Dienst am Wort – Startseite
Startseite » Archiv » Ausgabe 7/2008 » Leseprobe 1
Titelcover der archivierte Ausgabe 7/2008 – klicken Sie für eine größere Ansicht
Die Inhalte
der Zeitschrift
»Dienst am Wort«
Herausgeber
Unsere Autoren
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 1
29. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr A
Eine Kirche, die lernt

Predigt
Zum Text: Jes 45,1.4–6 (1. Lesung)

Das heutige Kirchweihfest lenkt unseren Blick zuerst auf den Kirchenbau: auf diese (Georgs-)Kirche und darauf, was sie uns bedeutet und was sie uns wert ist. Dann aber erinnert uns dieser Tag darüber hinaus daran, was uns »Kirche« überhaupt bedeutet. Und darauf möchte ich heute eingehen: auf unser Bild von der Kirche, die wir sind!

Unterschiedliche Kirchenerfahrungen

Wahrscheinlich hat dieses Bild bei jeder und jedem von uns seine eigene Färbung – bei vielen aus bleibenden Erfahrungen der Kinder- und Jugendzeit, Erinnerungen an die Erstkommunion, an Fronleichnam, an die Feier von Weihnachten und der Feste des Kirchenjahrs; bei manchem ist dieses Bild geprägt von Besinnungstagen, einer Jugendfreizeit oder vom eigenen Engagement in der Gemeinde, bei anderen von bestimmten Personen, die überzeugt oder auch herausgefordert haben. Bei wieder anderen – die aber wohl eher jetzt nicht hier sind – ist dieses Bild vielleicht verdunkelt durch enttäuschende Erfahrungen …

Eine Festung –

»Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land«: das war noch das gängige Kirchenbild, als unsere (Georgs-)Kirche gebaut wurde. Und die Älteren unter uns kennen aus dem alten Gesangbuch auch noch die weiteren Strophen.
»Wohl tobet um die Mauern der Sturm in wilder Wut,
das Haus wird´s überdauern, auf festem Grund es ruht …
Ob auch der Feind ihm dräue, anstürmt der Hölle Macht,
des Heilands Lieb und Treue auf seinen Zinnen wacht …«
Im Gotteslob steht heute ein anderer Text. Wir sprechen heute nicht mehr von der Kirche als Festung, eher vom »Offenen Haus«, ja von »Gottes Zelt auf Erden«, mit dem das wandernde Gottesvolk unterwegs ist und immer neu nach Wegweisung in dieser Zeit suchen muss.
oder »Gottes Zelt auf Erden«?
Dieses Bild von Kirche hat das Zweite Vatikanische Konzil ins Zentrum gerückt – das Konzil, das vor über vierzig Jahren zu Ende ging und für die Jüngeren schon Geschichte aus Büchern ist. In Wirklichkeit hat es eine Aktualität, die wir in der Kirche noch gar nicht eingeholt haben. Viele wollen schon wieder zurück in die feste Burg, ja ins Getto, in eine Kirche, die sich abschottet von der Welt und den Menschen von oben herab ewige Wahrheiten verkündet.

Weggemeinschaft Kirche

Das Bild vom »Wandernden Gottesvolk« sieht die Kirche gerade nicht als Bollwerk, sondern als Gemeinschaft von Glaubenden, die miteinander auf den Weg gerufen sind, die sich den Fragen der Gegenwart stellen und gemeinsam nach Wegweisung im Licht des Evangeliums suchen; eine Kirche, in der unterschiedliche Lebens- und Glaubenserfahrungen miteinander kommunizieren; eine Kirche, die nicht Papstkirche ist, auch wenn dieses Wort in den letzten Jahren öfter gefallen ist, da der Tod des letzten und die Wahl des neuen Papstes und der Weltjugendtag mit der Präsenz des Papstes die Menschen weltweit bewegt hat – fast bis an die Grenze des Papstkultes. Wir sind »Volk Gottes«, Weggemeinschaft mit vielen Charismen und Diensten, die vom Geist Gottes belebt und geeint wird. Und der Papst selbst ist auch nicht »Stellvertreter Christi«, wie es oft missverständlich heißt (niemand kann die Stelle Christi »vertreten«), sondern Diener an der Einheit des Volkes Gottes.

In der Spur Israels

Das Bild vom »Volk Gottes« knüpft an an die biblische Figur des Volkes Israel, das aus der Knechtschaft aufbricht und durch die Wüste in die Freiheit, ins verheißene Land wandert. Wie Israel sich auf diesem Weg immer neu an Gottes Wegzeichen orientieren musste, Krisen und Streit zu bestehen hatte, so geht auch die Kirche durch diese Zeit – sagt das Konzil.

Bewegt und belehrt durch Kirchenfremde

Die Lesung vom heutigen Sonntag aus dem Propheten Jesaja liefert zum Kirchweihfest noch einen ganz eigenen und höchst erstaunlichen Akzent: Da wird plötzlich ein heidnischer Herrscher, der persische König Kyros, zum »Gesalbten Gottes«, durch den Gottes Plan zum Ziel kommt. Durch die Weltmacht-Politik des Kyros nämlich wird das zerrüttete Volk Israel, das ins Exil verschleppt ist und seinem Glauben untreu zu werden beginnt, zerrissen von inneren Unruhen – von seinen Unterdrückern befreit und kann einen Neubeginn wagen. Kyros kennt den Gott gar nicht, der ihn da beruft, und er bewirkt etwas, das gar nicht unbedingt in seinen Absichten liegt – und doch hilft Gott ausgerechnet durch ihn seinem Volk wieder auf die Füße!
Auch die Kirche heute ist nicht das »Haus voll Glorie«, das den ganzen Reichtum Gottes schon in sich trägt; sie wird oft durch Kirchenfremde, ja durch leidvolle Erfahrungen, durch Anstöße von außen, durch den Dialog mit der Welt zu ihrer eigenen Berufung gebracht.
Die Kirche als »Volk Gottes auf dem Weg«: vielleicht verliert die Kirche in dieser Sicht in manchen Augen ihre Hoch-Würdigkeit und Glorie. Aber sie gewinnt dafür neue Sympathie und Strahlkraft, weil sie nicht über den Menschen steht, sondern an ihrer Seite.

Fürbitten
Treuer Gott, in diesem Haus haben dich schon Generationen von Menschen gesucht und angerufen – im Vertrauen, dass du ihre Bitten nicht ohne Antwort lässt. Auch wir rufen zu dir und bitten:

– Für die Kirche, für die ganze ökumenische Christenheit: Belebe, was erstarrt ist, und weise Wege zu tieferer Einheit.
(Herr, erhöre uns.)
– Für unsere Schwestern und Brüder in unserer Partnergemeinde N. N. und in unserer evangelischen Nachbargemeinde: Weite unseren Blick über den eigenen Kirchturm hinaus.
– Für die Menschen, die in politischer Verantwortung stehen: Sende ihnen den Geist des Rates.
– Für die Kranken zu Hause und in den Kliniken unserer Stadt: Stärke ihre Hoffnung und lass sie Zeichen der Verbundenheit erfahren.
– Für die Kinder, die sich auf den Weg zum Sakrament der Versöhnung gemacht haben, und für uns Erwachsene, die wir oft so festgefahren sind: Gib Mut zum neuen Anfang.

Vater, wir verlassen uns auf dein Wort, das du uns gegeben hast in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Thomas Keller

Zurück zur Startseite

Sie haben die Wahl...
weitere Infos zu unseren Abonnements
pastoral.de
BasisProgramm

pastoral.de - BasisProgramm
weitere Infos zum BasisProgramm
Anzeigen
Mit Anzeigen und Inseraten erreichen Sie Ihre Zielgruppe. Anzeige aufgeben

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen



Dienst am Wort
Telefon: +49 (0) 711 44 06-134 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum