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Leseprobe 2
Kreuzerhöhung
Lesejahr A – B – C

Das leere Kreuz – Zumutung, Zuspruch und Anspruch des Kreuzes


Thematischer Beitrag

Einführung und Kyrie-Ruf


Ob wir hierher kommen oder von hier entlassen werden auf unseren Lebensweg – wir werden behutsam an der Wasserstelle unserer Taufe vorbeigeführt. Sie fasst in Kurzform alles, was das Kreuzzeichen ausmacht, und verkündet: Tod und Auferstehung Jesu.
Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, er sei mit euch.
Gerichtsurteile in Deutschland, Italien und anderen Ländern sowie politische Äußerungen von Mandatsträgern oder gesellschaftlichen Gruppen haben wiederholt die weltanschauliche Neutralität des politischen Gemeinwesens als entscheidenden Grund dafür erklärt, dass das Kreuz in öffentlichen Einrichtungen keinen rechtlichen Anspruch für sich hat, allenfalls also geduldet werden kann. Private Kläger sehen im Kreuzzeichen eine Zumutung.
Nun, die Zumutung ist nicht das Kreuz, sondern die menschlichen Verirrungen, die zum Kreuz führen. Das Kreuz selbst steht gerade umgekehrt für die Macht, die der Gewalt widersteht; es steht für die Macht der Liebe, die das Zeichen der Gewalt verwandelt. Das Kreuz ist öffentliches Zeichen der Humanität inmitten all dessen, was den Menschen entwürdigt.
Das begründet den historischen Bericht und die Legende, die mit dem heutigen Datum auf jenen Tag zurückführen, als über den Orten von Tod und Auferstehung Jesu in Jerusalem unter Kaiser Konstantin die neue Basilika gebaut und geweiht wurde und tags darauf auch das Kreuz öffentlich gezeigt und errichtet wurde. Mit ihm trat sichtbar das Christentum aus dem Untergrund des Unerlaubten ins Licht seines öffentlichen Bekenntnisses.
Ein Hymnus bezeugt diese Botschaft des Kreuzes. Mit seinen Worten rufen wir:

Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Gnade, im Kreuz ist Vergebung.
Herr, erbarme dich unser.
Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Trost, im Kreuz ist Hoffnung.
Christus, erbarme dich unser.
Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Auferstehung.
Herr, erbarme dich unser.
Der Herr erbarme sich. Im Zeichen des Kreuzes schenke er uns seine
Vergebung und führe uns zur Vollendung im ewigen Leben.

Tagesgebet

Messbuch – Tagesgebete zur Auswahl Nr. 30

Gebet
»Herr, wer hat mir dieses Kreuz aufgeladen? Mein Kreuz – ich muss es tragen. Offenbare uns, dass es dein Kreuz ist und dass in Wahrheit du es bist, der unser Kreuz trägt.
Herr, wie Kreuze tragen wir unsere Leiden. Sie sind nicht ohne Liebe und sind nicht frei von Lüge. Befreie uns durch dein Kreuz von Selbstbetrug und wandle unser Leid in Mitleid.
Herr, wir tragen das Kreuz unseres Todes und das Kreuz des Todes derer, die wir lieben. Wenn unser Weg mühsam ist, lass uns erkennen, dass du auf uns wartest, du, der du aus meinem Kreuz dein Kreuz machst, das Kreuz der Auferstehung. Amen.«
(Gebet aus dem Kreuzweg, den Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel zusammen mit Papst Johannes Paul II. 1994 am Kolosseum gebetet hat.)

Liedvorschläge

Gesang zur Eröffnung
GLn 361 »Mein schönste Zier« oder
GLn 362 »Jesus Christ, you are my life«
Antwortgesang mit Halleluja-Ruf
GLn 296 »Im Kreuz ist Heil«
GLn 793 (Diözesanteil Freiburg und Rottenburg-Stuttgart) »Im Kreuz ist Heil« und
GLn 175/3 »Halleluja« mit Vers Joh 3,16
Gesang zur Gabenbereitung
GLn 294,1–3.9 »O du hochheilig Kreuze«
Gesang zur Kommunion
GLn 377 »O Jesu, all mein Leben«
Dankhymnus/Schlusslied
GLn 299 »Der König siegt« oder
GLn 281,1.4 »Also sprach beim Abendmahle«

Vorüberlegungen


Da das Fest nur dann im Gemeindegottesdienst präsent wird, wenn es auf den Sonntag fällt, ist es angebracht, den geschichtlichen Hintergrund, ob in der Einführung oder in der Predigt, kurz zu skizzieren. Schott und Missale bieten dazu eine Kurzfassung, die m. E. auch nach dem heutigen Stand der Forschung verantwortet werden kann. Historisch-kritisch aufgearbeitet und mit archäologischer Forschung abgestimmt ist der Kontext ausführlicher zu finden in: Jürgen Krüger, Die Grabeskirche zu Jerusalem, Geschichte-Gestalt-Bedeutung, Regensburg 2000; insbes. S. 64–67; 90–93, 134–136.
Die Bedeutung des Kreuzzeichens für das Christentum als Bekenntnis- und Identitätszeichen bedarf in der säkularen Gesellschaft einer sensiblen Rechtfertigung, denn die Begründung des Kreuzzeichens als religiöses Symbol genügt nicht mehr für seine Präsenz im öffentlichen Raum. Der Predigtentwurf versucht, eine innerkirchlich-spirituelle Erhellung des Zeichens (aus der Macht der Gewohnheit zum bewussten Vollzug) zu verbinden mit einer Hinführung zur öffentlichen Bedeutsamkeit.

Predigt

Netty Reiling aus Mainz ist eigentlich nur bekannt unter ihrem Künstlernamen Anna Seghers. Die Schriftstellerin war überzeugte kommunistische Proletarierin, leidenschaftlich engagiert im Kampf gegen den Faschismus. Weil es ihr dabei um das elementar Menschliche geht, greift sie in Schriften auch Elemente aus der jüdisch-christlichen Tradition auf – mit Händen greifbar in ihrem Roman »Das siebte Kreuz«. Die Passionsgeschichte Jesu ist für sie Urmodell aller menschlicher Passionsgeschichten:
Sieben Häftlinge fliehen aus dem Konzentrationslager Westhofen; sechs werden wieder gefasst und auf dem Appellhof des Lagers gehängt. Einer aber entkommt, der Kommunist Georg Heisler. Sein Kreuz, das siebte, bleibt also auf dem Lagerplatz leer. Georg Heisler kommt durch, nicht mit Hilfe einer Organisation oder einer Partei, sondern dank kleiner Leute und ihrer Barmherzigkeit: einer alten Frau, die ihm fünf Pfennige zusteckt, einem jüdischen Arzt, der ihn behandelt, einem Pfarrer, der im vollen Bewusstsein seiner lebensgefährlichen Komplizenschaft Georgs Häftlingskittel verbrennt und ihm andere Kleider gibt.
Es ist jedoch die Domszene, die den Roman bekannt gemacht hat. Georg Heisler gelingt es in der Fluchtnacht, sich im Mainzer Dom einschließen zu lassen. Auf seinen nächtlichen Wanderungen durch den Dom stößt er auf einen Teppich aus Licht und Farben – Nacht für Nacht dort ausgerollt. Der religiösen Tradition entfremdet, beginnt er mühsam, die eingeschriebenen Szenen zu entziffern – eben auch die Geschichte Jesu, den er entdeckt als Solidaritätsfigur aller Verfolgten. Er erfährt hier stärkenden Trost.
Für Anna Seghers ist freilich nicht Gott die Quelle des Trostes, sondern dass in Menschen in ihrer Ohnmacht Kräfte des Widerstands und Kräfte zum Handeln freigesetzt werden: was in Spannung, aber nicht im Widerspruch zum Glauben steht, haben doch unzählige Menschen im Blick auf das Kreuz Kraft zum Widerstand gegen alle lebensfeindlichen Mächte gefunden.
Das siebte, leergebliebene Kreuz wird für die verbleibenden Häftlinge im KZ zum Zeichen, dass die totale Macht des Faschismus gebrochen ist. In unserer Kreuzwegtradition haben wir auch die Station des »leeren« Kreuzes, nämlich der Kreuzabnahme: Das Kreuz ist leer, aber nicht weil Jesus entkommen wäre wie Georg Heisler, sondern er wird tot in den Schoß der Mutter gelegt. Kann von diesem leeren Kreuz, von dieser Szene Trost und Kraft des Widerstands gegen alles Zerstörerische ausgehen?
Die zurückgebliebenen Häftlinge erleben, wie vom leeren Kreuz, wie Anna Seghers einen davon sagen lässt, eine Kraft ausgeht, die plötzlich ins Maßlose wachsen kann, ins Unberechenbare. Diese Szene haben wir in der Passion Jesu nicht: Vielmehr gehen die Leute kopfschüttelnd und lästernd unterm Kreuz vorüber. Nur einer wird genannt, der von der Quelle einer solchen Kraft spricht – der Hauptmann, der bekennt: Dieser Mensch war Gottes Sohn.
Nur Gott, der sich zum Menschen bekennt, kennt die zerstörerischen Kräfte, die in ihm wirken können – nur er erweckt die liebenden Kräfte, die aus ihm freigesetzt werden können. So führt der Schluss des Romans zur Ähnlichkeit mit dem Weg Jesu, um die noch größere Unähnlichkeit offenkundig zu machen.
Der Kommandant, der die Flucht des einen Häftlings nicht verhindern konnte, wird strafweise abgelöst. Der Nachfolger will mit der Geschichte nichts mehr zu tun haben – übrigens wie der römische Kaiser, der Golgota einebnen ließ, um darauf den römischen Jupiter-Capitolinus-Tempel zu errichten; das Kreuz sollte aus allem öffentlichen Bewusstsein verschwinden. Der Tag der Weihe dieses römischen Tempels wurde von Kaiser Konstantin bewusst gewählt für die Weihe der neuen Basilika über Golgota und für die öffentliche Errichtung des Kreuzzeichens.
In Anna Seghers Roman lässt also der Nachfolger des Kommandanten die sieben Kreuze abschlagen und verbrennen. Sie geben in den kalten Häftlingsbaracken noch für kurze Zeit Wärme. Der Trost aber, den die zurückgebliebenen Häftlinge erfahren, kann nicht verbrannt werden. Im Roman heißt es: Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes. Aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, das unangreifbar und unverletzbar ist.
Dieses Etwas im Innersten des Menschen lässt der Roman offen. Wir aber dürfen es benennen und bekennen mit dem Blick auf das Kreuz und mit den Worten von Paulus: Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Es ist derselbe Christus, von dem der Hebräerbrief sagt: Er hat Gebete und Bittrufe mit lautem Schreien und Tränen vor den getragen, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist seiner Ehrfurcht wegen erhört worden. Er hat durch Leiden den Gehorsam gelernt, zur Vollendung gelangt ist er Urheber des ewigen Heiles geworden.
Nikodemus wird im nächtlichen Gespräch mit Jesus zu diesem »Etwas« geführt. Für die Gemeinden, an die der Evangelist Johannes sein Evangelium richtet, ist dieses »Etwas« im Kreuz Jesu zu entdecken – mit Hilfe einer biblischen Lesebrille: Denn im Bild der lebensbedrohenden Schlange stellt Mose seinen Volksgenossen die Kraft vor Augen, die dem Lebensbedrohenden widersteht – das Vertrauen in Gott. Ja, die kupferne Schlange aus der Hand des Mose konnte – in heutigem Jargon der Kreuzkritik – genauso als »Zumutung« empfunden werden – und erschloss doch nur die Kraft, die sich der lebensbedrohenden Gewalt widersetzt: Denn Gott sendet seinen Sohn in die Welt, damit sie gerettet wird. Wer das Kreuz nicht mit ansehen kann, kann nicht die Kraft erkennen, die es verwandelt und überwindet.
Im Kreuz also bündeln sich wie in einem Brennglas alle Gebete und Bittrufe – wagen wir die Ehrfurcht, nicht vor dem Holz oder anderen Material, aus dem das Zeichen gefertigt wurde, sondern vor dem Gott, der das Zeichen der Gewalt verwandelt in das Zeichen der Liebe – und bezeugen wir diese Hoffnung, die ausgeht von dem Kreuz, das nicht leergeblieben ist, sondern leergeworden ist: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Auferstehung.

Fürbitten
Gott des Lebens, durch die Liebe deines Sohnes hat sich das Kreuz, das Zeichen der Gewalt und des Todes, verwandelt in das Zeichen der Rettung und des Leben. Deshalb stellen wir voll Vertrauen die Kreuze unseres Lebens vor dich:

- Wo immer Menschen entwürdigt, entrechtet, unterdrückt oder ausgenutzt werden: Lenke den Blick von Tätern und Opfern auf das Kreuz der Umkehr und Rettung.
- Wann immer Menschen das Kreuz aus dem Blickfeld verbannen wollen: Lass es durch das Zeugnis der Liebe wieder sichtbar werden.
- Wie oft auch immer das Zeichen des Kreuzes missverstanden oder missbraucht wird: Lass alle, die im Dienst der Kirche stehen, das eine verkünden: Gott hat seinen Sohn gesandt, damit die Welt gerettet wird.
- Wie viele Kreuze auch immer im Leben unserer lieben Verstorbenen standen: Schenke ihnen auch den Anblick der Herrlichkeit in der Gemeinschaft des ewigen Lebens.

Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Auferstehung. Ja, wir beten dich an Herr Jesus Christus, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die ganze Welt erlöst. Amen.

Robert Widmann

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