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| Leseprobe 1 |
| Erster Fastensonntag |
| Im Zeichen der Wandlung – Gottes Wege gehen |
| Lesejahr A |
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Beitrag zum Evangelium
Einführung
Wichtige Ereignisse im Leben wollen vorbereitet sein. Niemand wird in ein Bewerbungsgespräch gehen, ohne sich auf alle möglichen Fragen vorher einzustellen. Niemand wird eine Hochzeit oder einen runden Geburtstag feiern, ohne wenigstens die wichtigsten Punkte nach seinen eigenen Wünschen zu arrangieren. Bestimmte Ziele erfordern eine intensive Vorbereitung, wenn man sie erreichen will: ein Schul- oder Berufsabschluss, ein sportlicher Sieg, ein politischer Erfolg. Wer große Ziele erreichen will, muss auf dem Weg dahin auf manches verzichten. Die Fastenzeit ist ebenfalls eine solche Vorbereitungszeit: Sich vorbereiten auf die Feier von Ostern, aber noch mehr auf das Leben allgemein, dafür wollen wir uns von Neuem gute Gewohnheiten an- und schlechte abtrainieren. Vieles im Leben kommt unerwartet. Dann gilt es, vorbereitet zu sein, um schwierige Situationen zu meistern. Vor allem aber gilt es, das Vertrauen auf Gott neu einzuüben, damit es uns im Zweifel trägt.
Kyrie-Ruf
Jesus Christus, Gottes Sohn, du hast im festen Vertrauen auf deinen Vater gelebt. Herr, erbarme dich unser.
Jesus Christus, Gottes Sohn, du stehst uns bei, wenn unser Vertrauen auf Gott ins Wanken gerät. Christus, erbarme dich unser.
Jesus Christus, Gottes Sohn, du rufst uns, dir zu folgen auf dem Weg ins Reich des Himmels. Herr, erbarme dich unser.
Tagesgebet
Gott, unser Vater! Am Anfang seines Weges hat Jesus in der Wüste gefastet und ist als dein Sohn auf die Probe gestellt worden. Gib, dass unser Glaube sich bewährt und unser Vertrauen auf dich gefestigt wird, damit wir immer die Kraft finden, dem Bösen zu widerstehen und uns für das Gute einzusetzen. Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Vorüberlegungen
Das Matthäusevangelium präsentiert Jesus als »Gottes Sohn«, freilich noch nicht im Sinne des späteren Glaubensbekenntnisses. Im Evangelium geht es nicht in erster Linie um das Wesen, sondern um das Wirken Jesu, sein heilsames Handeln an den Menschen. Gottes Sohn ist Jesus, weil er »Davids Sohn« ist und die davidischen Könige von alters her als Söhne Gottes gelten (Mt 1,1; 2 Sam 7,14; Ps 2,2.7). Gottes Sohn ist Jesus, weil er als Davids Sohn das Volk Israel repräsentiert und Israel der »erstgeborene Sohn Gottes« ist, den Gott aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat (Mt 2,15; Ex 4,22; Hos 11,1). In der Taufe bekennt sich Gott zu Jesus als seinem »geliebten Sohn« (Mt 3,17), und es ist diese innige Beziehung zu Gott, die anschließend durch den Teufel in der Wüste auf die Probe gestellt wird. Der Teufel erkennt und anerkennt Jesus als Sohn Gottes ebenso, wie es später seine Dämonen tun (Mt 8,29). Der Bedingungssatz »wenn du Gottes Sohn bist« (Mt 4,3.6) stellt die Gottessohnschaft Jesu nicht in Frage, sondern setzt sie als Gegebenheit voraus, allerdings nur, um falsche Schlüsse daraus zu ziehen. Was an den Vorschlägen des Teufels verkehrt ist, zeigt sich bei der letzten Versuchung Jesu am Kreuz: »Wenn du Gottes Sohn bist, rette dich selbst und steig herab vom Kreuz!« (Mt 27,40) Jesus ist aber nicht gekommen, um sich selbst zu retten, sondern um »sein Volk von seinen Sünden zu retten« (Mt 1,21). Damit ist klar, was bei der Versuchung Jesu auf dem Spiel steht: Wird er seine Macht zum eigenen Vorteil nutzen oder wird er sie einsetzen, um die zu befreien, die unter Sünde und Tod, Ungerechtigkeit und Krankheit leiden?
Dasselbe gilt dann freilich auch für die Menschen, die Jesu Spuren folgen und die im Matthäusevangelium ebenfalls »Gottes Söhne (und Töchter)« heißen. Gemeint sind diejenigen, die Frieden stiften, die ihre Feinde lieben und für ihre Verfolger beten (Mt 5,9.44–45). Auch sie stehen ständig in Gefahr, auf Gewalt reflexhaft mit Gegengewalt zu reagieren und dadurch ihre Freiheit einzubüßen, einen Neuanfang im Guten zu setzen. Auch sie müssen den Egoismus überwinden, der gesunde Selbstbehauptung mit zerstörerischer Rache verwechselt. Keinesfalls dürfen sie sich in falscher Sicherheit wiegen und, wenn sie auf die Probe gestellt werden, aus ihrer Gotteskindschaft die falschen Schlüsse ziehen. Solange sie auf Erden leben, muss sich ihr Gottvertrauen bewähren, ohne dass sie aus dem Himmelreich unversehens herausfallen (Mt 8,11–12). Es bewährt sich aber am besten dort, wo die eigene Bedürftigkeit im Gespräch mit Gott zu Wort kommt und offen ausgesprochen wird, wie das Beispiel des Hauptmanns von Kafarnaum lehrt (Mt 8,5–10.13).
Meine Predigt versucht, sich in die Dramatik der Versuchungserzählung hineinzubegeben und auch die Hörerinnen und Hörer darin zu verwickeln. Dabei geht es mir nicht darum, die Gedanken des historischen Jesus zu lesen. Die Geschichte von seiner Begegnung mit dem Teufel ist erfunden, aber deshalb nicht weniger wahr. Es handelt sich um eine mythische Episode, die am Anfang verdichtet erzählt, was sich im folgenden Leben Jesu entfaltet. Das ist eine Chance, sich der Person Jesu und seinem Weg nicht nur rational, sondern auch emotional zu nähern und so die affektiven Kräfte zu wecken, um selbst in Bewegung zu kommen und ihm auf seinem Weg zu folgen.
Liedvorschlag zur Predigt
GL 266,1–7 »Bekehre uns, vergib die Sünde«
Predigt
Zum Text: Mt 4,1–11 (Evangelium)
»Mein geliebter Sohn« – ein Wort hallt nach ...
Aus dem Jordantal geht es hinauf in die gebirgige Wüste. In die felsigen Formationen haben sich Bachläufe eingeschnitten, die dem Jordan Wasser zuführen, wenn es zu einem der seltenen Regengüsse kommt. Ansonsten liegen sie trocken und bilden Wege durch die Wildnis, die den steilen Anstieg ein wenig erleichtern. Ein Mann steigt hinauf, nicht langsam und nicht schnell, scheinbar gleichmütig wie ein Esel, der einen Schritt vor den anderen setzt. Er hat den Trubel der Menschenmenge hinter sich gelassen, die aus ganz Judäa zusammengeströmt war. Sie alle wollten unbedingt dabei sein, wenn der Himmel auf Erden endlich käme und ihr Elend schlagartig zu Ende wäre. Doch davor hatte Gott die Umkehr gesetzt, zu der Johannes prophetisch aufrief und alle taufte, die ihm ihre Sünden bekannten. Auch er, der sich jetzt entfernt, war deswegen hergekommen, den weiten Weg aus Nazaret in Galiläa, um sich von Johannes taufen zu lassen. Und dann geschah das Unverhoffte, dessen Bild und Klang ihn seither begleitet, auch wenn es bei Weitem übersteigt, was ein menschliches Herz zu fassen vermag: ein Himmel, so offen und weit, dass der Geist an keine Grenzen kommt; und eine Stimme, so mächtig und sanft, dass sie ihm nicht mehr aus dem Sinn geht: »Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.« (Mt 3,17) Das war zu viel, er musste weg – irgendwohin, wo er allein war. Wer soll das begreifen? Dieser – ich!? – Gottes Sohn ... Das hallt noch lange in ihm nach, ohne dass er sich einen Reim darauf machen könnte. So begibt sich Jesus in die Wüste, vierzig Tage und vierzig Nächte, ohne Nahrung und ohne eine Menschenseele, nur auf sich allein gestellt. »Wenn du Gottes Sohn bist« – dann erbarme dich der Elenden! »Wenn du Gottes Sohn bist«, so sagt er sich immer wieder vor.
»Wenn du Gottes Sohn bist« – was dann?
Natürlich wusste er, dass die Könige aus Davids Dynastie, die früher in Jerusalem regierten, sich Gottes Söhne nannten, wie Gott es dem ersten Thronfolger Salomo verheißen hatte: »Ich werde für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein.« (2 Sam 7,14) Aber das war lange her und das davidische Königtum längst untergegangen, wenn auch sein Vater Josef angeblich aus dem Hause Davids stammte. Was folgt für ihn also daraus? »Wenn du Gottes Sohn bist« – ja, was dann? Such dir eine Rotte hoffnungsloser Gestalten zusammen, zieh mit ihnen nach Jerusalem und lass dich dort zum König ausrufen? Das haben andere schon versucht und sind an ihren eigenen Ambitionen gescheitert. Wer an die Macht kommen und sich dort halten will, der muss sich vor denen niederwerfen, die noch mächtiger sind als er; der darf in diesen bösen Zeiten auch vor einem Bund mit dem Teufel nicht zurückschrecken. Aber wozu? Was nützt ihm die ganze Macht, wenn sie nur noch ein Selbstzweck ist, wenn sie niemandem mehr dient als nur ihm selbst? Nein, »wenn du Gottes Sohn bist«, dann kann das für ihn, für Jesus, nur heißen: Erbarme dich der Armen und Elenden, die deine Hilfe suchen! Nimm dich der Menschen an, die an Leib und Seele krank sind und leiden! Rette dein Volk nicht mit Waffengewalt, sondern geh auf dem Weg der Versöhnung voran, und koste es dein eigenes Leben!
»Wenn du Gottes Sohn bist« – dann vertrau auf ihn!
Aber ist das nicht zu viel verlangt? Ist der Weg nicht zu schwer für ihn? »Wenn du Gottes Sohn bist« – hätte das nicht ebenso gut zu bedeuten, dass es morgens Manna und abends Wachteln auf ihn regnete, dass im trockenen und dürren Land Wasser aus dem Felsen sprudelte? (Ex 16,1 – 17,7) Dürfte er als Gottes Sohn von seinem Vater nicht erwarten, dass er ihn ebenso versorgt wie Israel, seinen »erstgeborenen Sohn« (Ex 4,22), auf der vierzigjährigen Wanderschaft durch die Wüste? Müsste er ihn nicht »auf Adlerschwingen tragen« (Ex 19,4), wie er Israel aus Ägypten bis an den Sinai getragen hat, aus der Sklaverei in die Freiheit? Ja, aber sicher nicht so, dass er selbst nun Gott zu seinem Sklaven machte, der seinen Launen zu gehorchen hätte – ein Fingerschnippen, und aus Steinen wird Brot; ein Augenaufschlag, und Gott schickt seine Engel, die ihn auf Händen tragen. Nein, »wenn du Gottes Sohn bist«, dann kann das für ihn, für Jesus, nur heißen: Vertrau darauf, dass Gott für dich sorgt, auch wenn es nicht immer sofort danach aussieht! Vergiss nicht, was er dir bisher Gutes getan hat, und stell nicht sofort seine ganze Fürsorge infrage, wenn es einmal schwierig wird! Denk daran und nimm es dir zu Herzen, dass Gott dich niemals verlässt, sondern immer bei dir bleibt, auch wenn alles verloren erscheint!
»Wenn du Gottes Sohn bist« – dann wähle den Weg Jesu!
So oder so ähnlich mag Jesus seinen Weg gesucht haben. So hat er ihn jedenfalls gefunden und ist ihn bis zum Ende gegangen – und darüber hinaus: durchs Kreuz zur Auferstehung mit Gottes Hilfe! Doch was ist mit uns? Stehen wir als Unbeteiligte da? Gilt die Himmelsstimme nicht auch uns, die wir auf Jesu Namen getauft sind? »Dieser ist mein geliebter Sohn – diese ist meine geliebte Tochter.« Und müssen wir dann nicht auch den Klang dieser Worte in unseren Herzen nachhallen lassen und uns selbst fragen: »Wenn du Gottes Sohn bist, wenn du Gottes Tochter bist« – was dann? Dass wir uns über andere erheben oder in die Hängematte der göttlichen Rundumversorgung fallen lassen, kommt für uns ebenso wenig wie für Jesus selbst in Frage. Wir kennen unsere Würde und wir wissen uns von Gott getragen – das genügt, um Jesus auf seinem anspruchsvollen und beglückenden Weg der umfassenden Gerechtigkeit zu folgen (Mt 3,15). Er preist »selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden» (Mt 5,9). Zugleich sagt er uns schonungslos, was er dafür von uns verlangt: »Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne und Töchter eures Vaters im Himmel werdet!« (Mt 5,44–45) Das heißt es also, ein Sohn oder eine Tochter Gottes zu sein! Das ist der Zuspruch und der Anspruch, das ist die Ermutigung und die Herausforderung. Dabei ist klar: Seine Feinde zu lieben heißt nicht, sich alles gefallen zu lassen; und Frieden zu stiften bedeutet nicht, sich der rohen Gewalt zu unterwerfen. Jesu Gebot zielt auf unsere Freiheit: Wir lassen uns den Hass von anderen nicht einfach aufzwingen; wir sind so frei und entscheiden selbst, wie wir auf ihre Feindseligkeit reagieren. Wir durchbrechen den Teufelskreis, der Böses stets mit Bösem vergilt. Wir lassen uns die Freiheit nicht nehmen, die uns der Vorkämpfer der Feindesliebe gegen allen Widerstand des Bösen errungen hat – Gottes Sohn für die Söhne und Töchter Gottes! Das ist der Weg Jesu, und das ist auch unser Weg.
Fürbitten
Gott, Vater und Mutter, du hast uns als deine geliebten Söhne und Töchter angenommen. Lehre uns auf dich vertrauen, wie Jesus auf dich vertraut hat. Sende uns deinen Geist, der im Gebet für uns eintritt.
– Wir beten für die Menschen weltweit, die Hunger leiden und in bitterer Armut leben müssen. (Herr, erbarme dich.) – Wir beten für die Menschen, die sich nach einem guten Wort sehnen, das sie aufbaut und ihnen hilft. – Wir beten für die Menschen, die sich nicht trauen, den nächsten Schritt zu gehen, der sie im Leben weiterbringt. – Wir beten für die Menschen, die sich schwertun, ihre persönlichen Grenzen zu akzeptieren und damit zu leben. – Wir beten für die Menschen, die unter dem Missbrauch von Macht zu leiden haben, die ungerecht behandelt und zurückgesetzt werden. – Wir beten für die Menschen, die ihre Macht einsetzen, um das Gemeinwohl zu fördern, um allen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. – Wir beten für die Menschen, die uns im Tod vorausgegangen sind und deren Leben du allein vollenden kannst.
Gott, du hast uns zu einem Leben in Freiheit berufen. Lass uns jeden Tag erkennen, was nottut, und beherzte Schritte zum Frieden gehen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.
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Wilfried Eisele |
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