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»Dienst am Wort«
Herausgeber
Leseprobe 2
Allerheiligen
Lesejahr A – B – C
Beitrag zur Lesung

Einführung

Einmal im Jahr machen wir uns in besonderer Weise bewusst, dass die Kirche zeitlos ist. Das hat nichts mit Stil oder gutem Geschmack zu tun, sondern mit der Grundüberzeugung unseres Glaubens, dass alle Menschen für immer in Gottes Hand aufgehoben sind. Am Fest Allerheiligen feiern wir die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen: der lebenden und der toten, der großen und der kleinen, der offenen und der verborgenen, der offensichtlichen und derer, die noch auf dem Wege dahin sind. Allen ist gemeinsam, dass sie sich auf die Botschaft des Lebens und des Heils eingelassen haben, zu der uns Christus einlädt.

Liedvorschlag für die Predigt

GL 458 »Selig seid ihr«

Predigt
Zum Text: Offb 7,2–4.9–14 (1. Lesung)

Kontrollverlust

Wann hatten Sie das letzte Mal das Gefühl, dass Ihnen eine Situation völlig entglitten ist? Dass Sie keine Kontrolle mehr hatten? Ich erinnere mich, dass ich einmal durch eine Menschenmenge von mehreren tausend Personen musste, die sich alle in die entgegensetzte Richtung bewegten. Ich konnte nichts machen. Ich wurde geschoben, gestoßen und gedrängt. Zu meinem Termin kam ich hoffnungslos zu spät. Auf die Frage, wie es draußen denn sei, korrigierte meine Verabredung meine Antwort von »schlimm« zu »apokalyptisch«. Das geschah mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen, denn natürlich war es übertrieben. Uns kostete das Durcheinander nur Zeit. Ein wirklicher Kontrollverlust kostet im schlimmsten Fall das Leben.

Apocalypse now?


Der Begriff Apokalypse hat seit einiger Zeit wieder Hochsaison, ja, er scheint sich in ein Grundgefühl dieser Tage und Jahre zu verwandeln. Von vier Reitern ist in der Offenbarung des Johannes die Rede, die die Erde verwüsten: militärische Konflikte, Seuchen, wirtschaftliche Krisen und falsche Sicherheiten. Von allen sind unsere Zeitungen und Nachrichtensendungen galoppierend voll. Der Unterschied zu den letzten Jahrzehnten ist der, dass wir uns zunehmend selbst in diesen Meldungen finden. Der Sommer war wieder – im wahrsten und schlimmsten Sinne des Wortes – brennend heiß. Die Welt einschließlich der Bundeswehr wappnet sich für Krieg, von denen einer über die Maßen entsetzlich lange schon vor unserer Haustür wütet. Die Lebenshaltungskosten steigen und lassen selbst die Mittelschicht jeden Cent zweimal umdrehen; von denen, die sich immer schon strecken mussten, gar nicht zu sprechen. Und das alles in einer neuen gesellschaftlichen und weltpolitischen Lage, in der Marktschreier Lösungen versprechen, die offen bestimmte Gruppen ausschließen oder zuvorderst ihren eigenen Interessen dienen. Wir wissen gar nicht, wo wir anfangen sollen, damit nicht auch uns alles um die Ohren fliegt. Wie kommen wir da bloß wieder raus? Oder ist das schon die Apokalypse?

Gottes Zeit …

Die Versuchung unserer Tage ist, den Kopf in den Sand des Privaten oder Virtuellen zu stecken und sich dem resignierenden Gefühl hinzugeben, dass man ja doch nichts tun kann. Diese Versuchung ist real, aber sie ist nicht neu. Die Kirchengeschichte ist voll von Propheten, die das Ende in ihrer eigenen Zeit verkündeten. Sie haben sich offensichtlich geirrt. Und das ist das erste, was wir aus der heutigen Lesung mitnehmen können: Auch wenn es noch so finster aussieht – das Ende werden nicht wir, sondern Gott bestimmen. Und so lange es noch nicht da ist, so lange haben wir auch die Möglichkeit und die Verantwortung, Dinge in Gottes Sinne zu ändern. Sein Reich mag so klein wie ein Senfkorn sein, aber es wirkt in unserer Welt, selbst wenn die Vögel des Himmels gerade weit davon entfernt sind, es sich in diesem Baum gemütlich machen zu können.

… und eine Zeit für Heilige

Wie kommen wir also durch diese Zeit? Die Qualitäten, die es braucht, zählt Jesus im Evangelium auf: eine Armut, die reich ist, weil sie nicht mit Verdiensten prahlt, sondern die eigenen Talente und Ressourcen in den Dienst von anderen stellt; die Fähigkeit, sich von Leid anrühren zu lassen und Trauer auszuhalten; einen sanftmütigen, geduldigen und respektvollen Umgang miteinander; eine kreative und tätige Unruhe angesichts von Ungerechtigkeit; Mitgefühl und ein weites Herz für Menschen, die sich selbst in einer Situation der Schwäche finden und jetzt Angst haben; die hohe Kunst, das Böse mit Gutem zu überwinden und Frieden zu stiften; einen Mut, der sich einmischt, wenn es etwas kostet.

Jesus preist die Menschen mit diesen Qualitäten selig; die Kirche spricht sie heilig. Der Blick in den Heiligenkalender verrät, dass viele von ihnen in großen Krisenzeiten der Menschheit lebten, als die Gegenwart dunkel und die Zukunft abgründig erschien. Wir erinnern uns an sie, weil sie in diesen schweren Zeiten den Glauben nicht verloren haben und dadurch Licht für andere sein konnten. Das Buch der Offenbarung spricht davon, dass sie »aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen« kamen und dass »niemand sie zählen« konnte.

Ich glaube, dass wir, wenn uns die Bibel einen genaueren Blick erlauben würde und wir in diese Schar hineinzoomen könnten, vertraute Gesichter erkennen würden – von Eltern, Freunden, Verwandten und vielen anderen, die unser Leben hell gemacht haben. Und vielleicht sitzt ja eines dieser Gesichter gerade neben Ihnen. Bestärken wir uns heute an diesem Fest Allerheiligen gegenseitig in der Heiligkeit. Die Welt braucht uns.

Fürbitten


Allmächtiger, ewiger Gott, unsere Zeit liegt in deinen Händen. Wir bitten dich:

– Für die Kirche, die für alle Menschen als ein Ort der Gemeinschaft, des Heils, der Rettung und des Friedens erfahrbar sein soll.
– Für alle, die uns auf unserem Glaubensweg begleiten und stärken.
– Für alle, die Einfluss in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik haben und den Gang der Geschichte mitbestimmen.
– Für alle, die sich in den Dunkelheiten und Ängsten dieser Welt wiederfinden und keine Hoffnung sehen können.
– Für alle, die aus unserer Mitte geschieden sind und nun in der Gemeinschaft aller Heiligen bei dir sein mögen. Wir beten in dieser heiligen Messe besonders für: [hier Namen nennen].

Denn du, Herr, verheißt allen Segen und Gerechtigkeit, die dein Angesicht suchen. Wir loben dich und danken dir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Sabine Schratz

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