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»Dienst am Wort«
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Leseprobe 1
20. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr C
Gottes verborgene Gegenwart

Predigt
Zum Text: Hebr 12,1–4 (2. Lesung)

Vom preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. wird die Anekdote berichtet, er habe bei einer Truppenparade seine Soldaten gefragt: »Fürchtet ihr mich oder liebt ihr mich?« – Auf die untertänige Antwort: »Wir fürchten eure Majestät!« habe er auf die langen Kerls mit einer Peitsche eingedroschen und geschrieen: »Lieben sollt ihr mich!«
Wir mögen schmunzeln, wenn wir uns diese Szene vorstellen, weil es abstrus erscheint, auf diese Art und Weise Liebe herbeiführen zu wollen. Aber die Anekdote macht auch nachdenklich: Was ist es, das uns zur Hingabe befähigt? Furcht, Liebe – oder was sonst?
Der Hebräerbrief skizziert kurz, aus welcher Kraft Jesus zur Hingabe befähigt war: die Freude vor sich, hat er das Kreuz auf sich genommen. Doch der biblische Autor ist Realist und hat wohl auch Jesu Streitgespräch mit den Schriftgelehrten noch vor Augen, die den Menschen Lasten auferlegen, ohne selbst den Finger zu rühren.
Auch wenn die jetzige Glaubenssituation für die Briefadressaten durchaus vergleichbar ist mit einer Kreuzwegstation, wird aus dem Beispiel Jesu keine Forderung einer heroischen Tugend abgeleitet. Der Durchhalte-Appell, die Anstiftung zur Ausdauer im Kampf, findet eine überraschende Begründung. Sie lenkt den Blick auf die »Wolke von Zeugen«.
Wer sind sie? Wir können im vorausgegangenen Kapitel des Hebräerbriefes eine imposante Reihe von Beispielen des Glaubens und der Hingabe verfolgen, beeindruckende Biografien von Zeugen. Wir brauchen die Details des Bildes nicht überstrapazieren. Die Wolke steht in der biblischen Sprache für die Verborgenheit und zugleich für die Nähe Gottes. Doch entscheidend ist beim natürlichen Phänomen der Wolke, dass Elementarkräfte die Teilchen zusammenhalten. Es geht also nicht nur um einzelne beispielhafte Glaubensgestalten, sondern um das, was sie gemeinsam haben, was sie zusammenhält und verbindet. Die einzelnen Lebenssituationen sind nicht nachzuahmen, sondern die in ihnen erkennbar wirkenden Kräfte wie »Widerstand«, »Kampf«, »Ausdauer« ermutigen, diese Kräfte zu »konzentrieren« – gleichsam wie in einer Wolke. Denn realistisch ist die Wahrnehmung, dass der Einzelne in diesem »Widerstand«, in diesem Kampf, schnell an seine Grenzen kommt.
Eindrucksvoll kommt für mich dies zum Ausdruck in dem einmal von Hans Küng initiierten Projekt »Credo«. Tausende von Christen verschiedenen Alters und unterschiedlichster gesellschaftlicher Prägung formulierten ihr eigenes »Credo«. Eine Auswahl der so entstandenen Glaubensbekenntnisse wurden in zwei Bänden unter dem Titel »Mein Credo« veröffentlicht (hgg. von Peter Rosen und Harald Pawlowsky, Oberursel 1999 und 2000).

Vielleicht versuchen Sie auch einmal, ein kleines Glaubensbekenntnis zu formulieren. Wir werden, wenn wir sonst manchmal diese festgegossenen Worte, die wie ein erratischer Block wirken, nicht mehr mögen, bei diesen Versuchen ein wenig demütig und sind froh, auf vorausgegangene Versuche bauen zu können. Es lässt sich nämlich trotz der wahrhaft imposanten Vielfalt und Buntheit der Bekenntnisse etwas Merkwürdiges feststellen: Je persönlicher und individueller das Bekenntnis geprägt ist, desto mehr verlangt es nach der Ergänzung durch die anderen Credos.
Wer angesichts der Individualität der Bekenntnisse die Einheit vermisst und beklagt, kann also aufatmen: nicht Beliebigkeit ist das Kennzeichen des eigenen Lebenscredos, sondern das Bekenntnis zur notwendigen Ergänzung durch die anderen. Der biblische Autor bleibt nicht bei den einzelnen »Lieblingsgestalten« stehen, sondern sucht die »Wolke von Zeugen« auf: Ein Bekenntnis hängt sich beim anderen ein, so wie die physikalischen Kräfte die Tropfen zu einer Wolke zusammenballen.
Wir kennen die Situation im Einzelnen nicht, in die der Hebräerbrief hineinspricht und so leidenschaftlich motiviert zum kämpferischen Einsatz gegen die Sünde und gegen die Versuchung, zu erlahmen. Er hütet sich auch davor, eine heroische Einzelleistung des Glaubens zu bringen und so nur das gesellschaftliche Muster in den Glauben zu übertragen, ist doch nach Fulbert Steffensky der Mensch der westlichen Welt bedroht von der »Erschöpfung des Menschen in sich selbst«.

Die »Wolke von Zeugen« entlastet. Ich darf mich einreihen in eine Zeugengemeinschaft. In ihr hat jedes persönliche Zeugnis seinen unverzichtbaren Wert und kann und braucht dennoch nicht alles und allein verantworten. Ich erfahre dies entlastend im Taufgespräch. Auch bei einem guten und ausführlichen Gespräch – was weiß ich schon über den Glauben der Eltern und der Paten? Ich darf sie »hineinziehen« in die Wolke, ihnen zusagen, dass ihr Glaube ernst und angenommen ist in der Wolke – und auf ihr Zeugnis angewiesen ist.
Lasst uns in Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist! Es braucht Ausdauer, in den festen Formen des Glaubensbekenntnisses diese Elementarteilchen ursprünglich ganz persönlicher Lebenscredos wiederzuentdecken, ihre Zeugniskraft sichtbar, greifbar zu machen. Die unverzichtbare Kostbarkeit des Apostolicums besteht darin, dass es die inhaltlich unvollständigen, aber glaubenswürdigen Lebenscredos braucht, um mit neuem Sauerstoff versorgt zu werden, und die Möglichkeit bietet, dass sich der Einzelne mit seinem Credo einhängt in die größere Wolke. Die schwache Seite unseres Credos wird aufgefangen in der Gemeinschaft des Glaubens.

In diese Gemeinschaft hat sich selbst Jesus »gestellt« – bei seiner Taufe, auf dem Berg der Verklärung. Er hat sich unseren Bedingungen des Glaubens unterworfen, im Leiden den Gehorsam gelernt, ja ist selbst ein den Glauben Lernender geworden. Sein Zeugnis beglaubigt die große Reihe der Zeugen im Alten Bund. Er hat sich zur Rechten Gottes gesetzt – unser Blick sieht freilich wie das Volk am Fuße des Sinai, als Mose in der Wolke verschwand, »nur« die Wolke der Zeugen. In ihr, mit all den Zeugen der Geschichte, mit uns und für uns eintretend, der Anführer und Vollender: eine große, tröstliche, ermutigende Botschaft.

Fürbitten
Im Blick auf Jesus Christus, den Anführer und Vollender des Glaubens, bringen wir unsere Bitten vor Gott:

– Für alle, die auf der Suche sind nach einem neuen Zugang zum Glauben.
(Herr, bleibe bei uns.)
– Für alle, die in ihrer Suche nach Gemeinschaft im Glauben enttäuscht wurden oder sich alleingelassen fühlen.
– Für alle, die in den Gemeinden Verantwortung tragen in den verschiedensten Diensten, dass sie Offenheit und Anknüpfung ermöglichen in verschiednen Lebenssituationen.
– Für alle, deren Glaubens- und Lebenszeugnis uns angeleitet und ermutigt hat.

Im Blick auf die vor ihm liegende Freude hat Jesus, unser Bruder und Herr, die Herausforderung des Kreuzes angenommen. Lass uns im Blick auf ihn Vertrauen und Kraft finden, bis sich unser Weg vollendet, den er vorausgegangen ist. Amen.

Robert Widmann

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