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Leseprobe 3
Weihetag der Lateranbasilika
Lesejahr A

Gott ausgraben


Beitrag zum Evangelium

Einführung

»Dein Name strahlt an allem Ort«, haben wir gesungen. Gott ist nicht nur und vor allem in einer Kirche, einem Tempel oder einem anderen Heiligtum gegenwärtig. Er ist überall – an allem Ort. Und ganz besonders in jeder und jedem von uns. »Gott ist in der Mitte«, so besingt ihn Gerhard Tersteegen, und er fährt fort: »Herr, komm in mir wohnen, lass mein Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden; komm, du nahes Wesen …«
Gott ist fern und nah, er ist in jeder und jedem von uns und an allen Orten. Vor ihn bringen wir unsere begrenzte Sicht, unser mangelndes Vertrauen, unsere tiefste Sehnsucht: Ihn rufen wir an.

Kyrie-Ruf
GLn 437,1.3–4 »Meine engen Grenzen«

Tagesgebet
Gott,
du bist da, in jeder und jedem Einzelnen von uns, im Raum unserer Gemeinschaft und Gemeinde, in unseren Familien, Freundeskreisen und Nachbarschaften, in unserer Stadt (Dorf ), unserem Land, unserem Kontinent, auf unserer Erde, Du bist da.
Wir preisen dich, wird danken dir und wir bitten dich:
Lass uns nicht aufhören, dich zu suchen und zu finden – dich, der du immer schon da bist. Lass uns nicht müde werden, dir zu danken und dich anzurufen, heute und an jedem Tag neu –
durch deinen Sohn, Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn.

Liedvorschläge

Gesang zur Eröffnung
GLn 143,1 »Mein ganzes Herz erhebet dich«
Antwortgesang
GLn 450 »Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht«
Gesang zur Gabenbereitung
GLn 389,1.6 »Dass du mich einstimmen lässt«
Gesang zur Kommunion
GLn 387,1.5.8 »Gott ist gegenwärtig«
Dankhymnus/Schlusslied
GLn 451,3–4 »Frieden gabst du schon«

Vorüberlegungen

Zum Text: Joh 2,13–22 (Evangelium)


»Die erste Geschichte, die mit dem Übergang des Pascha verbunden wird, ist die der Tempelaustreibung. Im Tempel wohnt Gott. Doch darin haben sich Händler und Geldwechsler breitgemacht. Johannes will mit der Vertreibung der Händler aus dem Tempel zeigen, worin der eigentliche Übergang besteht: In Jesus tritt Gott in unseren Leib ein. Unser Leib ist das Gelobte Land. Aber dieser Leib muss zuerst gereinigt werden, damit Gott darin Platz hat.« So schreibt Anselm Grün und gibt damit eine, wie ich finde, gute Einführung in den Text. Jesu Hingabe macht uns den Weg frei zu Gott – das ist eine wichtige Aussage der Tempelreinigung. Der Evangelist stellt sie an den Anfang seines Evangeliums, an den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu, als Programmansage.

Zur Situation des Hörers/Ziele der Predigt

In der Predigt geht es darum, dass die Zuhörenden den ihnen eigenen »heiligen Raum« in sich (wieder neu?) entdecken, ihn reinigen, wertschätzen, lieben lernen: Gott in uns. Wie jeder Raum braucht auch dieser unsere Zuwendung. Doch er ist besonders bedroht von so viel Ablenkung, so viel Marktgeschrei und Geld- und Besitzbesessenheit, von so viel Angst und Misstrauen. Auch gibt es wenig »öffentliche Aufmerksamkeit« für diesen Raum, für die Wohnung Gottes unter uns, sodass die Zuwendung zu ihm gefährdet, die Wege zu ihm oft verbarrikadiert sind. Die Worte Etty Hillesums helfen sehr, die inneren Sinne zu schärfen, die Aufmerksamkeit auf Gott in uns neu auszurichten und die Notwendigkeit und Dringlichkeit dieser »inneren Arbeit« verstehen zu lernen.

Predigt


In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen


In einem meiner Lieblingstexte bekennt die niederländische Jüdin und Mystikerin Etty Hillesum:
»In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott.Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.«
Etty Hillesum spricht hier an, was viele von uns ahnen und auch schon erfahren durften – nicht nur in den Durststrecken und Dürrezeiten des Lebens, da aber vielleicht ganz besonders: In mir selbst ist die Quelle. Gott wohnt in mir wie in einem tiefen Brunnen. Ich kann aus ihm lebendiges Wasser schöpfen, jederzeit. Ich muss nie mehr dürsten.
Gott wohnt in diesem Brunnen, der in mir und in jedem von Ihnen ist. Er selbst ist die Quelle. Manchmal aber kommen wir nicht dahin, kommen wir nicht zur Quelle. Sie ist nah und doch unendlich weit weg.

Oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen

Gründe dafür gibt es viele – mangelndes Vertrauen ist ein wichtiger. Es ist dann, als ob ich diese Quelle, diesen Brunnen in mir verbarrikadiere: durch meine Ängste, meinen Hochmut, meine Gottvergessenheit, meine Nachlässigkeit. Dann ist der Weg zugewachsen, dann sind da Steine und Geröll, wie Etty Hillesum sagt, oder Dornen und Barrikaden anderer Art. Und dann? Etty sagt schlicht: Dann muss er wieder ausgegraben werden.

Gott muss wieder ausgegraben werden

Im heutigen Evangelium begegnen wir einem zornigen Jesus – einem, der Händlertische umstößt, volle Kassen ausleert, Leute vertreibt. Der Evangelist Johannes stellt uns diesen Jesus gleich zu Beginn seines Evangeliums vor, im zweiten Kapitel. Johannes macht damit eine Ansage: Er demonstriert, wer Jesus ist und wie er öffentlich auftritt. Es ist kein still duldender Jesus, den uns der Evangelist vorstellt, keiner, der mit seiner Leidenschaft »hinter dem Berg hält«, keiner, der etwas zu verbergen hat, keiner, der schweigt und nicht widerspricht und sich mit niemandem anlegt. Jesus brennt für sein Anliegen. Er lässt sich dafür »verzehren« im wahrsten Sinn des Wortes. Er gibt sich hin.
Und: er reinigt den Weg zu Gott, räumt Steine weg und Geröll, dass Gott wieder leuchtend da ist, in der Mitte, im Tempel und in der Kirche, aber auch im Tempel unseres Leibes und im Zentrum unseres Seins.

»Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben«

Ich bin überzeugt, dass es bei dieser Geschichte nicht zuerst um Jesu Zorn, sondern um eine Reinigung geht, die weit mehr als den historischen Tempel betrifft. Jesus geht es um den Weg zu Gott, der ihm heilig ist, den er freilegt mit seinem Leben. Es geht ihm um das Licht der Wahrheit, das wieder sichtbar leuchten soll in der Dunkelheit. Es geht ihm um das Wasser des Lebens, das für alle da ist, für jeden Durst. Sich für diese Reinigung die Hände schmutzig zu machen, dafür ist Jesus sich nicht zu schade. Er räumt auf, er rückt zurecht, er stellt klar, er stößt um, er befreit und weitet den Blick, er weist auf die Wahrheit hin, auch wenn es schmerzt – zuallererst ihn selbst.

Gott muss wieder ausgegraben werden

»In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden. «
Gott muss wieder ausgegraben werden – das könnte eine Überschrift zur Tempelepisode sein, die der Evangelist uns berichtet. Gott darf nicht verschüttet bleiben. Oder – mit den Worten eines anderen Mystikers – Gerhard Tersteegen: »Gott ist in der Mitte; alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge! …Mach mich reinen Herzens, dass ich deine Klarheit schauen mag in Geist und Wahrheit.«
Es geht um das Schweigen – nicht Händler- und Marktgeschrei – und das reine Herz – nicht Gewinnsucht und Zerstreuung. Ohne innere Reinigung, ohne das Schweigen, ohne die Ausrichtung auf die Mitte, ohne das Durchdringen von Äußerlichkeiten und Fassaden, wird der Brunnen in mir mehr und mehr unzugänglich. Er wird zugemüllt mit so vielem. Wir sehen ihn nicht mehr, wir vergessen gar, dass es ihn gibt. Und dann verdursten wir.

Wenn wir uns selbst das Wasser abgraben, verdursten wir


Also können wir den Text auch anders herum lesen: Der zornige Jesus macht sich Sorgen, nicht um Gott, sondern um die Handel treibende Menge, um uns. Er weist sie und uns mit drastischen Mitteln darauf hin, dass wir uns selbst das Wasser abgraben. »Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Handelshaus«, übersetzt Fridolin Stier.

Das Haus Gottes sind wir selbst mit den Worten Etty Hillesums. Uns selbst sollen wir heiligen. In uns sollen wir Raum schaffen. Diesen Raum sollen wir heiligen und ihn bewahren vor allzu viel Ablenkung, Zerstreuung, Geschäftigkeit, Umtriebigkeit, Lärm und Aktivität. In uns braucht es Raum für Stille, für das »gegenwärtig und achtsam sein«, für die innere Stimme, für das Hören und Lauschen. Der liturgische Gedenktag an die Weihe der ersten christlichen Kirche in Rom will uns daran erinnern. Doch ist das Lauschen und Hören, das Beten und Stillwerden, das »gegenwärtig und achtsam sein« nicht an ein Kirchengebäude gebunden.
»Ein kleines Stück Himmel wird wohl immer zu sehen sein, und so viel Platz wird immer um mich sein, dass meine Hände sich zum Gebet falten können.« So sagt es Etty Hillesum. Je mehr wir üben, uns auszurichten, umso weniger brauchen wir dazu. Ein kleines Stück Himmel, ein paar Quadratmeter äußeren Raum, wo ich mich hinsetze, um still zu werden, ein paar Körperübungen, ein Leibgebet, ein Spaziergang in der Natur oder aber, wie hier im Gottesdienst, eine Gemeinschaft, die sich um den Altar versammelt, eine Kirche.
Noch einmal Etty Hillesum: »Das ist eigentlich unsere einzige moralische Aufgabe – in sich selber große Flächen urbar machen für die Ruhe, für immer mehr Ruhe, so dass man diese Ruhe wieder auf andere ausstrahlen kann. Und je mehr Ruhe in den Menschen ist, desto ruhiger wird es auch in dieser aufgeregten Welt sein.«

Fürbitten

Barmherziger Gott, du bist da, du bist lebendige Gegenwart! Wir bitten dich:

- Für alle, die gottvergessen leben: Lass sie neu beginnen, dich zu suchen. Lass dich von ihnen finden.
(Christus, höre uns. – Christus, erhöre uns.)
- Für alle, die verzweifelt sind: Sei du ihr Licht, ihr Weg, ihre Heilung.
- Für alle, die nicht aufhören, dich anzurufen: Stärke sie, damit sie nicht nachlassen im Gebet.
- Für unsere Verstorbenen und all die Menschen, die heute sterben: Lass sie gute Begleitung finden und nähre sie, wenn sie sich dir zuwenden.
- Wir beten in der Stille für unsere persönlichen Anliegen.

Leben spendender Gott, lass uns zur Wohnung für dich werden. Nähre uns und hilf uns, dass wir dir zur Nahrung werden auf Erden. Lass uns deine Strahlen aufnehmen wie die Blumen, die sich der Sonne entgegenstrecken, heute und an jedem Tag neu bis in Ewigkeit. Amen.

Susanne Dörr

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