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»Dienst am Wort«
Herausgeber
Leseprobe 1
Pfingsten am Tag
Wach-berührt durch Gottes Geist
Lesejahr A – B – C
Beitrag zur Lesung

Einführung

Begeisterung ist das Thema von Pfingsten: Das Ergriffensein der ersten Jünger und Jüngerinnen durch den Geist Gottes – und unsere eigene Begeisterung für ein Leben im Sinne Jesu.
Begeisterung kann man nicht machen und nicht erzwingen. Aber man kann sie erbitten und sich von ihr anstecken lassen. Begeisterung kann man nicht anordnen und nicht herbeizaubern. Aber man kann dem Heiligen Geist eine Tür öffnen, um hellwach zu den Menschen aufzubrechen.

Vorüberlegungen

Seit längerem frage ich mich, ob Pfingsten wirklich als Geburtsstunde der Kirche Jesu Christi bezeichnet werden darf oder ob die biblischen Texte nicht viel mehr davon erzählen, wie der Glaube Menschen über sich hinauswachsen lässt, sodass sie den Mut haben, auch in bisher als gefährlich oder schwierig eingeordneten Situationen ihre Überzeugung zu verkünden. Sie erscheinen wie aufgeweckt, hellwach geworden zu sein für das, was sie jetzt zu tun haben. Dass daraus dann im Lauf der Zeit eine Gemeinschaft der Christgläubigen zusammenfand, scheint mir in diesen Texten nicht die erste Absicht zu sein, sondern eine Folge dieses hellwachen Blicks auf die Menschen, auf die politische, religiöse und gesellschaftliche Situation, die so dringend eines neuen Geistes bedurfte, der sich mit Sturm, Feuer und Lärm bemerkbar machte.
Parallel dazu wird in unserer Zeit »Wokeness« – also genau dieses Wach-Sein für Ungerechtigkeiten, soziale Missstände – in bestimmten Kreisen geradezu als Schimpfwort benutzt. Ist aber das Pfingstfest bzw. das, was den Jüngerinnen und Jüngern widerfahren ist, nicht geradezu ein Aufruf, »woke«, also wach, hellwach und mutig zu sein? In der Predigt selbst habe ich auf diesen Begriff verzichtet, wohl aber versucht, den Inhalt zu beschreiben.

Liedvorschlag zur Predigt

GL 346 »Atme in uns, Heiliger Geist«

Predigt

Zum Text: Apg 2,1–11 (1. Lesung)

Staunen

Irgendwie komme ich aus dem Staunen nie heraus, wenn ich diesen Text höre. Selbst mit dem Wissen, dass es sich um eine Erzählung mit vielen Bildmetaphern handelt, erscheint alles irgendwie seltsam, eigenartig. Der Sturm im Haus, Menschen mit Feuerzungen auf dem Kopf, das Reden in fremden Sprachen und Dialekten. – Es geht mir wie der Menschenmenge, die sich fragt, was mit diesen Galiläern wohl geschehen ist.
Gleichwohl erstaunt dieser Text wegen der Bewegung, die in ihm steckt. Da bricht sich etwas Bahn, das man noch nicht fassen kann. Da geschieht etwas in und mit Menschen, was nicht zu erklären ist. Da hören Menschen Worte, die sie bisher nicht verstanden haben.

Ein neuer Geist

Ein neuer Geist, der in alten Bildern beschrieben wird: Mit der Stärke eines Sturmes – wie in der Schöpfungserzählung, mit Feuerzungen – wie die Feuerwolke, die das Heiligtum des Volkes Israel auf seinem Weg durch die Wüste begleitet. Das Verstehen über alle Sprachgrenzen hinweg, das die Menschen zusammenführt. Ein neuer Geist, der die Jüngerinnen und Jünger ergreift an Leib und Seele, der sie ganz und gar erfüllt, erleuchtet und zum Reden, zum Verkünden erweckt. Vorbei das Schweigen, die Stille, die Lähmung. Vorbei die Angst, nicht gehört oder verstanden zu werden. Vorbei der Rückzug in die sicheren Räume, denn dieser Geist erträgt keine Enge. Dieser Geist drängt zu Aufbruch. Für ihn gibt es keine Grenzen, keine Mauern, keine Finsternis mehr. Mit Macht erfasst er die Jüngerinnen und Jünger und drängt sie hinaus auf den Marktplatz, wo die Menschen angezogen vom lauten Getöse zusammenströmen und staunen. Was sie wohl denken und fühlen?

Anders als alles Bisherige


Es ist anders. So etwas haben wir noch nie erlebt. Das soll das Pfingstfest sein? Es steht doch seit Jahrhunderten fest, wie wir das Fest im Tempel und in den Häusern feiern. Die alten Traditionen pflegen, die uns so liebgeworden sind, und deren Zeichen uns so viel bedeuten. Weshalb also dieser Lärm, diese seltsamen Erscheinungen? »Wir hören sie Gottes große Taten verkünden.« Doch sie klingen anders als die Worte, die wir kennen. Anders – und doch vertraut. Gottes große Taten: die Befreiung aus Ägypten, aus der Sklaverei. Die Schöpfung, für deren Erntegaben wir an diesem Fest danken. All das muss doch nicht neu erzählt werden. Nicht anders erzählt werden. Warum also reden diese Galiläer auf diese Weise?

Wach-berührt


Wach-berührt. So mag ich all diese Vorgänge nennen. Wach-berührt, weil die Jüngerinnen und Jünger im Geist Jesu aufgeweckt wurden. Von Sturm und Feuer berührt, sind sie hellwach und sprechen eine Sprache, die ihnen bisher nicht zu eigen war. Dieser Geist bricht regelrecht aus ihnen heraus. Dieser Geist, Gottes Geist, schafft etwas, was bisher unvorstellbar war. Erzählt das nicht die alte Schöpfungsgeschichte: Durch Gottes Wort entstand eine Welt, ganz neu, paradiesisch? Drängt das Feuer der Worte und Taten Jesu, das in ihnen brennt, sie zur mutigen Verkündigung? Sie atmen Gottes Geist mit Leib und Seele. Das spüren die Menschen, die sie erleben.

In Gottes Geist

Mich beeindrucken diese alten und doch so lebendigen Bilder: das Wilde und Starke, Laute und Wirkmächtige, das nicht mehr aufzuhalten ist, sondern alle ergreift und mitreißt, alle be–geistert. Wenn Gottes Geistkraft sich so zeigt, dann müssten wir sie doch spüren, in uns, unter uns – diese Lebendigkeit und Bewegung, die von ihr ausgeht. Dann dürfte uns diese Schwere nicht immer wieder lähmen. Leichtigkeit und Mut sind Eigenschaften, die ich dieser mächtigen Kraft zuschreibe. Sie lässt die Menschen neue Worte finden, eine neue Sprache – die einander verstehen lässt, trotz aller Unterschiede. Der Turm von Babel, so fest und überzeugt im Größenwahn der Menschen gebaut, hat zum Unverständnis untereinander geführt. Jetzt, an Pfingsten, ermöglicht Gottes Geist, dass wir das Wort finden, das der andere braucht; dass wir die Sprache sprechen, die die andere versteht und dass in diesen Worten Gott zu finden und zu hören ist.

Eine neue Gemeinschaft entsteht, …

Weil Menschen sich von diesem Feuer anstecken und bewegen ließen, gingen sie aufeinander zu, hatten sich etwas zu sagen – und spürten: Hier geht es um mehr als um Worte. Hier geht es darum, einen anderen Geist zu atmen, zu leben, zu sprechen.
So entsteht eine Gemeinschaft der Glaubenden, damals wie heute: Eine Kraft ergreift uns, mit der wir leben können, erfüllt leben können, weil sie von Gottes Gegenwart zeugt. Weil wir wie die Jüngerinnen und Jünger mit Gottes Atem erfüllt wurden und durch ihn leben. Und weil diesem Atem, diesem Geist der Friede Gottes innewohnt, den wir einander weitersagen und verkünden dürfen.

… die den Mut hat, diesen Geist in die Welt zu tragen

Wach-berührt durch Gottes Geist können die Jüngerinnen und Jünger damals losziehen, um diesen Geist und den Frieden in eine friedlose Welt hineinzutragen. So hat dieser Sturm, dieses Feuer Gottes die Jünger und Jüngerinnen verwandelt und ihren Blick auf Jesus Christus und ihre Wege nach außen gerichtet, ihre Angst in Vertrauen verwandelt.
So könnte es heute auch gehen: dass wir unseren Blick auf Jesus Christus richten, der uns mit Gottes Geist erfüllt, der unsere Angst und Enge, unsere verschlossenen Türen aufbricht und uns in unsere Welt sendet.
Wach-berührt durch Gottes Geist kann es gelingen, von meinen Festlegungen erlöst, mich immer wieder überraschen zu lassen, wo und wie Gottes Geistkraft wirkt und was sie möglich macht. Achtsam zu werden, um diesen Geist zu entdecken: in anderen, in der Schöpfung und in mir selbst. Wach zu werden und wach zu bleiben in dieser Welt und Zeugnis zu geben von der Hoffnung der Botschaft Jesu. Gottes Geist berührt. Gottes Geist bringt Menschen in Bewegung und verwandelt sie. Er macht uns lebendig, erweckt uns zum Leben, weil wir von Gottes Liebe berührt sind.

Fürbitten

Gottes Geist ist uns als Beistand verheißen. Er belebt und erweckt uns, wenn wir unsere Bitten vor Gott tragen.

– Für alle Christinnen und Christen, die müde werden im Streben nach einer Erneuerung der Kirche: Belebe sie, du Geist der Erneuerung.
(Komm, Heiliger Geist.)
– Für alle, die um den Frieden in der Welt ringen und so viele Rückschläge auszuhalten haben. Belebe sie, du Geist der Hoffnung.
– Für alle Menschen, die sich ausgelaugt fühlen und kraftlos geworden sind: Belebe sie, du Geist der Ruhe und der Kraft.
– Für alle Menschen, die das Wirken des Geistes in dieser Welt nicht zu erkennen vermögen: Wecke ihren Glauben, du Geist der Einsicht und des Rates.
– Für alle Menschen, denen Vorurteile den Zugang zu ihren Mitmenschen erschweren: Schenke ihnen Vertrauen, du Geist der Klarheit und der Wahrheit.

Herr, unser Gott, wir danken dir für deinen Geist, der uns selbst, unser Leben und die Welt erneuert, heute und alle Tage bis in Ewigkeit. Amen.

Barbara Janz-Spaeth

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