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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
14. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr C
Heimat ist, wo es einem gut geht

Beitrag zum Evangelium

Einführung

Unser Gottesdienst am Sonntag ist wie die Einkehr auf einem langen Weg. Unsere Kirche ist das Rasthaus, wo wir innehalten und Gottvertrauen tanken. Der Proviant geht uns nicht aus, solange wir Gott ums tägliche Brot bitten und in der gläubigen Gewissheit leben, dass er uns gibt, was immer wir brauchen. »Was sind denn Gebete anderes als Wünsche, die an Gott gerichtet sind?« (Navid Kermani, Über die Grenzen – Jacques Mourad und die Liebe in Syrien, in: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2015. Ansprachen aus Anlass der Verleihung, Frankfurt a. M. 2015, 49–71, hier 70.)
In einem Moment der Stille werden die Wünsche zu unserem Gebet.

Kyrie-Ruf
Herr Jesus Christus, du hast uns berufen, dir auf dem Weg der Demut und Friedfertigkeit zu folgen.
Herr, erbarme dich unser.

Du sendest uns als deine Boten, damit alle Menschen von deiner frohen Botschaft erfahren.
Christus, erbarme dich unser.

Du lässt uns nicht allein auf unserem Weg, sondern bist bei uns mit deinem
Geist.
Herr, erbarme dich unser.

Tagesgebet
Gott,
in einer aufgewühlten und zerrissenen Welt bist du uns Zuflucht und Burg.
Lass uns leben im Vertrauen auf dich und im Frieden mit allen Menschen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Liedvorschläge

Gesang zur Eröffnung
GL 455,1–4 »Alles meinem Gott zu Ehren«
Antwortgesang mit Ruf vor dem Evangelium
GL 456 »Herr, du bist mein Leben« und GL 454 »Geht in alle Welt, Halleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 458 »Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt«
Gesang zur Kommunion
GL 460 »Wer leben will wie Gott auf dieser Erde«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 362 »Jesus Christ, you are my life«

Vorüberlegungen

Zum Text: Lk 10,1–12.17–20 (Evangelium)

Wo Markus und Matthäus jeweils nur eine Aussendungsrede haben (Mk 6,6–13; Mt 9,35 – 11,1), bietet Lukas zwei (Lk 9,1–6; 10,1–16). Selbst wer regelmäßig sonntags den Gottesdienst besucht, wird diesen Umstand allerdings nicht bemerken, weil die Leseordnung von dem langen Abschnitt Lk 8,4 – 9,50 nur Lk 9,18–24 am 12. Sonntag im Jahreskreis bringt. Wie die zwölf Jünger, die bei Lukas zuerst ausgesandt werden, für die zwölf Stämme Israels stehen, so die zweiundsiebzig hier (Lk 10,1) für die übrigen Völker und damit für die Heidenmission (vgl. Gen 10). Die Jünger werden also in die Fremde geschickt und aufgefordert, sich in ihren Gewohnheiten – z. B. beim Essen (Lk 10,7f.) – den jeweiligen Bräuchen anzupassen. Das ist keine Frage des Geschmacks, sondern der Inkulturation des Evangeliums: Die Reich-Gottes-Verkündigung darf sich von kulturellen Schranken nicht aufhalten lassen. Statt der irdischen haben die Jünger ihre himmlische Heimat gefunden, wo sie bereits jetzt als Bürger mit allen Rechten und Pflichten registriert sind (Lk 10,20). Das macht sie auf Erden unabhängig und lässt sie zu Kosmopoliten – zu Weltbürgern – werden, die überall zu Hause sind, weil Gott überall für sie sorgt. Dieses Vertrauen in Gottes väterliche Fürsorge verkörpern sie, indem sie auf eigene Vorsorge verzichten und dadurch ihrer Verkündigung Glaubwürdigkeit verleihen (Lk 10,4; vgl. Lk 12,22–32). Freilich kann derart arm nur leben, wer vermögende Unterstützer hat, und so hat die Ausbreitung des Evangeliums von Anfang an beides gebraucht: die sogenannten Wanderradikalen, die auf alles verzichteten, um für die Verkündigung ganz frei zu sein, und ein dichtes Netz von Sympathisanten, die sie mit allem Nötigen versorgten. Zur Freiheit der Prediger gehört auch, dass sie das Reich Gottes nicht mit Gewalt durchsetzen (Lk 10,3), sondern die Beurteilung der Menschen und ihres Verhaltens dem Gericht Gottes überlassen (Lk 10,10–12; vgl. auch die ausgelassenen Verse Lk 10,13–16). So halten sie mit allen Menschen Frieden, auch mit denen, die ihre Friedensbotschaft ablehnen (Lk 10,6).

Predigt In der Fremde eine Heimat »Heimat ist, wo immer es einem gut geht« (M. Tullius Cicero, Tusculanae disputationes V 108: »Patria est, ubicumque est bene.« Daher die populäre Form: »Ubi bene, ibi patria.«), sagt ein altes lateinisches Sprichwort. Die Frage ist nur: Was brauche ich, damit es mir gut geht? Die Antworten darauf dürften so unterschiedlich ausfallen, wie die Menschen sind. Der eine wird vertraute Landschaften vor Augen haben, mit denen er in der Erinnerung verwachsen ist. Die andere wird an Menschen denken, an Familie, Freunde oder Arbeitskollegen, die ihr über viele Jahre hinweg ein stabiles und krisenfestes Umfeld geschaffen haben. Für viele sind Haus und Garten Orte der Muße und Geborgenheit, auf die sie nicht verzichten möchten. Aber auch die Arbeit ist vielen wichtig, nicht nur um Geld zu verdienen, sondern auch um einen Platz in der Gesellschaft zu haben. Was Heimat ist und sein kann, wissen die Menschen am besten, die ihre Heimat aufgegeben oder verloren haben, weil sie dort keine Zukunft mehr sahen oder um ihr Leben fürchten mussten. »Etwas Besseres als den Tod findest du überall«, wussten schon die »Bremer Stadtmusikanten«, und der Hahn zog lieber mit Esel, Hund und Katze fort, statt am Abend im Kochtopf zu landen. (Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, hrsg. von Heinz Rölleke, Stuttgart 1980, 162.)

Jesus schickt seine Jünger in die Fremde, um dort das Reich Gottes bekannt zu machen. Dazu wählt er so viele aus, wie es nach biblischer Vorstellung Völker auf Erden gibt: zweiundsiebzig. Ihre Mission führt sie weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus, letztlich »bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1,8). Und doch werden sie dadurch nicht heimatlos. Sie dürfen sich überall zu Hause fühlen, weil sie zwar noch auf Erden leben, aber trotzdem schon Bürger des Himmels sind und dort ihre eigentliche Heimat haben. Im himmlischen Bürgerverzeichnis sind ihre Namen bereits registriert. Auch unsere Namen sind dort verzeichnet, und das gibt uns eine große Freiheit: Was auch immer geschehen mag, wir werden nie ganz heimatlos sein, weil unsere Heimat unverwüstlich ist. Sie besteht im unerschütterlichen Vertrauen auf Gott, der uns eine feste Burg ist und wir seine Bürgerinnen und Bürger. Und wo einer das Vertrauen nicht aufbringt, da ist ein anderer da, um es durchzutragen. Jesus sendet seine Jünger zu zweit aus, allein wird keiner auf den Weg geschickt.

In der Armut eine Botschaft

»Heimat ist, wo immer es einem gut geht.« Die Frage ist aber auch: Wie viel brauche ich, damit es mir gut geht? Jahr für Jahr legt der Armutsbericht der Bundesregierung offen, dass es auch in unserer Wohlstandsgesellschaft erschreckend viele Arme gibt. Sicher sind viele bei uns nicht so arm wie der ärmste Teil der Weltbevölkerung, der unmittelbar von Hunger und Tod bedroht ist. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er hungert auch nach Gerechtigkeit und sozialer Teilhabe. Er will nicht nur überleben, sondern sich auch als Persönlichkeit entfalten. Dazu sind das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf die notwendigen Voraussetzungen, aber sie reichen allein nicht aus. Bei den Schutzsuchenden, die bei uns ankommen, sind wir gewohnt, zwischen politisch Verfolgten sowie Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen zu unterscheiden. Wer allein in der Hoffnung kommt, sich hier wirtschaftlich zu verbessern, hat keine Bleibeperspektive. Dabei ist es nur zu verständlich, dass Menschen von dort weg wollen, wo sie mehr schlecht als recht über die Runden kommen. Keinem Menschen kann man verdenken, dass er ärmlichen Lebensverhältnissen entfliehen will, auch wenn das keine globale Lösung sein kann.

Jesus schickt seine Jünger ohne alles los. Er verbietet ihnen sogar die allernötigsten Dinge, die selbst ein Bettler gewöhnlich bei sich führte: den Geldbeutel für die paar Groschen, die er zugesteckt bekommt; die Vorratstasche für das Brot, das ihm gutherzige Menschen nicht versagen; und ein zweites Paar Schuhe außer denen, die er an den Füßen trägt. Im Unterschied zur schicksalhaften Armut ist diese Armut jedoch frei gewählt. Niemand wird gezwungen, so zu leben, auch nicht als Jünger Jesu. Er verpflichtet nur diejenigen dazu, die er aussendet, um das Reich Gottes zu verkünden. Das eine hat mit dem anderen zu tun. Wie könnten die Jünger Gottes Reich verkünden, wenn sie mehr auf sich selbst und ihre eigenen Mittel als auf Gott und seine Fürsorge vertrauten? Glaubhaft wird ihre Verkündigung erst, wenn sie das Gottvertrauen selbst verkörpern, zu dem sie die Menschen ermuntern wollen. Wer all sein Vertrauen auf Gott setzt, kann nicht ängstlich um Hab und Gut, um Leib und Leben besorgt sein – und doch muss er von etwas leben! Er muss sich darauf verlassen können, dass er Brüder und Schwestern im Glauben findet, die ihn in ihren Häusern aufnehmen und mit allem Nötigen versorgen. So gibt es unterschiedliche Berufungen und verschiedene christliche Lebensstile, aber alle dienen dem einen Zweck: das Reich Gottes unter die Menschen zu bringen.

In der Wehrlosigkeit ein Frieden

»Heimat ist, wo immer es einem gut geht.« Und damit das auch so bleibt, sind wir gewohnt, die Oasen des Wohlergehens einzuhegen, damit die Ruhe nicht gestört wird und die schöne Ordnung erhalten bleibt. Schon das Paradies ist seinem ursprünglichen persischen Wortsinn nach ein fest ummauerter Garten, der nur deshalb Ruhe und Erholung bietet, weil er vom Chaos und der Betriebsamkeit der übrigen Welt abgeschlossen ist. Aber je höher die Mauern und Zäune werden, umso mehr werden sie zum Symbol dafür, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Je krasser der Unterschied an Wohlstand und Lebenschancen diesseits und jenseits der Mauern ist, desto weniger können sie den ersehnten Frieden garantieren. Nicht nur, dass sie früher oder später überrannt werden, wenn der Leidensdruck der Abgehängten übergroß geworden ist. Auch wer innerhalb der schützenden Mauern in paradiesischen Verhältnissen lebt, muss schon erschreckend abgestumpft sein, wenn er dort seelenruhig lebt, während nebenan Menschen das Allernotwendigste fehlt.

Jesus schickt seine Jünger völlig wehrlos in eine Welt, die oft alles andere als friedlich ist. Ihre Armut betrifft auch ihre Rüstung: Sie tragen keine Waffen, mit denen sie sich gegen Mensch oder Tier verteidigen könnten. Wenn es wahr ist, dass der Mensch des Menschen größter Feind ist, einer dem anderen ein gefährlicher Wolf (Vgl. T. Maccius Plautus, Asinaria 495: »Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn er nicht weiß, wie der andere ist (lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit).«), dann ist es ein dramatisch naives Unterfangen, die Jünger nicht nur wie Schafe, sondern wörtlich wie Lämmlein mitten unter die Wölfe zu schicken. Aber auch hier wird niemand gezwungen: Es gibt nur Freiwillige in dieser Heerschar der lammfrommen Jünger. Und wieder hängt ihr Auftreten mit ihrer Sendung zusammen. Das Reich Gottes ist ein Reich des Friedens, das mit keiner Waffengewalt verteidigt werden kann. Wer diesen Frieden glaubhaft verkündigen will, muss eher zur Hingabe des eigenen Lebens bereit sein, als Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten. Die Hoffnung, die die Jünger beflügelt, ist, dass sie letztlich nichts zu verlieren haben. Selbst wenn sie ihr Leben lassen müssen, scheiden sie im Frieden, weil sie den ewigen Frieden vor Augen haben. Auch wenn ihr Friedensgruß nicht erwidert wird, kehrt der Friede gleichwohl zu ihnen zurück. Er wird nicht weniger, indem sie ihn verschwenden.

Die Heimat im Herzen

»Heimat ist, wo immer es einem gut geht.« Jesus schickt seine Jünger arm und wehrlos in die Fremde. Vielleicht ist das ein Himmelfahrtskommando, aber nicht in dem Sinne, dass die Jünger leichtsinnig ihr Leben aufs Spiel setzen für eine Sache, die es nicht wert ist. So leben kann nur, wer den Himmel im Herzen trägt, weil er der Güte Gottes vertraut und die Hilfsbereitschaft der Menschen erfährt. Dann sind die freiwillige Armut und die unerschütterliche Friedfertigkeit ein starkes Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums. Nicht dass wir alle so leben müssten oder könnten, aber wir brauchen das Zeugnis derer, die es tun und sich von Jesus senden lassen, damit unser Glaube nicht erlischt und das Reich Gottes Raum gewinnt in unserer Welt.

Fürbitten

Gott, dein Reich ist ein Reich des Friedens, das du allen Menschen verheißt, die sich auf die frohe Botschaft Jesu einlassen.
So bitten wir:

- Für die Menschen, die heimatlos geworden sind, weil sie ihr Land oder ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen mussten.
(Herr, erbarme dich.)
- Für die Menschen, die in bitterer Armut leben und nicht wissen, wie sie sich und die Ihren durchbringen sollen.
- Für die Menschen, die kaum Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, weil sie irgendwann abgehängt worden sind.
- Für die Menschen, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um dem Frieden aller zu dienen.
- Für unsere Toten, die uns vorausgegangen sind in die ewige Heimat.

Gott, unser Vater, in Jesu Wirken hast du uns einen Weg zum Frieden aufgezeigt. Lass uns leben aus seinem Geist, damit wir auch vollendet werden mit ihm, Christus, unserem Herrn. Amen.

Wilfried Eisele

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