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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
Ostersonntag
Wendepunkt
Lesejahr A – B – C
Beitrag I zum Evangelium

Einführung

Heute feiert die Christenheit auf der ganzen Welt das Osterfest – der höchste und wichtigste Feiertag im Kirchenjahr. Von Ostern her wird alles gedacht und auch immer wieder gedeutet. Ostern, das Fest der Auferstehung. Ostern, der Sieg des Lebens über den Tod. Es liegen dichte Tage hinter uns, mit intensiven Inhalten und Stimmungen: Vom Jubel des Palmsonntags bis zum Verrat am Gründonnerstag, vom qualvollen Tod am Kreuz bis zur unglaublichen Nachricht von Jesu Auferstehung am Ostermorgen. Viel Bewegendes, das erst einmal verarbeitet und ins Leben übertragen werden will. Die Nachricht von Ostern belebt und bewegt. Lassen auch wir uns davon anstecken und begrüßen wir Jesus Christus, den Auferstandenen, mit den Rufen des Kyrie in unserer Mitte.

Kyrie-Ruf
Herr Jesus Christus, du hast die Macht des Todes überwunden und den Weg zum Leben erschlossen.
Herr, erbarme dich.
Deine Auferstehung ist Quelle der Hoffnung für die Menschen dieser Welt.
Christus, erbarme dich.
Du willst, dass auch wir hoffnungsvoll und lebensfroh unseren Weg gehen.
Herr, erbarme dich.

Tagesgebet
Guter Gott,
an Ostern denken wir voll Freude an deine Auferstehung und das Geschenk neuen Lebens, das stärker ist als der Tod und kraftvoll in unsere Welt hineinwirkt.
Öffne unser Herz und unsere Sinne, dass wir uns von der Botschaft des Lebens anstecken und in Bewegung setzen lassen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen auferstandenen Sohn.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 329,1–5 »Das ist der Tag, den Gott gemacht«
Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium
GL 321 »Surrexit Dominus vere« (Kanon)
Gesang zur Gabenbereitung
GL 184,1–2 »Herr, wir bringen in Brot und Wein«
Gesang zur Kommunion
GL 336,1–3 »Jesus lebt, mit ihm auch ich«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 525,1–4 »Freu dich, du Himmelskönigin«

Vorüberlegungen

Zum Text: Joh 20,1–18 (Evangelium)

Als Evangelium für den Ostersonntag sieht die Leseordnung die Perikope Joh 20,1–18 vor, alternativ auch in der Kurzfassung Joh 20,1–9. Es sind dies zwei voneinander unabhängige Erzählungen: Joh 20,1–10 der Grabgang Marias und der Wettlauf von Petrus und dem Lieblingsjünger zum Grab, Joh 20,11–18 die Begegnung der Maria von Magdala mit dem Auferstandenen. Die vorliegende Predigt orientiert sich an der kompletten Perikope und bezieht sich auch auf Details aus dem zweiten Textabschnitt. Die Länge des Textes und seine Komplexität erlaubt es nicht, in einer Predigt alle Spannungen und Brüche exegetisch herzuleiten und zu erklären. Vielmehr soll versucht werden, auf entscheidende Ereignisse und Bewegungen in der Ostererzählung hinzuweisen: die Wahrnehmung des leeren Grabs, das Ringen Marias und der Jünger darum, was dies bedeutet, und die erst schrittweise Erkenntnis der Maria von Magdala, dass Jesus auferstanden ist. Dazu braucht es nicht nur das Wahrnehmen des leeren Grabs, sondern auch das Trauern um den Verlust des Leichnams Jesu, die Begegnung mit den Engeln und schließlich die persönliche Ansprache Jesu. Die Auferstehung Jesu ist ein Wendepunkt für die Jünger, doch bis dieser in die Köpfe und Herzen einsickert, braucht es verschiedenste Ereignisse und viel Zeit zum wirklichen Begreifen.

Was für die Jünger gilt, ist für die heutigen Christen nicht anders. Auferstehung lässt sich nicht ein für alle Mal begreifen, es bleibt ein Ringen mit offenen Fragezeichen. Die Predigt versucht, dafür Verständnis zu vermitteln und die Erfahrung von Auferstehung auf eine anthropologisch bedeutsame Ebene zu bringen. Wo ereignet sich neues Leben mitten im diesseitigen Leben? Wie können wir einander helfen bei der Wahrnehmung einer Wirklichkeit, die dem Dunklen und vermeintlich Toten neue Lebensspuren entgegensetzt? Das berührende Farb-Erlebnis des deutschen Nachkriegskünstlers Rupprecht Geiger dient als Einstieg und Analogie, das Oster-Erlebnis der Jünger als Ansporn, auch heute achtsam zu sein für die entscheidenden Wendepunkte im eigenen Leben, die schon im Hier und Jetzt Erfahrungen von Auferstehung ermöglichen.

Predigt

Das Farberlebnis


Es gibt Momente, die dem Leben unerwartet eine neue Wendung geben. Rupprecht Geiger, einer der einflussreichsten abstrakten Maler der deutschen Nachkriegskriegskunst, beschreibt in einem seiner künstlerischen Schlüsselwerke solch einen Moment. Auf diesem Bild, ganz mit dunklem Grau grundiert, findet sich quer über der Mitte ein schwungvoll aufgetragener Strich in einem leuchtenden Rot. Dazu dann in hellerem Grau ein vom Künstler handverfasster Text mit dem Titel »Das Farberlebnis «. Geiger schreibt: »Es ist Stunde Null in Deutschland. Ich gehe in der Theatinerstraße in Richtung Marienplatz, vorbei an Schutthalden eingestürzter Häuser. Alles ist leblos, grau, Staub und Asche – da vorn ragt aus einem großen Schuttberg gespenstig, allein noch stehend, als stockwerkshohe Mauerscheibe die Renaissance-Fassade der Alten Polizei. Die beiden seitlich einmündenden Gassen existieren nicht mehr. – Plötzlich sehe ich von rechts, aus der Maffeistraße kommend, eine hellrot aufleuchtende Farbspur in leichtem Bogen über die Straße ziehen. Ein Farbsignal vor makabrer Grau-Kulisse, ein noch nie gesehenes ›Rot‹. Was ist diese Erscheinung? Ein Ami-Mädchen in leuchtrotem Pullover ist einem Jeep entstiegen und hat schnell laufend die Straße überquert …« Soweit der erste Teil des Textes. Dieses eindrückliche Farberlebnis, das in der Folge noch ergänzt wird durch ein Care-Paket, welches neben lebenswichtigen Utensilien auch einen pinkfarbenen Lippenstift enthielt, war für Rupprecht Geiger der entscheidende Wendepunkt in seiner Wahrnehmung und seinem künstlerischen Werdegang. Die kraftvolle Wirkung von Farben, insbesondere der Farbe Rot, entwickelte sich von nun an zu seinem Lebens- und Schaffensthema. Wer eine Ausstellung seiner Gemälde besucht, wird unwillkürlich hineingenommen in die Energie und Dynamik leuchtender Farben, die tiefere Ebenen ansprechen und dort auch ihre Wirkung entfalten können.

Das Ostererlebnis

Was für Rupprecht Geiger das rote Farberlebnis inmitten der grau-zerbombten Häuserzeilen, war für die ersten Christen das Ostererlebnis. Stunde Null sozusagen für die Jünger Jesu. Und ein entscheidender Wendepunkt, der ihrem Leben einen neuen Inhalt und eine neue Richtung gegeben hat. Was genau in diesem Erlebnis den Ausschlag gab, können wir in manchem nur erahnen, zumal die Schreiber der vier Evangelien unterschiedliche Schwerpunkte setzen und verschiedene Details hervorheben. Allen Ostererzählungen gemeinsam aber ist die Schilderung vom leeren Grab, auf das die Jüngerinnen und Jünger stoßen. Im Johannesevangelium, aus dem wir heute einen zentralen Abschnitt gehört haben, erfahren wir von Maria von Magdala, die schon frühmorgens zum Grab geht und voller Schrecken entdeckt, dass der Stein vom Grab weggenommen wurde. Ohne nachzuschauen, folgert sie, dass das Grab leer ist, und ruft schnell die anderen Jünger Simon Petrus und Johannes dazu. Auch für diese beiden ist der Blick auf das leere Grab der erste Eindruck. Allerdings schauen sie im Unterschied zu Maria noch genauer hin und bestätigen, dass das Grab leer ist und die Leinenbinden und das Schweißtuch zurückgelassen wurden. Ein weggerollter Stein, ein leeres Grab und textile Reste also als das entscheidende Erlebnis, das die Wende brachte für die Jünger Jesu, deren Umfeld und die ersten Christen? Oder gar die Beweismittel für die Auferstehung in einem wissenschaftlichen Sinn, so wie immer wieder zu argumentieren versucht wurde?

Fragen nach dem großen Sinn

Für den Künstler Rupprecht Geiger war das Farberlebnis ein innerer Wendepunkt in seiner Wahrnehmung, und doch brauchte es letztlich noch Jahre, bis das erste kräftig rote Bild entstand. Für die Jünger Jesu waren die Erlebnisse am leeren Grab ein Wendepunkt, um die Wirklichkeit von Auferstehung und einem Leben, das den Tod überwindet, anfanghaft zu erahnen. Bis diese Realität aber letztlich in der Tiefe einsickern konnte, brauchte es noch mehr. Ein innerer Prozess mit viel Zeit und Ringen: die Auseinandersetzung mit dem Unfassbaren, zwischen Glauben und Zweifeln, Freude und ungläubigem Staunen, Kopf und Herz … So ist die Geschichte des Auferstehungsglaubens eine lange und wechselvolle, angefangen von den ersten Christen bis zum heutigen Tag. Denn wer kann schon, trotz eigener Erlebnisse mit dem Sterben naher Menschen, der kirchlichen Lehre und vielfältiger Bilder aus unterschiedlichen Zeiten, genau sagen, welche Gestalt ein Leben nach dem Tod hat? Es sind »Fragen nach dem großen Sinn, der die Welt durchzieht« – wie der vor wenigen Jahren jung verstorbene Sänger Roger Cicero in seinem berührenden Lied »In diesem Moment« formulierte, als er vermutlich angesichts des Todes eines Freundes nach der himmlischen Wirklichkeit fragt: »Und als einer von Millionen steh ich hier und schau nach oben, frag mich, wo du gerade bist und wie es da wohl ist …«

… allein mir fehlt der Glaube

Als eine oder einer von Millionen stehen auch wir heute hier mit unseren Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach der Gestaltung des Jetzt und nach dem, ob und wie es nach dem Tod weitergeht. Sie sind heute in den Gottesdienst gekommen, um das Osterfest mitzufeiern. Ostern, das ist die Feier der Auferstehung, welche die Christen mit kräftigen Hallelujas, kraftvollen Worten und freudigen Liedern besingt. Wir feiern den Sieg des Lebens über den Tod, der Hoffnung über die Hoffnungslosigkeit, der Farbe über die grauen Leinenbinden, der Worte über die Grabesstille. Große Gesten, große Rituale. Ein großer Glaube letztlich an die starke Macht des Lebens, die stärker ist als alle dunklen Mächte. »Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube«, ist ein bekanntes Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, das vielleicht auch dem einen oder anderen von uns immer wieder auf den Lippen liegt. Denn wo erfahren wir die Macht des Lebens in einer Welt, in der Tag für Tag das Recht auf Leben und Entfaltung für Millionen von Menschen mit Füßen getreten wird? Und in der wir auch selbst mit vielem konfrontiert werden, was uns eher entmutigt als hoffnungsvoll in die Zukunft gehen lässt: persönliche Verstrickungen, Krankheiten, Ungerechtigkeiten, der Tod naher Menschen …?

Bestärkungen

Das heutige Osterevangelium kann uns ein paar Hinweise geben. Zuallererst: Die Jünger haben sich nach der Entdeckung des leeren Grabes nicht in die Vereinzelung zurückgezogen. Maria geht sofort zu den anderen Jüngern, die dann gleich zu zweit zum Grab kommen. Alle drei bestärken einander, legen ihre Wahrnehmungen zusammen und helfen sich gegenseitig, aufmerksam hinzuschauen. Das ist ihre Chance, das Gesehene besser zu erfassen. Unsere Wahrnehmung und unsere Gedanken sind begrenzt. Es tut gut, sie immer wieder mit denen anderer Menschen abzugleichen, damit auch für uns ein ganzheitlicheres Bild entstehen kann. Ein Zweites: Als Maria wieder allein am Grab steht, begegnet sie zwei Engeln, die nach dem Grund ihrer Trauer fragen. Diesen schüttet sie ihr Herz aus, erzählt von ihrer Verzweiflung und ihrer Not. Auch wir brauchen Menschen, denen wir uns anvertrauen mit all unseren Fragen und Zweifeln. Engel an unserer Seite. Wir müssen nicht stark sein und alles immer »im Griff haben«. Ehrlichkeit ist oft besser als selbstsicheres Überspielen, Weinen heilsamer als eine kühle Selbstbeherrschung. Denn nur dadurch kann ein innerer Prozess entstehen, der Bewegung bringt auch in die eigenen Fragen und deren mögliche Beantwortung. Schließlich erzählt das heutige Osterevangelium von der eindrücklichen Begegnung von Maria mit Jesus. Er kommt zum Grab und in ihrer getrübten Wahrnehmung meint sie, es sei der Gärtner. Doch Jesus spricht sie an mit ihrem Namen. Ein Wort von einem ihr vertrauten Menschen und sie erfasst tief in ihrem Herzen: Er ist es. Und er lebt. Mehr als hochtheologische Lehren von der Auferstehung braucht es wohl immer wieder die persönliche und ermutigende Ansprache, die mich meint: Ich lebe. Und auch du lebst und atmest. In diesem Moment. Spür die Dynamik, die Farben und den Reichtum des Lebens. Und stifte auch andere an und ermutige sie. Das Leben ist stärker als der Tod. Jetzt – und in Ewigkeit.

Fürbitten
Guter Gott, die Auferstehung deines Sohnes schenkt uns einen neuen Blick auf das Leben im Hier und Jetzt. Als aufgerichtete,österliche Menschen sollen wir leben und erfahren doch oft schmerzliche Begrenzungen und großes Leid. Wir bitten dich:

- Um österliches Licht für alle, deren Leben sich verdunkelt hat und die unter Depressionen und anderen schweren Krankheiten leiden.
- Um österliche Hoffnung für die Millionen von Flüchtlingen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und keine Chance auf eine Rückkehr sehen.
- Um österliche Farbe für alle, die sich in einem lauen oder grauen Leben eingerichtet haben und keine Veränderung mehr erwarten.
- Um österlichen Mut für alle, die schwer an ihrem persönlichen oder familiären Schicksal zu tragen haben und keine neue Perspektive wahrnehmen können.
- Um österlichen Trost für alle, die trauern um den Verlust eines nahen Menschen und sich immer wieder sehr einsam und verlassen fühlen.

Guter Gott, wir glauben an die Macht des Lebens, das den Tod überwindet und neue Horizonte eröffnet. Wir vertrauen darauf, dass du mit uns auf dem Weg bist und uns begleitest, heute und alle Tages unseres Lebens. Amen.

Annegret Hiekisch

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