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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 3
26. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr C
Einführung
Christen leben nicht einfach in den Tag hinein. Christen bedenken das Ziel und den Ausgang ihres Lebens.
Die Mahnungen, die Beleuchtung vor Gott angemessener und falscher Lebenshaltungen, die uns heute in den Lesungen begegnen, die drängenden Worte Jesu, die aufgezeigten Konsequenzen unseres Lebens fordern uns heraus.
Versuchen wir dennoch, nicht auszuweichen. Hören wir hin. Lassen wir uns ansprechen, herausrufen, ermutigen: Es geht um unser Leben!

Kyrie-Ruf
Herr Jesus Christus, du bist in die Armut unserer Welt gekommen.
Herr, erbarme dich.
Du rufst uns heraus aus Selbstgenügsamkeit und Selbstbefangenheit zur Liebe.
Christus, erbarme dich.
Du öffnest uns die Tür des Lebens.
Herr, erbarme dich.
oder:
GL 644,1.2.4 »Sonne der Gerechtigkeit«

Tagesgebet
Gott,
du offenbarst deine Größe und Macht vor allem in Mitleid und Erbarmen.
Gieße deine Gnade unaufhörlich über uns aus. Und lass uns so deine Verheißungen erreichen und Teilhaber sein an deiner himmlischen Herrlichkeit.
(vgl. Lat. Oration des 26. Sonntags)
Liedvorschläge
Gesang zur Eröffnung
GL 270 »Kommt herbei, singt dem Herrn«
Antwortgesang mit Halleluja-Ruf
GL 759/1 »Lobe den Herrn, meine Seele« mit 759/2,5–10 (Psalm 146) und
GL 530/4 »Halleluja«
Gesang zur Gabenbereitung
GL 618 »Brich dem Hungrigen dein Brot«
Gesang zur Kommunion
GL 537 »Beim letzten Abendmahle«
Dankhymnus / Schlusslied
GL 261 »Den Herren will ich loben«

Fürbitten
Gott, du willst unser Leben. Zu dir rufen wir und bitten:

– Für die Kirche, die den Auftrag hat, die Not der Armen zu sehen und sich für sie einzusetzen in Wort und Tat. Herr, unser Gott:
(Wir bitten dich, erhöre uns.)
– Für die Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die besondere Verantwortung tragen für Gerechtigkeit und Frieden. Herr unser Gott:
– Für die Armen, die Benachteiligten und Vergessenen in unserer Gesellschaft, für alle, die hungern oder kein Zuhause haben, für alle Notleidenden vor den Türen unserer Häuser und Wohnungen. Herr, unser Gott:
– Für alle, die satt und sorglos, selbstsicher und nur auf sich konzentriert leben. Herr, unser Gott:
– Für unsere Verstorbenen, die auf dein Erbarmen hoffen, auf das Leben am Tisch deiner Herrlichkeit. Herr, unser Gott:

Du, Herr, bist unser Leben. Auf dich hoffen wir. Dich wollen wir loben und preisen, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Ein hartes Gleichnis und unsere Ausweichmanöver

Vorüberlegungen
Zum Text: Lk 16,19–31 (Evangelium)

Mit dem Evangelium des heutigen Sonntags erreicht die Kritik Jesu am Verhalten der reichen, vermeintlich fromm gesetzeseifrigen und -treuen Gegner ihren Höhepunkt: »In scharfem Kontrast zu den knappen Angaben über das luxuriöse Leben des Reichen … steht die ausführliche Beschreibung der Not des vor seiner Tür liegenden Armen, der sich selbst bzw. den umherstreunenden Hunden überlassen ist.«1 Die folgenden Dialoge warnen die (wie auch immer) »Reichen«, taub zu werden für die Botschaft dessen, der von den Toten auferstanden ist, blind zu werden für die Not derer, denen er gleich geworden ist. Reichtum birgt die große Gefahr, taub und blind zu werden für die Armen »vor der Tür«. Taub und blind führt der Reichtum letztlich in die Isolation, weil er das Herz verschließt für die Botschaft der Auferstehung, die Botschaft von der erlösenden Liebe Gottes. Allein sie freilich rettet Arme und Reiche.
Der Evangelist hofft, dass die Hörer, die noch Lebenden, seiner Beispielerzählung vom Reichen und vom armen Lazarus, der drängenden Einladung Jesu folgen und sich für das aufmerksame Hören und Sehen entscheiden: Gnade Gottes und menschliche Verantwortung stehen in ebenso enger Beziehung, wie sie die Parabel für die Relation zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten oder der doch endgültig in der Herrlichkeit Gottes Lebenden vor Augen stellt.

Predigt

Eigentlich könnten wir uns heute weitere Worte sparen – dieses Gleichnis Jesu ist doch drastisch genug! Ganz raffiniert hat er uns in seine Geschichte verwickelt. Und ehe wir uns versahen, hatten wir uns mit dem armen Lazarus solidarisiert und können scharf urteilen: Weil der Reiche nichts abgab, muss er jetzt schmoren. Wer nicht hören will, muss fühlen! Wehe ihr Reichen! Ihr werdet schon sehen, was euch blüht.
Drei, vier Sätze, und schon sind wir wieder draußen aus dieser Geschichte. So drastisch sie auch erzählt, sie erschüttert uns vermutlich so wenig nachdrücklich, wie offensichtlich die Hörer damals von den Worten Mose und der Propheten bewegt wurden. Was ist es, das uns selbst die schrecklichen Höllenqualen, die Stoff unserer Albträume sein könnten, so schnell vergessen lässt?
Mir sind drei Schliche aufgefallen, drei Auswege, die mich aus Jesu Gleichnis ausbüchsen lassen. Und weil ich vermute, dass sie für uns alle verführerisch sind und um die Chance dieses Evangeliums bringen können, möchte ich sie ein wenig beleuchten.

Das erste Schlupfloch,

das unser Hang zum Ausweichen wohl entdeckt, ist die Beschreibung des Reichen: In Purpur und feines Leinen kleidet er sich, lebt Tag für Tag herrlich und in Freuden (vgl. Lk 16,19). Nein, so reich bin ich nicht. Bei mir gibt’s weder Purpur noch tagtäglich Herrlichkeit und Freude. Da muss von einem anderen die Rede sein. Und schon bin ich draußen. Aber so einfach möchte ich mich und Sie heute – zumal am Caritassonntag – nicht entkommen lassen.
Jesus stellt in seinem Gleichnis einen Vergleich an: Ein paar Meter neben diesem armen Lazarus sitzt einer in seinem Haus hinter verschlossener Tür und hört und sieht nichts, weil er sich selbst genügt: Wie anders sollte man ihn nennen im Vergleich zu Lazarus als eben reich? Und wie anders sollte man im Vergleich zu uns manchen Menschen nennen, der in unserer Nähe nicht genügend zum Leben hat, an Auskommen, an Mut, an Zuneigung, wie anders sollte man ihn nennen uns gegenüber als eben arm?
Also vielleicht doch ich auch ohne Purpur ein Reicher? Worauf Jesus mich aufmerksam macht, ist nicht zuerst mein Bankkonto: Es ist meine Selbstgenügsamkeit, die mich taub und blind macht für den, der mich – vielleicht nicht einmal nur finanziell – braucht. Die Hunde haben kein Geld, tun aber, was sie können, rechnen Lazarus, den armen »Hund«, wohl schon zu ihresgleichen, obwohl er doch zu uns gehört, ein Mensch, der nicht allein leben kann, wie du und ich. Doch das alles merkt der Reiche nicht. Er erlebt die Konsequenzen ja erst nach dem Tod.
Und genau hier tut sich klammheimlich mein zweiter Fluchtweg auf:
Die Folgen meiner Selbstgenügsamkeit rücken in weite, jenseitige Ferne – alles Zukunftsmusik! Und von Weitem, von außerhalb dieser Welt, berühren mich selbst Höllenqualen kaum mehr.
Dann ist da noch die alte pharisäische Versuchung, dass es am Ende doch auch dem armen Lazarus gut geht. Jenseits darf er, von Engeln getragen, in Abrahams Schoß wohnen, wird für alles getröstet, jenseits. Eine heimtückische Vertröstung ist das, die den »Larzarussen« wenig hilft, die vergleichsweise Reichen aber über die gewusste Not hinwegtröstet und mit dem Anblick der Geschwüre anderer ruhig leben lässt.

Auch diese heimliche Ausflucht möchte ich mir und Ihnen heute erschweren: Das Gleichnis Jesu will keine Wirklichkeit nach dem Tod beschreiben, will nicht Himmel und Hölle ausmalen. Es kritisiert sogar die pharisäische Vergeltungslehre, wonach Reichtum ein Zeichen des Wohlgefallens Gottes ist, Armut und Krankheit aber Strafe für die Sünde. Diese Messgewohnheiten durchbricht Jesus ebenso wie die Vertröstungstendenzen. Er meint unser Hier und Jetzt.
Jetzt haben wir die Möglichkeit, die Tür zu öffnen. Hier können wir auf den Armen zugehen, von dem uns nur wenige Schritte trennen. Jetzt und hier kann ich Mensch mich dem anderen Menschen zuwenden, menschlich, menschenfreundlich.
Niemand von uns hat seinen Anfang aus eigener Hand. Und jeder und jede von uns kommt an den Punkt, an dem uns alles aus der Hand genommen ist. Ich öffne die Tür ins Leben nicht selbst, ich kann sie nicht offen halten und gestorben und begraben kann ich sie nicht mehr öffnen. Jeder und jede von uns ist ein armer Lazarus, der vom reichen Gott Leben braucht und erwartet. Von ihm erhoffen wir, dass er den für uns unüberwindlichen Abgrund überschreitet und uns an seiner Lebensfülle teilhaben lässt. Von ihm erhoffen wir, dass er die Verheißung wahr macht, die in diesem Namen »Lazarus« steckt: Gott hilft. Aus der Androhung von Strafe und Höllenqualen entspringt keine Liebe. Aber wenn wir aus dieser Hoffnung leben, dass der reiche Gott sich uns Armen zuwendet und Leben schenkt, können wir uns dann noch den gegenüber uns Armen verschließen? Kommt uns nicht aus dem verheißenen Erbarmen Gottes Freude und Liebe, Kraft und Mut zur Barmherzigkeit? Zur gottvollen Menschlichkeit?

Vielleicht wird dies durch ein drittes Ausweichmanöver …

unsererseits verhindert: Wir suchen Sicherheit. Wir wollen es mit Brief und Siegel zugesichert, das Erbarmen Gottes, sein Geschenk des Lebens. Es müsste einer von den Toten kommen, der bezeugt, dass sich die Mühe lohnt. Dann, ja dann setzten wir wohl alles daran. Aber so, wo doch unter uns oft genug der Selbstlose als der Betrogene erscheint?
Diese Möglichkeit, uns herauszunehmen, bleibt uns. Auch nachdem einer, Jesus Christus, von den Toten auferweckt wurde. Den schlagenden Beweis, dass sich Glaube und Mitmenschlichkeit lohnen, gibt es nicht. Menschen werden immer vernünftige Gründe und Vorwände finden, warum gerade ich heute nicht. Aber wir haben auch diese lockende Möglichkeit des Weges Jesu, des Weges, der zum Leben führte. Des Weges der Liebe und der Hingabe. Des Weges des Teilens nicht nur der Brosamen.
Wenn wir diesem Evangelium nicht ausweichen, wenn wir den Lazarus vor unserer Tür wahrnehmen, den gegenüber mir Armen, der mich braucht, wenn wir die Schwelle zu ihm überschreiten, dann gehen wir den Weg Jesu und er wird uns begegnen und sein Leben wird Gewissheit und seine Wahrheit bewährt sich. Sich öffnen für den anderen ist ein Wagnis auch gegen unsere Angst, den Kürzeren zu ziehen, doch es ist getragen von dem Gott, der sich für uns geöffnet hat.

In diesem Gottesdienst bricht er uns das Brot. Er öffnet die Tür und gibt uns von seinem Tisch aus reinem Erbarmen. Nein, nicht nur Brosamen: Der reiche Gott beschenkt uns mit dem Brot des Lebens, damit wir schenken. Der reiche Gott gibt sich, damit wir uns geben. Der reiche Gott ist mit uns, damit wir mit den Menschen sind. Nicht erst am Ende beginnt unsere Lazarus-Geschichte, unsere »Gott-hilft«-Geschichte: Er möchte uns jetzt und hier anstecken zu sehen, zu teilen und zu lieben, Leben zu finden, das nicht wirklich erfüllt sein kann – wohl nicht einmal in der Wirklichkeit Gottes –, solange ein Armer vor unserer Tür liegt.

Clemens Stroppel

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