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| Leseprobe 3 |
| Christkönigssonntag |
| Bin ich Gott etwas schuldig? |
| Lesejahr A |
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Beitrag zum Evangelium
Einführung
»Die Kirche hatte ja immer schon ihre eigenen Spielregeln!«, war der Schlusssatz in einer Diskussionsrunde, in der es mal wieder um die Gepflogenheiten und Eigenheiten unserer Kirche ging.
Eine dieser Besonderheiten ist der heutige Sonntag. Mit ihm endet das Kirchenjahr. Das neue beginnt nächsten Sonntag mit dem ersten Sonntag in der Adventszeit. Auch schon wieder.
Und dieser heutige Sonntag trägt den Titel »Christkönigssonntag«. 1925 von Papst Pius XI. eingeführt als bewusste Reaktion auf erstarkenden Faschismus, Kommunismus und Säkularismus. Die Herrschaft über Mensch und Welt liegt bei Gott und nicht bei weltlichen Mächten und Mächtigen. So die inhaltliche Füllung dieses Festes. Und die Krönung dieser Herrschaftsausübung liegt im Gericht und im Richterspruch des mit dieser göttlichen Vollmacht ausgestatteten Christus über die Völker, wie die Überschrift zum heutigen Evangelium heißt.
Kyrie-Ruf
GL 163/2 »Herr Jesus, du König aller Menschen«
Tagesgebet
Lebendiger Gott, noch bevor wir dich suchen, bist du bei uns. Bevor wir deinen Namen kennen, bist du schon unser Gott. Öffne unser Herz für das Geheimnis, in das wir aufgenommen sind: dass du uns zuerst geliebt hast und dass wir glücklich sein dürfen mit dir. Nicht weil wir gut sind, dürfen wir uns dir nähern, sondern weil du Gott bist. So beten wir heute und alle Tage mit Christus unserem Bruder und Herrn.
Vorüberlegungen
Anstöße für meine Gedanken zur Predigt gaben mir zum einen ein Gespräch mit einem Freund, dem ich klagte, dass mir der Zugang zu diesem Evangelium dieses Mal sehr schwerfiel. Zum anderen die Überlegungen des verstorbenen Bischofs Joachim Wanke »Vielleicht ist es wahr« im von Margot Käßmann und Joachim Wanke herausgegebenen Buch »Bei uns alle Tage. Das Matthäusevangelium als Jahresbegleiter« (Freiburg 2004). Und schließlich die Erinnerung an meinen verstorbenen Nachbarn, der immer wieder seufzte: Was bin ich schuldig?
Liedvorschlag zur Predigt
GL 458 und 459 »Selig seid ihr«
Predigt Zum Text: Mt 25,31–46 (Evangelium)
»Was bin ich Ihnen schuldig? Und was schulde ich Ihnen sonst noch? Wie kann ich es wieder gut machen?« So klagte unser Nachbar, der seine kranke Frau pflegte und selbst auf Unterstützung angewiesen war. Die Sorge, die täglichen Gefälligkeiten nicht entsprechend mit gleicher Münze begleichen zu können, bedrückte ihn sehr. Und auch die Antwort: »Das habe ich doch gerne gemacht, es ist doch selbstverständlich«, beruhigte ihn nicht. Es blieb das Gefühl: Ich bin dem anderen etwas schuldig geblieben. Wie kann ich das wieder gut machen!
Der Abschnitt aus dem Matthäusevangelium unter der Überschrift: »Das Gleichnis vom Gericht des Menschensohnes über die Völker« führt uns zu der Frage, ob wir dem, der hier richtet und urteilt, dem im Namen Gottes auftretenden Menschensohn Jesus Christus, etwas schuldig geblieben sind, ob eine Rechnung noch offen ist? Was ihr einem der Geringsten getan habt, habt ihr mir getan. Was ihr ihm nicht getan habt, habt ihr mir nicht getan.
Am letzten Sonntag im Kirchenjahr stellt dieses Gleichnis die Gottesfrage, so wie sie zu Beginn des ausgehenden Kirchenjahres, am ersten Adventssonntag, gestellt wurde: Wie steht der Mensch vor Gott und zu seinem Gott und wie steht der menschgewordene Gott zur Welt und zu den Menschen? Wer bleibt wem etwas schuldig, wer wird wem nicht gerecht? Es geht um die Geschichte Gottes mit den Menschen, mit allen, so versteht die Bibel die Bezeichnung »Völker«. Ihre Lebensgeschichten stehen zur Debatte. Es ist keine Glaubensüberprüfung. Auch keine moralische Auf- oder Abrechnung. Es geht um die Frage: Welche Lebensoption wähle ich in meinem Leben?
Die Szene, die uns vorgestellt wird, zeigt nicht eine Gerichtsverhandlung, an deren Ende sich alle erheben und feierlich das Urteil verkündet wird. Vielmehr ist das Urteil gefällt und es ist entschieden und Recht gesprochen worden – für die auf der einen Seite wie für die anderen auf der anderen Seite des Rechtsprechenden. Die Gemeinde des Matthäus identifiziert diesen natürlich mit Jesus. Und dieser Jesus ist ihnen bekannt als der, der vom Beginn seines Auftretens an, in seiner ersten Predigt, der bekannten Bergpredigt, nichts anderes vorstellte als Kennzeichen seines Lebens und das seiner Jüngerinnen und Jünger als die Werke der Barmherzigkeit. »Liebeswerke« nannten das die frommen Juden damals und sie waren zurückgebunden an den Gott, von dem sie bekannten: Er ist der barmherzige, befreiende und rettende Gott. Er hat das Elend und das Schreien seines Volkes gesehen und gehört und spricht: Ich kenne ihr Leid.
Mit Hand und Fuß, mit Leib und Seele verkörperte Jesus diese Barmherzigkeit Gottes für die Menschen und es geschah: Die Gebeugten richtete er auf, die Kranken heilte er, die Ausgestoßenen holte er in die Gemeinschaft zurück, die Gefangenen befreite er, den Hungernden war er wie Brot des Lebens, den Stummen schenkte er die Sprache, den Blinden das Augenlicht, die Toten entfesselte er ins Leben, denn: Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt. In seinem Wort und in seinen Taten begegnen die Menschen seinem Gott und ihrem Gott, seinem Vater und ihrem Vater, der Barmherzigkeit will und nicht aufrechnende Opfer, und der Barmherzigkeit schenkt, umsonst, aus Gnade. Das Leben Jesu ist ein Leben in der Ausprägung des »für die anderen« und dieses für euch und für alle bleibt tragend bis in sein Sterben hinein. In diese Ausprägung seines Lebens hinein hat er Menschen gerufen und eingeladen. So hat er ihnen Wege in die Wahrheit und in den Frieden aufgezeigt und eröffnet. Darin hat er Lebensperspektiven mit Sinn eröffnet. Und deshalb können wir das »Das habt ihr mir getan« aus dem heutigen Evangelium übersetzen: In eurem Leben hat sich ausgeprägt und verwirklicht, was das »für euch und die vielen« heißt.
Bin ich Gott etwas schuldig? Ist am Ende meines Lebens eine Rechnung offen?
Wer die Lebenspraxis Jesu, seine Leidenschaft für das Leben als eigene Lebensoption übernimmt, der ist ein Gesegneter und eine Gesegnete und bringt Segen zu den Menschen und ist ein Segen für sie. »Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters.« Jede Tat der Barmherzigkeit und der Liebe macht Hungrige satt und stillt Dürstenden den Durst und sättigt damit, bildlich gesprochen, den Hunger und den Durst Jesu, die Menschen als seine Brüder und Schwestern zu sehen. Wer so lebt, hat den Lebensweg Jesu gewählt und ist ihm dadurch bekannt und verwandt, geist-verwandt, Tochter und Sohn Gottes, zu denen gesagt ist: Empfangt das Erbe, das für euch bestimmt ist. Auf vielfache und unterschiedliche Weise wurde das Gleichnis vom Gericht beschrieben, gemalt und in Stein gehauen. Über den Portalen unzähliger Kirchen, unter denen die Menschen in den Kirchenraum treten, sind sie abgebildet, die Gruppen derer zur Linken und derer zur Rechten, der »Böcke« und der »Schafe« – gefesselt die einen, erlöst die anderen. Zur Erinnerung und Mahnung sollen die Bilder dienen. Mit ihrer Hilfe wurde gedroht, unterdrückt und gefoltert. Es wurden Zweifel geschürt und ein Gottesbild und Gottesverständnis verbreitet, das viele in Angst und Schrecken versetzte. Auf welcher Seite werde ich einmal stehen? Was habe ich versäumt und was bleibe ich Gott schuldig? Welches Urteil wird über mich gefällt werden?
Auch die Gerichtserzählung ist Evangelium, frohe Botschaft unseres Herrn Jesus Christus, wie uns vorhin zugerufen wurde, und wir haben geantwortet: Lob sei dir Christus. Er hat uns mit seinem Beispiel gelebter Liebe für die Menschen eine Zusage gegeben, dass wenn wir Barmherzigkeit üben und leben, wie auch Gott zu uns barmherzig ist, wir das Leben gewinnen und nicht verlieren. Das macht nicht Angst, aber der Anspruch bleibt. Die Herausforderung ist aufgezeigt und ruft nach Antwort. Und ist es nicht so: Manchmal sind wir – oder können es zumindest sein – die Gebenden und Schenkenden, manchmal sind wir aber auch selbst die Bedürftigen und wünschen uns sehnlichst, dass uns einer oder eine hilft, uns stärkt, uns besucht, uns aufrichtet, zumindest mit einem Wort oder einer nachbarschaftlichen Begegnung. Wir sind stark, um für andere da zu sein; wir sind schwach und auf andere angewiesen. Was wir an Begabung und Können haben, dürfen wir einbringen und verschenken. Was wir nicht haben, dürfen wir uns von anderen schenken lassen. Hilde Domin sagte es so: »Nicht im Stich lassen – sich nicht und andere nicht. Das ist die Mindest-Utopie, ohne die es sich nicht lohnt, Mensch zu sein. An ihr halte ich fest bis zu meinem letzten Atemzug.«
Ob es Menschen gibt, die das Ziel dieses Lebens, das Jesus vorstellt, nicht erreichen?
Die gefesselt abgeführt werden, wie im Weltgericht oft dargestellt, und in die Hölle kommen? Das Gleichnis schließt dies als Möglichkeit nicht aus: »Ich kenne euch nicht.« Wie es auch in anderen Geschichten im Evangelium heißt, wo Menschen den rechten Zeitpunkt verpassen, wenn die Einladung zum Leben ausgesprochen wird – siehe das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen. Ob das und, wenn ja, wie das der Fall sein wird – das zu entscheiden liegt nicht in unserer Hand. Aber wenn wir die von Gott geschenkte Freiheit des Menschen ernst nehmen, dann kann es möglich sein, dass sich jemand durch sein Leben bewusst aus der Lebensgemeinschaft mit Gott ausschließt. Vielleicht ist es gut, sich an ein Wort des Theologen Hans Urs von Balthasar zu halten, der sagte: »Es gibt zwar eine Hölle, aber ich hoffe fest, dass keiner drin ist!« Das Evangelium gibt uns darüber keine Auskunft. Aber es sagt ausdrücklich, dass die Liebe »alles hoffen darf« (1 Kor 13,7).
Oder wie es eine von Martin Buber überlieferte chassidische Geschichte erzählt: Ein gelehrter Aufklärer besuchte einen Rabbi, um mit ihm zu diskutieren und seine Argumente für den Glauben zu widerlegen. Als er in seine Wohnung kam, ging der Rabbi mit einem Buch in der Hand auf und nieder, ohne auf den Gast zu achten, und sagte: »Vielleicht ist es aber wahr.« Dieser eine Satz erschütterte den Gelehrten. Schließlich wandte der Rabbi sich ihm zu und sagte: »Du hast mit vielen gestritten und über den Glauben gelacht. Sie alle haben dir Gott und sein Reich nicht demonstrieren können. Auch ich kann es nicht. Aber, mein Sohn, bedenke: Vielleicht ist es wahr.«
Fürbitten
Gott der Gerechtigkeit und des Friedens, in den Ängsten und Sorgen unserer Tage kommen wir mit unseren Bitten zu dir:
– Für die Frauen und Männer, die in unseren Gerichten Verantwortung tragen für gerechte Urteile über Beschuldigte. (GL 632/1 »Erhöre uns, Herr, erhöre uns«) – Für unschuldig Verurteilte in ihrer Not um Freispruch und Rechtfertigung. – Für alle, die ihre Macht missbrauchen und ungerechte Urteile vollziehen. – Für alle, die ihren Mitmenschen, die in Not sind, Barmherzigkeit erweisen. – Für alle, die mit wachem und offenem Herzen anderen zum Segen werden. – Für alle, die angesichts des Todes auf Gottes Erbarmen hoffen.
Lebendiger Gott, wir vertrauen der Zusage deines Sohnes, dass uns bei dir eine ewige Wohnstatt bereitet ist in deinem Frieden. Wir sagen dir Dank und loben dich, heute und alle Tage und in Ewigkeit. Amen.
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Wolfgang Tripp |
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