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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 2
22. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr C
Wider die Gottesvergiftung

Beitrag zur Lesung

Einführung

Ich weiß nicht, ob Sie heute froh gestimmt sind oder eher traurig, ob Ihr Herz durch Sorgen belastet ist oder noch voll von Urlaubseindrücken. Vielleicht sind Sie auch leer und ausgepumpt, haben die ganze Woche viel zu viel einstecken müssen, konnten nicht Urlaub und Ferien genießen. »Ihr seid zu einer festlichen Versammlung gekommen« (Hebr 12,22), hören wir in der Lesung. Vielleicht entsteht heute Morgen für jeden von uns ein wenig Festlichkeit, wird wieder ein wenig Glanz sichtbar, ein wenig Stadt unseres Gottes. Das ließe uns wohl aufatmen, aufleben.

Predigt

Zum Text: Hebr 12,18–19.22–24a (2. Lesung)

Vielleicht haben Sie ihn in Ihrer Kindheit oft gesehen …


den erhobenen Zeigefinger und dahinter die mahnende Stimme gehört: »Hab’ ich dich erwischt!« »So oft habe ich dir schon gesagt, lass das, das darfst du nicht, das musst du so machen …« Wir kennen das Gefühl, ertappt worden zu sein, und den zitternden Wunsch, uns in irgendeinem Mausloch verkriechen zu wollen: Nur nicht dieser Finger und diese Stimme! Nur nicht dieser Blick, der wieder einmal alles gesehen und gemerkt hat und mir keine Chance mehr lässt zu verbergen, zu entschuldigen. Vielleicht gehört dieser Finger dem Vater oder der Mutter, vielleicht gehört die drohende Stimme dem Lehrer oder dem Chef. Ja, möglicherweise steht hinter dem strafenden Blick auch der Nachbar, der Nebensitzer in der Schule oder der Ehepartner.

In vielen von uns haben sich solche Erlebnisse bleibend eingeprägt, in denen das Zorngewitter schutzlos auf uns niederprasselte.

Nicht selten wurde und wird dann auch noch Gott …

als der größte Zeigefinger aufgerichtet: Das Auge, das alles sieht, das Ohr, das alles hört. Da gibt es dann überhaupt kein Entrinnen mehr. Gott schwebt geheimnisvoll dunkel über allem. Seinem forschenden Blick entgeht nichts und niemand. Sein Wissen reicht bis in meine intimsten Gedanken und Wünsche. Und: Er vergisst nichts!

Viele Menschen mussten oder müssen sich vor einem solchen Gott beugen, einem Gott, der sie in allem kontrolliert und überall ihr schlechtes Gewissen pochen lässt.

So zerbricht die Liebe zu Gott. Ein solcher Gott? Nein! Viele, vielleicht ist es inzwischen die Mehrzahl, wollen sich nicht mehr so beugen und ducken. Sie drängen diesen unerträglichen Gott aus ihrem Leben hinaus. Entweder stellen sie ihn auf ein hohes Podest, wo man ihm nur noch mit förmlichen Traditionen huldigt, Gott der Form halber zufrieden stellen will. Oder sie schieben ihn an den Rand des Vergessens: Diesen Spielverderber, den kannst du vergessen! Manche bäumen sich auch auf, fassen sich selbstbewusst ein Herz und verkünden: »Gott ist tot! Und wenn nicht, musst du ihn endlich töten! Ihn hinter dir oder links liegen lassen, dich befreien!«

Unsere heutige Lesung trifft in diese Situation: …

»Ihr seid nicht zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hingetreten, zu dunklen Wolken, zu Finsternis und Sturmwind, zum Klang der Posaunen und zu laut schallenden Worten, bei denen die Hörer flehten, diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden« (Hebr 12,18–19). Ihr seid nicht zu einem Gott gekommen, dessen furchtbare Erscheinung Angst und Zittern einjagt. Nicht unter einem Gott seid ihr, der alles erbarmungslos bedroht wie das lodernde Feuer, der kein Pardon kennt. Es ist kein Gott, der geheimnisvoll, bedrohlich hinter dunklen Wolken wohnt, aus denen es unverhofft blitzt, donnert und hagelt. Euer Gott ist nicht unberechenbar wie der Sturm, der alles umknickt, das ihm begegnet, vor dem nichts und niemand sicher ist. Er schreit keine lauten Worte, vor denen wir die Ohren zuhalten und flehen müssten, er solle doch endlich still sein. Nein!

»
Viele Male und auf vielerlei Weise …

hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten«, so beginnt der Brief an die Hebräer, »in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, ... er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens« (Hebr 1,1–3). Mit Jesus Christus schlägt Gott den geheimnisvollen Vorhang zurück und zeigt sich neu und endgültig, eindeutig.

Er hält sich nicht unbestimmt zurück: Er wird Mensch. Er kommt zu uns, kommt uns menschlich nahe, kommt in die Niederungen unseres Menschseins, sichtbar für uns alle. Gott zeigt in Jesus, wie er wirklich ist: weder ein ferner, polternder Kontrolleur über dem großen Spiel des Lebens, noch ein zynischer Marionettenspieler und auch kein griffelspitziger Buchhalter.

Nein! Er ist ein Gott, der mitgeht, der aufrichtet und Mut macht und zu neuem Leben verhilft. Er bückt sich zu uns, die wir schuldig geworden sind und werden und spricht das leise Wort der Versöhnung. Seine Geste ist nicht der drohende Zeigefinger, es sind die geöffneten Arme, sogar am Kreuz. Nicht mehr Knechte nennt er uns, vielmehr Freunde, für die er sich mit allem einsetzt, was er hat und ist (Joh 15,15). Ja, der Hebräerbrief nennt uns sogar »Erstgeborene« (Hebr 12,23). Erstgeborene haben in der Sprache der Bibel ein Recht auf das Erbe des Vaters, ein Recht auf sein Hab und Gut, auf alles, was er besitzt und geben kann.

Wir können nur ahnen, was das bedeutet im Blick auf Gott: Dass er uns alles schenkt, alles, was er hat!

Wenn sich Gott so zeigt, …

dann können wir getrost den anderen vergessen. Dann können wir den anderen getrost sterben lassen: Der war nie Gott! Dann brauchen wir weder eine Schar verängstigter Küken zu sein, noch ein kleinlautes und resignierendes Grüppchen. Wenn so ein Gott ist, so für uns, dann können wir wirklich eine »festliche Versammlung sein«, eine »Stadt des lebendigen Gottes« (Hebr 12,22), ein Ort, wo er gern wohnen darf. Wir können aufatmen, weil er auf unserer Seite, unter uns ist. Wir können aufrecht gehen, weil er uns die unverlierbare Würde von Erstgeborenen gibt. Wir können leben, weil er unsere Zukunft ist.

Wir können den Gott, der durch viele erzieherische Maßnahmen angetastet und menschlich unmenschlich vergiftet wurde, ablegen. Und wir können die Begegnung mit dem Gott Jesu Christi suchen. Er ist freilich, nachdem er seine streng unmenschliche Maske verloren hat, kein Hampelmann: Wir haben den Gott Jesu Christi bitter nötig. Unser Leben hat ihn überlebens-nötig: den Retter aus Sünde und Tod. Den Aufrichter zum Leben.

Er vertraut uns und gibt uns damit gegen alles Misstrauen den Boden, anderen zu vertrauen. Er verzeiht uns und ermöglicht uns damit gegen alles übliche Nachtragen, anderen zu verzeihen. Unser Gott bückt sich, wendet sich uns zu, damit wir uns anderen zuneigen, uns bücken können zu den Menschen in Not. Er macht eine neue menschlicher Wirklichkeit in unseren Familien möglich, in der Schule, am Arbeitsplatz: Überall, wo er zum Zug kommt, überall, wo wir sein wirkliches Gesicht zum Zug kommen lassen, wird eine menschlichere Wirklichkeit möglich. Da blüht die Stadt des lebendigen Gottes auf, eine festliche Versammlung, das Reich Gottes.

Dass uns nicht mehr der drohende Zeigefinger blüht, das macht weder Gott noch unsere Verantwortung kleiner. Gerade in dieser Herrlichkeit und Unbegreiflichkeit seiner Liebe ist er viel größer! Gerade mit dieser Chance, die er so für unser Leben heute und morgen ist, wird unser Ja oder Nein ihm gegenüber umso bedeutsamer! Gerade in solcher Menschlichkeit wird sein Wort und seine Verheißung nötiger denn je für unsere Menschlichkeit.

Fürbitten
Guter Gott, du bist nicht sichtbar und greifbar für uns und doch machen wir uns immer wieder Bilder und Vorstellungen von dir. Viele Male bringen sie dich weiter weg von uns als uns näher zu dir. Doch darauf sind wir angewiesen, auf deine Nähe, deine Hilfe, dein Da-sein mit uns und für uns. Wir bitten dich:

– Zeige dich den Menschen, die mit Schuld beladen angstvoll und zitternd vor anderen und dir stehen. Zeige ihnen deine offenen Arme der Umkehr, reiche ihnen deine verzeihende Hand, sprich zu ihnen dein erlösendes Wort und hilf uns Menschen zu Vergebung und Versöhnung. Gott, unser Vater:
(Wir bitten dich, erhöre uns.)
– Viele Menschen fühlen sich kontrolliert und beobachtet von dir und dem, was man ihnen von dir erzählt hat, kämpfen gegen einen falschen Gott, der ihnen zugemutet wird. Lass sie deine befreiende Nähe erfahren und hilf uns Menschen, die frohe Botschaft zu verkünden, dich und dein Wort. Gott, unser Vater:
– »Gott ist tot!«, bäumen sich manche Menschen auf und suchen nach einem anderen in Freude und Leid, in Gelingen und Misslingen, in Leben und Tod tragenden Lebensgrund. Sprich zu ihnen als der lebendige Gott und hilf uns Menschen, dich, den lebendigen und Leben schenkenden Gott, in dieser Welt zu bezeugen. Gott, unser Vater:
– Wir alle machen uns immer wieder ein falsches Bild von dir und getrauen uns nicht, dich, den wahren Gott, in unser Leben hereinzulassen. Komm zu uns und lass uns deine Gerechtigkeit, deinen Frieden und deine Freude erleben. Gott, unser Vater:
– Unsere Sterbenden hoffen auf deine bergende, erlösende Wahrheit, unsere Toten erwarten die Auferweckung in deine Herrlichkeit. Zeige dich als der barmherzige, der vergebende, der zum ewigen Leben aufrichtende Gott und lass sie leben in deiner Gegenwart. Gott, unser Vater:

Darum bitten wir dich, guter Gott, und um vieles, das uns am Herzen liegt oder bedrückt. Wir bitten im Namen Jesu Christi, der für uns Mensch geworden ist. In ihm zeigst du dich ganz für uns. Wir bitten in der Kraft des Heiligen Geistes. Ihn hast du uns gesandt als unseren Beistand für alle unsere Tage bis in deine Ewigkeit. Amen.

Clemens Stroppel

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