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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 3
33. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr B
Fordert Gott Opfer?

Beitrag zur Lesung

Einführung


Mit dem Sonntag beginnt für uns Christen die neue Woche. Der Sonntag ist für uns der Herrentag, lateinisch: der »dies solis«, der »Tag der Sonne« oder griechisch: »κυριακὴ ἡμέρα«: der »Tag des Herrn«.

Der erste Wochentag ist der Herrentag und wir sind versammelt, um uns an unseren Herrn Jesus Christus zu erinnern, auf dass er mitten in unserem Gedenken selbst gegenwärtig werde. Bevor wir das Gedächtnismahl feiern – »tut dies zu meinem Gedächtnis« – und uns die Gabe göttlicher Liebe zuteil wird, wollen wir den in unserer Mitte begrüßen, der uns aufrichtet und zur Fülle des Lebens führt, Jesus, unseren Kyrios.

Predigt

Zum Text: Hebr 10,11–14.18 (2. Lesung)

Entstellung?


Der amerikanische Theologe Helmut Richard Niebuhr sagte einmal: »Die heutigen Christen des Westens dürften zu der Entdeckung gelangt sein, dass sie einen Gott verkünden, dem jeder Zorn fremd ist und der durch einen Christus ohne Kreuz Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht führt.« Stimmt das? Haben wir unsere christliche Botschaft mittlerweile so verharmlost und verwässert, dass wir nur noch von der Liebe und Güte Gottes sprechen, nicht mehr aber von seinem Zorn, vom Opfer Christi, von unseren Sünden und vom göttlichen Gericht? Neigen wir dazu, aus unserer christlichen Frohbotschaft alles Bedrohende zu verbannen und Schwieriges zu verschweigen? Generell kann das so sicher nicht gesagt werden. Niebuhr hätte aber sicherlich Recht, wüssten wir mit den Begriffen Sünde und Opfer heute nichts mehr anzufangen. Machen wir darum die Probe aufs Exempel und blicken wir auf den Hebräerbrief, dem die heute Lesung entnommen ist. Sie fordert uns nämlich auf, uns mit dem Sünden- und Opfergedanken auseinanderzusetzen.

Opfer?

Die Lesung gipfelt in der Kernaussage, dass Christus ein einziges Opfer, nämlich sich selbst, für unsere Sünden dargebracht habe. Dadurch habe er uns geheiligt und seither seien keine Sündopfer mehr nötig.

Durch das Opfer Jesu sind wir also gerettet. Was aber ist das für ein Opfer und was ist das für ein Gott, der Opfer fordert? Verlangt Gott unerbittlich nach gerechter Sühne und opfert dafür seinen eigenen Sohn? Was ist das für eine Sündenvergebung, wenn nur der Opfertod eines Sündenlosen vor dem Zorn Gottes rettet? Wie verträgt sich die absolute Liebe Gottes, wie sie von Jesus verkündet und gelebt wurde, mit dem Gedanken des Opfers und der Sühne?

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir einräumen, dass wir uns mit dem Opfergedanken schwer tun. Umso mehr fragen sich auch Außenstehende, ob wir Christen vielleicht eine versteckte Lust am Grausamen haben, wenn wir traditionell Kreuze aufhängen, an denen sich ein gefolterter Körper qualvoll windet und wir singend Jesus als »Lamm Gottes« bekennen »unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet«. Stellvertretend für viele andere fragt Daniel Jonah Goldhagen, warum sich Christen solche Kreuzesdarstellungen antun und welche Auswirkungen es auf sie hat. Ihm ist wichtig, genau hinzuschauen, ob nicht der gekreuzigte Jesus als Ikone ein Ausdruck der Ästhetisierung, um nicht zu sagen der Fetischisierung von Gewalt und Schrecken sei, und ob dies nicht auch unterschwellig den sichtlich harmloseren Kreuzesdarstellungen anhafte.

»Durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt«, so hieß es in der Lesung. Wenn wir unseren Glauben ernstnehmen, müssen wir uns den bedrängenden Frage stellen: Warum musste Jesus so sterben? Fordert Gott wegen unserer Sünden ein blutiges Opfer?

Jesu Todesverständnis

Nach Auskunft der Evangelien hat in der Verkündigung Jesu sein eigener Tod keine Rolle gespielt – ganz im Gegenteil: Nirgendwo ist Jesu Tod Bedingung für Gottes Versöhnung und Heil. Zwar musste Jesus wegen seiner Botschaft von der radikalen Vergebung Gottes mit der Möglichkeit eines gewaltsamen Todes rechnen, doch scheint er seinem Tod keine Heilsbedeutung zugesprochen zu haben. Nur so ist es auch einsichtig, weshalb die Jünger Jesu angesichts seines Kreuzestodes hilflos waren. Sie konnten dieses Ereignis einfach nicht deuten und einordnen, weshalb sie flohen, weg von Jerusalem und zurück an ihren Heimatort.

Wir können nicht mehr sicher sagen, wie Jesus seinen eigenen Tod eingeordnet hat, vieles aber spricht dafür, dass er sein Sterben als freiwillige Hingabe für die Menschen verstanden hat, im gehorsamen Dienst gegenüber dem Vater.

Jesu Lebenshingabe

Im Tod Jesu verdichtet sich seine Grundhaltung, nämlich für die anderen da zu sein. Diese dienende und liebende Hingabe prägt sein gesamtes Leben. »Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.« Die neutestamentliche Rede vom Opfer Jesu bezieht sich nicht nur auf seinen Kreuzestod, sondern auf sein gesamtes Leben. So wie Jesus für die Menschen gelebt, ihnen gedient hat, so stirbt er auch für die Menschen. Die Hingabe Jesu schließt im äußersten Fall auch seinen radikalen Lebenseinsatz für die in Sünde und Schuld verstrickten Menschen ein. Jesu Tod ist die Folge seines Lebens; unüberbietbarer Ausdruck seiner radikalen Hingabe an den Liebeswillen Gottes. »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.« Der Tod Jesu ist die Fortsetzung seiner Lebenshingabe, ein letzter Dienst an den Seinen. »Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.« Heil schenkt nicht der Tod Jesu, sondern seine Frohbotschaft, für die er einsteht mit letzter Konsequenz. Durch diese Botschaft vom bedingungslos liebenden Gott werden wir aus unserer ausweglosen Situation befreit. Sie und nicht der Tod Jesu eröffnet eine neue und heilvolle Zukunft.

Kein Sühnetod

Beim Opfer Jesu geht es um keine Sühnehandlung, sondern darum, dass sich Jesus im Leben und Sterben mit uns, den Opfern der Sünde, radikal solidarisiert und so zum Opfer menschlicher Gewalt geworden ist. Er gibt sich freiwillig den Menschen hin, bis er schließlich den menschlichen Abgründen und Verblendungen zum Opfer fällt. Weder wird er von Gott dargebracht noch von ihm in den Tod gegeben. Die Lebenshingabe Jesu ist keine grausame Preisgabe des Sohnes durch den Vater, sondern Ausdruck göttlicher Liebe. Gott opfert sich in Jesus Christus selbst, um durch die Ohnmacht der Liebe die Macht der Sünde zu brechen. Jesus war nicht das Opfer zur Versöhnung des gekränkten und zornigen Vaters, weil Gott selbst Versöhnung gewährt. Der Vater hat seinen Sohn nicht benutzt, sondern in ihm uns seine Liebe erwiesen und uns so neues Leben geschenkt. So betrachtet ist der Opfertod Jesu Exzess göttlicher Liebe.

Liebestod

In der Nacht von Golgota ging die Sonne der göttlichen Liebe auf. Einer Liebe, die nicht eifersüchtig straft, sondern die mitleidvoll sich dem zuwendet, der mitten im Leben das Leben verloren hat, der in sich selbst verkrümmt, genickt ist, der nur noch dahinvegetiert: »Den glimmenden Docht löscht er nicht aus und das genickte Rohr bricht er nicht.« »Ich bin gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist«, sagt Jesus und sein Kreuzestod besiegelt diese Worte. Jesu Tod ist kein Sühnetod, sondern ein Liebestod: Er starb aus Liebe zu uns Menschen und er starb in die Liebe Gottes hinein. Einer Liebe, die sich nicht ereifert und das Böse nicht nachträgt, sondern die alles erträgt und allem standhält. In diesem Sinne ist das Kreuz das Erkennungszeichen von uns Christen, es ist das Zeichen göttlicher Liebe, die uns nachgeht, die uns trägt und uns verpflichtet: »Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.«

Fürbitten
Enttäuschung und Leid gehören zu unserem menschlichen Leben: In der Nachfolge Jesu kann sich Unheil in Heil verwandeln. Darum beten wir:

– Für alle, die sich auf dem Weg der Jesusnachfolge befinden: um Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit. – Stille – Gott, unser Vater:
(Wir bitten dich, erhöre uns.)
– Für alle, die sich einsetzen für Frieden und Gerechtigkeit zwischen den Völkern: um Kraft und Ausdauer. – Stille – Gott, unser Vater:
– Für die Menschen, die auf der Flucht sind: um Nähe und Unterstützung. – Stille – Gott, unser Vater:
– Für alle, die den Halt verloren: um Beistand und das Geschenk des Glaubens und um eine Erfahrung der Nähe Gottes.– Stille – Gott, unser Vater:

Gütiger Gott, deine Liebe kann alles zum Guten wenden. Dir sei Dank und Lobpreis in Zeit und Ewigkeit. Amen.

Christoph Böttigheimer

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