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Leseprobe 2
22. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr C
Bescheiden und demütig – wer will das heute schon sein?

Predigt
Zum Text: Sir 3,17–18.20.28–29 (1. Lesung)

Der Blick auf heute

Es ist ein natürlicher Trieb, vorwärts kommen zu wollen, es im Leben zu etwas bringen zu wollen. Wir suchen nach Anerkennung und Aufstieg. Stillstand bedeutet Rückschritt – so lautet ein Sprichwort. Das ist gut so. Wir brauchen diesen positiven Antrieb. Allgemein aber gilt heute: Mit Bescheidenheit kommst du nicht weit, da ziehst du den Kürzeren, wirst untergebuttert, bleibst auf der Strecke. Das Rennen machen die anderen: die, die sich in den Vordergrund schieben. Sich gut präsentieren können, ist angesagt, den Mund aufmachen, sich und seine Fähigkeiten ins beste Licht rücken. Wer es zu etwas bringen will, muss besser sein oder zumindest scheinen als die anderen, sich gut darstellen können. So lernen wir es beim Bewerbertraining.
Warum melden sich viele, vor allem junge Menschen, zu Casting-Shows? Sie wollen ein Star werden, bekannt und anerkannt. Das kann gelingen, wie wir es bei Lena gesehen haben. Doch ist dafür jedes Mittel recht?
Ein anderer Aspekt unserer Zeit: Schulden machen, um bei allem dabei sein zu können; korrupt sein und Steuern hinterziehen gehört fast schon zum guten Ton. Jetzt hört man ab und zu: Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Es muss wieder gerechter zugehen in unserer Gesellschaft. So kann und darf es nicht weitergehen. Wie ernst sind diese Töne gemeint?

Das Buch Jesus Sirach

Ob uns die Weisheitssprüche aus einem alten Buch heute weiterhelfen können? Erstaunlich ist bereits die Geschichte dieser Sammlung von Weisheitssprüchen. Sie wurde von einem Schriftgelehrten namens Jesus Sirach etwa 180 vor Christus in hebräischer Sprache verfasst und 50 Jahre später von seinem Enkel in Ägypten ins Griechische übersetzt. Der Enkel entdeckte offenbar im Vermächtnis seines Großvaters einen Schatz, den es zu bewahren und weiterzugeben galt. Anscheinend waren für ihn dessen gesammelte Weisheiten nicht alt und verstaubt, sondern taugten auch den nachfolgenden Generationen noch als Stütze und Orientierung für eine Lebensgestaltung aus dem Glauben heraus. Immerhin hat sie später Eingang in den Kanon der Heiligen Schriften gefunden.

Von welchem Menschenbild gehen wir aus?

Schauen wir uns die Empfehlungen etwas genauer an: Bei allem Tun bleibe bescheiden und je größer du bist, umso mehr bescheide dich. Von den Demütigen wird Gott verherrlicht. Bescheidenheit und Demut, diese Haltungen widersprechen genau dem, was heute von uns verlangt wird und was als zielführend gilt. Vielleicht ist das die Frage, liegt darin der Schlüssel zum Verständnis: Was ist das Ziel? Welches sind die Ziele, die wir in unserem Leben erreichen wollen? Anerkennung, Karriere, ein gesichertes Leben, Liebe und Freundschaft, Wohlstand, Luxus, Gesundheit, Perfektion?
Jesus Sirach nennt zwei Ziele: geliebt werden und Gnade finden bei Gott oder, wie es in einer anderen Übersetzung heißt: Erbarmen finden bei Gott.
Geliebt werden wollen wir alle, oder nicht? Und dies hängt nicht am Reichtum, damit hat er sicherlich recht. Liebe kann nicht erkauft oder durch Geschenke erzwungen werden. Dies erleben wir immer wieder. Liebe wird verschenkt, aus freien Stücken.
Aber »Gnade oder Erbarmen finden bei Gott«, ist dies ein Lebensziel? Für wen ist das heute noch wichtig? Dies setzt eine Beziehung zu Gott voraus und ein Bewusstsein von Gottes Größe und Macht. Nur wer Gott als höhere Macht anerkennt, als seinen Schöpfer, der ihn liebt und dem gegenüber er sich als Geschöpf zu verantworten hat, nur der möchte auch Gnade und Barmherzigkeit bei ihm finden. Nur ein gläubiger Mensch hofft bei Gott auf Verständnis für seine Fehler und Schwächen, für die Verfehlungen und die Schuld, die er auf sich geladen hat. Im Bewusstsein, von Gott geliebt zu werden, kann er auch zu seinen Schattenseiten stehen. Wer sich selbst als allmächtig ansieht, als jemanden, der alles vermag und erreichen kann, der perfekt ist, derjenige braucht, zumindest auf den ersten Blick, die Gnade Gottes nicht. Er kann sein Leben selbst in die Hand nehmen.

Wozu soll er bescheiden und demütig sein?

Oft stellt sich die Frage erst wieder, wenn wir an Grenzen stoßen: an Grenzen unserer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, wie in der Bankenkrise oder der Schuldenkrise in Griechenland, an Grenzen in der Medizin, wie in der Frage, wer das Ende unseres Lebens bestimmen darf, oder an persönliche Grenzen.
Bescheiden und demütig sein – Tugenden auch für heute
Bescheiden und demütig sein – vielleicht doch kein so schlechter Rat aus uralter Zeit? Es geht nicht um falsche Bescheidenheit oder um Kriechertum. Eine Tugend ist bereits bei Aristoteles immer eine Haltung, die in der Mitte von zwei Extremen liegt. Bescheidenheit hat etwas mit dem rechten Maß zu tun, ebenso die Demut. Sie bewahren den Menschen vor der Überschreitung seiner Grenzen: Falsche Bescheidenheit und Kriechertum auf der einen Seite machen den Menschen klein, erniedrigen ihn, Geltungssucht und Hochmut als anderes Extrem machen ihn überheblich. Bescheidenheit und Demut gegenüber Gott machen ihn zu einem Menschen, der aufrichtig sein darf. Er kennt seine Fähigkeiten, seine Talente und Möglichkeiten, er entfaltet sie und setzt sie zu seinem eigenen und zum Nutzen vieler ein. Aber er kennt auch seine Schwächen und Grenzen, die er nicht überschreiten soll. Er lebt nicht auf Kosten anderer. Er weiß, dass er auch der Barmherzigkeit Gottes bedarf.
Jeder von uns trägt die tiefe Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung in sich. Ohne sie können wir nicht leben. Doch letztlich kann diese Sehnsucht nur von Gott erfüllt werden. Nur seine Liebe kann uns trotz all unseres Versagens annehmen und heil werden lassen. Bei seinem Casting fällt keiner durch.
Deshalb passt der Rat auch in unsere Zeit: Mensch, bleib bescheiden und demütig! Achte deine Grenzen.
Ein weises Herz versteht die Sinnsprüche, ein Ohr das auf die Weisheit hört, macht Freude, sagt Jesus Sirach.

Fürbitten
Gott, unser Vater und Schöpfer, durch deinen Sohn Jesus Christus hast du uns gezeigt, was wahres Menschsein heißt. Zu ihm wollen wir voll Vertrauen rufen:

- Für alle Menschen, die Verantwortung in der Kirche tragen: Erfülle sie mit einer tiefen Liebe zu den Menschen, die ihnen anvertraut sind, und befreie sie von Machtstreben.
(Christus, höre uns. – Christus, erhöre uns.)
- Für alle Menschen, die in Politik, Wirtschaft und internationalen Organisationen tätig sind: Schenke ihnen das rechte Maß, Besonnenheit und Verantwortung gegenüber Gott, damit sie die Geschicke der Völker zum Wohle aller lenken.
- Für alle Menschen, die gedemütigt wurden: Richte sie wieder auf, gib ihnen ihre Würde zurück und heile, was in ihnen verwundet ist.
- Für uns alle: Hilf uns, bescheidene und demütige Menschen zu werden, die aufrecht durchs Leben gehen, im Bewusstsein von dir geliebt und anerkannt zu sein.
- Für alle Verstorbenen: Lass sie bei dir ihre letzte Erfüllung und Vollendung erfahren.

Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus. In dieser Liebe dürfen wir uns aufgehoben fühlen. Dafür danken wir dir und preisen dich. Amen.

Elisabeth Beyer

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