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Leseprobe 3
Osternacht
Lesejahr A – B – C
Unglaublich glaubwürdig

Vorüberlegungen
Zum Text: Gen 22,1–18 (2. Lesung)

Ein Freund hat mir erzählt, dass er seinem kleinen Enkel die Abrahamsgeschichte aus der Bibel vorgelesen hat. Die Geschichte von »Abrahams Opfer«, wie die Einheitsübersetzung das Erzählstück nennt, wollte er weglassen. Aber der Junge ahnte oder wusste, da fehlt noch etwas, das kann nicht alles sein. Und der Großvater las ihm auch diesen Teil der Abrahamsüberlieferung vor. Der Junge nahm die Geschichte aufgeregt und doch zufrieden hin. Die Situation des Großvaters und des Enkels ist unsere Situation: Wir würden die Geschichte von der im letzten Augenblick vereitelten Opferung des Isaak gerne weglassen und wir kommen doch nicht von ihr los, weil wir eine tiefe Wahrheit über Gott und uns selbst darin ahnen. Dieser Wahrheit auf die Spur zu kommen, ist die Absicht meiner Predigt.

Predigt

Glaubwürdig?

Gott setzt seine Glaubwürdigkeit unablässig aufs Spiel. Nicht dass wir ihn für unglaubwürdig hielten, er selbst setzt sich der Gefahr aus, unglaubwürdig zu sein. Wir ringen damit und fragen uns, ob wir unser Leben auf ihn setzen können. Bisher haben wir nicht von ihm gelassen. Obwohl die Widersprüche reizen, diesen Gott einfach hinter uns zu lassen. Abraham war auch einer, der mit der Glaubwürdigkeit seines Gottes zu ringen hatte, vermutlich schwerer als die meisten von uns! Er bekommt eine Verheißung. Nachkommen sollen ihm beschert sein so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Er muss unglaublich lange warten, bis diese Verheißung wahr wird. Als die Verheißung schon lächerlich wirkt – zwei Hochbetagte sollen einen Sohn bekommen! – da erst wird sie wahr. Der Sohn wird geboren. Endlich! Endlich! – möchte man mit Abraham zuerst seufzen und dann jubeln. Sie nennen ihn Isaak! Isaak meint In ihm lächelt der Lebendige uns zu!
Kaum ist der kleine Isaak – das Zulächeln Gottes – zum Knaben geworden, da vergeht Abraham das Lachen. Und uns mit ihm. Da scheint der lächelnde Mund Gottes zu einem fressenden Haifischmaul zu werden. Gott verlangt das Furchtbarste, das wir uns vorstellen können. Er fordert den jungen Isaak als Opfer für sich zurück! Als Opfer aus der Hand des eigenen Vaters! Unglaublich!
Wie es Abraham damit geht, wissen wir nicht. Die Geschichte erzählt nichts von dem, was sich in seinem Inneren abspielt. Stumm tut Abraham alles, was für dieses Opfer notwendig ist. Er sattelt seinen Esel, weckt die Jungknechte, spaltet Holz und macht sich mit Isaak auf den Weg. »Halt ein!« – möchte man ihn anschreien – »Wehr dich! Lass dich von einem solchen Gott nicht drangsalieren! Vergiss ihn und geh nach deinem eigenen Vaterherz!«
Und Gott? Er ist grausam. Er stellt Abraham auf eine Probe, die unmenschlich ist und Übermenschliches verlangt! Und er macht sich selbst unglaubwürdig. Er hat doch ein Versprechen gegeben: »Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. So zahlreich werden deine Nachkommen sein« (Gen 15,5). Was ist dieses Versprechen eigentlich wert – nachdem es so lange nicht eingelöst und wenig später widerrufen wird?

Gott sieht

Gott sieht – daran glaubt Abraham. Auf die kindlich naive Frage des Jungen, wo denn das Opferlamm ist, antwortet ihm sein Vater: »Gott wird es sich ausersehen« (vgl. Gen 22,8)! Ja, was sieht denn dieser Gott – wenn er nicht den Schmerz des Abraham sieht und die Angst des Isaak? Was sieht er denn, wenn er nicht die unsäglichen Schmerzen und die Erniedrigung seines Christus sieht? Gott sieht anders als wir. Er sieht weiter als wir! Was wir noch nicht sehen, das sieht er schon. Wir sehen nur, so weit unsere Augen reichen und unsere Herzen verstehen. Wie weit und wie tief Gott sieht, das wissen wir nicht.

Morija

Dieser Gott bezeichnet dem Abraham die Stelle, wo er seinen Sohn opfern soll – Morija heißt das Land. Dort soll es ein noch zu bezeichnender Berg sein, an dem das schwerste aller Opfer gebracht werden soll. Morija heißt – Gott sieht! Dieser Ort Morija – Gott sieht! ist der Ort, an dem Salomo später den Jerusalemer Tempel bauen wird. Der Ort, an dem die Herrlichkeit Gottes wohnt. Der Psalmist preist diesen Ort in höchsten Tönen: »Herr, ich liebe den Ort, wo dein Tempel steht, die Stätte, wo deine Herrlichkeit wohnt« (Ps 26,8). Aber davon kann Abraham noch nichts wissen! Das war Jahrhunderte später und ist dennoch dieselbe Geschichte!
Was sieht Gott am Ort Morija, der nach seinem Sehen benannt ist? Er sieht den Gehorsam, die Hingabe Abrahams. Er sieht den Gehorsam, die Hingabe seines Volkes Israel, das an diesem Ort seine Opfer darbringt. Er sieht die Menge der Brandopfer und Ganzopfer und die große Zahl seiner Gottesdienste. Er sieht aber auch die Vorbehalte Israels. Er sieht, wie Israel bereitwillig und immer vorschriftsmäßige Opfer darbringt, sich selbst ihm jedoch vorenthält. Er sieht, wie Israel meint, seinen Gott abspeisen zu können mit geschlachteten Tieren. Israel muss an diesem Ort des Sehens Gottes lernen, was David in seinem Bußlied singt: »Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie dir geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen. Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen« (Ps 51,18f).

Ich will dich

Wir glauben nicht an einen Gott, der irgendetwas von uns braucht, um sich groß zu machen oder seine Macht zu beweisen. Wir glauben nicht an einen Gott, der uns etwas vom Leben wegnehmen will. Wir glauben nicht an einen Gott, der von uns etwas fordert, das er gerne für sich beanspruchen möchte. Wir glauben an einen Gott, der uns will, uns selbst, unsere Existenz, unser Leben, alles, was wir sind und haben. Wir glauben an einen Gott, der sagt, ich will dich – ich will dich so wie ein Liebender: Ich will gar nichts von dir, ich will dich!
Ich will dich! – das ist seine Probe. Die Probe, die Abraham bestehen muss, ist furchtbar. Sie ist der dramatische Ernstfall des Glaubens. Man kann Gott nur darum bitten, uns allen solche Proben nicht aufzuerlegen. »Führe uns nicht in Versuchung«, lehrt Jesus uns beten. Jesus kennt ja die Feuerprobe, in die Gott ihn stellt und jeden Menschen stellen kann.
Gott hat weiter gesehen als Abraham, der mit seinem Sohn Isaak den schweren Weg nach Morija gehen muss. Er hat weiter gesehen als Jesus, der an seinem schrecklichen Ende nach ihm, seinem Vater, schreit. Gott sieht den Glauben Abrahams und die sich erfüllende Verheißung, wo wir nur das Grauen sehen! Gott sieht den hellen Ostermorgen, wo wir nur die Nacht des Todes sehen.
Wir lesen diese schauerlich wahre Geschichte in der Osternacht, nicht weil sie vergangen ist, sondern weil sie immer noch stattfindet. Wir lesen diese Geschichte in der Osternacht auch deshalb, weil Gott selbst das tut, was er von Abraham fordert. Er hält von sich nichts zurück, er gibt alles von sich, sogar sein eigenes Leben im Sohn. Der Gott, der alles von sich gibt, der darf auch alles von uns verlangen! Nicht zu seiner Befriedigung, sondern zu unserem Heil.
Gott sieht! Und wir können es auch sehen, wenn wir nur den Glauben dazu aufbringen: Wo wir Menschen in der Lage sind, alles zu geben, uns selbst nicht vorzuenthalten, da schenkt sich uns Gott und uns selbst zurück – vollkommen, neu, österlich, auferstanden!

Fürbitten
Herr Jesus Christus, in dieser Nacht deiner Auferstehung beten wir für unsere Schwestern und Brüder, die sehnsüchtig auf das Licht des Ostermorgens warten:

– Für die Flüchtlinge aus Afrika, die alles daran setzen, um nach Europa zu kommen und doch wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden.
(Christus, höre uns. – Christus, erhöre uns.)
– Für die Menschen in den Palästinensergebieten, die weder eine politische Perspektive für ihr Land sehen noch eine aussichtsreiche persönliche Zukunft.
– Für die Menschen, denen schweres Unrecht angetan wurde; für die Frauen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden; für die schwierigen Jugendlichen, um die keiner sich kümmert.
– Für die Menschen, die hadern, weil sie ihre Lebenspläne nicht verwirklichen konnten oder weil sie von einem schweren Schicksalsschlag getroffen wurden.
– Für die Gläubigen, deren Glaube auf eine harte Probe gestellt ist; für die Menschen, die am Bild des gütigen Vaters verzweifeln; für die Kranken, die ihrem Leiden keinen Sinn zu geben vermögen.

Auferstandener Herr, nimm die Menschen mit aus der Nacht des Todes in den Morgen deines neuen Lebens – jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Anton Seeberger

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