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Leseprobe 2
22. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr C
Schrecklicher oder harmloser Gott

Predigt
Zum Text: Hebr 18–24a (2. Lesung)

»Seit Gott seine Schrecken verloren hat, brauchen ihn die Menschen nicht mehr« – mit dieser aufreizenden These hat sich der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk zu Wort gemeldet.1 So erklärt er sich den schwindenden Einfluss des Ein-Gott-Glaubens, zumal des Christentums in der Gesellschaft. »Unser Problem mit Gott ist, dass er uns nicht mehr imponiert. Denn das Schreckliche«, so Sloterdijk, »ist des Herrlichen Anfang«.
Mit einem Gott, der eine »Drohkompetenz« hat, muss man sich gut stellen. Nicht erst mit der Aufklärung, eigentlich schon durch Jesus selbst habe der Niedergang Gottes begonnen: als der schreckliche durch den liebenden überformt, ja verharmlost worden sei. »Seit er ganz zum Beruhigungsmittel wurde, ist Gott tot.«

Gott fürchten?

Es gibt auch in der Kirche nicht wenige Stimmen, die die mangelnde Ehrfurcht vor Gott beklagen und darauf zurückführen, dass man in der Verkündigung Hölle, Strafe, Gericht totschweige. Man muss – sagen sie – wieder klare Grenzen ziehen, Forderungen stellen, die richtende Autorität Gottes einschärfen. Ehrfurcht komme schließlich aus der Furcht vor Gott.
Wir haben die Worte der Lesung noch im Ohr: »Ihr seid nicht zu einem lodernden Feuer hingetreten, zu dunklen Wolken, Finsternis und Sturm, … zum (drohenden) Schall der Worte, bei dem die Hörer flehten, diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden; – Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, … zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind«, so der Hebräerbrief (Hebr 12,18.22), der sich an die verängstigten Christen der ersten Verfolgungszeit richtet. Mit anderen Worten: Gottes Bund mit euch ist doch nicht auf Furcht und Schrecken gegründet wie damals, als das Volk am Berg Sinai in Donner und Beben, zitternd vor Schaudern die Weisung Gottes erfahren hat! Ihr seid durch Christus zur Gemeinschaft der Erlösten hinzugetreten. Ihr braucht vor Gott nicht zu zittern, ihr seid gewürdigt, am Fest der Vollendung teilzuhaben.
Ist damit Gott verharmlost? Was bedeutet er uns dann noch, wenn man ihn nicht fürchten muss?

Verherrlichung des Schreckens?

In der Politik und in der Geschichte gerade unseres Landes hat die Sehnsucht nach dem starken Mann, dem alles zu Füßen liegt, der andere das Fürchten lehrt, eine lange Tradition. Und obwohl diese Verherrlichung des Schreckens in die größte Katastrophe und tiefste Erniedrigung des Menschen geführt hat, findet sie immer wieder Sympathie, zumal in der rechten Szene. Ist der Mensch wirklich nur durch die Faszination und die Drohung der Macht zu beeindrucken – nur durch einen Gott, der Forderungen stellt und vor dem man zittert?

Die andere Faszination des Evangeliums

Jesus hat nicht einen harmlosen Gott verkündet. Wo Jesus im Evangelium Menschen begegnet, heißt es oft: »Sie gerieten außer sich und waren voll Erstaunen.« Nicht, weil er Schrecken vor der Unnahbarkeit Gottes verbreitete, sondern, weil Jesus »mit Vollmacht« redete, »nicht wie die Schriftgelehrten« (»Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete …« (Lk 24,32)), weil er Menschen, die schon lebendig tot waren, wieder zum Leben brachte, weil er Vergebung zusagte, wo alle ein klares Urteil erwartet hatten. Ja, der gekreuzigte Jesus, von dem wahrhaftig keine Drohung ausgeht, bewegt den heidnischen Hauptmann so, dass Matthäus schreibt: Er »erschrak und sagte: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!« (Mt 27,54).

Gott, der richtet, indem er aufrichtet

Mehr als äußere Macht und Drohung fasziniert und bewegt uns in der Tiefe unseres Herzens eben doch die Überraschung der Liebe!
Der Gott, den uns das Evangelium verkündet, ist kein harmloser Gott – es ist der Gott, der nicht demütigt, sondern würdigt, der nicht droht, aber herausfordert, der nicht verurteilt, wohl aber zur Verantwortung ruft und richtet, indem er aufrichtet. Wer in der Kirche das Wort von der Hölle, der Strafe, dem Gericht vermisst, wird vielleicht plötzlich leise, wenn zum Beispiel die eigene Tochter mit einem ledigen Kind ankommt oder wenn er selbst am lautstark vertretenen Ideal scheitert.
Einen Gott, der mit Vernichtung droht, wird niemand vermissen. Einen Gott, der im Angesicht des Todes zum Leben ruft, allerdings schon.

Fürbitten
Unfassbarer und doch so naher Gott und Vater, im Vertrauen auf das Wort Jesu, dass niemand umsonst zu dir ruft, bitten wir im Blick auf die Not und die Fragen unserer Zeit:

– In Politik und Gesellschaft: um Kraft zu echter Reform und Mut zu Gerechtigkeit. Herr, erhöre uns.
(Erhöre uns, o Herr.)
– In der Christenheit, in den Kirchen der Ökumene: um den ehrlichen Willen zur Einheit und die Weite deines Geistes. Herr, erhöre uns.
– Wo Menschen ins Dunkel der Depression gefallen sind: um Licht und Ermutigung, nicht aufzugeben. Herr, erhöre uns.
– Wo Verblendete und Fanatiker dein Wort missbrauchen: um Einsicht und Bekehrung des Herzens. Herr, erhöre uns.
– in den Anliegen und Nöten, die jede und jeder von uns mitgebracht hat. Herr, erhöre uns.

So bitten wir durch Christus. Er ist unser Anwalt und Mittler bei dir. Amen.

Thomas Keller

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