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Leseprobe 3
Weihnachten – Am Tag
Lesejahr A – B – C
Gottesdienst I

Menschwerdung feiern mit Herz und Verstand

Vorüberlegungen

Zum Text: Joh 1,1–18 (Evangelium)

Das Weihnachtsfest ist geprägt von der unterschiedlichen Gestalt der Schriftlesungen: In der Heiligen Nacht hören wir die Weihnachtsgeschichte des Lukas, die erzählt von Menschen, Maria, Josef, den Hirten, die mit dem neugeborenen Kind eine einmalige Erfahrung der Gegenwart Gottes machen. Der Johannesprolog am heutigen Weihnachtsfest stellt dieses Geschehen in einen kosmischen Zusammenhang: In der Geburt von Betlehem verbindet Gott die großen Gegensätze seiner Schöpfung: Schöpfer und Geschöpf, Zeit und Ewigkeit, Gott und Mensch. Gottes Liebe hält den Gegensatz, die Distanz nicht aus. Das Wort wird Fleisch, Gott wird Mensch, wird Kind.
Die Predigt greift diese unterschiedlichen Zugänge zur Weihnachtsbotschaft auf, um deutlich zu machen: Es braucht beide Zugänge, um die Tragweite des Geheimnisses von Weihnachten zu erahnen. In einer Zeit, in der viele Christen nur noch einmal an Weihnachten die Kirche besuchen – zum Krippenspiel der Kinder –, soll deutlich gemacht werden: Erst beide Zugänge, die tiefe Menschlichkeit der Weihnachtsgeschichte, die im Herzen berührt, und die rationale, theologische Deutung durch den Johannesprolog zeigen uns, warum Weihnachten Grund zum Feiern ist. Weihnachten ist ein Fest für Herz und Verstand.

Predigt

13. Jahrhundert in Greccio: Das Krippenspiel wird erfunden

Es ist fast 800 Jahre her, da geschah an einem unbedeutenden Ort in Mittelitalien etwas, was bis heute unser Weihnachtsfest prägt: Ein Wanderprediger aus Assisi hatte mit einigen Gefährten in der Nähe des Ortes Greccio eine Einsiedelei gegründet, und bald hatten die Dorfbewohner erkannt, dass dieser Mann, Franziskus hieß er, ihnen den Glauben auf ganz besondere Weise verkündigen und nahe bringen konnte.
Nun stand das Weihnachtsfest bevor und Franziskus fragte sich: Wie kann ich den Menschen zeigen, dass die Weihnachtsbotschaft nicht nur aus alten Zeiten erzählt? Wie ihnen deutlich machen: das betrifft euch, hier und heute? Das Kind wird unter euch geboren, es teilt euer Geschick, gerade das der Armen, der Leidenden, der Unbeachteten?
Da kam ihm die Idee, die Geschichte machen sollte: Er bat einen Bauern, Ochs und Esel in die Einsiedelei zu bringen. Eine Krippe wurde aufgestellt. Dorfbewohner brachten ein neugeborenes Kind. Und über dieser Szene verlas Franziskus feierlich das Weihnachtsevangelium. Das Krippenspiel war erfunden. Und es wird berichtet: Die Menschen waren tief im Herzen berührt von der Nähe Gottes, der als Kind geboren wurde wie wir alle. Sie gingen erfüllt von Freude wieder heim.

Das Krippenspiel –Weihnachtsgottesdienst fürs Herz

Es blieb nicht bei dem einen Krippenspiel in Greccio. Der Brauch -verbreitete sich schnell in ganz Europa. Und heute gehört Franziskus’ Erfindung zu den weihnachtlichen Gottesdiensten praktisch jeder Kirchengemeinde – auch bei uns. Und mehr noch: es ist vielerorts zum bestbesuchten Gottesdienst geworden!
Nun kann viel darüber spekuliert werden, warum das so ist, aber ein Grund liegt ganz gewiss auch darin, dass die Menschen heute das gleiche Bedürfnis haben wie damals die Zeitgenossen des Franz von Assisi: ein tiefes Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Wärme, nach geschenkter Liebe und Geborgenheit. Und wer könnte dieses Bedürfnis besser stillen als ein kleines Kind? Es kann nicht sprechen, es kann nichts tun, aber es berührt uns tief im Herzen und zaubert ein Lächeln auf unsere Gesichter. Die Kinder, die die Weihnachtsgeschichte spielen, und das Kind in der Krippe, sie stehen für die Botschaft: So wie ein Kind möchte Gott zu uns kommen, und Gott selbst will unsere Sehnsucht stillen. Und die erzwungene Reise von Maria und Josef, die Herbergssuche, Krippe und Stall weisen darauf hin, dass dieses Kind in unser ganz normales menschliches Leben hineingeboren wurde, mit all den Widrigkeiten, den kleinen und großen Nöten, die bis heute dazu gehören. Das Krippenspiel zeugt von der Nähe, Wärme und Menschlichkeit Gottes, und die Sehnsucht danach ist bis heute ungebrochen.

Der Johannesprolog – kosmische Verortung des Weihnachtsgeschehens

Heute, am ersten Festtag, haben wir das Weihnachtsevangelium aus dem Johannesevangelium gehört. Es spricht ganz anders von Weihnachten: Von Nähe, Wärme, Menschlichkeit, vom Lächeln eines Kindes ist da nichts zu hören. Feierlich klingt es; aber vor allem werden uns gewichtige philosophische Begriffe serviert. Das geht nicht so zu Herzen. Ist es da ein Wunder, dass sich die Menschen lieber vom Krippenspiel locken lassen? Spricht der Evangelist Johannes nicht von gerade von diesem erhabenen, aber menschen- und lebensfernen Gott und Glauben, den Franziskus damals in Greccio überwinden wollte?
Ja, vielleicht ist es kein Wunder, dass die Theologie des Johannesevangeliums zunächst weniger Menschen in die Kirche lockt. Aber es ist zutiefst zu bedauern. Denn dieser Text sagt: Weihnachten ist mehr. Weihnachten, das heißt nicht allein, dass Gott einen Weg sucht, uns Menschen tief im Herzen zu berühren und zu wärmen. Weihnachten, das heißt auch, dass Gott durch dieses Geschehen die ganze Wirklichkeit verändert.
»Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott«, so haben wir gehört. Was in Betlehem geschah, hat etwas verändert, was von allem Anfang an festgefügt schien: die klare Unterscheidung von Schöpfer und Schöpfung, oben und unten, Gott hier, der Mensch dort, und beides getrennt, weil der endliche Mensch die Begegnung mit dem unendlichen Gott gar nicht aushalten könnte. Aber Gott ist die Liebe, und so hält er die Trennung nicht aus, so sorgt er dafür, dass in Betlehem zusammenkommt, was nach den Grundgesetzen der Schöpfung nicht zusammengeht: Das Wort wird Fleisch, Gott wird Mensch.
Das ist die Weihnachtsbotschaft des Johannes: Es ist etwas Gewaltiges, was da an Weihnachten geschieht. Gott verändert die Welt und macht den Menschen groß, weil er, der große Gott, selbst Mensch wird. Dieses Kind im Stall kann nicht nur unsere Herzen erwärmen und unsere Sehnsüchte stillen. Durch dieses Kind ist Gott selbst unter uns Menschen, teilt unser Dasein, wirkt durch uns und unter uns, in unserem oft so alltäglichen und wenig göttlich angehauchten Leben. Es stiftet eine neue Beziehung zwischen Gott und Mensch, und es verleiht jedem Menschen eine göttliche Würde, und damit das Recht auf Anerkennung, Respekt und Schutz seiner Einmaligkeit. Weihnachten ist für uns Christen die Quelle der Menschenrechte.

Beides ist nötig: Weihnachten ist ein Fest für Herz und Verstand

Das Krippenspiel gestern und der Festgottesdienst heute: Beides erst lässt uns erahnen, was an Weihnachten geschieht. Das Krippenspiel, gespielt von unseren eigenen Kindern, sagt uns: Es ist zutiefst menschlich, wie Gott zu uns Menschen kommt. Es ist keine theoretische Glaubenslehre, dass Gott Mensch wird, es ist lebendige Wahrheit, die uns im Innersten betrifft und berührt, so wahr und lebensnah wie die Geburt unserer eigenen Kinder.
Und die Botschaft des heutigen Tages bewahrt uns davor, Weihnachten zur Privatsache zu machen, zum Familienfest, das die Herzen erwärmt, aber sonst ohne Konsequenz bleibt. Denn Weihnachten verändert die Beziehung zwischen Gott, Mensch und Welt. Wer Weihnachten feiert, findet Gott nicht nur im eigenen Herzen, sondern in jedem Menschen, und das muss auch den Umgang mit den Mitmenschen verändern.
Ja: Weihnachten braucht das Herz und den Verstand, das Fest braucht Krippenspiel und Weihnachtgeschichte und es braucht den Johannes- Hymnus. Beide erst künden von der Größe der weihnachtlichen Liebes-tat Gottes. Der Dichter Friedrich Spee hat die beiden Aspekte in Liedverse gegossen, die wir bis heute gerne singen: In seinem Lied »Zu Betlehem geboren«, heißt es: »In deine Lieb versenken will ich mich ganz hinab, mein Herz will ich dir schenken, und alles was ich hab.« Und dann: »Dich wahren Gott ich finde in meinem Fleisch und Blut; darum ich fest mich binde an dich, mein höchstes Gut.« Feiern wir so Weihnachten, mit Herz und Verstand, dann erfahren wir: Gott wird Mensch für mich. An Weihnachten berührt er mein Herz. Und er wird Mensch für alle. An Weihnachten verändert er die Welt.

Stefan Möhler

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