|
| Leseprobe 2 |
| Fest der Taufe des Herrn |
| Der Auftritt des Gottesknechtes |
| Lesejahr A |
 |
Beitrag zur Lesung
Einführung
»Als Jesus getauft war, öffnete sich der Himmel«, beginnt der Eröffnungsvers zum heutigen Sonntag. Vielleicht hat sich der Himmel auch für Sie an diesem Weihnachten ein klein wenig geöffnet. »Was nun?«, heißt es heute am Fest der Taufe des Herrn. Bleibt genug übrig für das gerade begonnene neue Jahr? Wie wird sich die Zukunft dadurch verändern – unser persönliches Geschick, aber auch »das Angesicht der Erde«?
Liedvorschlag zur Predigt
GL 347 »Der Geist des Herrn erfüllt das All«
Predigt Zum Text: Jes 42,5a.1–4.6–7 (1. Lesung)
Christliche Stimmen
Wir leben in einer chaotischen Zeit. Da ist die Angst vor der großen Klimakatastrophe. Da herrscht wieder Krieg in Europa. Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe. Antisemitismus breitet sich plötzlich wieder aus. Autoritäre Führer und populistische Parteien gefährden demokratische Strukturen und befördern Feindbilder. Mitten darin aber berufen sich Führungskräfte öffentlich auf ihren Glauben, präsentieren sich als Retter einer christlich-abendländischen Kultur, zeigen sich – in Ost und West – Seite an Seite mit religiösen Autoritäten. Eine Entwicklung, die wir uns eigentlich nur wünschen können. Eigentlich … Denn was manchmal unklar bleibt, ist die Frage, ob es tatsächlich um das Christliche geht oder nur darum, bestimmten Interessen einen gewissen religiösen Anstrich zu geben. Was aber ist – das »Christliche«? Auch die Heilige Schrift ist da nicht immer eindeutig. Ohne Zweifel gibt es auch Texte, die eine Tendenz zur Gewalt in sich tragen. Und die Mahnung zur Nächstenliebe ist zwar schon uralt; sie findet sich schon im Buch Levitikus, dem dritten Buch Mose, aber sie steht neben Aussagen, die andere Völker und andere Lebensweisen verteufeln, ja sogar zu Kampf und Vernichtung aufrufen. Wer freilich – wie manche christliche Prediger in den Vereinigten Staaten etwa – aus dieser Gemengelage eine Rechtfertigung für Ausgrenzung und soziale Kälte ableitet oder – wie einige russische Religionsführer – eine Ermutigung zum heiligen Krieg, der ignoriert die innere Linie, die die biblischen Schriften in ihrer Gesamtheit durchzieht – angefangen vom grandiosen Schöpfungshymnus, der alle Menschen als Ebenbilder Gottes inmitten eines Kosmos, der »sehr gut« ist, preist, bis hin zur Bergpredigt Jesu, in der die Nächstenliebe nicht etwa auf unsere Bedürfnisse zurückgeschnitten, sondern in geradezu waghalsiger Weise bis ins Letzte ausgereizt wird.
Gemeinsam Gottesknecht sein
Auch ein Prophet wie Jesaja, dessen Worte die Advents- und Weihnachtszeit geprägt haben, schoss bisweilen über die Grenzen der Friedfertigkeit hinaus, als er Flüche gegen fremde Völker und andersdenkende Führungspersonen des eigenen Volkes ausstieß. Was hätte er sonst tun können in einer Situation der Bedrängnis, in die er und sein Volk angesichts der umgebenden Weltmächte geraten war! Doch das eigentliche Ziel war keine Kampfansage, sondern eine Trostbotschaft, eine Einladung zur Neubesinnung auf Gott und ein Blick auf das »Licht am Ende des Tunnels«, das mit Sicherheit kommen werde. Unsere heutige (erste Lesung) ist bereits dem »zweiten Jesaja« entnommen, der ab Kapitel 40 des Jesaja-Buches zu Wort kommt – ein späterer Prophet, der auf der Spur seines großen Vorgängers wandelt, aber das Ende des alten Israel bereits hinter sich hat. Mitten im Babylonischen Exil, in dem ein großer Teil des Volkes inzwischen lebt, ermutigt er zu einem neuen Anfang – zu einem Aufbruch in die Heimat, die politisch von dem neuen Machthaber Kyros möglich gemacht wird, deren Durchführung aber die Israeliten selbst bewältigen müssen. Auch dies keine leichte Aufgabe – denn man hatte sich eingerichtet in der Fremde, hatte Kompromisse geschlossen, hatte das Beste aus der Situation gemacht. Aber nun setzt der neue Prophet auf den Auftritt des »Gottesknechtes«. Man hat immer wieder darüber gerätselt, ob diese geheimnisvolle Figur eine einzelne Person ist – vielleicht der Prophet selbst – oder ob damit das Exilsvolk als Ganzes gemeint ist. Warum nicht beides? »Tröstet, tröstet mein Volk«, heißt es zu Beginn der Kapitel, die dem »zweiten Jesaja« zugeschrieben werden. Es ist nicht die Aufgabe eines Einzelnen allein, eine »Straße durch die Steppe« zu bauen und den Weg durch die Wüste zu wagen (vgl. Jes 40). Nicht im Gegeneinander, nur im Miteinander kann Israel den Aufbruch schaffen! Und es braucht den gemeinsamen »Ruck«, um die Wende herbeizuführen. Abwarten allein ist zu wenig. Auch wenn Gott seine rettende Hand ausstreckt – wir müssen alle bereit sein, sie zu ergreifen, wir müssen bereit sein, die Hände der Anderen zu ergreifen, aus unserer Lethargie zu erwachen, die kleinlichen Zänkereien zu überwinden, miteinander ans Werk zu gehen: »Du aber, Israel, mein Knecht«, ruft Gott, »Jakob, den ich erwählt habe … fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott …« (Jes 43,1–3). Gemeinsam geht es leichter. Nicht nur Israel, sondern auch die Kirche braucht das Miteinander. Warum also nicht auch heute die kleiner gewordene Kirche zu einem Ort der Hoffnung machen, zu einer Keimzelle des Aufbruchs, zu einem »Gottesknecht«?
Einer, der Maßstäbe setzt
Doch was wäre dieses neue Mut-Fassen ohne den Einen, der vorangeht, der als Einzelperson »Gottesknecht« ist und den Vielen überhaupt erst bewusst macht, was in ihnen steckt und worauf sie sich – bei aller Mühe und in allen Durststrecken – verlassen können? »Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze, das ist mein Erwählter, an ihm habe ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt …«, heißt es im ersten Lied vom Gottesknecht, das uns heute vorgelesen wurde. Gleich zu Beginn überrascht uns ein in seiner Radikalität kaum zu überbietender Satz: »Er bringt den Nationen das Recht.« Nicht einer Nation, nicht nur dem kleinen Exilsvolk Israel. Nein, allen Nationen, denn der »Gottesknecht« vertritt einen Gott, der alle Grenzen sprengt. Leider ist die entsprechende Passage in unserer liturgischen Lesung ausgefallen, obwohl sie den eigentlichen Grund benennt, warum der »zweite Jesaja« das Schicksal seines eigenen Volkes zusammensieht mit dem Schicksal aller Nationen: Der eigene Gott ist kein anderer als der, »der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der dem Volk auf ihr Atem gibt und Geist allen, die auf ihr gehen« (Jes 42,5). Das hat Israel im Exil gelernt: Mitten unter Völkern, die auch ihre Götter anrufen, entdeckte es den eigenen Gott als den, der alle diese Götter in den Schatten stellt, weil er der Gott aller Menschen sein will und seine Liebe – und auch seine Rechtsordnung – allen ohne Ausnahme zugutekommen lässt. Wir erfahren aber noch mehr über das Profil des wahren »Gottesknechtes«: Er ist einer, der »nicht schreit und nicht lärmt«, der »den glimmenden Docht nicht auslöscht«, der »seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen lässt« und der »das geknickte Rohr nicht zerbricht«. Manchmal müssen Propheten ja auch aufschreien und laut werden. Dabei unterläuft ihnen manche Polemik und manche Schwarz-Weiß-Malerei. Aber wirklich zielführend ist einer, der die Lektion gelernt hat und ohne Geschrei und Lärm, ruhig und vernunftbetont, seine Worte vorträgt. Denn er ist einer, der das »geknickte Rohr nicht zerbricht«, also die Schwachen und Bedrängten nicht zusätzlich belastet, vielleicht auch die Schuldigen durch Vergebung gewinnt, statt sie durch Rache auszugrenzen, sie mitnimmt durch Verständnis, nicht durch Zwang. Der ferner »den glimmenden Docht nicht auslöscht«, also in jedem kleinsten Glaubensfunken noch einen Hoffnungsschimmer sieht; er fordert nicht ein Christsein »von Null auf Hundert«, sondern lässt auch die mitziehen, die noch zweifeln, noch Bedenken haben und vielleicht erst ein bisschen »fromm« sind. Schließlich aber zeichnet der »Gottesknecht« sich dadurch aus, dass er das »Recht« durchsetzen möchte, die neue Weltordnung Gottes, die alles ins Lot bringt, was wir Menschen durch unsere Schwächen, so politisch stark wir uns auch geben, aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Keine brachiale Gewalt also, um das eigene Recht durchzusetzen, auch wenn man meint, auf der richtigen Seite zu stehen. Sondern das tun, worauf im Grunde »alle Inseln«, wie es heißt, warten – nämlich in aller Geduld – und mit viel Liebe – auf das Recht setzen statt auf Unrecht. Wie sehen also »Gottesknechte« heute, in unserer chaotischen Gegenwart, aus? Nicht jede Rede, die mit Gott anfängt und mit Jesus aufhört, ist deswegen schon »christlich« und wir sollten gut aufpassen, dass wir den vielen frommen Influencern und Meinungsmachern nicht auf den Leim gehen, wenn sie uns politische oder andere Lösungen als die einzig richtigen empfehlen wollen. »An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen«, sagt schon Paulus. Und Jesus stellt klar, dass nicht jeder, der zu ihm sagt »Herr! Herr!«, in das Himmelreich kommen wird, sondern nur der, der den Willen seines Vaters im Himmel auch tatsächlich tut!
Der getaufte Gottesknecht
Wie alle Evangelisten präsentiert uns auch Matthäus am Ende der Weihnachtszeit einen ganz besonderen »Gottesknecht« – Jesus von Nazareth. Er kommt zu Johannes an den Jordan und unterzieht sich zum Erstaunen des Täufers ebenfalls einer Taufe der Umkehr, aber als er aus dem Wasser steigt, öffnet sich der Himmel über ihm und es ereignet sich das, was die spätere Theologie »Dreifaltigkeit« nennen wird: Der göttliche Geist senkt sich taubenartig auf ihn herab, die Stimme des Vaters redet ihn an und der »geliebte Sohn« bricht auf zu seinem schweren Weg, alle zu einem Aufbruch zu bewegen, der die Welt verändern kann. Und was auch immer er sagen, was immer er tun und was immer er erleiden wird: Mit ihm konkretisiert sich, was bereits der alttestamentliche Gottesknecht an allererster Stelle über seinen Gott erfährt und was wir in unseren christlichen Zeugnissen nie auslassen dürfen: Gott als der, »der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der dem Volk auf ihr Atem gibt und Geist allen, die auf ihr gehen«.
Fürbitten
Lasst uns beten zu Jesus Christus, der am Jordan von Johannes getauft wurde:
– »Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt.« Für alle Machthaber und Führungskräfte – um Offenheit für diesen Geist der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. (Christus, höre uns: Christus, erhöre uns.) – »Er bringt den Nationen das Recht.« Für alle Menschen dieser Erde, die Unrecht erfahren und Gewalt erleiden – um Kraft, Hilfe und eine neue bessere Zukunft. – »Ich mache dich zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen.« Für alle Christen – um den Mut und die Energie, in dieser Welt deine Gegenwart und deine Liebe zu bezeugen. – »Ich fasse dich an der Hand.« Für unsere Verstorbenen – um ewiges Leben an deiner Hand und in der Gegenwart des lebendigen Gottes.
Denn du bist der Gottesknecht, der uns vorangeht und mit seinem Geist ansteckt. Darum preisen wir durch dich den Vater in der Einheit des Heiligen Geistes in alle Ewigkeit. Amen.
|
Alfons Knoll |
|
|
|
|
pastoral.de
|
Das bewährte
BasisProgramm
auf CD-ROM

oder
Die
Web-Plattform
im Browser
 |
Vergleichen Sie hier
|
 |
|
| Bücher & mehr |
|
|