machen: Stärke den Willen aller, zur Liebe zurückzufinden.
- Wir bitten dich für alle Menschen, die eine schwere Schuld auf sich geladen haben: Lass sie spüren, dass du sie nicht verurteilst, sondern ihnen Versöhnung schenken kannst.
- Wir bitten dich für uns selbst: Verhilf uns zu Geduld und Großherzigkeit, damit andere Menschen an uns deinen Geist ablesen können.
- Wir bitten dich für unsere Toten: Lass sie in deiner ewigen Liebe geborgen sein.

Gott, du hörst unsere Bitten, auch die, die nicht laut ausgesprochen sind. Dir dürfen wir anvertrauen, was wir auf dem Herzen haben. Wir danken dir dafür, der du lebst und liebst in alle Ewigkeit.
Amen.

Claudia Schmidt

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