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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 2
Dritter Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr C
Wenn Gottes Wort zu Herzen geht

Vorüberlegungen
Zum Text: Neh 8,2–4a.5–6.8–10 (1. Lesung)

Was braucht es, dass Gottes Wort zu Herzen geht? Liegt es am Prediger? An den äußeren Umständen? Nach dem Krieg waren die Kirchen voll, obwohl man ganz damit ausgelastet war, die äußere Existenz zu sichern. Ist es die Not, die Entbehrung, der äußere Druck, die hörbereiter machen für den Zuspruch, den wir Menschen uns nicht selbst geben können? Der Lesung aus dem Buch Nehemia liegt eine ähnliche Situation zugrunde: Die Rückkehrer aus dem Exil sind voll damit beschäftigt, in der zerfallenen Heimat das Nötigste aufzubauen, um wenigstens das nackte Dasein zu fristen. Und sie strömen geschlossen zusammen und hängen an den Lippen des Priesters Esra, der aus der Thora vorliest …
Natürlich eine stilisierte, ja eine pädagogische Erzählung für spätere Generationen, die sich in der gottesdienstlichen Versammlung etwas rarer machten. Und damit ist schnell der Bogen geschlagen in unsere Zeit weiter abnehmender Gottesdienst-teilnehmer-Zahlen. Man kann zweifeln an dem oft zitierten Wort, der Mensch sei »unheilbar religiös«. Wer oder was öffnet ihm das Herz für Gottes Wort?

Predigt

Da kommt jemand von einer Wallfahrt oder von einer Tagung oder einem Vortrag und berichtet voll Begeisterung, wie ihm dort wichtige Stellen der Bibel endlich aufgeschlossen wurden. Und du denkst dir als Predigender etwas indigniert: Darüber hast du doch schon öfter gepredigt und genau das gesagt, was hier als tolle neue Erkenntnis verkauft wird! Muss man sich darüber ärgern?
Damit etwas nicht nur gehört wird, sondern ins Herz trifft, braucht es offenbar nicht nur das Wort selbst – es braucht die richtige Situation, den geeigneten Moment, den Kairos, damit die Botschaft zündet.

»Das ganze Volk lauschte«

Die Lesung aus dem Buch Nehemia berichtet von einem bemerkenswerten Ereignis in Jerusalem. Es ist die Zeit nach dem Exil in Babylon. Aus der einstigen glänzenden Königsstadt ist ein »Schutthaufen« (Neh 3,34) geworden. Das Häuflein der Rückkehrer hat schwer zu schuften, dass wenigstens primitive Behausungen entstehen, eine Mauer gebaut wird und schließlich auch ein »Haus Gottes« – freilich ohne Glanz. Es bleibt keine Zeit für die schönen Dinge des Lebens, keine Zeit, die Hände in den Schoß zu legen. Aber der Priester Esra schafft es, das Volk zu einer großen Versammlung zu rufen, um ihm das Wort der göttlichen Weisung vorzutragen. »Vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra auf dem Platz vor dem Wassertor den Männern und Frauen und denen, die es verstehen konnten, die Worte der Weisung« (Neh 8,3). Erstaunlich, wie bereitwillig die Leute so lange zuhören. »Das ganze Volk lauschte.« Ja, sie waren so gepackt, dass sie vor Rührung weinten. Offenbar hat Esra den richtigen Moment gefunden. In all dem täglichen Schuften ist doch der Hunger nach dem Wort Gottes durchgebrochen. Und Esra schließt: »Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn… Weint nicht, sondern feiert diesen Tag und haltet ein festliches Mahl!«

Die Ohren scheinen verstopft

Ein Prediger, ein Religionslehrer kann von einer solchen Reaktion nur träumen. Wie kommt es, dass so viele Zeitgenossen sich vom biblischen Wort nicht angesprochen fühlen, dass sich Gleichgültigkeit breit gemacht hat? Bibelgespräche – wie gefragt sind sie? Bibel lesen?... Und wenn man liest – ist man davon gepackt? Woher die Schwierigkeit, wirklich hörbereit zu sein? Ist alles zu bekannt? Ist man überfüttert? Hängt es an der Art der Sprache?...

Es braucht den Kairos

Entscheidend ist wohl etwas anderes: Es braucht den geeigneten Moment. Das Heute, in dem ein Wort plötzlich Resonanz bekommt! »Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt!«, sagt Jesus in der Synagoge von Nazaret (Lk 4,21). Ein altbekanntes Wort wird plötzlich brandaktuell und reißt mit. So manche Ruck-Rede, die Geschichte gemacht hat, war inhaltlich nicht neu – aber sie traf den Nerv in einer ganz bestimmten Situation und Konstellation.
Es gibt klassische Beispiele in der Kirchengeschichte – denken wir an Augustinus oder Franz von Assisi –, wo ein Schriftwort ein Menschen-leben verändert und zu großer Wirkung gebracht hat. Was kann man tun, dass Gottes Wort heute zündet?
Natürlich werden sich die, die zu predigen haben, hoffentlich alle Mühe geben, die Menschen anzusprechen. Lektorin und Lektor werden das Wort der Schrift ansprechend vorlesen. Man kann Gespräche über die Bibel möglichst interessant gestalten und aktuelle Bezüge suchen … Und doch bleibt die Zündung und Wirkung unserer Verfügung entzogen.
Und das ist gut so! Es gibt eine gesunde Skepsis gegen allzu offensichtlich auf Wirkung bedachte und aufgemachte Predigt-Events. Die Propheten, erst recht Jesus selbst, sind nicht als Seelenfänger und Gurus aufgetreten. Jesus stößt ja in der Synagoge von Nazaret mit seiner Botschaft schon bald auf Kopfschütteln und Ablehnung …

Gott muss das Ohr öffnen

Es bleibt Gottes Geheimnis, dass Menschen wirklich hören – sein Wort nicht bloß als Information, als Verzierung oder Beruhigungsmittel nehmen, sondern als Wort, das trifft und zu Herzen geht. Es hat seinen tiefen Sinn, dass im Taufritus der Taufende das Ohr des Täuflings berührt und dazu das Wort spricht, das Jesus zu dem Taubstummen gesagt hat: »Effata – tu dich auf dem Worte Gottes!«(nach Mk 7,34). Wir können nur darum bitten, dass Gottes Geist das innere Ohr des Menschen aufschließt.

Und vielleicht braucht man auch erst die Erfahrung der Dürre und Leere im Dreh der Termine und der Arbeit, der Jagd nach allem Möglichen, bis ein Priester Esra auf die Sehnsucht nach einem Wort göttlicher Weisung treffen kann.

Fürbitten

Gott, unser Vater, der du auf vielerlei Weise, endgültig aber durch deinen Sohn Jesus Christus zu uns Menschen gesprochen hast – wir rufen zu dir:

- Dass die Kirche, die ganze Christenheit dein Evangelium, das zu verkünden du ihr aufgetragen hast, sich selber zur Richtschnur nimmt.
(Sende deinen Geist.)
- Dass dein Wort und deine Weisung Eingang finden in die Gedanken derer, die wichtige Zukunftsentscheidungen zu treffen haben.
- Dass alle, die dein Wort in Predigt und Lehre zu Gehör bringen sollen, selbst zuerst zu Hörern werden.
- Dass Selbstgerechtigkeit, Bequemlichkeit oder Gewöhnung uns nicht schwerhörig machen für die Weisung deines Evangeliums.

Dein Wort, Herr, nicht vergehet, es bleibet ewiglich. Amen.

Thomas Keller

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