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Leseprobe 2
Fünfter Fastensonntag
Lesejahr C
Erinnern und Vergessen

Beitrag zur Lesung

Einführung

Wenn wir zum Gottesdienst zusammenkommen, bringen wir die Geschichten der vergangenen Woche mit. Manches liegt uns noch auf dem Herzen, was keinen guten Abschluss gefunden hat. Anderes macht uns noch immer froh, weil wir an schöne Erlebnisse mit lieben Menschen denken. Wenn wir all die Geschichten erzählen und hören wollten, könnten wir gleich die ganze Woche hier bleiben. Aber das brauchen wir gar nicht. Es genügt, dass wir unsere Geschichten gemeinsam vor Gott bringen, ihm für das Gelungene danken und für das Missratene um Versöhnung bitten. So schreibt er seine Geschichte mit uns Menschen immer weiter.

Predigt


Zum Text: Jes 43,16–21 (1. Lesung)

Aufruf zum Vergessen Der Prophet Jesaja war gewiss ein aufrechter und gottesfürchtiger Mann, aber traditionsbewusst scheint er nicht gewesen zu sein. Wie käme er sonst dazu, uns zum Vergessen aufzufordern? Ich kann mich nur wundern, mit welcher Seelenruhe wir diese Worte hören. Halten wir uns nicht lieber an die vermeintlich katholischen Grundsätze: »Das war schon immer so. Das hat es ja noch nie gegeben. Wo kämen wir denn da hin?« Da muss es uns doch in den Ohren klingeln, wenn wir Jesaja hören: »Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten.«

Gemeinsame Geschichten


Ich muss sagen, auf Anhieb verstehe ich Jesaja nicht. Denn ohne Erinnerung finden wir uns im Leben nur schwer zurecht. Das kann man an Leuten sehen, die das Gedächtnis verloren haben, sei es altersbedingt oder durch einen Unfall. Wenn wir als Kinder unseren Großvater an seinem Namenstag besuchten, dann fragte er uns regelmäßig alle paar Minuten wieder nach unseren Namen. Selbst seine eigenen Kinder mussten sich ihm immer wieder vorstellen. Dieser alte Mann wirkte irgendwie verloren in der bunten Familiengesellschaft. Es gab für ihn nur noch sehr schwache Erinnerungen, die ihn mit seinen Kindern und Enkeln verbanden. Wir Menschen wachsen jedoch gerade durch gemeinsame Erlebnisse zusammen. Nur wer eine gemeinsame Geschichte hat, der gehört auch zusammen. Und es gibt wohl auch kein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn wir uns nicht immer wieder die alten Geschichten neu erzählen. Auch dafür gibt es Beispiele genug. Denken wir nur an die Klassentreffen, bei denen man nach Jahren und Jahrzehnten alte Bekannte wiedersieht. Da werden lauter alte Geschichten aus der gemeinsamen Schulzeit erzählt, die jeder kennt. Aber gerade weil sie jeder kennt, schaffen diese Geschichten einen Zusammenhalt über die Jahre hinweg. Wenn es um das Langzeitgedächtnis ging, konnte sogar mein verkalkter Großvater noch mithalten. Ohne Ende erzählte er dann Geschichten vom Krieg, in dem er ein Bein verloren hatte. Und diese Geschichten verbanden ihn mit seinen Kameraden von damals.

Biblische Geschichten


Auch in der Kirche ist es nicht anders. In jedem Gottesdienst hören wir die alten Geschichten aus der Bibel. Sicherlich gibt es in der Heiligen Schrift noch viele ungehobene Schätze. Aber zumindest die Evangelien kennt ein regelmäßiger Gottesdienstbesucher in- und auswendig. Schon beim ersten Satz wissen wir oft, wie es weitergeht. Gewiss können wir in den Jesusgeschichten immer wieder etwas Neues entdecken, das uns so noch gar nie aufgefallen ist. Aber in erster Linie hören wir sie nicht, um etwas Neues zu erfahren, sondern um unsere Verbundenheit mit Gott und untereinander festigen zu lassen. Es ist wie beim Klassentreffen. Jeder kennt die Geschichten, aber sie müssen wieder und wieder erzählt werden, wenn wir zusammengehören wollen. Deshalb sind die biblischen Lesungen im Gottesdienst ja so unersetzlich. Es mag andere Texte geben, die uns mehr ansprechen oder weniger anstößig sind. Aber sie haben niemals die Kraft, uns als christliche Gemeinde zu versammeln.

Geschichten ohne Ende

Das alles weiß Jesaja auch, und er will es gar nicht grundsätzlich in Frage stellen. Nur auf eines möchte er aufmerksam machen, freilich auf etwas sehr Wichtiges. Um es mit einem Sprichwort zu sagen: »Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.« Gegen die langen Schatten der Tradition geht er an, wenn er uns auffordert: »Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten.« Die gemeinsame Erinnerung kann auch zur Last werden. Da werden alte Händel immer wieder aufgekocht. Da will keiner nachgeben und die Fehler des anderen endlich auf sich beruhen lassen. Da wird keine Versöhnung erbeten und auch keine gewährt. Da will die ältere Generation der jüngeren Fesseln anlegen, weil sie sie nicht mehr versteht. Da werden Gesetze von Menschen gemacht, ohne nach dem Willen Gottes zu fragen. Gerade die Kirche steht immer in der Gefahr, ihre eigenen Satzungen als Gebote Gottes auszugeben. Wenn wir es so machen, dann machen wir die guten Traditionen unserer Väter und Mütter kaputt, anstatt sie lebendig und beweglich zu halten.

Alte Geschichten und ein Neuanfang

Sie merken es schon, worauf Jesaja hinauswill. Das, was wir vergessen und über Bord werfen sollen, das sind nicht unsere guten Erinnerungen und Traditionen. Was wir hinter uns lassen sollen, das ist der Ballast eines verkorksten Lebens. Ich weiß sehr wohl, dass es Situationen im Leben gibt, in denen uns keine Versöhnung mehr möglich ist. Wie zum Streiten immer zwei gehören, so auch zur Versöhnung. Manchmal sind wir zu tief verletzt, als dass wir aufrichtig verzeihen könnten. Manchmal bieten wir eine Aussöhnung an, und sie wird uns verwehrt. Gerade in Familien gibt es ja oft unüberbrückbare Gräben zwischen Eltern und Kindern oder zwischen den Geschwistern. Aber gerade in so aussichtslosen Situationen macht Jesaja uns Hoffnung. Am Ende werden es nicht wir selber sein, die sich aussöhnen. Gott selbst zerreißt die alten Rechnungen und macht einen Neuanfang möglich. Das wird ganz gewiss im Himmel der Fall sein, aber nicht erst dort. Es kommt darauf an, dass ich schon hier und heute mit wachen Sinnen den Neuanfang suche, den Gott vielleicht auch mir ganz persönlich eröffnet. Jedem von uns gibt er die bleibende Zusage: »Ich, ich bin es, der um meinetwillen deine Vergehen auslöscht, ich denke nicht mehr an deine Sünden. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?«

Fürbitten
Du Gott der Geschichte, du gehst mit uns durch die Zeiten und lässt dich in unsere menschlichen Geschichten verwickeln. Höre unser Gebet:

- Für die Menschen, die ihr Gedächtnis verloren haben, weil sie dement geworden sind: Gib ihnen Geborgenheit bei Angehörigen und Freunden, die sie annehmen, wie sie sind.
- Für die Menschen, deren kulturelles Gedächtnis im Krieg zerstört worden ist: Halte die Erinnerung an menschliche Werte in ihrem Herzen wach.
- Für die Menschen, die über erlittenes Unrecht oder eigenes Versagen nicht hinwegkommen: Eröffne ihnen Wege zur Versöhnung mit ihrer Geschichte, mit sich selbst und ihren Mitmenschen.
- Für die Menschen, deren irdische Geschichte zu Ende gegangen ist: Führe du den Weg unserer Verstorbenen bei dir zum ewigen Ziel.

Gott, du bist der Anfang und das Ende. Du zeigst uns Wege ins Leben, altbewährte und unbekannte. Stärke unser Vertrauen in dein treues Weggeleit durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Wilfried Eisele

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