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»Dienst am Wort«
Herausgeber
Leseprobe 2
16. Sonntag im Jahreskreis
Der Himmel auf Erden
Lesejahr A
Beitrag zum Evangelium

Einführung

»Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen«, schreibt Paulus in der heutigen Lesung. Wer kennt nicht dieses Gefühl, innerlich hohl und leer zu sein – vielleicht nicht einmal mehr zu wissen, was denn Beten noch für einen Wert haben soll. Paulus fährt fort: »Der Geist nimmt sich unser an … er selbst tritt für uns ein.« – Aus welcher Situation wir auch kommen, was auch immer uns in der vergangenen Woche bestimmt hat, folgen wir seinem Rat und lassen jetzt Gottes Geist beim Hören des Wortes der Schrift und bei der Feier des Mahles in uns und vor Gott sprechen. So wird Christus Jesus selbst in unserer Mitte sein.

Kyrie-Ruf

Herr Jesus Christus, in unserem Unglauben, der unseren Glauben zu ersticken droht, rufen wir:
Herr, erbarme dich.

In unserer Verzagtheit, die unsere Beherztheit entmutigen will, rufen wir:
Christus, erbarme dich.

In unserem Zögern, das unser Vertrauen erschüttern kann, rufen wir:
Herr, erbarme dich.

Tagesgebet

Sei deinen Dienerinnen und Dienern gütig nahe, Herr,
mit deinen Gnadengaben, mehr und mehr;
dass wir, in Hoffnung, Glaube und Liebe glühend, wachsam zu jeder Zeit
beachten, was du aufträgst.1

Vorüberlegungen

Matthäus erzählt das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen anstelle des Gleichnisses von der selbstwachsenden Saat, mit dem Markus seine Leser zum Vertrauen in das Wachstum des Reiches Gottes ermutigte.
»Wir dürfen […] nicht nur mit unseren Kräften rechnen, weil es sich mit dem Himmelreich ›wie mit einem Senfkorn verhält, das ein Mann auf seinen Acker säte. Sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größere als alle anderen Gewächse‹ (Mt 13,31 f.). Und schließlich verhält es sich mit dem Himmelreich auch ›wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war‹ (Mt 13,33). Das aber bedeutet: Das Himmelreich wächst aus eigener Kraft. Es hängt in seinem Wachstum nicht von unseren ›Kraftakten‹, sondern von der Bereitschaft ab, es nach seinen Gesetzen unter uns, durch uns wachsen zu lassen. Die Gegenwart des Himmelreiches in unserer Welt hängt also von dem Vertrauen ab, das wir ihm und seinem Herrn entgegenbringen. Und dieses Vertrauen kann […] auch bedeuten: Unkraut wachsen zu lassen und allen Neigungen, zwischen Guten und Bösen in der Gemeinde zu unterscheiden, zu widerstehen.«2 Offensichtlich war eben dieses Thema in der Gemeinde des Matthäus und zugleich Beweggrund, das Gleichnis vom Lolch unter dem Weizen dem Gleichnis von der selbstwachsenden Saat vorzuziehen, das Markus erzählt.

Liedvorschläge zur Predigt

GL 409 »Singt dem Herrn ein neues Lied« oder
Erdentöne – Himmelsklang 142 »Kleines Senfkorn Hoffnung«

Predigt
Zum Text: Mt 13,24–43 (Evangelium)

Der Himmel auf Erden, …


… das wäre schön, grandios, wunderbar. Der Himmel auf Erden, endlich überall und für alle: Gerechtigkeit, Friede und echte, erfüllende Freude hier in [Name der Kirche/Pfarrei], der Himmel auf Erden in ganz [Ortsname] und weit darüber hinaus: für mich, für Dich, für alle Menschen. Sie, wir alle sehnen uns doch so sehr danach.

Aber ist das nicht nur ein schöner Traum?


Ein allzu schöner Traum unserer Sehnsucht, der zerplatzen muss wie eine Seifenblase? Ein schöner Traum, der sich aufreiben muss an der harten Wirklichkeit unserer Welt in Aufruhr, an der ungerechten, friedlosen und ganz und gar nicht nur erfreulichen Wirklichkeit wie sie sich auch hier in [Ortsname] immer wieder querstellt zu all unseren Träumen?
Ein allzu schöner Traum, der einem vergehen kann in diesen Zeiten der Gewalt und Kriege – und kein Ende in Sicht. Die Leiden dieser Zeit (vgl. Röm 8,18) sind wieder einmal sehr ungleich verteilt: Manche werden ungleich härter getroffen von Terror, Gewalt und Krieg, von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit; manche leiden ungleich stärker unter der Angst und den Unsicherheiten, unter den Hoffnungslosigkeiten und den Verrohungen, den Populismen oder Hassreden und Spaltungen; manche sind ungleich mehr getroffen als andere und oft sind es die Ärmeren, die auf Unterstützung angewiesenen Älteren, die mit Handicap, die ohnehin schon Getroffenen, Schwächeren, Benachteiligten.
Im Stillen leiden die, die ihre Stimme nicht erheben können, auch nicht im Kampf um das Leben trotz allem, weil man sich auch Krise leisten können muss.
Der Himmel auf Erden? Nein, nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und echte, erfüllende Freude im Heiligen Geist Gottes (vgl. Röm 14,17)? Ist unsere Wirklichkeit nah und fern nicht weit weg davon? Enttäuschend weit weg davon? »Wo ist nun dein Gott?« (Ps 42,4.11), so scheint es überall zu rufen: »Geh’ mir weg mit deinem Himmelreich!« Die ganze Schöpfung stöhnt wie in Geburtswehen (vgl. Röm 8,22) und auch wir stöhnen in unserem Herzen und warten darauf, dass das alles eine Lösung, Erlösung findet (vgl. Röm 8,23).

Jesus erzählt vom Himmel auf Erden


Er tut es in Gleichnissen, damit wir besser verstehen. Denn »Himmel« verstehen, ist nicht leicht. Er lässt sich nicht so einfach beschreiben: »Schau, so ist er« oder »da ist er«. Der Himmel lässt sich nicht einfach festhalten in unserer Welt und nicht einfach begreifen mit den Begriffen unseres Denkens und den Worten unserer Sprache.
»Himmel auf Erden«, das hört sich so traumhaft, traumtänzerisch an, wie wenn ich sagte: Glück, Gesundheit, gelingendes, frohes Leben für alle und mit allen. Schauen wir die Nachrichten von der Welt um uns herum und unsere eigene Erfahrung mit ihr an: Ist es nicht leichter, wahrscheinlicher, einen Sechser im Lotto zu tippen, als den Himmel auf Erden zu erleben?

Es braucht Bilder, Vergleiche, Annäherungen

»Mit dem Himmelreich ist es wie …«, ja, wie zum Beispiel »mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hoch gewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum« (Mt 13,31–32).
Das Himmelreich ist in der Tat nicht sehr groß unter uns; die Wirklichkeit Gottes ist nicht sehr weit verbreitet. Es fällt uns eher schwer zu sagen, wo sie in unserer Umgebung, in unserem eigenen Haus und unseren eigenen Familien sichtbar wird.

Aber das Himmelreich ist dennoch da und nah!


Das ist die feste Gewissheit Jesu, das ist seine Botschaft: Das Himmelreich ist da! Klein vielleicht, unscheinbar, kaum zu erkennen und leicht zu übersehen und für den Unaufmerksamen leicht zu zertreten, aber es ist da! Und es hat eine ungeheure Macht in sich, groß zu werden und sich auszubreiten. Weil es das Reich Gottes ist, weil Gott dahintersteht, Gott selbst, der mitten in dieser Welt Gott sein will: Anfang und Mitte und Ende. Weil Gott nicht von uns Menschen lassen will und weil es im Menschen, weil es in uns allen eine unersättliche Sehnsucht danach gibt, dass endlich Himmel auf Erden sei.
Schon diese Sehnsucht ist der kleine Same vom Reich Gottes, den Gott in jeden von uns gelegt hat. Ob wir darum wissen oder nicht, wir werden von dieser Sehnsucht umgetrieben und bleiben unruhig, bis sie ihre Erfüllung findet, bis das kleine Senfkorn Hoffnung aufgekeimt ist und hochgewachsen sein wird zum mächtigen Baum; bis endlich Himmel auf Erden ist, alles und alle bestimmend, für mich, für dich, für uns alle, bis endlich Gottes Wirklichkeit regiert.

Jesus möchte mit seinem Gleichnis deutlich machen …

… Ihr dürft eurer Sehnsucht trauen und der Macht der kleinen Anfänge des Guten. Ihr dürft ihnen trauen, den kleinen Aufbrüchen der Liebe und der gegenseitigen Wertschätzung. Ihr dürft setzen auf die kleinen Schritte der Versöhnung und das wohlwollende Miteinander. Und ihr dürft sie ruhig mutig aussäen, solche kleinen Samenkörner: In den unscheinbaren Körnern, zum Beispiel der guten Worte, der liebevollen Zuwendung und der vergebenden Gesten, in solchen kleinen Körnern steckt eine ungeheure Kraft. Ihr dürft sie ruhig ausbringen, die Saat des aufmerksamen Hinhörens, wo nicht laut getönt wird, des Zuhörens, wo der wortlose Schmerz derer ist, die keine Stimme haben; in solcher Saat steckt ungeahnt keimende Ermutigung. Auch wenn es sich damit verhält, »wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte«, während ein anderer Unkraut säte (Mt 13,24–25).
Und so kommen wir uns nicht selten vor als Christen in der Diaspora, wie ausgestreut mit unserer guten Nachricht unter die vielen schlechten. So zerstreut unter den vielen, offenbar religiös Unmusikalischen, dass wir selbst zu Zweiflern werden, zu verzweifeln drohen mit unserer guten Nachricht vom nahen Reich Gottes, von der guten, gottvollen Zukunft, den guten, gottgewürdigten Menschen, dem guten, gottgetragen gelingenden Leben mit- und füreinander. So unscheinbar geworden, kommen wir uns mitunter vor, auf dem global bewirtschafteten Acker unserer Zeit, dass wir aufzugeben drohen, das zu tun, was Gott tut, und den Menschen Gehör zu verschaffen, deren Stimme leise oder zum lautlosen Stöhnen geworden ist, für sie einzutreten, uns zu ihrem Anwalt zu machen, ihr Leid in Worte zu fassen, die sie nicht mehr finden, die laut auszusprechen sie keine Kraft mehr haben.
Jesus weiß, dass beide Saaten in unserer Welt ausgesät werden: das Gute und das Unkraut. Vielleicht wird sogar mehr Unkraut, mehr Geschimpfe und Gefluche, mehr Hass und Neid, mehr Streit und Gewalt ausgesät in Worten, Gesten und Taten, weil die verletzenden Ausdrücke leichter über die Lippen kommen und die Verurteilungen schneller ausgesprochen sind, und die Gewalt eher bei der Hand ist.
Und Jesus ist dennoch gewiss: Der gute Same, auch das kleinste Korn ist stark genug. Es zieht nicht den Kürzeren. Der gute Same geht auf, selbst in den schmalen Ritzen betonharter Umgebungen, selbst in den asphaltierten Schnellstraßen unserer Zeit! Der gute Same geht auf und wächst und wird zum mächtigen Baum, in dem die Vögel nisten (vgl. Mt 13,32; Mk 4,32), die einfach fröhlich singenden Vögel des Himmels. 

Das Gleichnis Jesu ist eine Mutmach- und Vertrauensgeschichte


Habt Mut, das Gute trotz all dem vielen, fast übermächtigen Gegenteiligen zu ergreifen: Das Gute ist stärker, auch wenn es immer wieder überwuchert und erstickt zu werden droht, weil Gott hinter dem Guten steht. Das Tun dessen, was Gott tut, durchsäuert doch das Ganze, weil Gott das Ganze nicht egal ist, sondern weil es aufgehen, gelingen, zum Ziel kommen soll.
Jesus, der Christus, und nach ihm Paulus – und mit ihm wir – hoffen, glauben, leben davon, lieben daraus, dass Gottes Reich, Gottes Wirklichkeit aufgeht: »Gott versteht das Stöhnen, Seufzen, Schluchzen, Ächzen, Wimmern, Winseln und Jammern« und lässt gerade darum nicht von uns, nicht von seinem Vertrauen in uns, nicht von seinem großzügigen Säen, nicht von seinem Reich.

Fürbitten

Gottes Wort geht auf gegen alles Widrige, unter allem, das mächtig und größer erscheint: Das ist unsere Hoffnung! Hoffnungsvoll glaubend bitten wir Gott, den Sämann des Lebenswortes, auf den Äckern auch unserer Zeit zu wirken:

– Lass dein Wort aufgehen, damit wir leben können in dieser Welt, miteinander und füreinander. – Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn:
(Der Himmel und Erde erschaffen hat.)
– Öffne unsere Augen, damit wir deine Handschrift in dieser Welt erkennen und dir unsere Hände und Füße leihen für die Menschen, die dich brauchen. – Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn:
– Hilf uns, an die Kraft deiner Liebe zu glauben und so zu den Menschen zu gehen, die Liebe suchen. – Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn:
– Lass unseren Glauben, unsere Hoffnung und Liebe nicht zerrinnen unter dem Vielen und schenke unseren Verstorbenen, schenke uns allen deine große Zukunft. – Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn:

Gepriesen bist du, Gott, heute und in Ewigkeit. Amen.

Anmerkungen:

1 Vgl. Alex Stock, Orationen. Die Tagesgebete im Jahreskreis neu übersetzt und erklärt. Regensburg 2011, S. 58.
2 Meinrad Limbeck, Matthäusevangelium, (=Stuttgarter Kleiner Kommentar Neues Testament; 1), Stuttgart 1986, S. 191.

Clemens Stroppel

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