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| Leseprobe 3 |
| Zehnter Sonntag im Jahreskreis |
| Auf Augenhöhe |
| Lesejahr A |
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Beitrag zum Evangelium
Einführung
Allen Menschen gut und wertschätzend zu begegnen ist nicht immer leicht. Jesus ist da anders. Er lädt uns alle ein, er geht auf uns zu, er sieht uns. Wir dürfen heute zu ihm kommen und uns aufbauen und stärken lassen. Richten wir unsere Gedanken auf ihn aus. Er ist jetzt in unserer Mitte.
Kyrie-Ruf
Herr Jesus Christus, du rufst alle Menschen, dir nachzufolgen. Herr, erbarme dich.
Du siehst in unser Herz und weißt, was wir benötigen. Christus, erbarme dich.
Deine Liebe überwindet Grenzen zwischen den Menschen. Herr, erbarme dich.
Tagesgebet
Guter Vater, wir Menschen sind deine Kinder. Du hast alle gleichermaßen lieb und mit einer Würde ausgestattet, die niemand nehmen kann. Dein Sohn Jesus hat dies die Menschen spüren lassen, wenn er ihnen begegnete. Lass uns dem Beispiel deines Sohnes folgen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Vorüberlegungen
Vor allem das Essen in Gesellschaft ist so viel mehr als reine Nahrungsaufnahme. Es schafft Begegnung, knüpft und festigt Beziehungen und zeigt auch die soziale und gesellschaftliche Zugehörigkeit. In der jüdischen Gesellschaft zur Zeit Jesu hatte das gemeinsame Essen noch eine deutlich stärkere Bedeutung. Neben der orientalischen Gastfreundschaft und der Wertschätzung, die man seinen Gästen zukommen lassen wollte, war ein gemeinsames Essen auch immer eine Begegnung auf Augenhöhe. Eine solche Begegnung war aber nur mit den Menschen möglich, die kultisch rein waren und durch die Thora und die kultischen Gesetze nicht als unrein definiert wurden; denn dann lief man selbst in Gefahr, durch Kontakt mit ihnen unrein zu werden. Somit waren bestimmte Gruppen der Gesellschaft von vorneherein davon ausgeschlossen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Jesus schert sich um diese Konventionen nicht, sondern begegnet allen Menschen auf Augenhöhe. Er hat keine Angst davor, sich unrein zu machen. Im gemeinsamen Mahl überwindet er soziale Grenzen. Dabei leugnet er nicht, dass die »Sünder« der Heilung bedürfen. Diese Heilung kann aber nur geschehen, indem man ihnen unvoreingenommen begegnet.
Liedvorschlag zur Predigt
GL 442,1–3 »Wo die Güte und die Liebe wohnt«
Predigt
Zum Text: Mt 9,9–13 (Evangelium)
Eine wichtige Aktion in der kalten Jahreszeit
In der Winterzeit entstehen in manchen Kirchengemeinden für einige Wochen Vesperkirchen. Oft sind es städtische Kirchengemeinden und vorwiegend beheimatet ist diese schöne Aktion in evangelischen Kirchengemeinden. Die Kirchen werden geöffnet und verwandeln sich in dieser Zeit für ein paar Stunden am Tag zu einer Begegnungsstätte. Arme und Obdachlose sind besonders eingeladen. Es wird ein Mittagessen ausgegeben, das für bedürftige Menschen gut erschwinglich oder sogar umsonst ist. Und neben einem warmen Mittagessen gibt es, je nach Möglichkeit der Kirchengemeinde, noch Angebote wie einen kostenlosen Haarschnitt oder eine Fußpflege. Aber die Einladung der Vesperkirche richtet sich ausdrücklich an jeden. Jeder ist zum gemeinsamen Essen eingeladen und wer den vollen Preis zahlen kann, zahlt ihn. So entsteht etwas, was mindestens genauso wichtig ist wie ein voller Bauch oder ein menschenwürdiges Aussehen. Es entsteht Begegnung. An den Tischen der Vesperkirche sind alle gleich.
Die Bedeutung des gemeinsamen Essens
Dass gemeinsames Essen so viel mehr ist als reine Nahrungsaufnahme, das wissen wir aus eigener Erfahrung. Ein Essen mit der Familie, ein Essen mit Kollegen oder Freunden hat noch eine tiefere Dimension als nur ein leckeres Mahl zu essen. Es schafft Begegnung und stellt Verbindung zwischen den Menschen her. Ein Essen zum Abschied eines Kollegen lässt vielleicht die gemeinsamen Zeiten noch einmal hochleben. Für die Menschen im alten Israel war das gemeinsame Essen wesentlicher Bestandteil ihrer Kultur. Die orientalische Gastfreundschaft gebot es dem Gastgeber, seinem Gast seine Wertschätzung zu zeigen, indem er ihn bewirtete. Das gemeinsame Mahl drückte aus, dass sich Gastgeber und Gast auf Augenhöhe begegneten und einander schätzten. Ausgenommen von dieser Wertschätzung waren allerdings Menschen, die durch religiöse Vorschriften als unrein galten. Sie hatten gegen wichtige Gebote oder Vorstellungen des damaligen Judentums verstoßen, waren öffentlich bekannte Sünder oder Zöllner. Aber auch Frauen galten während ihrer Periode als unrein oder ein Arzt, der sich mit unreinen Menschen abgab, galt ebenso vorübergehend als unrein.
Jesus begegnet den Menschen offen
Zöllner werden im Neuen Testament als Paradebeispiel für Unreinheit genannt. Sie arbeiteten mit der römischen Besatzungsmacht zusammen, manche von ihnen übervorteilten die Menschen, indem sie überhöhte Steuern verlangten. Mit solchen Menschen wollte sich kein gläubiger Jude abgeben. Doch Jesus denkt anders. Er geht besonders auf diese Menschen zu und beruft beispielsweise den Zöllner Matthäus in seinen Jüngerkreis. Er lässt sich von ihm zum Essen einladen, begegnet ihm auf Augenhöhe und nimmt ihn ernst. Das ermöglicht gegenseitiges Verstehen – und es ermöglicht Umkehr.
Wer Jesu Zuwendung braucht
Als sich Pharisäer darüber echauffieren, antwortet Jesus ihnen, dass nicht die Gesunden den Arzt brauchen, sondern die Kranken. Nicht die, die alles richtig machen und sowieso schon dazu gehören, brauchen Zuwendung, sondern diejenigen, die Fehler machen, die sich verrannt haben, die aus irgendeinem Grund am Rande stehen. Ihnen gilt Jesu Aufmerksamkeit. Durch die Art, wie er mit ihnen umgeht, zeigt er ihnen, dass auch sie Kinder Gottes sind und dazugehören.
Jesu Haltung – eine Herausforderung bis heute
Es ist bis heute eine Herausforderung, jedem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Wir unterteilen heute nicht mehr Menschen in reine oder unreine Menschen. Aber wir bleiben doch bevorzugt in den Gruppen, in denen wir uns üblicherweise bewegen. Zwischen den Gruppen scheint es nur wenig Kontakt zu geben. Das ist auch ganz natürlich, vor allem dann, wenn wir uns in unserer Gruppe wohl fühlen. Es kann durchaus Überwindung kosten, mit Menschen auf Augenhöhe umzugehen, die so ganz andere Ansichten haben als wir. Vielleicht sind sie mir von ihrer Erscheinung unangenehm oder ich befürchte, dass sie sehr auf Konfrontation ausgehen. Was macht Jesus? Er geht auf die Menschen zu. Er setzt sich mit ihnen zu Tisch. Er schenkt ihnen seine Wertschätzung und seine Großzügigkeit. Er lässt sich auf sie ein – auf Augenhöhe. Und in dieser Begegnung öffnet er ihnen eine Tür. Er schafft eine Atmosphäre, in der Heilung entstehen kann. Der Zöllner Matthäus nimmt Jesu Angebot ernst und folgt seiner Aufforderung, ihm nachzufolgen. Von den anderen Menschen beim Gastmahl ist nichts überliefert.
Ein Türöffner zum Heil
Für Jesu Weg, auf andere Menschen zuzugehen, gibt es keine Erfolgsgarantie. Aber wir alle sind Kinder Gottes, wir alle sind mit einer uneingeschränkten Würde von Gott her beschenkt. Wir sollten keine Menschen von vorneherein ins Abseits stellen. Wir sollten ihnen auf Augenhöhe begegnen. Vielleicht tut sich dann eine Tür auf, durch die sie hindurchgehen. Vielleicht kann dann im biblischen Sinne so etwas wie Heil geschehen. Vielleicht gehen sie aber auch ihren Weg weiter. Trotzdem ist die Haltung Jesu nicht vergeblich, denn nur wenn wir die Grenzen in unseren Köpfen überwinden, können wir mit Jesus Wege zum Heil finden – im Gespräch mit anderen und an den Tischen der Vesperkirche.
Fürbitten
Zu Jesus Christus rufen wir: Sei bei uns mit deinem Geist!
– Wenn andere Menschen uns ansprechen, dann lass uns zuhören. Schenke uns ein offenes Herz. (Sei bei uns mit deinem Geist.) – Wenn wir anderen Menschen begegnen, dann lass uns ihnen auf Augenhöhe begegnen. – Lass alle Menschen, die Macht und Verantwortung für andere tragen, diese in der Haltung Jesu ausüben. – Bewahre unsere Kirche vor der Versuchung, über das Leben der Menschen bestimmen zu wollen. Zeige den kirchlich Verantwortlichen, wie sie den Menschen Türen zum Heil öffnen können und sie auf dem Weg begleiten.
Herr, wir danken dir für deinen Geist, der uns vor dem Irrtum bewahrt. Dich loben wir durch den Heiligen Geist in Ewigkeit. Amen.
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Stefan Lepre |
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