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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 2
15. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr B
Propheten stören gewaltig – hoffentlich auch heute!

Beitrag zur Lesung

Einführung
Was wäre, wenn die Feierlichkeit unserer Liturgie plötzlich gestört würde – durch einen ungebetenen Gast, einen peinlichen Zwischenruf? Als Vorsteher dieser sonntäglichen Feier wäre mir das natürlich ganz und gar nicht recht. Ich bin verantwortlich dafür, dass alles in der richtigen, »katholischen« Ordnung abläuft.
In der Lesung geht es heute aber genau um eine solche Störung. Und sie wird sogar als notwendig hingestellt. Wir ahnen, dass wir uns auch heute eine solche Art von Störung gefallen lassen müssten. Damit wir uns ändern.
Halten wir daher kurz inne und fragen uns: Hätten wir Veränderung, Umkehr wirklich nicht nötig?

Predigt

Zum Text: Am 7,12–15 (1. Lesung)

»Wes’ Brot ich eß, des’ Lied ich sing ...«

»Wes’ Brot ich eß, des’ Lied ich sing ...« – Hand aufs Herz: Ein Stück weit handeln wir alle nach dieser Maxime. Der, von dem ich abhängig bin, darf auch mit meiner Loyalität rechnen. Niemand sägt den Ast ab, auf dem er sitzt. Der Versicherungsvertreter wird nicht unbedingt das Konkurrenzunternehmen empfehlen. Die Angestellte eines Energieversorgungsunternehmens wird nicht öffentlich die hohen Strompreise anprangern. Der Mitarbeiter eines Bischöflichen Ordinariats wird nicht einfach in die allgemeine Kirchenkritik einstimmen. Und wenn jemand anfängt, die Unarten seines Ehepartners öffentlich auszuposaunen, sollten die Alarmglocken läuten.
»Wes’ Brot ich eß, des’ Lied ich sing ...« – gegen dieses ungeschriebene Gesetz hat ein Mensch namens Amos in eklatanter Weise verstoßen. So jedenfalls wirft es ihm der Priester Amazja vor, der am Tempel der nord-israelitischen Stadt Bet-El Dienst tut: Geh doch ins Nachbarland Juda! Dort magst du so reden! Hier ist es deplatziert. Denn das hier ist ein Heiligtum des Reiches Israel, ein königlicher Tempel, ein vom Staat subventionierter und der öffentlichen Ordnung dienender Kultort!
Ich brauche Ihnen nur die ersten Sätze im Buch Amos zu lesen – und Sie begreifen sofort, warum Amazja nervös wird: »Der Herr brüllt vom Zion her, aus Jerusalem lässt er seine Stimme erschallen. Da welken die Auen der Hirten und der Gipfel des Karmel verdorrt ...« (Am 1,2) – Was geht denn uns hier in Bet-El dieses »Gebrüll« aus Jerusalem an, aus der Fremde – diese Drohgebärden gegen Moab, gegen Edom, gegen Juda – und jetzt, unverschämterweise, auch gegen uns?
Und weiter: »Hört dieses Wort, ihr Baschankühe auf dem Berg von Samaria, die ihr die Schwachen unterdrückt und die Armen zermalmt und zu euren Männern sagt: Schafft Wein herbei, wir wollen trinken. Bei seiner Heiligkeit hat Gott, der Herr, geschworen: Seht, Tage kommen über euch, da holt man euch mit Fleischerhaken weg, und was noch von euch übrig ist, mit Angelhaken …« (Am 4,1f.). – Darf ein Prophet so reden? Hier am Tempel? Im Dienst des Staatsgottes?
Oder gar so: »Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie, ich kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach …« (Am 5,21–24). – Da sträuben sich jedem fleißigen Priester die Haare!

Der wahre Auftraggeber

Doch verwechselt Amazja da nicht etwas? Vergisst er, in wessen Diensten ein wahrer Prophet steht, und – noch schlimmer – in welchen Diensten er selbst als Priester steht? Der eigentliche »Brötchengeber« ist doch nicht der König – weder der auf dem Berg von Samaria noch der in Jerusalem! Amos schleudert ihm die Wahrheit ins Gesicht: Wenn der Titel »Prophet« nur dem zusteht, der seinem König nach dem Mund redet, dann bin ich es in der Tat nicht. »Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler, sondern ein Viehzüchter bin ich, Maulbeerfeigen ziehe ich. Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!« (Am 7,14f.)
Darum schickt auch Jesus seine Apostel nicht einfach in geregelte Dienstverhältnisse, sondern auf eine unstete Wanderschaft – weg von den Palästen und Tempeln, weg auch von den warmen Wohnstuben, in denen man sich so behaglich einrichten kann. Er schickt sie auf die Straße, nur mit dem Nötigsten am Leib, ohne Vorrat, einzig und allein mit einer Botschaft, deren einziger Inhalt Gott selbst ist. Natürlich müssen sie irgendwo unterkommen, etwas essen, sich einen Schlafplatz suchen. Aber bevor sie anfangen, sich »lieb‘ Kind« zu machen, wenn man sie irgendwo nicht aufnehmen will, bevor sie aus Bequemlichkeit Abstriche an ihrer Botschaft vornehmen, sollen sie lieber gleich weiterziehen und den Staub von ihren Füßen schütteln – »zum Zeugnis gegen sie«.

Wir brauchen Propheten!

Bevor hier ein Missverständnis aufkommt: Wir brauchen natürlich in unserem Staat, in unserer Kirche, in unserer Gemeinde ordentliche Anstellungsverhältnisse, Dienstgrade und korrekte finanzielle Verhältnisse. Ohne das funktioniert weder die heutige Gesellschaft noch unsere Kirche. Und auch wir Priester und »Hauptamtliche« – bis hinauf zu Bischof und Papst – sollten ganz ehrlich dazu stehen, dass wir nicht einfach freie Propheten sind wie der Maulbeerfeigenzüchter Amos. Wir sind Teil des »Systems«, Inhaber eines Amtes, zu dem auch gehört, dass wir unsere Worte gut abwägen – aus berechtigter Loyalität. »Sie müssen ja so reden, Herr Pfarrer, Sie verdienen Ihr Geld ja bei der Kirche!« – wer hat solche oder ähnliche Sätze nicht auch schon mal gehört oder gesagt oder gedacht? Damit müssen wir umgehen.
Aber das heißt nicht, dass der prophetische Geist verabschiedet werden müsste. Jener Geist, den das II. Vatikanische Konzil sowohl den Laien und Ordensleuten, als auch den Priestern und Bischöfen, ja der Kirche insgesamt feierlich zugeschrieben hat (vgl. v. a. LG 12)!
Lasst uns vielmehr um den prophetischen Geist für uns alle bitten! Um einen Geist, der auch uns angestellte Gottesdiener immer wieder packt und gehörig durchschüttelt. Damit aus Beamten Glaubenszeugen werden. Damit hinter einer »Amtsperson« immer wieder der von Gott ergriffene Mensch sichtbar wird, der »Maulbeerfeigenzüchter«, das Kind vom Land oder aus der Vorstadt, der Mensch aus Fleisch und Blut – in dessen Leben ein Ruf laut geworden ist, ein Ruf von Gott.
Um einen echt prophetischen Geist für alle Gläubigen, damit aus Kirchensteuerzahlern immer wieder lebendige Glieder am Leibe Christi werden. Damit das, was wir glauben, aus unserer Mitte kommt, aus einem bewegten Herzen, aus tiefster Überzeugung – und nicht aus bloßer Routine.
Lasst uns schließlich beten um echte prophetische Aufbrüche in unserer Kirche. Sie hat es immer wieder gegeben, als neue Orden und geistliche Gemeinschaften entstanden und unerwartet wieder irgendwo das Feuer des Amos entzündet haben. Auch heute hoffen wir zu Recht auf Menschen, die sich nicht darum kümmern, was in die heutige Zeit und in die heutige Gesellschaft passt, sondern nur darum, ob es zu Gott passt und von ihm her gesagt werden muss.

Am Tisch des Herrn

»Wes’ Brot ich eß, des’ Lied ich sing ...« – bei genauerem Hinsehen erfüllt sich dieser an sich sehr törichte Spruch am Ende also doch. Hier in dieser Feier essen wir vom Tisch Christi – warum sollten wir daher nicht hier und draußen in sein Lied einstimmen?
Es ist das prophetische Lied derer, die Gott gerufen hat, um seine große Vision von einer erlösten Welt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Ein bisschen Propheten sind wir alle. Hoffentlich.

Fürbitten
Lasst uns zu Gott, unserem Vater, beten:

- Für alle, die ein Amt in der Kirche ausüben: Bewahre sie vor Resignation und Routine und beflügle sie durch deinen Heiligen Geist.
- Für die maßgebenden Persönlichkeiten in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche: Öffne ihre Ohren und ihre Herzen für ein offenes Wort der Kritik, das sie an ihre Verantwortung erinnert.
- Für die Menschen im Schatten; in bitterer Armut; in seelischer oder körperlicher Not: Rücke ihr Schicksal ins Scheinwerferlicht, damit der Handlungsdruck bei uns allen wächst.
- Für uns alle: Schenke uns prophetischen Mut, damit deine Stimme in dieser Welt nicht verstummt.

Gott. Du bist lebendig und heilig, gerecht und barmherzig. Dein Wort ist nicht bequem, sondern treffend. Hilf uns, deine Kinder nicht nur zu heißen, sondern auch wirklich zu sein. Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn, in der Einheit des Heiligen Geistes, heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Alfons Knoll

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