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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
20. Sonntag im Jahrkreis
Für alle Völker: Entgrenzung auf starkem Fundament
Lesejahr A
Beitrag zur Lesung

Einführung

Im Alltag unseres Lebens erfahren wir Zuwendung von Menschen, aber auch Ausgrenzungen. Es tut weh, wenn ich abseits stehen gelassen oder ignoriert werde. Wir gehen zu Recht gerne mit denen um, mit denen wir vertraut sind. Das bestärkt uns im Leben. Die Nagelprobe der Zuwendung aber ist dort zu finden, wo uns Menschen fremd, ja sogar befremdlich erscheinen, und wir dann glauben, da eine Grenze ziehen zu müssen. Die Schriftlesungen dieses Sonntags erzählen auch von Grenzen und Entgrenzungen.

Vorüberlegungen

Die erste Lesung aus Jes 56 lässt einige Verse aus. Mir erscheinen sie aber wichtig für das Verständnis dieser Perikope. Werden diese Verse Jes 56,2–5 mit vorgetragen (hierzu bitte aus der Einheitsübersetzung die entsprechenden Verse ergänzen, da in keinem Lektionar die Perikope mit allen hier vorgesehenen Versen zu finden ist), so findet sich in der Predigt dazu ein eigener Absatz – hier in eckige Klammern gesetzt. Die Predigt ist aber genauso verständlich ohne diesen eingeschobenen Absatz.

Liedvorschlag zur Predigt

GL 437 »Meine engen Grenzen«

Predigt

Zum Text: Jes 56,1.6–7 (1. Lesung)

Eine gänzlich neue Lage – wie damit umgehen?

Das babylonische Exil war für Israel ein gewaltiger Einschnitt, der ganz neue Erfahrungen und auch neue Fragen verursachte. Als die in das Exil geführten Eliten Israels wieder zurückkehren konnten, brachten sie auch all ihre Erfahrungen und die daran weiterentwickelte Glaubensgestalt mit nach Israel. Es war eine gänzlich neue Lage, ganz anders als in der Zeit vor dem Exil. Wie sollte man damit umgehen?
In Babylon waren die im Exil Lebenden abgeschnitten von den zentralen Orten Israels, vor allem vom Tempel, dem zentralen Ort für die Opfer ganz Israels, dem Ort der unsichtbaren Gegenwart Gottes. Anderes wurde für sie in Babylon wichtig: So etwa der Sabbat, aber auch die Tora, die hebräische Heilige Schrift, die in dieser Zeit nicht nur weithin niedergeschrieben und zusammengestellt wurde, sondern mehr und mehr ins Zentrum gelangte – unabhängig vom nicht erreichbaren Tempel.
Hinzu kamen Erfahrungen, die man vor dem Exil kaum gemacht hatte: Man lebte in Babylon in einer Welt-Metropole, in der sich Viele und Vieles begegnete und einander beeinflusste. Menschen aus allen Völkern gingen ein und aus. Was ist mit all diesen Menschen, die ja nicht an Jahwe glaubten, die nicht zum erwählten Volk Israel gehörten? Mehr noch: Was ist eigentlich mit denen, die zwar an Jahwe glaubten, aber eben nicht zum Volk Israel gehörten? Denn zu diesem erwählten Volk gehörte man allein durch die biologische Abstammung. Mit all dem kehrten die Exilanten nach Israel zurück. Die Rückkehr war wunderbar, aber die Situation damit noch ganz und gar nicht. Vielleicht hatte man es sich an den Ufern von Babylon zu schön erträumt und fand nun diese schwierige und fast trostlose Situation vor. Wie soll es weitergehen? Einerseits die neuen Erfahrungen und die damit verbundene Weiterentwicklung des Glaubens in Babylon. Und andererseits die unaufhebbare Verwurzelung im verheißenen Land, in Jerusalem, im Tempel und im Volk, das ja zu einem guten Teil im Land verblieben war. 

Wie bringen wir das zusammen, ohne das Neue aufzugeben und ohne die Verwurzelung zu kappen, ohne die wir nicht mehr Israel wären?
Und da spüren wir: Das sind nicht nur alte Fragen, sondern aktuelle Fragen. Wie sollen wir umgehen mit neuen Erfahrungen, neuen Situationen einerseits und der eigenen Identität, der bleibenden Verwurzelung anderseits, ohne das eine oder andere aufzugeben oder gar gegeneinander auszuspielen? Das betrifft uns als Gesellschaft genauso wie als Kirche.

Die Antwort des Propheten – Erstens: Entgrenzung

Damals – die erste Lesung berichtet genau das – wird der Prophet zum Boten Gottes. Gott versichert: Ich habe euch nicht verlassen. Bald kommt mein Heil. Es ist Gottes Heil, das kein Mensch selbst schaffen kann. Aber auf diese Hoffnung kann man bauen. Und um offen zu sein für dieses allein von Gott her geschenkte Heil gilt es, Gerechtigkeit und Recht zu wahren. Warum gerade Gerechtigkeit und Recht? Vielleicht haben die aus Babylon Zurückgekehrten dort intensiv erlebt, wie wichtig gerade Gerechtigkeit und das Recht sind, wenn man in einer so vielfältigen, aber auch oft befremdlich bunten und widersprüchlichen Stadt wie Babylon zusammenlebt. Nicht zufällig galt ihnen dann Babylon als Ausgang der Sprachverwirrung. Und der Prophet verkündet, wie sich Gottes Gerechtigkeit offenbart. Es ist zum einen eine Entgrenzung: Fremde, also Menschen, die nicht durch Abstammung zum Volk Israel gehören, werden, wenn sie sich Gott dem Herrn anschließen, voll und ganz zu Hausgenossen Gottes in seinem Tempel, gehören also ohne Einschränkungen zu Israel. Denn das haben die Menschen im Exil gelernt: Gott ist der Schöpfer der ganzen Welt und der Gott aller Völker, kein Volks- oder Stammesgott. Die Universalität und Alleinzigkeit Gottes bedeutet im Umkehrschluss: Die Fremden, die an Jahwe glauben, dürfen nicht mehr nur den Vorhof der Heiden betreten, sondern sind berechtigt, im Tempel selbst die Opfer darzubringen, wie alle Glieder Israels. Nicht mehr menschliche, ethnische Grenzen gelten von nun an, wenn es um die Zugehörigkeit zu Jahwe geht, sondern etwas anderes.

[Dazu kommt noch eine weitere Gruppe von Menschen, die bisher keinen Zugang zum Tempel hatten und niemals hätten Israeliten werden können. Eine Gruppe, die in der Lesung ausgelassen wurde, die es aber wert ist, angesehen zu werden. Da heißt es nämlich: »Der Fremde, der sich dem HERRN angeschlossen hat, soll nicht sagen: Sicher wird er mich ausschließen aus seinem Volk. Der Eunuch soll nicht sagen: Sieh, ich bin ein dürrer Baum. Denn so spricht der HERR: Den Eunuchen, die meine Sabbate halten, die wählen, was mir gefällt und an meinem Bund festhalten, ihnen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern Denkmal und Namen. Das ist mehr wert als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich einem jeden, der nicht ausgetilgt wird.« (Jes 56,2–5) Eunuchen, Martin Luther nennt sie Verschnittene, waren auf grausame Weise unfruchtbar gemachte Männer, eine damals in vielen Kulturen gängige Praxis. In Israel war das streng verboten, denn das hieß ja, keine Nachkommen zu haben, also ausgelöscht zu sein aus der Erinnerung, der Vergessenheit anheimgefallen zu sein, wenn der Name nicht mehr weiterlebt in den Nachkommen. Aber auch das ist für Gott kein Hinderungsgrund mehr, im Gegenteil: Die so geschändeten, verstümmelten und namenlos Gemachten, sind dies bei Gott nicht. Bei ihm haben sie, unabhängig davon, welchen biologischen Status sie haben, immer einen Namen, werden nicht ausgelöscht, gehören genauso dazu wie die Fremden, wie die angestammten Glieder Israels.]
Es ist eine Entgrenzung, die Gott hier macht, die erstaunlich ist. Menschlich gezogene Ein- und Ausgrenzungen gelten vor Gott nicht mehr.

Die Antwort des Propheten – Zweitens: Das (alte) neue Fundament

Freilich stellt sich dann unweigerlich die Frage: Was verbindet uns dann noch? Was macht uns zu dem einen Volk Gottes? Was ist dann unsere Identität, wenn es nicht mehr ethnische oder biologische Merkmale sind? Der Prophet nennt diese alten, aber nun ganz in die Mitte gerückten Kriterien: Den Namen des HERRN zu lieben, um seine Knechte zu sein. Den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und am Bund Gottes festhalten. Diese von Gott genannten Kriterien sind einerseits sehr tief in der Offenbarungsgeschichte, in der Geschichte Gottes mit Israel verwurzelt, unabhängig von einer ethnischen oder sonst wie bestimmten Zugehörigkeit. Und andererseits haben die Israeliten im Exil die Erfahrung gemacht, dass genau diese Grundlagen, völlig unabhängig vom Tempel, immer und überall gelten und gepflegt werden können bis zum heutigen Tag. Der Glaube und die Anrufung des Namens Gottes als des einen und einzigen Gottes. Der Sabbat als überall zu lebendes Kennzeichen, den seine Ebenbilder, die von ihm erhobenen und befreiten Menschen, leben können als einen Tag des Lebens und der Ehre Gottes. Und der Bund, den Gott geschlossen hat, die unverbrüchliche Zusage seiner Treue und Erwählung. An ihm festzuhalten, verbindet mit Gott und dem Volk. Das ist das zwar uralt-verwurzelte und jetzt doch ganz neue Fundament, das alle anderen Formen der Zugehörigkeit ersetzt, das weltweit gelten kann.
Aber zunächst gilt: All die, die daran festhalten, wird Gott zu seinem heiligen Berg bringen, zum Zionsberg in Jerusalem, zu seinem Haus, dem Tempel. Sie werden alle die Ehre haben, ihre Opfer an dieser heiligen Stätte darzubringen, ja, Gott selbst erfreut sie in seinem Haus. Im Haus Gottes Freude zu empfangen, das ist schon etwas. Aber Gott geht noch weiter. Er schließt mit den Worten: Denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt werden. Die Entgrenzung zeigt sich ganz besonders im Tempel. Dieser wird Haus des Gebetes genannt.
Es sind nicht mehr nur die Opfer, die den Tempel prägen, sondern das Gebet. Auch das eine Erfahrung der aus dem Exil Zurückgekehrten: Das Gebet als zentraler Vollzug der Gottesbeziehung und Gottesverehrung war auch in Babylon möglich und wird von nun an auch den Tempel prägen. Auf diesem Fundament beruht die neue Identität Israels.
Die Antwort des Propheten auf die Frage, wie mit gänzlich neuen Erfahrungen und Situationen umgegangen werden kann, ohne die bleibende Verwurzelung aufzugeben, kann nicht einfach wie ein Rezept für heute angewendet werden, sozusagen eins zu eins. Aber sie enthält bis heute grundlegend Geltendes und kann ein Anstoß sein, zu überlegen, wie dieselbe Frage auch heute zu einer Lösung geführt werden kann.

Fürbitten

Lebendiger Gott, du versammelst die Kirche aus allen Völkern und Kulturen im Bekenntnis deines Namens. Wir rufen zu dir:

– Dein Blick richtet sich auf alle Menschen. Gib der Kirche den wachen und barmherzigen Blick deines Sohnes für jene, deren Leben aus der Bahn geraten ist, die gemieden und von oben herab behandelt werden, deren Leben verletzt und verwundet ist.
– Stärke in uns die vertrauensvolle Beharrlichkeit der Frau, die für ihr krankes Kind bittet, wenn wir in unserer Not von dir Beistand und Hilfe erbitten.
– Krieg herrscht in der Ukraine und im Nahen Osten. Waffenstillstände sind zerbrechlich, Drohungen werden gemacht. Gewaltherrschaft und Verfolgungen herrschen in einer Vielzahl von Ländern. Viele haben den Willen zum Frieden. Nicht wenige sind aber von Menschenverachtung, blind-fanatischen Machtfantasien und Kriegslust besessen. Stehe du allen bei, die den Willen zu Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden haben und bewahre die Menschen, dass sie nicht zu Opfern des Bösen werden in all seinen Erscheinungsformen.
– Hilf uns, Grenzen zu überwinden und auf dem gemeinsamen Fundament des Glaubens das Evangelium zu verkünden und zu leben.
– Du bist unser ewiges Heil. Führe unsere Verstorbenen an deinen himmlischen Tisch zum Gastmahl des ewigen Lebens.

Gott, unfassbar und uns zugleich nahe in Jesus Christus. Auch uns gilt deine Verheißung: Ich werde sie erfreuen im Haus des Gebets. Dafür danken wir dir und loben und preisen dich heute und in Ewigkeit. Amen.

Hans-Michael Schneider

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