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| Leseprobe 1 |
| 30. Sonntag im Jahreskreis |
| Worauf es ankommt |
| Lesejahr A |
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Beitrag zum Evangelium
Einführung
»Liebe, und was du willst, das tu!« sagte der große Kirchenlehrer Augustinus. Das ist kein Freibrief für Willkür, denn Augustinus gibt unmissverständlich zu verstehen, worauf es ankommt: auf die Liebe. Sie ist die Bedingung für den rechten Willen und das rechte Tun. Fällt die Liebe aus, greift der Egoismus um sich. Von Gottes Liebe wollen wir uns in dieser Feier anrühren lassen; ihm wollen wir uns anvertrauen mit allem, was zu uns gehört, auch mit unseren Lieblosigkeiten.
Kyrie-Ruf
GL 156 »Kyrie, Kyrie eleison«
Tagesgebet
Gütiger Gott, du bist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in dir. Mehre in uns Glaube, Hoffnung und Liebe. Lass uns erhoffen, was du uns verheißen hast, und lieben, was du uns sagst. Darum bitten wir durch Jesus Christus, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Vorüberlegungen
Die Predigt ordnet die im Evangelium berichtete Szene in den Zusammenhang des Wirkens Jesu ein. Sie macht außerdem deutlich, dass Jesus ganz in der jüdischen Tradition steht und, verglichen mit ihr, nichts grundsätzlich Neues verkündet. Denn das Doppelgebot der Liebe findet sich bereits in der hebräischen Bibel. Neu ist hingegen Jesu Auslegung.
Liedvorschlag zur Predigt
GL 442 »Wo die Güte und die Liebe wohnt«
Predigt Zum Text: Mt 22,34–40 (Evangelium)
Jesus und die Pharisäer
Von einer gewissen »Brandmauer« ist gegenwärtig viel die Rede. Meinen die einen, dass mit Menschen einer bestimmten Partei keinerlei Kooperation eingegangen werden dürfe, fordern die anderen dazu auf, sich mit bestimmten Meinungen und Positionen sachlich und argumentativ auseinanderzusetzen. Ganz ähnlich, so berichtet der Evangelist Matthäus, haben die Pharisäer wiederholt versucht, Jesus inhaltlich zu stellen. Es muss doch möglich sein, ihn so in die Enge zu treiben, dass er nicht wieder herauskommt. Dieses Mal richtet ein Gesetzeslehrer aus den Reihen der Pharisäer eine banal anmutende Frage an ihn, in der Hoffnung, damit die Untreue Jesu gegenüber der Tora, dem jüdischen Gesetz, aufdecken zu können. Sollte dies gelingen, könnte die Begeisterung des Volkes für Jesus gebrochen und eine Anklage gegen ihn gerechtfertigt werden. »Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?«
Jesus und die Tora
Hintergrund der Frage ist, dass Jesus des Öfteren mit bestimmten Auslegungen der Tora in Konflikt geraten war. So erlaubte er es seinen Jüngern, am Sabbat Ähren abzureißen, und betonte den Vorrang der Barmherzigkeit bei der Auslegung des Sabbatgebots, als er von den religiösen Autoritäten zur Rede gestellt wurde. Auch scheint Jesus kein Problem gehabt zu haben, einen Mann mit einer verdorrten Hand am Sabbat zu heilen. Wieder ein anderes Mal kritisierte er die Reinheitsgebote und bestritt, dass Äußeres den Menschen unrein machen könne. Scheinbar, so kann man bestimmten Szenen entnehmen, neigte Jesus dazu, die Gebote der Tora zu relativieren. Aber der Schein trügt. Denn umgekehrt verschärfte er die Anforderungen, die die Tora an eine Ehescheidung stellt, und bekannte im Matthäusevangelium: »Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.«
Wie hältst du es mit der Tora? An der Gesetzesauffassung spitzt sich der Konflikt mit den Pharisäern zu. Fangfragen sollen die falsche Schriftauslegung Jesu offenlegen. Wer von uns kennt sie nicht, die hinterlistigen Fragen, die eigentlich gar keine sind, weil sie lediglich darauf abzielen, einen bloßzustellen und aus der Reserve zu locken. Auf die korrekte Antwort kommt es gar nicht an, vielmehr soll jemand auf die Probe gestellt und seine Denkweise offengelegt werden. Wie oft habe ich mich im Nachhinein geärgert, den Braten nicht gerochen, die Falle nicht erkannt und auf die Schnelle nicht passend reagiert zu haben. Wer lässt sich schon gerne vorführen?
Die Fangfrage
»Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen«, berichtet der Evangelist Matthäus. Wiederholt versuchen die Pharisäer, Jesu Glaubensbekenntnis mit kniffligen Fragen in Misskredit zu bringen. Diesmal lautet die Frage: Welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? Sollte Jesus wieder die Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten in den Vordergrund stellen, wäre er überführt.
Denn dann hätte er Gott nicht an die erste Stelle gesetzt und das Gebot der Gottesliebe hintenangestellt. Jesus aber durchschaut abermals die ihm gestellte Falle. Er lässt sich nicht dazu verleiten, Gottesliebe und Barmherzigkeit gegeneinander auszuspielen. Stattdessen antwortet er geschickt unter Verwendung zweier Schriftstellen. Zuerst zitiert er aus dem Buch Deuteronomium, wo es heißt: »Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft«. Bei diesem Zitat belässt er es jedoch nicht, sondern stellt ihm ein anderes aus dem Buch Levitikus gleichwertig zur Seite: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
Jesus antwortet geistreich, nicht weil er sich Neues ausdenkt, sondern weil er auf das Entweder–Oder der Fangfrage nicht hereinfällt. Stattdessen verbindet er zwei Gebote der Tora so miteinander, dass deren untrennbare Einheit deutlich wird. In dieser Einheit liegt die Sprengkraft: Keine Gottesliebe ohne Nächstenliebe und umgekehrt keine Nächstenliebe ohne Gottesliebe. Liebe im biblischen Sinn meint Treue, Hingabe und konkretes Handeln. Gott kann man sich nicht anheimgeben und gleichzeitig die Würde des Nächsten missachten. Wenn jeder und jede Gottes Ebenbild ist, lässt sich die Treue gegenüber Gott nicht vom Handeln gegenüber dem Nächsten trennen. Unmissverständlich heißt es im Jakobusbrief: Der Glaube ist »für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben.«
Gottesdienst und Menschendienst
Gottesdienst und Menschendienst lassen sich ebenso wenig scheiden wie Gottesliebe und Nächstenliebe. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies: Im Umgang mit dem Nächsten spiegelt sich meine Gottestreue wider. Meine Hingabe an Gott ist etwas sehr Persönliches, für das es keinen Maßstab zu geben scheint, und dennoch gibt es einen Gradmesser des Glaubens: meine Hingabe an den Nächsten, den Hilflosen, den Fremden, den Migranten, den Asylsuchenden, den Obdachlosen, den Suchtkranken – »was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan«.
Jesus bindet zwei Gebote zu einem zusammen und erklärt: »An diesen beiden hängt das Gesetz und die ganzen Propheten.« Gilt es abzuwägen und Prioritäten zu setzen, kommt es auf das Wesentliche an. Das Wichtigste im Glauben ist die Hingabe, das Sich-Verschenken, die Überwindung der Selbstverliebtheit. Zugegeben, sich Gott hinzugeben scheint wesentlich einfacher, als sich um den vielleicht unliebsamen Nächsten zu kümmern. Wenn wir uns aber immer wieder bewusst machen, dass uns Gott mit seiner Liebe zuvorkommt, können wir möglicherweise unseren Nächsten mit den Augen Gottes sehen und in der Zuwendung zu ihm wachsen. Wachstum braucht Zeit und Geduld; Geduld auch mit uns selbst. Nicht nur die Nächstenliebe fordert uns heraus, sondern ebenso die Eigenliebe, denn: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Fürbitten
Voll Vertrauen beten wir zu Gott, der uns seine Liebe und seinen Geist schenkt:
– Für unsere jüdischen Schwestern und Brüder, mit denen wir im Glauben verbunden sind, und die mit Antisemitismus zu kämpfen haben. – [Stille] (Gott, unser Vater, wir bitten dich erhöre uns.) – Für die Menschen im Nahen Osten und in der Ukraine, die unter Krieg und Terror leiden und sich nach Frieden und Gerechtigkeit sehnen. – [Stille] – Für alle, die von Ängsten und Zweifeln gequält werden, und für jene, denen die Hoffnung abhandengekommen ist. – [Stille] – Für Kinder, die missbraucht werden und deren Würde mit Füßen getreten wird. – [Stille] – Für unsere Verstorbenen, deren Liebe und Dienste wir erfahren durften, und für alle, an die niemand mehr denkt. – [Stille]
Gütiger Gott, wir vertrauen auf deine Liebe, die alles zum Guten wendet. Wir danken für deinen Sohn Jesus Christus, der uns die Fülle des Lebens schenkt und mit uns geht, heute und in alle Ewigkeit. Amen.
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Christoph Böttigheimer |
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