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Leseprobe 3
Zehnter Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr C
Gebetsnot

Beitrag zur Lesung

Einführung

Wenn wir in unsere Kirche eintreten, um Gottesdienst zu feiern, dann lassen wir unsere alltäglichen Sorgen und Nöte nicht einfach hinter uns, ebenso wenig wie die Plagen dieser Welt. Wir bringen mit, was auf uns lastet, und tragen es vor Gott. Möge er uns annehmen mit allem, was uns bedrängt, und uns verwandeln, so wie er sich uns in den Gaben von Brot und Wein schenkt. Begrüßen wir den, der uns aufrichtet und zur Fülle des Lebens führt, Jesus, unseren Kyrios.

Predigt

Zum Text: 1 Kön 17,17–24 (1. Lesung)

Lohn und Strafe

Sind Krankheiten als Strafe Gottes zu verstehen und Schicksalsschläge als göttliche Vergeltung? Natürlich nicht! Ein solches Denken begegnet uns zwar an verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift, doch gehört es keinesfalls zum Gottesbild Jesu.

Dass Gott uns entsprechend unseres Handelns Lohn und Strafe zuteilt, dachten Menschen immer wieder. So auch jene Frau, die den Propheten Elija beherbergte und von der in der heutigen alttestamentlichen Lesung die Rede ist. Sie deutet den Tod ihres Sohnes als Strafe für ihre Sünden: »Da sagte sie zu Elija: Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann Gottes? Du bist nur zu mir gekommen, um an meine Sünden zu erinnern und meinem Sohn den Tod zu bringen.« Der Prophet geht auf diese Äußerung nicht ein, sondern trägt den Sohn in sein Obergemach und legt ihn auf sein Bett.

Anders dagegen Jesus: Nach dem Markusevangelium heilt er nicht nur einen Blindgeborenen, sondern weist zudem die Vorstellung klar zurück, Gott sei ein rächender Gott: »Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Ober haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt.« Wohl und Weh von uns Menschen sagen folglich nichts über eine gottgefällige Lebensführung aus. Die Aussage Jesu ist so eindeutig, dass es schon verwundert, dass manche glaubten oder gar immer noch glauben, Aids sei eine göttliche Strafe, um nur ein Beispiel zu nennen. Würde Gott nach menschlichen Vorstellungen strafen oder belohnen, worin würde er sich dann von uns Menschen unterscheiden? Würde sein Handeln durch den Gedanken der Rache bestimmt, was wäre dann das Heilende und Befreiende seiner Botschaft und worin bestünde das Entlastende unseres Glaubens?

Wenn Gott unser Leben nicht nach irdischen Maßstäben misst und wir darum Glück und Unglück nicht direkt mit Gottes Handeln in Verbindung bringen dürfen, dann verbieten sich auch unmittelbare Rückschlüsse von Krankheit, Leid und Tod auf unsere Gottesbeziehung. Natürlich können wir durch unser Verhalten auf unser Wohlbefinden Einfluss nehmen, doch Gesundheit ist deshalb noch lange nicht unser Verdienst, so wenig, wie Krankheit eine göttliche Abrechnung darstellt. Vieles ist durch natürliche Prozesse bedingt und weshalb sich bei dem einen Krebszellen ausbilden und bei einem anderen nicht, bleibt unserer Einsicht verborgen. Hier stößt nicht nur die Medizin an ihre Grenzen. Auch im Glauben müssen wir einräumen, keine Antwort geben zu können. Anderes zu behaupten hieße, aus Gott einen Despoten zu machen, der von Rachegelüsten umgetrieben oder gar von Willkür geleitet wird.

Frustration im Gebet

Im heutigen Evangelium erweckt Jesus den Toten von Naïn wieder zum Leben und auch Elija kann den tot geglaubten Sohn seiner Mutter wieder zurückgeben mit den Worten: »Sieh, dein Sohn lebt.« Doch anders als Jesus handelt der Prophet Elija nicht aus eigener Vollmacht, vielmehr wendet er sich zum Herrn und bittet ihn, dass Gott das Leben in diesen Knaben zurückkehren lasse. »Da erhörte Gott das Gebet des Elija.«

Ja, wenn es denn so einfach wäre, wenn auf den Gebetsruf sogleich und immer die Gebetserfüllung folgen würde! Wer hat nicht schon in schweren Stunden Zuflucht im Gebet genommen, entweder für sich oder für einen nahen Menschen, und dann erleben müssen, dass sein Gebet nicht erhört, zumindest nicht erfüllt wurde? Wie oft beten wir um Wohlergehen, um Frieden in der Welt, um Trost und Heilung und erleben dann oft genug das Gegenteil: Menschen in trostlosen Situationen, gnadenlose Gewalt, kriegerische Zerstörungswut und heillose Zerstrittenheit. Ist nicht anders als beim Propheten Elija mangelnde Gebetserhörung bei uns die Regel und Gebetserfüllung eher eine seltene Ausnahme?

Hier, so denke ich, liegen die eigentlichen und größten Herausforderungen unseres Glaubens. Nicht dass Menschen heute durchwegs oberflächlicher leben würden als früher, nicht dass sie sich weniger Gedanken machen würden als frühere Generationen. Womöglich hat sie die Frustration im Gebet mürbe gemacht. Erscheint unser Bittgebet, wenn wir ehrlich sind, nicht oft genug als nutzlos? Wer kann schon wie Elija behaupten, dass seine Bitte sogleich und umfänglich erhört wurde? Dabei bitten wir nicht einmal um die Auferweckung eines Toten, sondern oftmals nur um ein helfendes Eingreifen Gottes. Doch wie sollte Gott auch in Naturprozesse und Geschichtsabläufe unmittelbar eingreifen können?

Hierauf können wir mit unserem Glauben keine zufriedenstellende Antwort geben. Nicht nur die Naturwissenschaft verweist uns in unsere Grenzen, auch der Glaube gibt uns unlösbare Fragen auf. Denn sollte Gott tatsächlich in unser Leben direkt eingreifen, warum tut er es dann in dem einen Falle und in einer anderen vergleichbaren Situation nicht? Weshalb wird die Bitte des einen erhört, die Bitte des anderen aber nicht? Und was sollte das für ein Gott sein, der sich durch unser Gebet beeinflussen, am Ende gar umstimmen lässt? Müsste er, wenn er die Liebe ist, nicht immer schon zum Wohl von uns Menschen handeln, selbst wenn er nicht darum gebeten wird?

Gebetswirkung


Fragen über Fragen, die das Bittgebet heute so fraglich erscheinen lassen und manche Glaubenskrise auslösen. Der Prophet Elija scheint mit dem Beten und Bitten keine Probleme gehabt zu haben, wie auch, ging doch alles in Erfüllung. Doch wenn es sich anders verhält, stellen sich tiefgreifende Zweifel ein und der Verdacht der Sinnlosigkeit unseres Gebets ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Ehrlichweise müssen wir uns diese Schwierigkeiten eingestehen, und wir dürfen nicht versuchen, sie vorschnell »wegzuspiritualisieren«. Auch wer glaubt, hat nicht auf alle Fragen eine befriedigende Antwort.

Ob und was unser Gebet bei Gott bewirkt, wissen wir nicht. Für uns ist hier vieles offen, doch eines ist gewiss: Das Bittgebet verwandelt die Haltung und Einstellung von uns Betenden. Das Bittgebet verändert wohl weder den Willen Gottes noch beeinflusst es sein Handeln, sicher aber verändert es uns. Indem wir uns im Gebet Gott anheim geben und uns unsere Abhängigkeit von Gott offen eingestehen, geben wir durch diese Offenheit Gott die Möglichkeit, uns seine Unterstützung zu schenken. Nur so erst werden wir überhaupt für Gottes Liebe, Freude, Friedfertigkeit, Geduld oder Nachsichtigkeit empfänglich und können Gottes Handeln in der Welt Raum geben. So gesehen ist das Bittgebet selbst die Weise seiner Erfüllung: »Alles, um was ihr betet und bittet – glaubt, dass ihr es empfangen habt, und es wird euch zuteilwerden« (Mk 11,24).

Gebetsintention

Geht es im Bittgebet darum, für Gottes Unterstützung empfänglich zu werden, dann dürfen wir um nichts anderes bitten als um Gott selbst. Der Prophet Elija verfährt da anders – er äußert eine ganz konkrete Bitte: »Herr, mein Gott, lass doch das Leben in diesen Knaben zurückkehren!« Doch solch konkretes Bitten ist nicht ungefährlich: Es birgt im Falle der Nichterhörung ein großes Frustrationspotential und neigt dazu, Gott manipulieren oder gar verzwecken zu wollen. Treffend dichtete darum Angelus Silesius: »Wer Gott um Gaben bitt’, der ist gar übel dran: Er betet das Geschöpf und nicht den Schöpfer an.«

Nur wenn wir Gott um seiner selbst willen bitten, entgehen wir der Gefahr, Gott für eigene Interessen und Wünsche funktionalisieren zu wollen. Eines aber können wir von Elija dennoch lernen: Er wendet sich bittend an den Herrn, nicht damit er den Tod beseitige, sondern die Gabe des Lebens schenke. Im Gebet sollen wir unsere Augen nicht auf das Bedrohliche richten, sondern auf Gott allein. Im Gebet ist Gott zu bitten; falsch wäre es darum, gegen das Unheil anbeten zu wollen. Wenn wir das beherzigen, können wir manche Gebetsenttäuschung vermeiden. Das freilich ist nicht einfach. Denn wie wir als Glaubende immer auch dem Zweifel, ja sogar dem Unglauben ausgesetzt sind, so können wir uns auch im Gebet nie sicher sein, dass wir wirklich Gott und letzten Endes nicht doch uns selbst meinen. Aber eben dies ist das Wagnis unseres Glaubens und Betens. Wir können uns nie gewiss sein, doch wir können und dürfen es immer wieder neu versuchen. Auch deshalb, weil Gott unsere Vergehen nicht rächt und uns nicht Lohn und Strafe zuteilt, sondern seine Barmherzigkeit.

Fürbitten
Angesichts unserer Sorgen und Nöte rufen wir voll Zuversicht zu Gott, der unsere Stärke ist:

- Für alle, die sich einsetzen für Frieden und die Würde eines jeden Menschen und die ihre Stimme erheben gegen jegliche Art von Fremdenfeindlichkeit.
- Für alle, die mit ihrem Glauben ringen und trotz Fragen und Anfechtungen an dir festhalten möchten.
- Für die Menschen, die enttäuscht sind und an ihrem Leben zu verzweifeln drohen.
- Für all jene, die es gut mit uns meinen, die uns immer wieder Trost und Hoffnung spenden, zu uns halten und denen wir Vieles zu verdanken haben.
- Für unsere Verstorbenen, die ihr Leben dir anvertraut und an die Verheißung der Auferstehung geglaubt haben.

Allmächtiger Gott, dein Sohn zeigt uns den Weg zu dir. Für ihn danken wir dir und preisen wir dich, heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Christoph Böttigheimer

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