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Leseprobe 3
Gründonnerstag
Lesejahr A – B – C

Doppelte »Tradition«

Beitrag zur Lesung

Zur Einführung

»abschied

an aller meiner tage abend
noch ein letztes mahl
der wein funkelt röter
als im untergehen verblutende sonnen
das brot lässt sich nicht glatt brechen
zerrissen aber teilt es sich an alle aus
doch der tod sitzt schon mit am tisch
jeder schluck jeder bissen ist vielleicht der letzte
alles innige aber schreit
nach unvergänglichkeit

an aller deiner tage abend
noch ein letztes mal
lehne ich mich an deine brust
doch deine hand
hält bereits den wanderstab
und dein gewand ist schon gegürtet
ich spüre deinen hastigen atem
tränen tropfen zärtlich zerstäubend
auf meine nackten füße
weinst du auch«

Andreas Knapp

(Andreas Knapp, Weiter als der Horizont. Gedichte über alles hinaus, Würzburg 2006, 48)

Predigt

Zum Text: 1 Kor 11,23–26 (2. Lesung)

»Tradition« Der Abend des Gründonnerstags hat eine ganz eigene Stimmung. Alles bleibt merkwürdig in der Schwebe. Wir begehen ihn feierlich – und doch gehalten. Wir feiern miteinander das Mahl des Herrn, wir nehmen innerlich daran Anteil wie kaum an einem anderen Tag – und doch fällt schon ein Schatten darauf. Es herrscht eine Konzentration wie in Stunden, auf die alles ankommt. Diese Stunden kann man nur bestehen im heiteren Ernst, der alles setzt und alles lässt – und am Ende, so Gott will, alles gewinnt. Es sind dies die Stunden der Prüfung, in denen wir nicht mehr nur auf Probe leben, in denen sich vielmehr zeigt, was in uns lebt. Es sind dies die Augenblicke des Abschieds, in denen wir spüren, dass wir nur leben werden, wenn wir bereit sind zur Veränderung. In einer solchen Stunde hat die Eucharistie ihren Ursprung. Im Angesicht und im Bewusstsein einer schweren Zukunft feiert Jesus mit seinen Jüngern Abschied. Im Abschied verdichtet sich ihr gemeinsames Leben. Was sollten sie da anderes tun als das, was sie immer taten: Sie teilten miteinander das Brot und das Leben. So war es Tradition bei den Juden, und so sollte es auch bei uns Christen feste Tradition werden. Daher rührt die eigenartige Stimmung dieses Abends. Denn Tradition kann dem lateinischen Wortsinn nach zweierlei heißen: Überlieferung und Auslieferung. Tradition bedeutet zugleich Treue und Verrat. Das Mahl, das wir heute Abend feiern, verspricht uns keine vordergründige Harmonie. Es nimmt uns hinein in den Strom der lebendigen Überlieferung. Was Jesus damals für die Jünger tat, das tut er heute für uns: Er reicht uns das Brot zum Leben. Dieses Mahl reißt uns aber auch in den Strudel des menschlichen Abgrunds. Jesus reicht uns nicht nur Brot, er wird nicht nur verraten und ausgeliefert, er liefert sich selber uns aus. Jesu Überlieferung und Jesu Auslieferung – beides ist die Eucharistie bis heute.

Überlieferung

Wir könnten das Mahl des Herrn nicht feiern, wenn es uns nicht von unseren Vorfahren im Glauben überliefert worden wäre. Und diese hatten es wieder von ihren Vorfahren, und so fort. Daran sehen wir das Erste: Das Brot des Lebens kann sich keiner einfach nehmen, man kann es nur empfangen; und nur was einer dankbar empfangen hat, das kann er anderen weitergeben und überliefern. So war es schon beim Apostel Paulus, der an seine Gemeinde in Korinth schreibt: »Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe.« Die Eucharistie ist das Vermächtnis Jesu, das er uns am Abend vor seinem Leiden und Sterben hinterlassen hat. Deshalb kann nichts anderes an die Stelle der Eucharistie treten, sie kann durch nichts ersetzt werden. Denn ein anderes Vermächtnis Jesu haben wir nicht. Man kann ein guter Mensch sein ohne Eucharistie. Aber man kann kein Christ sein, ohne aus der Eucharistie zu leben. Das ist für uns moderne Menschen manchmal etwas Ärgerliches, weil wir es gewohnt sind, unser Leben selbstbestimmt zu führen und niemanden groß zu fragen. So möchten wir auch mit unserem Herrgott am liebsten alles alleine ausmachen. Ob und wie, wann oder wo ich bete, das geht nur mich und meinen Herrgott etwas an. Diese Einstellung hat durchaus etwas Richtiges; denn jeder von uns hat einen direkten Draht zu Gott und braucht nicht die Vermittlung eines anderen. Aber das ist eben nur die halbe Wahrheit. Die andere Seite übersehen wir gern: Wir stehen immer in der Gefahr, uns unseren Herrgott so zurechtzubiegen, dass er uns möglichst wenig stört. Der, den wir für Gott halten, hat vielleicht mit dem, wie er wirklich ist, nur sehr wenig zu tun. Um uns vor solcherlei Irrtum zu schützen, brauchen wir die Gemeinschaft der Glaubenden. Nur wenn wir uns vom lebendigen Strom der Glaubensüberlieferung mitnehmen lassen, entgehen wir der Gefahr, uns in eigene skurrile Vorstellungen zu verrennen. Deshalb hat Jesus uns die Eucharistie als sein Vermächtnis hinterlassen. In ihr erleben wir, wie Gott zu uns ist: hingebungsvoll bis in den Tod und Hoffnung stiftend bis in ein neues Leben.

Auslieferung

Ich sagte aber, dass an diesem Gründonnerstagabend Tradition nicht nur Jesu Überlieferung, sondern auch Jesu Auslieferung bedeutet. Am Tisch des Herrn sitzen keine Menschen ohne Fehl und Makel. Und das ist nicht erst seit heute so. Schon damals in Jerusalem saß Judas mit am Tisch: Er aß vom Tisch des Herrn und hat ihn dennoch verraten. Es saß Petrus mit dabei: Er empfing das Brot aus der Hand des Herrn und hat ihn trotzdem verleugnet. Sie alle lebten von Jesu Dienst und seinem Brot und ließen ihn trotz alledem im Stich. Hierin liegt die menschliche Tragödie jener Nacht, und hierin gründet die Dramatik der Eucharistie, die wir in dieser Stunde und alle Tage feiern. Wir pflegen damit nicht irgendeine hübsche Tradition, und es geht auch nicht um frommes Brauchtum. Es geht darum, dass wir Jesus unser Leben verdanken. Jesus wurde von einem Menschen an seine Feinde ausgeliefert. Aber das ist nur die Oberfläche des Geschehens. Alle Evangelien erzählen uns von den tieferen Beweggründen. Im Grunde liefert Jesus sich selber aus. Er ringt sich dazu durch, sich und seiner Botschaft treu zu bleiben, koste es, was es wolle. Er hält an der Liebe und Treue zu seinen Freunden, ja zu seinen Feinden, fest – auch dann noch, als es ihn alles kostet. Mitten in der Bedrängnis zeugt sein Verhalten von unglaublicher Souveränität und Freiheit. So hat die Eucharistie ihren Ursprung an jenem »Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf«. Die geheimnisvolle Kraft dieses Mahles strömt aus einer offenen Wunde, der Wunde des liebenden Jesus, der keine Gegenliebe erfährt. Und heute ist es immer noch wie damals. Jesus liefert sich selber uns aus, und das, obwohl wir kein Haar besser sind als seine ersten Jünger.

Bruchstücke

Die Dämmerung des Gründonnerstags ist vielleicht ehrlicher als der eitle Sonnenschein des Fronleichnamsfestes, ehrlicher vielleicht auch als der festliche Glanz des Erstkommuniontages. Denn an diesem Abend nimmt eine lebendige Tradition ihren Anfang, die uns nicht nur an den Freudentagen beglückt, sondern auch dann trägt, wenn wir sie am allermeisten brauchen. Wenn wir uns, wie der Apostel Paulus, an das halten, was uns überliefert worden ist, dann hängt das Gelingen unseres Lebens nicht mehr von uns selber ab. Wir können uns an Jesus orientieren. Von ihm empfangen wir das Brot des Lebens und alles, was wir zum Leben brauchen. Wenn wir glauben können, dass er sich uns ausliefert, dann nehmen wir mit Zuversicht Platz am Tisch des Herrn. Er gibt sich uns in die Hand, nicht, weil wir vollkommen wären, sondern weil er uns liebt und uns in Tod und Leben treu bleibt. Die Brüche unseres Lebens haben Platz an dieser Tafel. Das gebrochene Tageslicht zeigt im Spektrum alle Farben des Lebens. Das gebrochene Brot macht satt an Gottes Segen. Der gebrochene Mensch öffnet sich dem Nächsten. In den Bruchstücken des Lebens steckt seine ganze Fülle. So verdichtet Andreas Knapp den heutigen Abend:

»fragment

nur gebrochen
das licht
siebenfarbig

nur gebrochen
das brot
segensgesättigt

nur gebrochen
das ich
dugeöffnet«

(Andreas Knapp, Weiter als der Horizont. Gedichte über alles hinaus, Würzburg 2006, 49)

Fürbitten
»Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohnhingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat« (Joh 3,16). Darauf vertrauen wir und bitten:

- Für die Menschen, die schweren Herzens Abschied nehmen müssen: die Enttäuschten, die Entwurzelten, die Sterbenden, die Trauernden.
(Tröste sie in ihrer Not.)
- Für die Menschen, die verraten und verkauft werden: die Entrechteten, die Zwangsprostituierten, die modernen Sklaven.
- Für die Menschen, deren Lebensentwurf zerbrochen ist: die Gescheiterten und Verarmten, die Verlassenen und Einsamen.
- Für die Menschen, die für andere ihr Leben einsetzen: die Ärzte und Helfer in den Seuchengebieten dieser Welt, die Kämpfer gegen Unrecht und für die Würde jedes Menschen.

Gott, dein Sohn hat uns seine Liebe erwiesen bis in den Tod.
Erfülle uns mit seinem Geist, dass auch wir im Tod die Vollendung erfahren. Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn. Amen.

Wilfried Eisele

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