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Leseprobe 1
Pfingsten – Am Tag
Lesejahr A – B – C
Pfingsten ist Aufbrechen - in der Kraft seines Geistes

Beitrag zum Evangelium

Einführung

Irgendwann einmal wird auch unsere Zeit mit einer Überschrift versehen werden, die aussagt, welcher Geist in ihr herrschte. Welcher Geist wird dann benannt werden?

Ist es der Geist der weltweiten Konflikte, der Geist des Aufruhrs und der Umwälzungen, deren Ausgang noch nicht zu ahnen ist? Ist es der Ungeist der Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit gegenüber den Bedrohungen für die ganze Schöpfung?

Oder ist es der Geist der neu erwachenden Sensibilität für das Wohl der Geschöpfe, für die Würde des Menschen? Ist es solcher Heiliger Geist, der in den Herzen der Menschen, im Miteinander der Völker Raum gewinnt? Der Geist, der aufbrechen und neu beginnen lässt?

Wir können es noch nicht sagen, welche Überschrift einmal unsere Zeit tragen wird. Jesus Christus jedenfalls verheißt uns für alle Zeiten den Geist Gottes – den Beistand und Begleiter, durch alle Umbrüche hindurch.

Diesen Geist feiern wir heute an Pfingsten! Und wir bitten um ihn. Wir halten ihm unsere Herzen hin, dass er sie lebendig mache:

Kyrie-Ruf
Herr Jesus Christus, von dir geht Gottes Atem aus; er schenkt uns Leben und heilt.
Herr, erbarme dich.
Herr Jesus Christus, in der Kraft deines Geistes bist du bei uns und lässt uns neu aufbrechen.
Christus, erbarme dich.
Herr Jesus Christus, du hast jedem in der Taufe Anteil an deinem Geist geschenkt. Er ist der lange Atem unseres Lebens.
Herr, erbarme dich.

Ja, Herr, erfrische uns mit deinem Geist! Mache uns durch ihn heil und lass uns froh und dankbar einstimmen in den Lobpreis deiner Größe und deiner Güte.

Tagesgebet

Gott, Allmächtiger,
dein Geist erfüllt das All, deine Kraft durchdringt die Welt.
Wecke in uns die Sehnsucht nach deinem Geist. Mache uns offen für ihn.
Schärfe unsere Sinne für sein Wirken: dass wir ihn wahrnehmen, dass
wir ihn aufnehmen, dass wir uns von ihm erneuern lassen!

Das wirke an uns, du Gott der Liebe, der du am Werk bist, heute, morgen und in alle Ewigkeit.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 249 »Der Geist des Herrn«
Antwortgesang mit Halleluja-Ruf
GL 244 »Komm herab, o Heilger Geist« (Pfingstsequenz) und GL 530
»Halleluja« mit Vers
Gesang zur Gabenbereitung
GL 640,1.3 »Gott ruft sein Volk zusammen«
EH 78 »Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft«
Gesang zur Kommunion
GL 554,1.3–4 »Wie schön leuchtet der Morgenstern«
EH 140 »Einer hat uns angesteckt«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 266 »Nun danket alle Gott«

Vorüberlegungen

Zum Text: Joh 15,26–27; 16,12–15 (Evangelium)

Diese Sätze aus dem Evangelium nach Johannes sind aus dem 15. und 16. Kapitel etwas »gewaltsam« herausgeschnitten. Sie gehören zur großen Abschiedsrede Jesu. Abschiedsreden haben ihre Tradition in der biblischen Literatur: Mose hält im Buch Deuteronomium seine Abschiedsrede, Paulus ebenso in der Apostelgeschichte. Abschiedsreden haben ihren Platz in herausragenden Stunden und markieren entscheidende Wendepunkte. Sie enthalten das besondere Vermächtnis des Sprechers, eine Art Rechenschaftsbericht über das bisher Gewirkte, sowie Mahnung und Trost für die Zurückbleibenden.

In diesem Sinn geht es in den Kapiteln 15 und 16 um das Vermächtnis Jesu in seiner Stunde des Abschiedes. Jesus will den Seinen deutlich machen, dass er, der sie bisher mit verlässlicher Hand begleitet hat, einen »anderen« Beistand senden wird, der die Jünger auch über seinen Abschied hinaus führen wird. Der »Paraklet«, der hier verheißene Geist, bekommt in den Worten Jesu fast schon personale Züge: Beistand, Geist der Wahrheit, »Mutbringer«, wie es einer der Übersetzer (Fridolin Stier) wiedergibt Er ist der »zur Hilfe Herbeigerufene«; Verteidiger, Anwalt!

Das Kennzeichen dieses Geistes ist es, dass er nicht neue Kunde bringt, nicht neue Offenbarungen vermittelt. Nein, er führt ein in das, was Jesus Christus gelehrt und gelebt hat. Er vertieft seine Lebensbotschaft in den Herzen der Menschen: jene Lebensbotschaft, die ihren besonderen Höhepunkt in seinem Tod und in seiner Auferstehung findet. Und er rüstet die Jüngerinnen und Jünger Jesu zu ihrem Dienst aus: Zeugnis zu geben von Jesus Christus, so dass die Größe Jesu, seine Sendung, die ganze Wahrheit seines Lebens in der Welt aufstrahlt. Das Johannesevangelium ist verfasst in dem Bewusstsein, dass durch das Kommen Jesu die Welt in eine Entscheidungssituation gerufen ist. In allen gegenwärtigen und drohenden Herausforderungen und Auseinandersetzungen mit der Welt, in der Begegnung auch mit deren Hass, hat er die Aufgabe, die Christen zu befähigen, ihr Zeugnis für Christus zu leben.

Unser Evangelienabschnitt erinnert die Kirche unserer Tage an ihren grundlegenden Auftrag: Sie hat nicht sich selbst in der Welt groß zu machen: Dort, wo sie nur um sich selbst kreist, selbstherrlich oder selbstmitleidig, verfehlt sie ihre Sendung. Sie hat vielmehr Christus, den Sohn und Boten Gottes, in die Welt zu tragen. Die Zusage des Geistes Gottes, des Mutbringers, steht gegen alle pessimistischen Klänge und gegen alle depressiven Züge, die in unserer Kirche oftmals vorherrschen. Es gilt dem gottgeschenkten Geist nachzuspüren, wo er schon längst am Werk ist; und es gilt, die eigenen Herzen für ihn erst recht zu öffnen.

Predigt

Was nötig ist: ein neuer Aufbruch

Unter dem Motto »Einen neuen Aufbruch wagen« trafen sich Christinnen und Christen zum Katholikentag in Mannheim. Das Motto hat mich angesprochen. Aus mehrfachem Grund.

Zum einen sehe ich, dass unsere Kirche einen neuen Aufbruch dringend braucht: Wie schwer fällt es ihr doch, die Botschaft von Gottes reicher Liebe so zur Sprache zu bringen, dass sie leuchtet, dass sie einleuchtet! Wie schwer gelingt es der Kirche, ihre Verkrustungen und Verformungen zu überwinden, die dem Zeugnis so sehr im Wege stehen! Darum: Aufbruch!

Zum anderen ersehne ich auch für mich selbst einen wirklichen Aufbruch. Ich erlebe mich so oft eingeengt in meinen eigenen Denk- und Lebensmustern. Ich bin Gefangener eines bestimmten Milieus und für Vieles, was Menschen bewegt, belastet, freut, ängstigt, fehlt mir das rechte Empfinden. Ich spüre, wie schwer es mir fällt, meine alten Geleise zu verlassen. Aufbruch – wie nötig!

Der Beistand, der Mutbringer ist uns zugesagt

Aber wie kann er gelingen – der Aufbruch? Pfingsten ist das Fest, das von der Chance des Aufbruchs spricht. Heute im Evangelium: »Wenn aber der Beistand kommt, den ich vom Vater aus senden werde …!« So spricht Jesus uns zu. Beistand – einer der Übersetzer dieses Wortes sagt es ein wenig genauer: »Den Mutbringer – den sende ich euch!«

Gestärkt von dieser Zusage sind die Christen des Anfangs aufgebrochen. Sie fanden Mut zum Zeugnis für ihren Herrn, auch in einer Welt voller Skepsis und Ablehnung. Sie hatten zwar nicht mehr den Herrn und Meister an ihrer Seite: Aber sie fühlten sich von seinem Geist geführt.

Die Zusage gilt auch in den Herausforderungen und Umbrüchen von heute. Es ist der »Mutbringer« Heiliger Geist, der davor bewahrt, die Flügel hängen zu lassen, nur den alten Mustern zu folgen; der befähigt, aufzubrechen – ins Neuland hinein.

Und wie der Beistand und Mutbringer Gottes wirkt?

Wie er wirkt – der Geist Gottes? Der Heilige Geist, der Geist der Wahrheit, der Beistand, der Mutbringer – er übermittelt keine neuen Lehren, Anweisungen und Offenbarungen. Er erinnert nicht nur an alte Geschichten. Er will uns ins Herz schreiben, was Jesus Christus uns vorgelebt hat, was seine Sendung, sein Auftrag, sein Lebensinhalt war und ist, vom Beginn seiner Tätigkeit an bis hin zum Tod. Er will unsere Begriffsstutzigkeit durchbrechen und uns immer wieder neu in die tiefe, innige Begegnung mit Jesu führen: dass wir berührt werden von seiner Glaubens- und Vertrauenshaltung; von seiner Herzlichkeit und Zärtlichkeit, von seinem Mitfühlen und Mitleiden, vor allem aber auch vom Ausmaß der Liebe, die sich in seinem Tod zeigt.

Das will der Geist uns ins Herz schreiben, und er will uns wie ein Wegführer sein, damit wir in das Geheimnis Jesu hineinfinden, vor allem in die große Hoffnungsbotschaft, die für uns in seinem Auferstehen liegt, in seinem Ankommen beim Vater, im Anbrechen des neuen Himmels und der neuen Erde. Ja, in diese ganze Wahrheit will der Geist Gottes uns einführen. Ein fortwährendes Geschehen! Denn die ganze Wahrheit ist nie vollendet. Sie will in unser Leben hineinwachsen und will in uns Tat und Leben werden. So soll die Herrlichkeit Gottes – auch durch uns – aufleuchten, und es soll für alle Welt erahnbar sein, wie groß die Liebe Gottes zur Welt ist.

Worauf es ankommt? Achtsam werden auf das sachte Wirken des Geistes. Hineinhorchen in die Zeichen der Zeit. Hineinhorchen ins eigene Herz. Vielleicht einfach auch nur stumm werden in der Geschwätzigkeit der Welt. Bereit sein, seiner Führung zu folgen, gerade wo er neue Wege führt, aus den gewohnten Geleisen heraus, wo er in die ganze Wahrheit führt, wo es Pfingsten wird.

Und wo sind seine Spuren zu finden?

Es gibt Stunden, in denen ich den Anruf des Geistes Gottes ganz tief in meinem Herzen höre, wo ich etwas von der Kraft in mir spüre, die er schenkt. Wirkliche Pfingstfeststunden, die mir Mut und Lebensfreude schenken. Aber es gibt auch die anderen Stunden, wo ich nur ängstlich bin und ein leeres Herz habe.

Und es gibt auch die Stunden im Leben mit der Kirche und Gemeinde, die mir zu wirklichen Pfingststunden wurden, Stunden voller Ergriffenheit und Dankbarkeit für Gottes spürbare Nähe – aber eben auch die Erfahrungen in der Kirche, wo alles so geistlos und unlebendig und unwahrhaftig zu sein scheint.

Da ist mir die »Wolke der Zeugen«, der großen und kleinen, eine Hilfe. Sie lassen mich erahnen, dass da wirklich etwas ist, was das Leben trägt und Mut macht, darauf zu setzen. Sie ermutigen mich dazu, das, was Jesus mitgibt und aufgibt, in der Kraft seines Geistes zu leben, und wenn es noch so bruchstückhaft bleibt. Solche Zeugen des Geistes Gottes – sie bauen mich auf:

Etwa der Blick auf Bischof Franz Kamphaus, der am Ende seiner bischöflichen Dienstzeit in der Diözese Limburg seinen Platz einnahm in einem Haus mit behinderten Menschen; Abschied von den »vorderen Plätzen«. Aufbruch – mitten in der Welt. Werk des Geistes Gottes.

Oder der Blick auf Roger Schutz und die ökumenische Mönchsgemeinschaft in Taizé, die er ins Leben gerufen hat! Auch über seinen Tod hinaus ein lebendiges und frisches Zeichen des Geistes Gottes, Zeichen der Versöhnung und des Brückenschlages. Aufbruch! Wirken des Geistes Gottes.

Oder der Blick auf einen Vater, den ich kennengelernt habe: Er war lange Jahre mit seinen Kindern zerstritten. Pochen auf das eigene Recht – auf beiden Seiten! Positionen behauptet – unerbittlich! Und dann lässt er sich doch bewegen zu einer Geste der Versöhnung. Er geht auf seine Kinder zu. Es beginnt – nach und nach wieder – ein echtes Miteinander. Aufbruch! Wirken des Geistes Gottes.

Und schließlich der Blick auf eine Frau, die ganz plötzlich ihren Ehemann verliert. Ein Moment großer Verzweiflung. Doch sie lässt sich nicht in die Leere fallen. Sie geht in all ihrem Schmerz daran, die Osterkerzen ihrer Gemeinde zu gestalten. Ein mühsames Ringen um ein österliches Hoffen! Aufbruch! Wirken des Geistes.

Wie der neue Aufbruch geschieht

Ich ersehne mir den pfingstlichen Aufbruch für unsere Kirche und für mein eigenes kleines Christenleben. Den Geist ersehne ich mir, der in die ganze Wahrheit führt, den Mutbringer.

Für unsere Kirche wird mir klar: Es ist nicht zuerst unser Geschick, es sind nicht zuerst die eigenen Planungen und Aktionen, nicht die bischöflichen Hirtenbriefe und die päpstlichen Lehrschreiben, die zum Aufbruch führen. Es braucht sein Wirken, seinen Geist!

Und was für uns ansteht? Auf das »Unmögliche« hoffen, im Vertrauen auf den, der alles vermag: Dass Aufbrüche möglich sind über die oft nicht mehr einzusehenden konfessionellen Grenzen hinweg; Aufbrüche auch bei noch so unerschütterlich scheinenden, festzementierten Vorstellungen von Ämtern und Strukturen hinweg; Aufbrüche über all die sozialen Trennungslinien hinweg, die sich schmerzlich in unseren Gemeinden abzeichnen.

Pfingsten ist gewiss kein Fest, das nur einfach beruhigt, besänftigt und friedlich stimmt. Es ist vielmehr ein Fest, das zum Aufbruch ruft. Denn dazu sind wir gesandt: Christus zu bezeugen in der Welt, ihn in seiner ganzen Größe und Wahrheit. Der Mutbringer, Gottes Geist, ist uns geschenkt! Mit ihm – kann der Aufbruch gelingen.

Fürbitten
Jesus Christus hat uns den Beistand, den Heiligen Geist, verheißen. Wir bitten voll Vertrauen mit dem gemeinsamen Ruf:
»Komm, Heiliger Geist!«

– Um den Geist der Einheit, der die schmerzliche Spaltung der Christenheit überwindet und die getrennten Kirchen zusammenführt.
(Komm, Heiliger Geist.)
– Um den Geist des tiefen Vertrauens und Glaubens, der alle Verhärtungen in unserer Kirche und alle Leere in unseren Herzenüberwindet.
– Um den Geist eines mutigen und frohen Glaubens bei allen Taufschülern und Firmbewerbern in unseren Gemeinden.
– Um den Geist der Solidarität, der uns als Christinnen und Christen in unserem Land tatkräftig handeln lässt, um Not zu lindern und Gerechtigkeit zu schaffen.
– Um den Geist der Versöhnung, der Hass und Streit im Großen und Kleinen überwinden hilft und der uns zu einem einfühlsamen Umgang miteinander führt.
– Um den Geist der Demut und Tatkraft für die Politiker in unserem Land, um Weitblick bei der Lösung sozialer Probleme.

Ja, komm, Heiliger Geist: Stärke, begeistere und verwandle uns.
Dir sei die Ehre in alle Ewigkeit. Amen. 


Wolfgang Schrenk

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