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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 2
30. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr B
Worauf es ankommt: Unser »Schrei« voller Vertrauen

Beitrag zum Evangelium

Einführung
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters: Seine Kraft will unser Leben verwandeln; im Namen Jesu Christi: Er lädt uns ein, Gottes Kraft zu trauen; im Namen des Heiligen Geistes: Er schenkt uns Mut, mit neuer Hoffnung ins Leben zu gehen. Also: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Wir begegnen heute im Evangelium Jesus Christus, der auf dem Weg nach Jerusalem ist. Er hat dieses Ziel vor Augen. Aber er geht dabei nicht an denen vorbei, die sich an seinem Weg nach ihm ausstrecken, mit ihren Nöten, ihren Sehnsüchten, ihren Hoffnungen. Der Blinde an seinem Weg darf sich auf eine heilende, befreiende Begegnung freuen.
Auch an uns geht der Herr nicht vorbei, wenn immer wir uns nach ihm ausstrecken, wenn wir zu ihm rufen. Das wollen wir jetzt am Anfang unseres Gottesdienstes tun.

Kyrie-Ruf
Herr Jesus Christus, ich komme zu dir wie ein Kranker zum Arzt des Lebens.
Herr, erbarme dich.
Ich komme zu dir, wie ein Unreiner zum Quell des Erbarmens.
Christus, erbarme dich.
Ich komme zu dir wie ein Armer und Bedürftiger und finde bei dir das Heil.
Herr, erbarme dich.
Zu dir, Herr, kommen wir voll Vertrauen. Deinem Erbarmen überlassen wir uns. Du bist uns treu. Darüber freuen wir uns und preisen deine große Güte und deine herzliche Liebe.

Tagesgebet
Herr, unser Gott,
wir suchen alle das Glück unseres Lebens, und doch können wir es oftmals nicht finden, weil wir sehend blind sind.
Wir bitten dich: Lass uns Jesus, deinem Sohn, in dieser Feier begegnen und zeige uns durch ihn, was unser Leben glücklich macht.
Darum bitten wir dich durch ihn, Christus, unseren Herrn.

Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 643 »O Jesu Christe, wahres Licht«
Antwortgesang mit Halleluja-Ruf
GL 753/1 »Der Herr hat Großes an uns getan« mit 753/2 (Psalm 126) und
GL 530/2 »Halleluja« mit Vers
EH 106 »Singet ihr Völker«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 289,2 »Bei dir, Herr, ist des Lebens Quell«
EH 76 »Strahlen brechen viele«
Gesang zur Kommunion
GL 106,1.4–5 »Kündet allen in der Not«
Dankhymnus/Schlusslied
GL 637 »Lasst uns loben, freudig loben«

Vorüberlegungen

Zum Text: Mk 10,46b–52 (Evangelium)

Wir haben die letzte Wundergeschichte des Markus-Evangeliums vor uns. Sie ist eine Weg-Geschichte. Das Wunder geschieht auf dem Weg Jesu nach Jerusalem hinauf.
Voraus geht das Wort Jesu von der Hingabe seines Lebens als Lösegeld für Viele und die damit verbundene Aufforderung an seine Jünger, ihm auf seinem »Dienstweg« zu folgen (Mk 10,35–45). Gleich anschließend folgt der feierliche Einzug Jesu in die Stadt Jerusalem (Mk 11,1–11). Das Passionsgeschehen kündigt sich an.
Bettler am Weg der Festpilger sind nichts Ungewöhnliches. Doch hier – nur hier – wird einer beim Namen genannt: Bartimäus. Steht dieser blinde Bettler Bartimäus für die ebenso blinden Jünger, die der Heilung bedürfen? Und ist die Heilungsgeschichte nicht eine Verheißung für sie, dass sie von ihrer Blindheit geheilt werden, nämlich von der Unfähigkeit, den Weg Jesu in seiner ganzen, herausfordernden Bedeutung wahrzunehmen?
Das erste Wunder: dass der Blinde sich lauthals zu Wort meldet (Mk 10,47f). In den wiederholten, sich steigernden Rufen, entliehen aus der Gebetssprache der Psalmen, ist ein Glaubensbekenntnis ausgesprochen in der Form der jüdisch-davidischen Erwartung eines neuen David, eines Heilandes und Retters. Hier klingt erstmals das Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Davids, als dem Messias-König, an, so wie gleich im Anschluss beim Einzug in Jerusalem (Mk 11,9f ).
Das zweite Wunder: dass Jesus den Hilferuf wahrnimmt. Bettler werden oft als lästig empfunden. Hier wird der Bettler gehört und angenommen. Das Eigentümliche dieser Wundererzählung ist ihre Dialogstruktur. Einbezogen sind Jesus, der Blinde und das umgebende Volk. Voran der Ruf des Blinden; der Einspruch des Volkes; die Steigerung des Rufs durch den Blinden; Jesus, der den Blinden auffordert, seine eigene Erwartung deutlich und persönlich auszusprechen; die Ermutigung durch die Anwesenden; der heilende Zuspruch Jesu.
Im Ruf des Blinden liegt Vertrauen, ein anfanghaftes Vertrauen. Im Blinden ist der Glaube erwacht, dass auch für ihn ein anderes Dasein möglich ist. Die Worte werden unterstützt durch das Zeichen: Der Blinde wirft den Mantel ab. Er sprengt die Fesseln. Er springt auf, er drängt voran.
Es wird keine Heilungsgeste und kein Heilungswort überliefert. Jesus tut scheinbar nichts. Er bezeugt »nur« die heilende Kraft des Glaubens, die er im Blinden findet. Das ganze Geschehen mündet ein in die Bereitschaft des Bartimäus, sich mit Jesus Christus auf den Weg zu machen. Darin ist die tiefer liegende Blindheit überwunden und mündet in die Passionsgeschichte ein, in der die wahre Erlösungskraft Jesu Christi, des Sohnes Davids, aufscheinen wird.

Predigt

»Herr, erbarme dich« – routiniert?

Das »Herr, erbarme dich« oder »Kyrie eleison« hat in der einen oder anderen Form bei der Eröffnung unserer Eucharistiefeier seinen Platz. Ich gestehe, dass es mir manchmal gar nicht so leicht fällt, diesen Erbarmensruf auch innerlich mitzuvollziehen, gerade wenn er meine Schwachheit, mein Ungenügen, meine Schuld deutlich anspricht. Womöglich bin ich doch mit einem ganz anderen Lebensgefühl zum Gottesdienst gekommen. Ich will einfach aufrecht, dankbar und froh vor Gott stehen. Ich will mich nicht gleich zu Beginn »klein machen lassen«. Und ich bin mir sicher: Gott hat es darauf auch nicht abgesehen.

»Hab Erbarmen mit mir« – ein Ruf, der es in sich hat

Das Evangelium heute eröffnet mir einen neuen Zugang zu diesem Erbarmensruf. Der blinde Bettler Bartimäus am Stadttor von Jericho führt ihn im Mund: »Hab Erbarmen mit mir.«
Das ist hier mehr als eine liturgische Formel. Der Ruf ist zwar entlehnt aus der Gebetssprache des Volkes Israel, dem Psalmgebet. Er ist also beladen mit der jahrhundertelangen Geschichte von Menschen, die sich mit diesem Gebetsruf an ihren Gott gewandt haben und die bei ihm Zuflucht suchten – routiniert oder aber doch ganz intensiv aus dem Herzen. Doch hier – im Mund des blinden Bettlers Bartimäus – ist es kein amtlicher Gebetsruf. Da wird er zu einem tiefinnerlichen Flehruf. In diesen Ruf legt der Blinde seine ganze Lebenssehnsucht hinein. Ich staune darüber, dass der Blinde überhaupt die Kraft hat, sich zu äußern, sich so deutlich zu Wort zu melden. Wir erfahren ja auch gleich, wie die anderen ihm über den Mund fahren! Wie oft mag das schon so geschehen sein. Wie lange er wohl schon da sitzt? Ein Leben lang, in dieser erbärmlichen Rolle, als Bettler am Weg? Aber: Er ist nicht zum Schweigen zu bringen. Auch wenn er Ärger auslöst! Die Sehnsucht ist in ihm nicht erstorben. Sie lebt! Tief drin! Und er schreit sie heraus: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir. So kraftvoll, so hartnäckig!
Sobald der Blinde hört, dass da eine Hoffnung ist, greift er nach dem Strohhalm. Ohne zu zögern, ganz entschieden springt er auf. Er wirft den Mantel ab, verzichtet auf alles, was ihm bisher Schutz gegeben hat.
Das ist das erste Wunder: Er, der Blinde – er sieht schon weiter! Er sieht im Glauben, wer Grund der Hoffnung ist: Jesus Christus. Ja, er ist der eigentlich Sehende. Er sieht schon weiter, in seiner Sehnsucht. Da ist etwas in ihm von einem Vertrauen, von einem Glauben! Kein fertiger Glaube! Ein sehr anfanghafter Glaube, ein Glaube vom Hörensagen. Ein Glaube voller Sehnsucht. Der genügt. Jesus Christus nimmt ihn wahr.

Eine Begegnung, die heil macht

Und da sind wir in der Mitte dieser Geschichte: bei Jesus Christus, der auf dem Weg nach Jerusalem ist.
Ihm geht offensichtlich ein Ruf voraus. Er weckt Hoffnung. Viele folgen ihm deswegen. Manche auch nur aus Neugierde oder Sensationslust. Und das ist das zweite Wunder: Jesus nimmt die sehnsüchtige Stimme am Weg wahr. Sein Weg ist auf Jerusalem ausgerichtet, ein drängender und bedrängender Weg. Aber Jesus lässt seinen Weg unterbrechen. Und er geht auf den Bettler am Rande ein. Und wie?
Er fragt nach. Er wünscht, dass der Blinde das, was in seinem Ruf steckt, deutlich ausspricht. Er soll dazu stehen, was seine Armut ausmacht. Jesus kommt nicht als Heiland von oben herab. Er spricht ihn an, er begegnet ihm auf Augenhöhe, er bezieht ihn mit ein. Und Bartimäus sagt es deutlich: »Ich möchte wieder sehen können.«
Diese Begegnung wird für den blinden Bettler Bartimäus heilsam. Ohne große Worte und Gesten Jesu. Jesus spricht das seinem Glauben zu: diesem anfanghaften, unfertigen, aber sehnsüchtigen Glauben.

Heilsame Begegnung auch für uns?

Und so wird diese Begegnung aus der biblischen Vergangenheit zu einem ganz gegenwärtigen Angebot auch für uns. Denn nicht nur am Tor zu Jericho, nicht nur für den blinden Bettler dort und für die Menschen drum herum, wird eine lebendige, wahrhaft heilende Begegnung mit Jesus möglich, nein: auch für uns. Und dabei zeigt uns die Gestalt des Bartimäus, worauf es ankommt:
Zum einen: Wir dürfen uns nicht genieren, laut nach Jesus Christus zu rufen: »Sohn Davids, erbarme dich meiner.« In diesem Ruf kann ich ausdrücken, dass ich um meine Grenzen, um die schmerzlichen Belastungen meines Lebens weiß, um meine leeren Hände, um die Nöte tief in mir drin. Ich darf so rufen: hier in der Feier des Gottesdienstes, immer und immer wieder. Aber eben nicht nur bei der Liturgie, nicht nur bei geistlichen Übungen, sondern mitten in meinem Alltag, auf dem Weg.
Und damit verbindet sich ein Zweites: Ich kann in diesem Ruf zu Jesus Christus meinen Glauben ausdrücken, meinen ganz und gar unfertigen Glauben an Jesus Christus, in dem Gottes Erbarmen und seine Treue in unsere Mitte getreten ist. Und es reicht, wenn ich einen einzigen Funken Glauben mitbringe. Jedenfalls keinen formelhaftem, satzhaften Glauben, sondern einen Glauben aus der Tiefe des Herzens. Ich darf in diesem Glauben sehr wohl meine Fragen und meine Unsicherheiten bei mir tragen: im Blick auf Gott selbst, im Blick auf das Böse in unserer Welt, im Blick auf die Zukunft im und nach dem Tod. Hauptsache ein Funke Vertrauen! Vielleicht fehlt mir dann noch der Zugang zum vollständigen Glaubensbekenntnis oder zu einer dogmatischen Vollständigkeit!
Hauptsache: ein Glaube aus der Tiefe eines sehnungsvollen Herzens. Dieser Glaube bringt mich Jesus Christus nahe. Er macht mich offen für die Begegnung mit ihm. Und dieser Glauben macht heil.

Auf dem Weg des Heils

In diesem – noch so – anfanghaften Glauben, der in die Begegnung mit Jesus Christus führt, überwinden wir unsere tief innere Blindheit: Wir bekommen Anteil an der Weitsicht Gottes. Wir beginnen, alles mit seinen Augen zu sehen: die Dinge der Welt, die Menschen um uns und uns selbst. Da wird unser Blick anders, was das Leiden und Sterben anbelangt, die ganze Undurchsichtigkeit der Welt, die Missgeschicke unseres Lebens, unsere Erfolglosigkeit und auch unsere Schuld. Unser Blick wird weiter, wird freier.
Aber die Heilung unserer Blindheit und auch unseres Glaubens wird erst vollständig sein, wenn wir uns mit Jesus Christus wirklich auf den Weg machen. Der Blinde am Wegrand von Jericho hat gerade darin seine ganze Heilung erlangt, dass er mit ihm geht, auf dem Weg nach Jerusalem, auf den Weg, der viele Prüfungen und Schmerzen abverlangt. Das sagt uns: Auch für uns bleibt der Weg mit Jesus Christus ein eher »verhangener« Weg, den wir nur sachte ertasten können, bis wir einmal ans Ziel gelangen und ganz sehen dürfen, was unseres Lebens letztes Ziel und letzte Erfüllung sein wird. Aber nicht vergessen: Der Weg fängt an mit dem sehnsüchtigen Ruf: »Erbarme dich meiner.«

Fürbitten
Der blinde Bartimäus wandte sich voll Sehnsucht an Jesus, Auch wir dürfen voll Vertrauen zu unserem Herrn gehen und zu ihm rufen. Wir tun es mit der gemeinsamen Bitte: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich.

– Für Menschen, die mit einer Sehbehinderung leben müssen: um die Kraft, mit ihrer Belastung zu leben, und um die Gabe, nicht bitter zu werden.
– Für alle in unserer Gesellschaft, die gleichsam am Wegrand sitzen: um Überwindung von all dem, was dem ganzen Leben im Wege steht: Gedankenlosigkeit und ungerechte, soziale Strukturen.
– Für unsere Kranken und alle, die die Grenzen ihres Lebens sehr intensiv erleiden: um einen Lichtstrahl deines Trostes und um sorgsame Begleiterinnen und Begleiter
– Für uns selbst, die wir hier beisammen sind: um offene Ohren für die Hilferufe in Gemeinde, Familie und Nachbarschaft.
– Für die Verantwortlichen in der Politik unserer Landes: um ein Herz, das sich vom Schrei des Leidens berühren lässt, und um Weitblick in allen Entscheidungen.

Herr Jesus Christus, du bist das Licht der Welt. Erleuchte unsere Dunkelheiten und lass uns mit dir den Weg zum Leben finden. Der du lebst und in Liebe wirkst in alle Ewigkeit. Amen.

Wolfgang Schrenk

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